Der Stalker im Wald

Einen Stalker zu treffen, wenn man allein im Wald unterwegs ist, wird in den meisten Ländern der Welt sicher ein unheimliches, unangenehmes oder gar gefährliches Unterfangen sein. Das gilt natürlich nicht für die schottischen Highlands. Ist doch klar! Hier ist es mal wieder ein Abenteuer.

Ich bin unterwegs in einer Gegend, in der ich sonst eher selten wandere und will einen Rundweg testen, den ich in einem Buch gesehen habe. Er soll tolle Blicke auf die Insel Skye und die Applecross Halbinsel bieten. Ich stelle also das Auto an der vorgesehenen Stelle ab und mache mich auf den Pfad, der bald sehr steil bergauf führt. Der Pfad ist sumpfig, manchmal ist er ein Bach und wenn er weder schlammig ist noch überflutet ist, dann führt er über rohen Fels.

Der Wald steht dunkel, dicht und unheimlich. Obwohl es ein recht schöner Morgen ist, fühlt sich alles klamm und düster an. Okay, könnte zum Teil auch an meiner Sonnenbrille liegen, aber sonnig und launig ist es auch ohne nicht. Es wird auch nicht besser im Laufe der weiteren Kilometer. Die fantastischen Blicke auf die Insel Skye und die Applecross Halbinsel gibt es, aber nur, wenn man einer der Tannen erklimmt oder zehn Meter hoch springen kann. Ich verzichte und bleibe blicklos. Schade eigentlich!

An der ersten Gabelung weist ein Schild den Weg, doch schon an der nächsten ist keine Beschilderung mehr vorhanden. Links oder geradeaus? Ich wähle geradeaus und kämpfe mich einen weiteren steilen Weg den Berg hinauf. Doch dieser ist zur Abwechslung breit und trocken. Es tut gut, nicht jeden Schritt genau setzen zu müssen, sondern einfach mal laufen zu können. Nach rund zwei Kilometern aber hört der Weg einfach auf. Um mich herum nur die dichte Tannen einer Plantage. Das war wohl nicht der richtige Weg. Mist!

Auf dem Weg nach unten sehe ich zum ersten Mal den Ausblick und ein riesiges chinesisches Frachtschiff im Meer. Was das wohl hier zu suchen hat? Ich beschließe unten an der Kreuzung den anderen Pfad zu nehmen, was sich kurz darauf als ebenso falsch herausstellt, denn der endet oberhalb einiger Klippen. Wie ich später erfahre, muss der Pfad, den ich gesucht habe, irgendwo dazwischen abgehen. Ich bin zweimal daran vorbei gelaufen, ohne ihn zu sehen.

Ich weiß, Sonnenbrille im Wald!

Gerade als ich umdrehen und wieder zurückgehen will, beginnt das Abenteuer.

Ein großes weißes Auto kommt in einer Lichtung auf mich zu. Man nennt sie hier teuchter wagon (sprich: Tuchter Wäggen), teuchter ist Scots und bezeichnet die Menschen in den Highlands, meist die gälisch sprechenden Highlander und impliziert Farm, Vieh und natürlich schlammiges Offroad-Terrain. Der Man steigt aus, sieht mich kurz an und sagt:

„Du bleibst jetzt besser hier stehen!“ Er zeigt auf einen Platz am linken Kotflügel. „Sonst wirst du gleich umgerannt.“

Ich frage wovon, doch da hat er sich schon rufend mit einem Sack in der Hand um die nächste Kurve verabschiedet, während er den Inhalt des Sacks am Weg entlang streut.

Ich stünde allein am Auto, wäre da nicht der kleine, schwarze Jagdterrier, der mich freudig begrüßt und sich dann zwischen meine Beine stellt und wie ich gespannt nach vorne blickt.

Was droht mich denn umzurennen? Hat der Hund auch Angst? Dann sehe ich sie. Eine Herde Rotwild, Rehe und Hirsche, kommt auf mich zugerast, mindestens dreißig Tiere, wunderschön, aber auch verdammt groß. Ich halte tapfer die Stellung, obwohl sie mit tempo bis auf eine Wagenlänge auf mich zukommen. Nicht zuletzt, weil der kleine Hund die für ihn riesigen Tiere völlig ignoriert. Er wollte sich also mit mir anfreunden und sich nicht verstecken. Na, wenn der sich nicht fürchtet, kann ich das wohl auch nicht! Cool überblicke ich die Herde. Wie gut, dass ich die Sonnenbrille an habe!

Dann kommt der Mann wieder zurück. Er ist ganz in Jägergrün gekleidet und wie sich schnell herausstellt, ist er der Stalker hier in dem Wald. Stalker sind so eine Mischung aus Jäger und Wildhüter, ihre Hauptaufgabe besteht darin, Touristen zur Jagd zu führen. Dazu sind sie bei einem Großgrundbesitzer angestellt, der wiederum die Jagden für viel Geld anbietet. Toller Job, denke ich mir.

Der Terrier heißt Beagha (sprich: Brieh-ja), das ist Gälisch und bedeutet hübsch oder schön. Der Stalker und ich kommen ins plaudern.

Was ich so mache, fragt er.

„Ich bin Autorin.“

„Ah, toll“, sagt er. „Ich lese keine Bücher von Frauen. Außer Sachbücher. Aber keine Romane. Was für Bücher schreibst du?“

Wahrscheinlich ist Jagen Männersport, denke ich und frage mich, ob er mich nur aufzieht, oder es ernst meint. Bei den Schotten weiß man nie.

Ich habe ein Exemplar meines ersten Krimis im Rucksack, um ein paar Fotos zu machen für Social Media.

„Hier, das ist mein erster Krimi“, sage ich und lege ihn auf die Kühlerhaube.

„Tolles Foto. Ist das hier?“

„Skiary.“

„Was, unten in Loch Hourn?“

„Ja, genau. Du bist der Erste, der sofort weiß wovon ich rede, wenn ich Skiary sage.“

Und jetzt beginnt er zu erzählen. Wie es früher an die dreihundert Häuser am Südufer von Loch Hourn gab, als die Heringsfischerei boomte. Damals gab es sogar ein Pub in Skiary und in Barrisdale einen Gutsherren, der gerne seine Bauern folterte. Und von alten Gräbern erzählt er auf einer Insel im Meer. Ich könnte ihm stundenlang zuhören.

