Der Fischmann

Es war kurz vor sieben und ich war ein klein wenig nervös. Wir warteten auf den Fischmann. Es war unser erstes Mal.

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, in Riech- und Sichtweite vom Meer zu leben und seinen Fisch zu kaufen. Ironie und einen Hauch von Versagertum. Der ich-esse-was-ich-gefangen-habe-Gedanke ist immer noch sehr ausgeprägt in den Highlands. Ich esse, was ich gekauft habe, was eher die dürre Touristenausrede ist. Naja, wir haben kein Boot und zum Angeln fehlt mir jegliche Geduld und Mordlust. Das ist meine Ausrede. Die Angelrute im Gästezimmer ignoriere ich geflissentlich seit Jahren.

Eine der Nachbarinnen riet mir letzte Woche zu John, dem Fischmann. Der fährt Mittwochs mit einem kleinen Transporter am Loch entlang und verkauft Fisch. Nicht billig aber sehr frisch und sehr nett. Nur letztere Auskunft bezog sich auf John, die ersten beiden Attribute betrafen seinen Fisch. Er fängt ihn nicht selbst, war die weiterführende Information. Aber er kauft ihn frisch im nächsten größeren Hafen.

Ich frage mich, ob John ein Einheimischer ist.

Die Nachbarin war so nett und bat ihn auch bei uns vorbei zu schauen, als er am Mittwoch bei ihr vorbei kam. John, der Fischmann, hält nur, wenn man ihn vorher anruft. Er  hatte sich für sieben Uhr abends bei der Nachbarin angekündigt. Bis zu uns sind es nochmal gute 3 Kilometer.

Wenn er ein Einheimischer ist, dann wird es frühestens halb neun bei uns auftauchen. 20:30 Uhr ist 19 Uhr „Highland time“. So ungefähr. Das rechne ich noch als ich die Lichter am Ende unserer stockdunklen Auffahrt sehe. Das muß er sein, zwei Minuten vor 19 Uhr. Er kann kein Einheimischer sein.

John, der Fischmann, ist Engländer, mittelgroß mit braunem Wuschelbart und sanften Augen. Er führt uns zu seinem Wagen und ich habe die Qual der Wahl. Ich entscheide mich für Lachs und monkfish, ohne zu wissen, was das ist. Mein Fischvokabular ist nicht sonderlich ausgeprägt.

John, der Fischmann, weiß das deutsche Wort auch nicht. Er kann nur Kabeljau, das ist cod. Ich kaufe den monkfisch und frage, wie ich John erreichen kann, wenn ich nächste Woche wieder Fisch will. Er reißt ein Fetzen von einem Karton ab und schreibt seine Nummer auf – Business Karton. Dann verschwindet er in der Dunkelheit.

Der Fisch ist herrlich frisch. Ich brate die Medaillons kurz und scharf an, serviere sie auf einer Tomaten, Knoblauch und Ingwersauce und reiche Kräuterbrot dazu. Fantastisch.

Natürlich habe ich monkfish gegoogelt. Das erste was ich gefunden habe war ein Video, in dem ein gruseliger Fisch einen Taucher angreift. Ich fühle mich so viel sicherer bei John, dem Fischmann, der mir den Seeteufel filetiert und auf Eis an die Haustür bringt.

 

Stromausfall

Stromausfall

Mit einem Schlag war alles aus. Alles, was Strom hat. Gerade als ich mir die Zähne putzte. „Mist!“ murmelte ich durch die Zahnpasta, „Stromausfall!“

alles schwarz

alles schwarz

Die Sonne braucht noch eine Stunde, um hinter den Bergen hervor zu kommen. Es ist kurz vor 8 Uhr und stockdunkel überall.

In allen Räumen sind Kerzen und LED-Notlampen mit denen man der Dunkelheit begegnen kann, die sich nun in alle Bereiche des morgendlichen Ablaufs schleicht. Wozu man alles Strom braucht!

Notbeleuchtung

Notbeleuchtung

Ich kann das Gesicht nicht sehen, das ich eincreme, die Wäsche in der Maschine weicht vor sich hin, statt zu waschen, der Wasserkocher kocht kein Wasser. Bedächtig trinke ich die letzten zwei Schluck meines schon ziemlich kalten da-hatten-wir-noch-Strom-Kaffees und freue mich, daß ich den kleinen Kaminofen schon gesäubert und zum anfeuern bereit gemacht habe. Noch ist das Haus warm aber das wird sich schnell ändern, im Winter in den Highlands ohne Heizung. Dann ist es mit der Romantik der Wildnis ganz schnell vorbei. Ich denke sehnsüchtig an ein prasselndes Holzfeuer und eine Tasse dampfenden Kaffee.

Wie haben es die Crofter in ihren zugigen Steincottages mit den mickrigen Torffeuern früher nur ausgehalten? Die Moderne hat uns zu Mimosen gemacht.

Ich organisiere mich. Der Laptop hat noch alles, was die Batterie herzugeben hat. Ich schreibe im Kerzenlicht und schärfe meine Sinne. Erstaunlich, wie gut man seine Tastatur kennt, wenn man sie nicht sehen kann. Auf der anderen Seite des Lochs sind alle Lichter aus, in den Hausern und an den Straßen. Nur die vorbeifahrenden Autos erhellen für kurze Zeit das Schwarz. Kein gutes Zeichen, denn die Häuser auf der andere Lochseite liegen an einer anderen Versorgungslinie. Ist die auch gestört, dann haben wir ein größeres Problem.

Es war keine besonders stürmische Nacht, die Wahrscheinlichkeit, daß ein Baum auf die Stromleitungen gefallen ist also eher gering.

Der Strom fällt hier öfter aus, damit leben alle hier ganz selbstverständlich. Und die Gründe für einen Stromausfall sind zahlreich. Wegen Sturm oder Flut zum Beispiel. Die Oberleitungen sind alt und die Bäume daneben auch. Ein anderes Problem ist die zu hohe Auslastung, zu Beispiel über den Jahrswechsel, wenn alle Ferienhäuser entlang der Straße belegt sind und die Touristen in den Häusern alle Lichter in allen Zimmern brennen lassen. Irgendwann macht es dann bang und es wird für alle kalt und dunkel. Die Einheimischen haben Gaskocher für solche Notfälle. Ich hab mir leider nicht zeigen lassen, wie man unseren benutzt. Oder wo er ist….

Internet geht auch nicht, weil der Router keinen Strom hat. Das macht mir am meisten Sorgen. Kein Internet, wie soll ich da überleben??

Im vorletzten Winter war jeglicher Internetzugang am Loch für Tage unmöglich. Ein paar gewiefte „Unternehmer“ wollten ein Kupferkabel klauen und hatten vesehentlich das Glasfaserkabel erwischt, das die Region versorgt. Weil nach dem Diebstahlversuch ein Sturm aufkam und BT Taucher brauchte, für die Reparatur, hat es fast eine ganze Woche gedauert, bis das Internet wieder ans Loch zurück kehrte.

Eilean Donan Castle

Eilean Donan Castle

„Warum will jemand ein Kupferkabel klauen?“ frage ich mich. „Wozu braucht man überhaupt ein Kupferkabel?“ Ich bin mir sicher ich habe in meinen ganzen Leben noch nie ein Kupferkabel gebraucht.

„Kupfer ist teuer, man kann damit gut Geld verdienen.“ sagt man mir. „Wahrscheinlich konnte jemand das Kupferkabel gut brauchen.“

Aha. Das ist also so, als würde Frau im Drogeriemarkt einen Lippenstift mitgehen lassen: kleine Sache, die man brauchen kann.

Hier lassen Männer mal eben ein Kabel mitgehen…. unter Wasser, unter eiskaltem Wasser, mit Strömungen und Haien und…… und dann finden sie nicht mal das richtige Kabel.

!!!

Ein klein wenig problematischer, als nur die falsche Rotnuance zu erwischen.

Plötzlich: ta ta!

Das Licht ist an, der Strom ist wieder da. Ich kontrolliere das Haus und koche Wasser für  einen Kaffe. Dann geht es wieder zurück an den Computer. Ich muß meine Geschichte posten, solange ich Internet-Zugang habe. Hier weiß man nie, ob nicht irgendwo irgendeiner irgendwas brauchen kann……

Friedhöfe

Eines der ganz wunderbaren Dinge am Leben in der schottischen Wildnis ist die Freiheit so zu sein, wie man ist. Gerne auch ein wenig absonderlich,  es wird sogar eher positiv aufgenommen, wenn man ein paar wunderliche Züge sein eigen nennt.

Eilean Munde, Loch Leven

Kein Problem für mich!

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Das würde freiwillig keinem Einheimischen einfallen. Deshalb finden sie hier mein Hobby wunderlich aber auch amüsant. Obwohl die Hochländer traditionell eine Neigung zum Übersinnlichen, Unheimlichen und Geheimnisvollen haben, man sieht nur die Touristen „zum Spaß“ über die Gräber streifen. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich glaube, den Einheimischen sind ihre Friedhöfe eher unheimlich.