Plätzlich stupst mich was von hinten an die Schulter. Ein Hirsch. Statt des Geweihs hat er nur zwei kleine dunkle Knubbel auf dem Kopf. Die sehen sehr weich aus.

„Darf ich ihn anfassen?“

„Klar, sagt er. Nicht schnell, arbeite dich mit der Hand langsam nach oben.“

Hat er einen Namen?“ Vielleicht beruhigt ihn das, denke ich.

„Nein“, sagt der Stalker.

„Weil du ihn irgendwann mal isst?“ frage ich. Schließlich isst man nichts, was einen Namen hat.

„Nein. Wen er einen Namen bekommt, stirbt er“, sagte der Stalker und lässt mich etwas ratlos zurück. Ich vergesse aber völlig, nachzuhaken, weil ich inzwischen die Hörner anfasse, und die fühlen sich so ganz anders an, als ich gedacht habe. Richtiggehend heiß. Jetzt darf ich ihn auch ein wenig kraulen. Das Fell ist borstig und staubig, aber er riecht nicht.

Ein Stalker, eine Autorin und ein Hirsch

Der Stalker erzählt von deutschen Jägern und der Schönheit der bayerischen Gewehre, von Schwarzwälder Schinken und Touren für Touristen. Das muss ein richtiges Erlebnis sein, mit ihm in die Berge zu gehen.

Wir haben mindestens eine Stunde gequatscht und langsam verabschiede ich mich. Am Abend überlege ich mir, ob ich ein kurzes Video mit ihm auf Social Media posten soll. Ich schreibe ihm eine DM auf Insta und bekomme bald darauf Antwort:

Hallo Nellie, wie ich sehe hast du einige Bücher geschrieben, nicht nur den Krimi. Selbstverständlich kannst du das Video posten, wenn du magst. Ich habe es wirklich genossen, mit dir zu sprechen, auch wenn du eine Frau bist, die Romane schreibt. Ich muss es unserer Bibliothekarin sagen.

Was den dritten Band der Highland Crime Serie angeht: Du könntest auch den Stalker ermorden! LOL

Hm, denke ich und erinnere mich an ein schottisches Sprichwort: What’s fur ye will no go by ye. Was geschehen soll, wird geschehen.

Den Stalker ermorden? I might just do that! LOL

Highland Crime Band 2: Im Dunkel von Skye

Ich habe ein Leben lang leidenschaftlich gerne Krimis gelesen und 2021 meinen ersten geschrieben: Schatten über Skiary, Band 1 der Highland Crime Serie um DI Robert Campbell und die deutschen Übersetzerin Isabel Hartmann. Der Krimi spielt in Glenelg und an einem der abgelegensten Orte Lochabers – Skiary.

In Band 2 finden die Ermittlungen auf der Isle of Skye statt.

DI Robert Campbell genießt seinen Motorrad-Urlaub an der schottischen Westküste. Übersetzerin Isabel, Issy, Hartmann ist auf der Insel Skye, um Gälisch zu lernen. Am Sabhal Mòr Ostaig College stößt sie unvermittelt auf einen ungeklärten Todesfall.

Starb die Studentin wirklich eines natürlichen Todes? Issy hat ihre Zweifel und stellt Nachforschungen an. Wer im Sprachkurs könnte ein Motiv gehabt haben? Und wie war es gelungen, die Tat zu verschleiern?

Weil Isabel Hartmann ihn um Hilfe bittet, nimmt sich DI Robert Hartmann inoffiziell des Falls an. Doch dann gibt es einen weiteren Toten, der offensichtlich mit den ursprünglichen Ermittlungen in Verbindung steht. Unvermittelt wird Isabel von der Hobbydetektivin zu einer Verdächtigen.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert

Im April 2023 mache ich meinen inzwischen fünften Gälischkurs am Sabhal Mòr Ostaig College auf der Isle of Skye. Es ist in vielerlei Hinsicht jedes Jahr aufs Neue ein Erlebnis. Zwei Jahre habe ich ausgesetzt, wegen der Pandemie und weil dann die Termine nicht gepasst hatten. Die cùrsaichean goirid, die Kurzkurse für schottisches Gälisch, finden in den Oster- und den Sommerferien statt, wenn die regulären Studenten und Dozenten Ferien machen. Dann kommt eine ganz besondere kleine Gemeinde zusammen, um in die gälische Kultur einzutauchen und die Sprache zu lernen.

Knoydart von Sleat Isle of Skye @nme

Ersteres ins der pure Spaß, Letzteres manchmal ziemlich anstrengend, weil diese keltische Sprache eine eher ungewöhnliche Grammatik hat. Mir scheint aber, dass wir Deutsche damit weniger zu kämpfen haben als die Engländer und Schotten im Kurs, die mit Englisch als Muttersprache aufgewachsen sind. Sie haben in der Regel wenig Grammatik in der Schule vermittelt bekommen und kämpfen deshalb nicht nur mit der neuen Sprache, sondern auch mit der Frage, was ein Dativ ist.

Die Kurzkurse reichen von Level 1 bis Level 10. Danach sollte man fähig sein, auf Gälisch zu kommunizieren. Sie dauern jeweils fünf Tage und beinhalte Unterrichtseinheiten von 9:30 – 16:30 Uhr. Mittwochs und freitags sind die Tage kürzer. Mitte der Woche findet traditionell ein Cèilidh statt, denn Gesang, Tanz und Musik sind ein wichtiger Bestandteil der gälischen Kultur und soll so auch in den Kursen vermittelt werden. Jede Klasse tritt an dem Abend auf, jede mit einem Lied. Die Gesangsklasse von Christine Primrose trägt natürlich mehrere vor, wenn die Akkordeon- oder Geigenklassen stattfinden, gibt es Musik. In diesem Jahr gab es auch Stepptanz.

Unser Lied war Gur Tu Mo Chruinneag Bhoidheach (sprich: Gür tu mo chrunjägg wohjöchgg). Ein sogenannter waulking song, also ein traditionelles Lied, das Frauen beim Walken des nassen Tweeds gesungen haben. Gälisch 5 war mit vier Männern und zwei Frauen am Start. Wir haben also den waulking song entgendert. Wie progressiv! Der Abend war wie immer ein echtes Erlebnis, das sicher viele nachvollziehen können, denn ich bin nicht die einzige Deutsche, die die Lieder von Runrig und Capercaillie liebt und so gerne verstehen möchte, von was oder wem da so schön gesungen wird. Bei unserem Song ging es ganz romantisch darum, was ein Mann alles zu tun bereit ist, um das Herz seiner Geliebten zu gewinnen, also Sterne vom Himmel holen, den Herzog überzeugen und solche Dinge.

Stolz und glücklich wie ich war, hab ich das natürlich auch auf Social Media verkündet. Die Welt muss schließlich wissen, dass diese Autorin einen schottischen Gälisch-Kurs belegt hat. Ich habe also ein kleines Video mit dem Handy gedreht. Am ersten Tag strahlte die Sonne über dem Sound of Sleat, alles war klar und blau und wunderschön. Die weißen Gebäude des College, das direkt am Meer liegt, dahinter die Bergketten von Knoydart – es ist atemberaubend schön. Donnie Munroe, ehemals Leadsänger von Runrig vertritt die Rektorin, die in Urlaub ist und hält im Kreise des Lehrpersonals die Willkommensrede. Das muss man einfach teilen.

Ich teile das Reel auf Facebook und Instagram und erhalte einige Kommentare. Offensichtlich haben es einige in Deutschland ebenfalls in Erwägung gezogen, einen derartigen Kurs zu machen. Ein Kommentar fällt mit besonders auf, weil mir dort jemand schreibt, dass sie auch schottisches Gälisch lernt, aber in Bonn bei Michael Klevenhaus. Der ist ein international anerkannter Experte der gälischen Sprache und hat zu meiner unendlichen Erleichterung eine gälisch-deutsche Grammatik verfasst. Ich schreibe der Userin zurück und bitte sie, sich in meinem Namen bei ihm zu bedanken für die Erstellung des so hilfreichen Lehrwerks.

Sleat Isle of Skye @nme

Als ich am nächsten Tag die Nachrichten und Kommentare auf meinen Social Media Accounts checke, falle ich aus allen Wolken. Michael Klevenhaus hat sich persönlich ins Gespräch eingemischt: Gern geschehen. Ich sitze bei der Eröffnungsrede in einem Video übrigens ganz links, schreibt er. Er unterrichtet ebenfalls einen Kurzkurs. In der ersten Kaffeepause finden wir zusammen. Außer uns beiden sind noch zwei weitere Deutsche in den Kursen unterwegs.

In meinem sind ein Österreicher, der schon seit Ewigkeiten auf der Insel lebt, ein Schotte von der Black Isle und ein betuchter Engländer aus Shropshire, der im Norden der Insel ein Cottage gekauft hat. Und dann ist da noch die Rentnerin aus Fife, die im Turm wohnt. Der Turm ist der wunderbare Wohntrakt mit atemberaubendem Blick aufs Meer. Hm, denke ich. Genau, was ich brauche. Ich frage, ob ich mir mal ihr Zimmer ansehen dürfte. Sie schaut mich etwas verwirrt an und ich hole zu einer etwas längeren Erklärung aus.

Sabhal Mòr Ostaig College Haiptgebäude ACC und Turm @nme

„Ich bin Autorin und schreibe unter anderem Krimis. Gerade schreibe ich Band zwei meiner Highland Crime Reihe und der spielt genau jetzt und heute hier am College auf Skye. Eine der Hauptfiguren ist die deutsche Übersetzerin Isabel Hartmann, die hier auf einen mysteriösen Todesfall stößt. Sie wohnt im Zimmer einer Kursteilnehmerin, die verstorben ist und Isabel Hartmann glaubt im Gegensatz zu den Behörden nicht, dass es sich damals um einen natürlichen Todesfall gehandelt hat. Wäre es möglich, dass ich mir dein Zimmer mal genau ansehe, damit ich es im Buch auch korrekt beschreiben kann? Ich wohne ja nicht auf dem Campus, sondern komme täglich von zuhause.“

Skye Bridge view @nme

Ich kann es in ihrem Gesicht sehen. Sie ist alles andere als erfreut über mein Ansinnen und ich verfolge es nicht weiter. Ich kann verstehen, dass man keine Fremde auf seinem Zimmer haben möchte. Das ist schließlich ein privater Bereich. Vielleicht hat sie auch nicht aufgeräumt. Für den Rest der Woche erwähne ich mein Anliegen nicht mehr. Ich kann mir auch über die Bilder auf der Homepage einen Eindruck von den Räumlichkeiten verschaffen. Das ist gut, wenn auch nicht perfekt. Ein persönlicher Eindruck ist immer besser.

Als wir uns freitags verabschieden, wagt sie sich vorsichtig aus der Deckung.

„Du wolltest doch mein Zimmer sehen, für deinen Krimi, oder?“

„Ja gerne. Toll!“

Erfreut folge ich ihr zum Turm und aufs Zimmer. Alles ist so spartanisch wie ich es mir über die Bilder erschlossen habe, aber die Möbel sind relativ neu und der Blick ist in der Tat einfach fantastisch. Ich würde den ganzen Tag nur aus Meer starren, wäre ich in einem der Zimmer im Turm untergebracht. Ich bedanke mich herzlich und wir gehen gemeinsam wieder aus dem Zimmer. Doch ein Mittagessen in der Kantine, bevor sich unsere Wege wieder trennen. Ich mache noch ein letztes Foto von der Zimmertür und stecke das Handy ein. Sie sieht mich nachdenklich an.

„Und du schreibst genau über dieses Zimmer?“ fragt sie.

Ich nicke.

„Ja. Meine Hauptfigur wird genau hier wohnen. Soll ich deine Zimmernummer im Buch verwenden?“ frage ich. „Das ist dann ein kleiner Insider, nur für dich.“

Sie sieht mich entsetzt an.

„Auf keinen Fall. Ich habe die ganze Woche schlecht geschlafen, weil in dem Bett ja wohl jemand umgekommen ist“, sagt sie, ungeachtet der Tatsache, dass es sich bei dem Todesfall um reine Fiktion handelt.

Ich lächle so leise wie weise.

The pen is mightier than the sword.

Die Feder ist mächtiger als das Schwert. Ganz besonders in der gälischen Kultur. 

Logo Nellie Merthe Erkenbach @nme

Coming soon: Highland Crime Band 2

Ich habe ein Leben lang leidenschaftlich gerne Krimis gelesen und 2021 meinen ersten geschrieben: Schatten über Skiary, Band 1 der Highland Crime Serie um DI Robert Campbell und die deutschen Übersetzerin Isabel Hartmann. Der Krimi spielt in Glenelg und an einem der abgelegensten Orte Lochabers – Skiary.