Davon bin ich weit entfernt. Ich liebe es, in Friedhöfen herumzuwandern und zu fotografieren, die Geschichten auf den Grabsteinen zu lesen oder einfach nur die Stille auf mich wirken zu lassen. Oft liegen sie inmitten einer grandiosen Kulisse.

Ashaig graveyard, Isle of Skye

Manche finde ich per Zufall. Andere, weil mir Bekannte Tipps gegeben haben. Wieder andere in Geschichtsbüchern und historischen Reiseführern.

Inzwischen hat sich auch der Mann daran gewöhnt und streift an Samstagen willig mit seiner absonderlichen Deutschen über die Friedhöfe der Region. Am vergangenen Wochenende hatte wir gleich zwei auf der „to do“ Liste – es war ein herrlicher Tagesausflug auf die Isle of Skye.

Zwei Geschichte hatten mich unwiderstehlich angezogen, eine vom sinnlosen Tod im Meer und eine vom qualvollen Verbrennen in einer Kirche.

Ashaig graveyard, Isle of SkyeIn Ashaig, im Süden der Isle of Skye, wurden die an den Strand gespülten Leichen eines Schiffsunglücks im Zweiten Weltkrieg begraben. Ashaig graveyard, Isle of SkyeDie Curacoa  wurde von einem Kriegsschiff der eigenen Flotte, der Queen Mary, versehentlich gerammt, die ertrinkenden Soldaten nicht gerettet. Man wollte die deutschen U-Boote nicht auf die Queen Mary aufmerksam machen. 338 Männer ertranken.

Trumpan Graveyard,  Isle of Skye

Auf dem anderen Friedhof im Norden der Insel, war es die Ruine einer Kirche, die mich unwiderstehlich anzog. Trumpan. Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt, ich schätze es waren mindestens 50. Trumpan Graveyard (11)MacDonalds hatten MacLeods während eines Gottesdienstes eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Ein brutaler Racheakt, den die restlichen MacLeods mit Hilfe ihrer „Feen-Flagge“ sofort wieder rächten. Apropos „Feen-Flagge“….

Das nächste Ziel hab ich schon ausgesucht: Tomnahurich, ein Friedhof mit Elfenhügel, am Stadtrand von Inverness gelegen. Keine ungefährliche Angelegenheit so ein Feenhügel, denn wen die Elfen herein bitten, der kommt unter 200 Jahren nicht wieder zurück. Zuletzt (irgendwann im ausgehenden Mittelalter) hatten zwei Musiker (Geiger) das Pech und zerfielen zu Staub, nachdem sie einen Abend bei den Elfen aufgespielt hatten und 200 Jahre später wieder zurück kamen.

Kilmonivaig graveyard, Spean Bridge

 

 

 

 

Ich frage den Mann (in einem früheren Leben auch Musiker), ob wir das am Samstag angehen sollen. Bis nach Inverness sind es knappe zwei Stunden Fahrt und neben den Friedhof lockt da auch noch die Aussicht auf Next, Baumarkt, Costa‘s Café und Aldi.

Der Mann weicht meinem Blick aus und murmelt was von „unter der Woche“, „ohne mich“ und „ruhig mal was alleine unternehmen“.

Ich lächle. Sie sind doch ganz schön abergläubisch hier.

Sollte ich vor 200 Jahren wieder zurück sein, werde ich mehr darüber schreiben.

Mehr Bilder und Friedhofsgeschichten gibt es unter:http://graveyardsofscotland.wordpress.com/

Cille Choirill, Roy Bridge

Maus im Haus

Heute Morgen wurde ich mit dem Satz geweckt: “Schatz, rate mal, was ich in der Küche gefunden habe.“

„Den Spülschwamm?“ frage ich mich mit einem leichten Anflug von Morgenboshaftigkeit. Nur innerlich natürlich, während ich müde Augen auf den Überbringer der frühen Nachricht richte.

„Eine Maus!“ ist die Erläuterung, die ich nicht hören will. Und während ich diese Information versuche aufzunehmen, setzt er noch einen drauf.

„Ich hab sie gefangen und mit dem Messer getötet. Blut überall.“ sagt der Mörder fast schon beiläufig und grinst.

„Kleiner Scherz, aber gefangen hab ich sie.“ sagt er, bevor ich all die Luft wieder ausatmen kann, die ich geholt habe.