In Band 2 finden die Ermittlungen auf der Isle of Skye statt.

DI Robert Campbell genießt seinen Motorrad-Urlaub an der schottischen Westküste. Übersetzerin Isabel, Issy, Hartmann ist auf der Insel Skye, um Gälisch zu lernen. Am Sabhal Mòr Ostaig College stößt sie unvermittelt auf einen ungeklärten Todesfall.

Starb die Studentin wirklich eines natürlichen Todes? Issy hat ihre Zweifel und stellt Nachforschungen an. Wer im Sprachkurs könnte ein Motiv gehabt haben? Und wie war es gelungen, die Tat zu verschleiern?

Weil Isabel Hartmann ihn um Hilfe bittet, nimmt sich DI Robert Hartmann inoffiziell des Falls an. Doch dann gibt es einen weiteren Toten, der offensichtlich mit den ursprünglichen Ermittlungen in Verbindung steht. Unvermittelt wird Isabel von der Hobbydetektivin zu einer Verdächtigen.

Nellie Merthe Erkenbach

Im Schilder- statt im Pinienwald

Glen Affric – eine der letzten ursprünglichen Regionen Schottlands. Der Caledonian Pine Forest ist legendär und geschützt. Ein einsames Tal, in dem die Natur bewahrt wird, so, wie sie über Jahrtausende war. Das wahre, das alte Schottland. Und, so heißt es oft, das wohl schönste Tal des Landes.

Scots Pines Glen Affric

Ich bin unterwegs zu diesem legendären Waldschutzgebiet. Es ist noch nicht Frühling, aber ein Hoch beschenkt uns mit ein paar klaren, sonnigen Tagen, die Sorte Wetter, bei dem man auf gar keinen Fall im Haus oder in der Schreibhütte bleiben kann. Man muss raus und wohin, wenn nicht in die letzte Wildnis Schottlands: Glen Affric.

Glen Affric @nme

Bei Visitscotland klingt das so: Glen Affric ist eine magische Mischung aus einheimischen Wäldern, glitzernden Seen und geheimnisvollen Moorlandschaften. Zahllose Meilen alter Pinien, der größte alte kaledonische Pinienwald in Schottland. Beim Wandern zwischen uralten Bäumen begleitet das zwitschernde Rufen der Waldvögel. Fischadler, Otter oder Prachttaucher warten darauf, beobachtet zu werden. Der Herbst kleidet Glen Affric in ein Farbenmosaik, in dem das Röhren der Rothirsche widerhallt.

Nicht schlecht, denke ich. Es ist schon viele Jahre her, dass ich das letzte Mal da war. Damals auf einem Motorradausflug, was das Wandern deutlich eingeschränkt hatte. Nun habe ich das richtige Schuhwerk und die Sonne, die einen Tag in einer so wunderbaren Gegend erst besonders macht. Auch wenn ich auf das Röhren der Rothirsche verzichten muss, es ist Winter, da röhrt nichts.

Es ist ein wahres Fest, durch den Sonnenschein zu fahren. Wir hatten ziemliche usseliges Wetter zuletzt und der Körper saugt die Sonne förmlich auf. Doch – was ist das? Ich erreiche Loch Ness und sehe vereinzelte Wolken am Himmel. Wolken? Alle Wetterapps haben überall grenzenlosen Sonnenschein in Schottland versprochen. In Drumnadrochit ziehen sich die vereinzelten Wolken zu einer farblosen Decke zusammen und als ich endlich Glen Affric erreiche ist es kalt und trüb wie immer in den letzten Tagen. Überall drumherum ist Sonnenschein und ich beschließe, ausgerechnet hier zu wandern.

dead tree Glen Affric @nme

Die Sonne setzt sich bestimmt auch hier bald durch, denke ich, und setze meinen Weg fort. Ich muss ja schon auf das Röhren der Rothirsche verzichten, da brauche ich wenigstens Sonne! Der Anblick der atemberaubenden Scots Pines entschädigt für Vieles. Was für majestätische Bäume!

Nach eineinhalb Stunden bin ich endlich da. Der Dog Falls Parkplatz, von dem aus mehrere Wanderrouten abgehen. Es sieht aus, als würde es jeden Moment regnen. Vor mir erstreckt sich … leider nicht die große Natur, sondern ein Schilderwald. Achtung Bauarbeiten. Vorsicht, schweres Gerät. Achten sie auf ihre Sicherheit. Was ist denn hier los?

Es ist Winter und der Parkplatz wird neu hergerichtet und die sensiblen Grasflächen geschützt. Der Parkautomat hält Winterschlaf, aber überall sind Bagger und LKW geparkt. Es sieht aus wie auf einer Großbaustelle. Einen uralten Wald habe ich mir anders vorgestellt. Aber hey, denke ich mir, sei mal nicht zu voreilig, du bist ja erst am Parkplatz. Ein Schild weist die unterschiedlichen Pfade aus und es gibt sogar eine Karte zum Mitnehmen. Sehr organisiert! Eine kleine Hütte ist auch da. Wohl für den Ranger. Aber der hat auch Winterpause. Alles zu. Ich mache mich auf den roten Pfad. Der führt keine zehn Meter parallel zur Straße, auf der mit viel Lärm die Baustellenfahrzeuge entlangbrettern. Der Pfad selbst ist geteert. Ich nehme mal an, dass von April bis Oktober hier die Hölle los ist und die Waldwege den Ansturm nicht bewältigen. Aber das Gefühl von wilder Ursprünglichkeit will sich auf deinem solchen Pad natürlich nicht einstellen. Dann wieder ein Schild: Achtung. Straße. Ja, denke ich. Habe ich gehört.

Nach einer Weile führt ein Pfad, ich bin inzwischen auf dem gelben unterwegs, von der Straße weg und es wird ruhiger. Jetzt ist er auch nicht mehr geteert, sondern schmal und natürlich. In der Saison wird man hier bei Gegenverkehr sicher oft warten und ausweichen müssen. Haben die von der Forestry Commission deshalb die Pfade mit Farben markiert und die Richtung angegeben. Damit alle wie Lemminge in dieselbe Richtung laufen. Wobei, Lemminge gibt es nur in der Arktischen Tundra und ich bin ja im ursprünglichen kaledonischen Pinienwald.