Ich versuche das Mäuseblutbad aus meinem Kopf zu löschen und den Mann nicht zu erwürgen. Mein Sinn für Scherze ist am Morgen sagen wir mal eher rudimentär ausgeprägt.

Es gelingt mir den Mann am Leben zu lassen und mich dem Schicksal der Maus zu widmen.

Sie kauert auf der Fußmatte unter einem durchsichtigen Plastikeimer, der einstmals Meisenknödel enthielt. Um ihn zu beschweren wurde ein Glas Instantkaffee auf dem nun oben liegenden Eimerboden gestellt.

Der Mann ist bereits auf der Suche nach Löchern in der Wand, was hier in den Highlands nichts ungewöhnliches ist. Die Wände sind Holzkonstruktionen, auf die man kleine Holzlatten nagelt und dann verputzt. Die Innenräume sind nicht isoliert, sondern oft hohl. Ein Mäuseparadies.

Und eine Maus im Haus ist alles andere als selten. Die Nachbarn hatten welche, Arbeitskollegen versuchen schon seit Tage ihre in die Falle zu locken. Deshalb lagert man Nahrungsmittel in den Küchen auch nicht offen oder in Schränken unter Brustthöhe. Nur ein letztes Stück deutscher Nußkuchen auf der Abbeitsfläche geht den Weg alles Verderblichen. Man weiß ja nie. Der Rest scheint in Ordnung.

Ich frage mich wozu ich eigentlich die wilde Katze füttere.

Die Maus zittert unter dem Meisenknödeleimer, während wir versuchen, ein Loch in der Wand zu finden. Ich rücke Regale und mein Milchschäumer zerschellt auf dem harten Küchenboden. Glasscherben überall. Und ich hatte noch keinen Kaffee.

Aaaarrrrggglllll!!!!!!

Die Maus zittert noch immer unter dem Meisenknödeleimer.

Vielleicht kam sie auch gestern Abend rein, als die Küchentür offen stand? Unbemerkt in der Dunkelheit. Auch jetzt ist es noch dunkel als ich den Mann zur Arbeit schicke. Die Maus vor dem Haus wieder auszusetzen, scheint mir wenig sinnvoll, jetzt wo sie einen Weg kennt, den wir nicht kennen. Dann kommt sie wieder. Vielleicht sollte ich sie in den Bach werfen, der am Rand des Grundstücks vom Berg ins Meer rauscht??

Ich warte bis die Sonne langsam aufgeht. Dann trage ich mit Handschuhen den Mauseimer samt Fußmatte die Straße am Loch entlang. Weit weg vom Haus setze ich die Maus aus.

Sie zittert im Gras.

Dann entsorge ich Eimer und Fußmatte und putze die Küche. Ich hoffe der Maus geht es gut.

Derweil schreibt der Mann eine Mail. Er hat mit Kollegen gesprochen und will es heute Abend mit „UF dust“ versuchen.

???

Ich google und finde einen Amerikanischen Piloten mit einem Jet auf dem Starfighter steht. Der benutzt „UF dust“ irgendwie.

Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen.

 

Waverley

PS WaverleyWie heißt das sperrige deutsche Wort bei dem man sich nie merken kann, mit wieviel “f” man es schreibt?

Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Eine Fahrt mit dem Dampfschiff?

„Spießig und langweilig, nein danke!“ würde ich in Deutschland sagen.

Und in den Highlands?

„Super Idee!“, die Fahrt mit den Aushängeschild der schottischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Fahrt mit der Waverley.

PS Waverley

Über 5 Millionen Passagiere hatte die alte PS Waverley schon an Bord. Die 70 Jahre alte Lady ist der letzte seetüchtige Schaufelrraddampfer der Welt. Gelebte und PS Waverleyvon den Schotten und den Engländern geliebte Geschichte und ultra erfolgreicher Tourismus zugleich. Wenn auch ein wenig anders, denn die Besatzung an Bord ist ehrenamtlich unterwegs und wie man hört, wenn man hinhört, auf der ganzen Welt zu Hause: Italiener, Russen, Franzosen…

Die PS Waverley wurde nach ihrem Vorgänger, dem Minensucher HMS Waverley benannt, der vor Dünnkirchen 1940 eine bedeutende Rolle spielte und später vom Feind bei einem Luftangriff versenkt wurde (http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?161).

PS WaverleyIch verdränge, dass es sich dabei um meine Landsleute gehandelt haben muß und versuche so wenig Deutsch wie möglich auszusehen, als ich als Teil einer kleinen Gruppe Familie und Freunde in Mitten hunderter Touristen in Armadale auf der Isle of Skye an Bord gehe.