Bald komme ich zu einem einsamen kleinen Wildsee namens Coire Loch, sehr schön gelegen und offensichtlich ein Paradies für Insekten. So erklärt mir das eine der vielen Tafeln, die hier hinter jedem zweiten Baum stehen hinter jedem dritten Stelen für die Kinder-Bespassung, hölzerne Otter zum aufklappen und so. Ich bin froh, dass ich jahreszeitenbedingt das Insektenparadies verpasse und versuche all die anderen Bemühungen, mich zu informieren und zu erziehen zu ignorieren, weil ich ja in der ursprünglichen Wildnis des kaledonischen Pinienwalds unterwegs bin und ich das wahre, alte Schottland erfahren möchte. Im Moment hat es mehr dem Charme von Waldlehrpfad beim Schulausflug. An steilen Stellen hat man hier sogar Steintreppen angelegt. Wie im Kurpark!

Plötzlich mehr Schilder. Vorsicht, Waldarbeiten! Das kenne ich nun aus dem Schwarzwald zur Genüge. Doch dort handelt es sich in der Regel um Baumfällarbeiten. Hier stoße ich zunächst auf einen Haufen geparkte Transporter, und dann auf eine Gruppe junger Männer, die mit Baggern, Rüttlern und Teermaschinen die wilde Natur von Glen Affric zähmen. Sie tragen Leuchtwesten und Ohrschutz und schreien sich Kommandos entgegen. Sie sind ja auf einer Baustelle. Ich glaub, mich knutscht mein Elch!

Endlich wieder zurück im Auto genieße ich die Ruhe und den Blick auf noch mehr Schilder.

Glen Affric – eine der letzten ursprünglichen Regionen Schottlands? Das wahre, das alte Schottland? Wo die Hirsche röhren und uralte Pinien von lange vergangenen Zeiten erzählen?

Schnell fahre ich wieder Richtung Loch Ness und zurück in die Sonne. Für heute habe ich genug ursprüngliche Wildnis.

Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf!

Nach den ersten Erfahrungen mit den Highlands habe ich das erste Buch geschrieben: Abenteuer Highlands – mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland. Damals noch ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass es vielleicht mehrere geben könnte. 

Die Jahre gingen ins Land und die Abenteuer wurden nicht weniger. Deshalb, und weil ich immer wieder gefragt wurde, ob es nicht bald einen zweiten Teil von Abenteuer Highlands gäbe, habe ich ihn geschrieben. Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland – alles, was ein Doppelleben in zwei Ländern aufregend und erzählenswert macht. 

Nun ist Abenteuer Highlands offiziell eine Serie und der nächste Band Abenteuer Highlands 3 – Ja hört das denn nie auf! seit Oktober 2023 als Taschenbuch und eBook bei Amazon verfügbar. 

Nellie Merthe Erkenbach

Verloren in der Goldwüste

Das nationale Gesundheitssystem ist eine tolle Sache. Zumindest in der Theorie. In der Praxis waren die Wartezeiten in den Notaufnahmen nie länger, die Krankenschwestern und Pfleger nie unzufriedener und die jungen Ärzte streiken für mehr Geld, um zumindest die Inflation ausgleichen zu können. Dazu hat jede Menge Personal im Gesundheitswesen das Land nach dem Brexit verlassen oder verlassen müssen. Die Lage ist also angespannt und ich merke zum ersten Mal ganz direkt, was das bedeutet.

Wir sitzen eines Abends gemütlich auf den Couch. Okay, manche von uns sitzen, andere liegen eher. Ich knabbere Erdnüsse und habe auf einmal so ein komisches Gefühl im Mund. Ich gehe der Sache auf den Grund und stelle fest, dass mir ein Stück Backenzahn abgebrochen ist. Ein kleines Stückchen Rest-Zahn ist noch übrig um die riesige und uralte Amalgam-Füllung. Die eingerissene Ecke hat scharfe Kanten und ist so was von nervig. Ich brauche einen Zahnarzt.

Kann ja nicht so schwer sein, denke ich. Schließlich habe ich ja auch einen Hausarzt hier. Ich muss mich nur bei einem Zahnarzt registrieren und um einen Termin bitte. Ich bin auch bereit zu warten. Kein Problem.

Stellt sich heraus, so einfach ist es natürlich nicht. Eine Zahnarztpraxis hier in der Gegend hat geschlossen, die andere gibt es noch, aber die nimmt keine neuen Patienten an. Also ziehe ich meine Kreise weiter. Ist ja nicht so schlimm, wenn man zum Zahnarzt mal eine Stunde fahren muss. Von mir aus auch zwei Stunden. Ist will das ja nicht regelmäßig machen. Aber auch die Praxen weiter weg nehmen keine Patienten mehr an. Ich schreibe Mails, telefoniere, gehe undurchsichtige Listen im Internet durch.

Der Mann hat sein hab-ich-dir-ja-gleich-gesagt Gesicht aufgesetzt und schweigt wissend. Er kennt das Problem mit den Zahnärzten. Kinder, Rentner und Sozialhilfeempfänger bekommen Termine. Die anderen müssen zu privaten Zahnärzten, was bedeutet, man muss alles bezahlen. Das kann es doch nicht sein, denke ich, und forsche weiter.

Eine Sprechstundenhilfe in einer Praxis in Dingwall rät mir, die Zahnarzt Hotline des NHS anzurufen. Vielleicht können die weiterhelfen, sagt sie. Bei einer Hotline anrufen ist nicht gerade weit oben auf meiner Liste der lustigen Zeitvertreibe, aber ich mache es trotzdem und bin auch gleich auf Warteplatz 1. Das wird mein Tag, ich hab es im Gefühl!

Bald habe ich eine nette Schottin am Ohr, die sich meine Geschichte anhört und mir erklärt, dass ich eigentlich keine Berechtigung für einen Nottermin habe. Dann geht sie die Standard-Frageliste mit mir durch.

Nein, ich habe keine Allergie. Nein, ich bin nicht herzkrank. Nein, mein Blutdruck ist nicht zu hoch … Das geht ein paar Minuten so weiter, dann sagt sie:

„Aber die scharfen Kanten reiben im Mund und das verletzt doch die Zunge, oder? Ich schau mal, was ich machen kann. Ich melde mich in zehn Minuten wieder.“

Als sie meine Adresse aufgenommen hat, hat sie gesagt, sie kommt auch aus der Gegend. Damit habe ich offensichtlich einen Bonus, denn nicht zehn, sondern maximal eine Minute später klingelt das Telefon wieder.