PS Waverley

„Hurrah!“ Oder besser „Hurray und ne Buddel voll Rum!“ denke ich und finde den Weg zur Bar während sich die Männer mit der Mechanik des Dampfantriebs auseinandersetzen. Ich verdränge nun den Gedanken an Heinz Rümann und bestelle Bier. Ich muss erst aufs Wasser schauen.

PS Waverley

Durch den windigen Sound of Sleat schaufeln die bunten Räder durch das klare Blau des heißen Sommertags. Möwen begleiten den Ausflugsdampfer in der Luft, Wasser glitzert und im Hintergrund ragen die majestätischen Gipfel der Cuilins über die Insel, die wir gerade verlassen haben. Wir befinden uns für ein paar Seemeilen auf der Schiffsroute nach Mallaig auf dem Festland, einer der Fährverbindungen von und nach Skye.

PS Waverley

Doch statt Mallaig anzusteuern, macht die PS Waverley Kurs auf Inverie, einem der Orte in den Highlands,

den man nur über das Wasser oder zu Fuß durch die Wildnis erreichen kann. Keine Straße führt nach Inverie, dem einzigen Ort auf der Knoydart Halbinsel. Ein paar Häuser, ein Pier, ein Strand und ein Pub. The Old Forge ist das abgelegenste Pub Schottlands und wer als erster dort ankommt, bekommt ein Freibier.

Während die Touristen einen Wettlauf von der Anlegestelle zum Pub veranstalten, PS Waverleylassen wir uns mit unseren mit gebrachten Sandwiches und Chips Päckchen am steinigen Strand nieder und genießen die Sonne und das Meer. Wie echte Touristen. Was für ein schönes Gefühl.

PS Waverley

Oh, deer!

Im hinteren Teil des Gartens, ganz oben in der Nähe des Waldrands, ist im Sommer Morgens oft das Gras niedergedrückt. Als hätte ein Riese eine Picknick-Pause gemacht.

Die Rehe haben sich da eine Kuschelecke eingerichtet, wo sie auch schlafen. Morgens frühstücken sie dann im Garten, was man gerade frisch angepflanzt hat und ziehen sich wieder in die weiten, einsamen Hügel von Kintail zurück, bis die Dunkelheit anbricht.

deer grazing

deer bathingÜberhaupt macht der Sommer das Rotwild recht wagemutig. An heißen Tagen kann man sie baden sehen. Das Wasser willkommene Kühlung und Flucht zugleich. Die „midges“, die winzigen, in den Wahnsinn treibenden Mücken, sind überall.

Auch im Winter kommen das Rotwild gerne in die Gärten. Ihre Spuren im Schnee verraten sie. Der Hunger treibt sie sogar bis zum Vogelfutter, ganz nah am Haus. Die kahlen Hügel im Hochland bieten jetzt keine Nahrung mehr. Wenn ein ausgewachsener Hirsch direkt vor einem steht, wenn man die Haustür öffnet, dann kann das einem schon einen ziemlichen Schrecken einjagen. Ein riesiges Tier mit spitzen Geweih vor einem. Das ist dann ein gefühlter Elch.

stag Cluanie

Kein Wunder nennt man den Hirsch auch „Monarch of the Glen“, den Herrscher des Tals.

stag Cluanie

Kürzlich wurde in der Nähe sogar eine Touristin von einem Hirsch angegriffen. Der war auf einem Gartengrundstück in die Falle gelaufen und der gefährlichen Enge blindlings und pnaisch am einzigen Ausweg, dem Gartentor, entflohen. Da aber stand die Frau und plauderte mit Freunden, die mit ihr Urlaub machten. Der Hirsch trampelte sie nieder und verletzte sie mit seinem Geweih. Sie hatte tiefe Fleischwunden im Hals und eine Wirbelsäulenverletzung. Sie musste ernsthaft verletzt nach Glasgow ins Krankenhaus geflogen werden.

deer Kinloch HournIn der Regel ist Rotwild scheu und vorsichtig. Manchmal sieht man Herden über die Berge ziehen. Man muss genau hinsehen, aus der Ferne verchmelzen sie mit der braunen Heide. Nur Bewegung oder Grasflächen machen sie sichtbar.

Etwa 300.000 Hirsche und Rehe gibt es in Schottland. Und wenn im Herbst die Brunftschreie der Hirsche durchs Tal hallen, hört man förmlich die Einsamkeit der Berge. Bis der Magen knurrt und man sich verstohlen Gedanken über Reh in Rotweinsauce macht.

Hogmanay

Hogmanay ist kein Spass. Schliesslich ist Hogmanay der höchste Feiertag, den die Schotten zu bieten haben. Die Bedeutung auf der nationalen Feiertage-Wichtigkeitsskala war immer schon am höchsten. Da kann Weihnachten nicht mal ansatzweise mithalten. Denn ist der Geschenke- und Weihnachtskartenwahn erst mal überstanden und die Papierkronen wieder weggepackt, dann kann man sich umgehend auf die wahrhaft wichtigen Tage im Jahr vorbereiten: auf Hogmanay.

Silvester oder Neujahr, wie man will. Drei Tage Ausnahmezustand im Land und vor allem auf dem Land. In grossen Städten wie Edinburgh, Glasgow oder Stirling krachen wie überall viel Feuerwerk und Böller, dröhnt Entertainment von gigantischen Bühnen mit große Menschenansammlungen davor.

Davon ist man im Hochland weit entfernt. Grosse Menschenansammlungen sind hier schlichtweg auch viel schwerer zu bewerkstelligen. Man findet sich im kleinen Kreis zusammen.

Und die Bräuche sind ganz anders, als i Deutschland.

Keiner stösst hier stilvoll mit Champagner an. Ist teuer, schwer zu bekommen und außerdem – wer hat schon die Gläser für so was im Schrank. Ich streiche also das perlende Festgetränk von einer mentalen Silvesterliste und arrangiere mich mit Bier, Wein und Whisky. Das „was“, ist in diesen drei Tagen nicht so wichtig. Das wieviel ist eher eine Frage, die diskutiert werden will. Im besten Fall heißt die Antwort immer „Viel.“.

Statt Feuerwerk wird an trockenen Jahreswechseln, also solchen mit mäßigem Niederschlag, böigem Wind und leichten Schneeschauern, gerne mal ein Lagerfeuer entfacht. Das ist überall am Strand erlaubt. In Jahren mit feuchten Jahren, also solchen mit Platzregen, Orkanböen und Blitzeis lässt man es meist ausfallen.

bonfire

bonfire

Das Feuer knistert und wärmt in der stockdunklen Winternacht, die viel schwärzer ist, als in der Stadt. In der Romantik des Festgeschehens vergisst man gerne, dass der eine Nachbar einen Kanister Diesel über dem alten und feuchten Holz ausgekippt hat, um es zu entzünden und daß der andere Nachbar zwei Altreifen auf dem Silvesterfeuer entsorgt hat. Bedenken über giftige Gase werden mit einer Handbewegung lächelnd weggewischt. Bald ist ohnehin jeder so betrunken, daß er das brennende Gummi gar nicht mehr riecht.

Fällt die Neujahrsnacht im Freien flach, dann ist mit dem Glockenschlag („at the bells)“ die Sunde des grossen, gutaussehenden und gehemnisvollen Fremden gekommen. Er sollte die erste Person sein, die im neuen Jahr die heimische Schwelle überschreitet (“first footing“). Man darf da natürlich auch schummeln und kurz vor zwölf jemand Dunkelhaariges aus der Familie in die Kälte schicken, der dann nach Mitternacht wieder reinkommen darf. Allerdings muß er dann ein paar Kohlen in der Hand haben und die im Haus ins Feuer werfen, das soll Glück und Reichtum bringen. Die Frage, wie das in Haushalten ohne Kaminofen oder Kamin gehandhabt wird, konnte bislang noch nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden. Vermutlich werden in den Städten am 1. Januar die Fenstersimse voller Kohlen liegen.

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Und zu essen? Unsere Nachbrarin macht eine Art süßen Knödel, den „clootie dumpling“, der unfassbar süß ist und den ganzen Tag in ein Tuch (“clootie“ kommt von „cloth“ also Tuch) eingewickelt im Topf vor sich hinköchelt. Rosinen, Butter und Zucker im Überfluß, gefühlte 5.000 Kalorien das Stück. Danach braucht der Magen dringend einen Whisky womit wir wieder bei dem „viel“ und der Frage sind, was Hogmanay denn nun wirklich ausmacht. Es gibt letstlich nur eine Antwort: viel trinken.

Die Tatsache, dass die Schotten nicht nur vom 31. auf den 1. feiern, sondern bis zum 2. den Jahreswechsel auskosten, die sagt doch alles.

Slainte! (Prost!) Whisky