Ich habe einen Termin in der nächstgelegenen Praxis, in der sie mal gearbeitet hat. Das ist eine gute halbe Stunde entfernt. Passt.

Dann gilt es ein paar logistische Problem zu lösen, denn ich kann zu der Zeit das Auto nicht haben, weil der Mann da schon eingeplant ist, den Knirps von der Schule abzuholen und in dessen Haus Babyzusitten. Beide Termine kollidieren und wir müssen einiges schieben. Aber ich schaffe meinen und treffe die Zahnärztin.

Eine Frau Ende fünfzig, klein, untersetzt, jovial und eine Arzthelferin Ende zwanzig warten in einem großen Raum auf mich, in dem etwas verlassen ein Zahnarztstuhl steht. Wände und Decken sind in diesem blassen Gelbton gestrichen, den der NHS überall zu verwenden scheint. Von der ganzen Technik die man sonst in einer deutschen Zahnarztpraxis sieht, den aufgereihten sterilisierten Geräten, dem Licht, dem Spülbecken, ist nicht zu sehen. Nur dieser Stuhl und an der Wand ein paar Regale. Es könnte auch eine große, vergilbte Küche sein. Aber die beiden Frauen sind superfreundlich und sehr sympathisch.

Die Zahnärztin geht mit mir nochmals dieselben Fragen durch wie die Frau am Telefon und erklärt mir, dass die einst ihre Arzthelferin war. Dann besieht sie sich den Schaden und berichtet.

„Die Füllung ist gebrochen, scheint aber noch fest zu sein. Die kommt aber früher oder später auch. Wir können ein Provisorium draufmachen. Mit etwas Glück hält es eine Weile. Mehr kann ich nicht tun, Nellie. Du bist ja nur ein Notfall und keine Patientin.“

Ich verstehe. Eine Übergangslösung ist okay für mich. Ich habe keinerlei Schmerzen und kann gut damit leben. Der erste Versuch scheitert, aber im zweiten bleibt das Provisorium an der Stelle, an der es sein soll.

Sollte ich eines Tages eine Praxis finden, die bereit ist, mich aufzunehmen, dann könnte man das richtig machen lassen, erklärt die Zahnärztin. Kronen gibt es beim NHS, aber nur aus Amalgam. Weiße Kronen kann man nur privat machen lassen. Oder ziehen. Das macht der NHS auch. Wie mir der Mann später berichtet, scheint das die gängige Praxis zu sein, bei Problemen mit den Zähnen. Ziehen geht schnell und ist billig. Zahnreinigung, Pflege oder kosmetische Gesichtspunkte gibt es nicht in einem Gesundheitssystem, das derart zu kämpfen hat, wie das im Vereinigten Königreich.

„Und ich dachte, ich bekomme einen Goldzahn, hier“, scherze ich.

Die Zahnärztin blickt glückselig in meinen Mund und beginnt, von der Schönheit der Goldzähne zu schwärmen, seiner Farbe, die in geringer Konzentration fast schon silbrig scheint und sich geschmeidig und elegant an die anderen Zähne anschmiegt.

Ich glaube, sie würde auch lieber Gold anpassen, als Zähne ziehen, weil es billiger ist. Diese Zahnärztin ist auf Gold-Entzug.

Ich behalte meinen Zahn, das Provisorium hält und ich gehe zufrieden wieder aus der Praxis. Zuerst muss ich aber £6,20 bezahlen, Zuzahlung zur Behandlung.

Am nächsten Abend sitzen der Mann und ich wieder auf der Couch und schauen eine französische Krimiserie. Gedankenlos greife ich zu den Erdnüssen und schwupps – ist das Provisorium wieder raus. Und nun? Es sind noch über drei Monate, bis ich wieder in Deutschland und heraus aus der Dentalwüste bin. Wieder in die Hotline und erneut zur Praxis fahren scheint mir dann doch zu umständlich, solange ich keine Schmerzen haben.

„Das kann man auch selbst machen“, rät der Mann.

Echt? Ich schaue nach und finde Temparin Max Home Dental Repair Kit for repairing lost fillings and loose caps, crowns or inlays – 12+/ 13+ Repairs (package may vary). Klingt doch gut, denke ich und bestelle das. Das ist in zwei Tagen da und kostet mit £4,60 ganze £1,60 weniger als der Besuch bei der Zahnärztin.

Was wäre der nationale Gesundheitsdienst NHS ohne Amazon?

In der Goldwüste verloren!

Von Eiern und Pfannkuchen

Pfannkuchen mit eingemachten Frückten Granola und Ahornsirup

Dinnae teach yer Granny tae suck eggs!

Versuch nicht, den Leuten etwas beizubringen, was sie bereits wissen – mit anderen Worten, sei kein Klugscheißer. Und der Teil mit den Eiern? Der ist ein Hinweis darauf, dass ältere Schotten früher oft wenige gesunde Zähne hatten und nur weiche Nahrung wie Eier essen konnten.

Diese schottische Redewendung bringt mich unweigerlich zu der Pfannkuchen Geschichte. Da spielen zwar auch Eier eine Rolle, aber keine Sorge, niemand hat an rohen Eiern gesaugt. Bäh! Was für eine gruslige Vorstellung!

Wie zuletzt häufig, ist der Enkel des Mannes bei uns. Ich habe bereits im letzten Buch (Abenteuer Highlands 2.0) über den Krümel geschrieben. Inzwischen ist er sechs Jahre alt und natürlich kein Krümel mehr. Ich bekäme einen vorwurfsvollen Blick, wenn ich das behaupten würde. Als er noch ein Krümel war, hat er alles gegessen was man ihm vorgesetzt hat: Obst, Gemüse, alles. Nun, als Steppke, ist er wählerisch geworden. Dies isst er nicht und das auch nicht und Karotten nur roh, aber nicht gekocht. Tomaten dagegen nur auf der Pizza oder im Ketchup, aber nicht roh.

Der Kurze nähert sich immer mehr dem Mann an, der Obst und Gemüse ja nur mit höchster Vorsicht begegnet. Die beiden frühstücken Berge von Würstchen mit Eiern, während ich mein Müsli löffle. Das ist doch doof und ich schlage vor, ob wir nicht alle zusammen Pfannkuchen essen wollen, mit Früchten und Ahornsirup. Der Mann hat nichts dagegen, weil dann nicht er in die Küche muss, sondern ich, um das Frühstück zu machen. Der Kurze überlegt für eine Weile und entscheidet sich dafür.

„Ich habe keine Pfannkuchen am Pfannkuchen Tag bekommen“, sagt er vorwurfsvoll und wohl in der Hoffnung, dass ich wegen der kulinarischen Versäumnisseein ernstes Wörtchen mit seiner Mutter rede.

Der Pfannkuchen Tag wird hier im Vereinigten Königreich begangen, weil sie kein Faschingsdienstag haben und die Fastenzeit hier im öffentlichen Leben keine Rolle spielt. In Deutschland kennt man ja auch die Faschingskrapfen. Wenn auch eher nicht zum Frühstück.

Der Kurze hat also eine Pfannkuchen Unterversorgung und ich machen mich dran, Abhilfe zu schaffen. Schnell mixe ich die Zutaten, hebe das geschlagene Eiweiß unter und gebe den Teig und in die Pfanne. Als die ersten fertig sind, lade ich sie auf zwei Teller, garniere mit Früchten und weise auf den Ahorn Sirup und das Zimt-Zucker-Gemisch hin, das auf dem Tisch steht, um wieder in der Küche zu verschwinden und den Rest auszubacken.

Als ich mit der nächsten Ladung wieder zurück am Tisch bin, starrt der Kurze trotzig auf seinen Teller. Er hat die Pfannkuchen nicht angerührt. Der Mann versucht ihn gerade davon zu überzeugen, dass man sie sehr wohl essen kann und sie sehr lecker sind, aber nein, er isst sie nicht.

„Was stimmt denn nicht, mit meinen Pfannkuchen?“ frage ich. Ich kann keinen Fehler entdecken.

„Sie sind nicht in der richtigen Form“, trotzt der Kleine und ich weiß sofort, was er meint.

Seine Generation kennt Pfannkuchen als perfekte, runde Gebäckstücke, gestapelt und mit Sirup übergossen. Meine sind zwar rund, aber keine perfekten Kreise. Form und Aussehen aber gehen ihm vor Inhalt.

Nichts leichter als das“, sage ich und nehme seinen Teller mit in die Küche. Dort steche ich mit den runden Ausstech-Formen für Hilda Plätzchen die runden Pfannkuchen zu perfekten Kreisen und serviere sie erneut. Der Kurze ist zufrieden und isst. Ich esse die ausgestochenen Ränder. Heimlich. In der Küche.

Hm, lecker!

Wähle deine Worte weise

Sommerzeit

„Oh, Schatz“, sage ich mit Blick auf den Kalender in meinem Telefon. „Das hätte ich fast verpasst. Am Wochenende beginnt die Sommerzeit.“

Der Mann runzelt ebenso misstrauisch wie spöttisch die Stirn.

„Ist März nicht ein bisschen früh für Sommer?“

Ich habe es wieder gemacht! Mal schnell so daher gesagt und nicht nachgedacht. Wenn mir das passiert, ist der Mann sofort mit einer Korrektur am Start.

Sommerzeit ist nicht summertime, sondern daylight saving time. Nur wenige nutzen das Wort summertime. Weiß ich eigentlich. Wieso sage ich es dann nicht? Ich war mit meinen Gedanken schon wieder zwei Ecken weiter.

„Wichtig ist ja nicht, ob die Bezeichnung das Wort Sommer beinhaltet oder nicht. Wichtig ist, dass die Uhren umgestellt werden!“ merke ich an.

Ich, die ich mit Wörtern meinen Unterhalt verdiene als Journalistin und Autorin, sollte etwas feinfühliger in meiner Wortwahl sein. Präziser. Denn hinter den Wörter stecken oft ganze Konzepte, die man mitdenken muss.

Für mich steht weder das Umstellen der Uhr noch der Prozess der Zeitumstellung eine Rolle bei der Sommerzeit. Für mich bedeutet die Umstellung Sommer, Licht und lange Tage. Für den Mann das praktische Umstellen der analogen Uhren, der Energiesparaspekt und die Implikationen, die das für sein Morgenfoto hat, bevor er zur Arbeit fährt. Zwei Konzepte eben.

Noch liegt Schnee auf dem Bergen, deshalb ist mir das Wort Sommer wahrscheinlich so wichtig. Der Winter zieht sich gefühlt ewig hin. Es ist Zeit für Wärme und Licht. Und gerne auch fürs Energiesparen. Horrend, was wir diesen Winter für Strom und Heizung bezahlt haben.

Viellicht ist daylight saving time ja doch kein so seltsames Konzept.

Also gut, ich gebe dem Mann recht. Aber nur hier und ganz leise. Ihr haltet dicht, oder?

Und außerdem: Es ist nie zu früh für Sommer! März hin oder her!

Schneetage sind Schreibtage

Der März ist frostig und immer wieder schneit es kräftig. Es ist kalt genug, dass der Schnee auch liegen bleibt. Ich liebe den Blick auf die Berge, wenn die Luft frisch und alles weiß ist und Himmel und See ihr klares Blau dazu geben.

Der Schneepflug kommt morgens gegen sieben Uhr vorbei und streut eine Prise Sand-Salz Gemisch in vereinzelte Kurven. Ansonsten muss jeder sehen wie er klar kommt. Was zur Folge hat, dass alle Schulen schließen, sobald man auch nur aus der Ferne eine Schneeflocke erahnt. Aus Sicherheitsgründen. Health and safety, heißt das Schlagwort.

Wenn die Kinder nicht in der Schule sind, gehen die Mütter und Väter auch nicht arbeiten, weil sie die Kinder nicht alleine lassen sollen, solange sie unter zwölf Jahren sind. Das ist zwar kein Gesetz, aber ein dringlicher Rat der Regierung. Somit findet einfach gar nichts statt, wenn es schneit. Ruhe. Herrlich!

Wie gut so ein Leben mit einer Schreibhütte ist, obwohl ich zugeben muss, wenn es richtig kalt wird, arbeite ich lieber im Haus. Die Hütte ist nicht isoliert, es steht nur ein Heizlüfter drin. Außerdem ist an Schneetagen der Mann zu Hause statt bei der Arbeit. Somit sind Schneetage wie Wochenenden ruhig und entspannt.

Ich gebe zu, ein wenig amüsiert mich die schottische Haltung zum Schnee schon so als Schwarzwälderin. Schade, dass es hier keine Loipen gibt, die Pisten sagen wir mal, locken mich nicht.

Selbst unsere Dachse kommen an Schneetagen selten vorbei. Die schlafen lieber, als sich durch Eis und Schnee zu unserem Futter vorzukämpfen. Ich habe also Zeit. Zeit! Wann hat man schon Zeit in Deutschland?

Schneetage sind Schreibtage, ganz eindeutig. Die Frage ist nur, was schreibe ich?

Von Januar bis Ende Februar habe ich den zweiten Band der Highland Crime Reihe um DI Robert Campbell geschrieben. Bis Anfang März dann noch einmal drüber gearbeitet und feingeschrieben und nun ist das Manuskript bei der zweiten Testleserin. Ich bin manuskriptlos. Was soll ich sagen? Es ist ein komisches Gefühl, wenn ein Autor ohne Manuskript ist.

Mir fehlt was!

Natürlich gilt es jede Menge andere Dinge zu organisieren. Social Media zum Beispiel. Ich arbeite mit Facebook, Instagram, TikTok und LinkedIn. Es müssen Posts entworfen und bearbeitet werden. Die Werbung braucht auch Zeit. Auf Facebook sind Anzeigen recht intuitiv zu begreifen und zu managen. Bei Amazon sieht das schon anders aus. Seit Tagen mache ich Tutorials für Amazon Ads. Jetzt ist mir klar, wie es funktioniert, aber noch scheue ich die Ausgaben, die dafür notwendig sind. Nach Steuern und Kosten für Coverdesigner, Formatierer und Korrektorat sind die Einnahmen nicht so, dass man gerne noch mehr Ausgaben generieren möchte. Und so gerne ich Marketing und Management mache, die eigentliche Leidenschaft ist das Schreiben.

Was macht also eine Autorin ohne Manuskript, wenn es Schnee hat?

Sie beginnt ein neues Buch!

Doch welche Reihe will ich fortsetzen. Schreibe ich Band 3 der Highland Crime Serie. Die Idee zum Plot ist schon recht weit gereift und ich bin gerade im Thema und gedanklich in der Welt des Verbrechens. Aber ein Krimi schreibt sich schlecht in Happen. Man muss alle Fäden in der Hand halten und darf die Übersicht nicht verlieren. Das wird schwierig, denn sobald das Manuskript von Band 2 von der Testleserin zurückkommt, muss ich es überarbeiten und an die nächste Testleserin schicken.

Damit ist die Entscheidung gefallen: Ich beginne Abenteuer Highlands 3!

Es ist schließlich einiges passiert, seit Abenteuer Highlands 2.0. Schon komisch, eigentlich war Abenteuer Highlands als einmaliges Buch gedacht. Dann kam noch ein zweites dazu, hauptsächlich deshalb, weil viele danach gefragt haben, wann und wie es weitergeht mit meinem Abenteuer. Und ganz offensichtlich ist es ja auch nicht zu Ende. Ich lebe das Abenteuer seit zwölf Jahren.

Also mache ich auf Amazon aus Abenteuer Highlands eine Reihe. Damit wird die Struktur klarer, man kann der Serie folgen und wird automatisch benachrichtigt, wenn es einen neuen Band gibt. Als Nächstes mache ich mir Gedanken über den Untertitel und entscheide mich schnell: Ja, hört das denn nie auf. Das ist ein guter Titel. Was denkt ihr?

Abenteuer Highlands 3: Ja, hört das denn nie auf?

Doch noch immer komme ich nicht zum Schreiben, denn bevor ich loslege, sammle ich, was es schon gibt. Schließlich habe ich auf dem Blog Abenteuer Highlands ja auch schon den ein oder anderen Post geschrieben seit Abenteuer Highlands 2.0.

Nach dem Sammeln sortiere ich, ergänze weitere Ideen für die einzelnen Kapitel und bringe alles in eine ungefähre Reihenfolge. Jetzt habe ich ein Gerüst. Danach kann ich endlich wieder schreiben. Bis Ende Juni habe ich Zeit, dann geht es zurück nach Deutschland und zur Arbeit. Dort ist keine Luft für Bücher und Schnee hat es dann auch nicht. Deshalb gilt es jetzt, die Schnee- und Schreibtage zu nutzen, die man bekommt.

Ich mach dann mal weiter!

Magische Wintermomente

Glen Gloy @nme 2023 Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands

Oft sind die Wintertage schneelos in den Highlands, zumindest, wenn man wie wir auf Meereshöhe lebt. Dann bleibt allenfalls der Blick auf ein paar Schneeflecken weiter oben in den Bergen. Aber gerade dann, wenn alles so trübe scheint, sind die Farben ganz besonders.

Glen Gloy 2023 @nme Nellie Merthe Erkenbach

Inzwischen ist der Winter meine liebste Jahreszeit. Diese Fotos habe ich auf dem Heimweg von Supermarkt gemacht. Nur ein kurzer Fußweg abseits der Hauptverkehrsader und schon ist man in einer anderen Welt. Schön!

Glen Gloy 2023 @nme Nellie Merthe Erkenbach

Winter Walk

Dies war früher die Hautverkehrsader auf die Sleat Halbinsel der Isle of Skye. Nun gibt es eine neue, sehr gut ausgebaute Straße direkt daneben. Teile der alten Straße, die Old Sleat Road, sind erhalten geblieben. Ein sehr schöner Spaziergang im Winter.

Aber Vorsicht! Es soll hier spuken. Angeblich treibt hier eine verlumpte alte Frau ihr Unwesen. Ein Geist, dem man besser aus den Weg geht. Besser, man ist nicht allein unterwegs auf der Old Sleat Road.

Skye Sky

Schottland bietet viel Raum für Gedanken. Das hilft ungemein beim Plotting. Ich gehe raus in die Natur und schaue aufs Meer. Aber auch der Himmel bietet Inspiration und Orientierung. Die Landschaft als Spiegel und Werkzeug des Schriftstellers. Zeit. Ich.

@nme Nellie Merthe Erkenbach winter sky skye
Isle of Skye – Old Sleat Road