Extrawurst

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach ExtrawurstIch habe in den letzten Wochen darüber berichtet wie es ist, mit dem Highlander in Europa unterwegs zu sein. Wir haben die Rollen getauscht. Nun bin ich zu Hause und er hat ein Abenteuer nach dem anderen, jetzt geht es ihm ein bisschen wie mir in meinen Anfangsjahren in den Highlands.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach ExtrawurstDer Mann besucht mich regelmäßig. Wir führen seit Jahren eine funktionierende Fernbeziehung, ich verbringe 1 Monat im Winter und 2-3 Monate im Sommer bei ihm und er besucht mich in der Regel für 14 Tage im Schwarzwald.

Sein Job erlaubt ihm nicht viel mehr, Ich kann Monate durcharbeiten und dann auch Monate frei bzw. Wochenende machen.

Auf dem Kontinent sind viele Dinge anders, als er es gewohnt ist. Das meiste findet er wunderbar, allem voran den örtlichen Metzger und die Aufschnitt Theke. In Schottland kennt er abgepackt gekochten Schinken, Chorizo und Corned Beef in der Dose. Im Schwarzwald erlebt er den Wurst Overkill und steht ganz beseelt vor so viel Wurstglück im Metzger, unfähig sich zu entscheiden, ein bisschen wie ein kleines Kind vor dem Adventskalender:

  1. Dezember Lyoner
  2. Dezember Bierwurst
  3. Dezember Mettwurst
  4. Dezember Salami

Nwellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands ExtrawurstSein Highlight aber ist ohne Zweifel eine Scheibe heißer Fleischkäse im Brötchen, das kann er genauso wie Extrawurst auf Deutsch sagen. Sonst hat er es nicht so mit dem Deutsch lernen.

Beim Bäcker geht es ihm ähnlich, so viel verschiedene Brotsorten, gewohnt ist er plain loaf und die viereckigen Scheiben Labberbrot, mit dem man Sandwiches macht. Oder die ähnlich weichen Brötchen. Knusprig und bissfest sind ihm gänzlich fremde Vokabel, wenn es um Brot geht, eine Schwarzwälder Bäckerei treibt ihn an den Rand der Fassungslosigkeit.

Und den Kuchen gibt es nicht in Plastik verpackt aus der Kühltheke, sondern ganz und rund und in voller frischer Pracht beim Konditor.

Deshalb ist der Schwarzwald seine Kirsche auf der Torte. Und der Fleischkäseweck sein erklärtes Lieblingsfrühstück.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach Extrawurst

Wir sind auf einem Ausflug in Hohenlohische, genießen Sonne, Burgen und idyllische Städtchen. Und natürlich Abendessen, landestypisch.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands ExtrawurstWas ihm schwer fällt zu verstehen, ist das deutsche Bedürfnis zu allem seinen Salat dazu zu reichen. Vom Salatblatt im Lyonerweck bis hin zum Beilagensalat fürs Brauerschnitztel. Warum das gute Schnitzel mit so viel seltsamem Zeug belasten, wenn man es auch einfach pur oder mit Pommes essen kann? Ich erkläre ihm, dass ein SchniPoSa ohne Salat nur ein SchniPo wäre und damit mindestens ein Drittel seines Charmes einbüßt. Sieht der Schotte offensichtlich anders, während er den Beilagensalat auf meine Tischseite schiebt. Wahrscheinlich aus Angst, er könnte ansteckend sein. Nur die Ecke mit dem Kartoffelsalat ist angegessen, der Rest ist unberührt.

„Du solltest wirklich mehr Saat essen.“ sage ich.

„Ok.“ sagt der Mann ergeben und schaut grinsend in mein nun verwundertes Gesicht.

„Dann essen wir Morgen Wurstsalat.“

Nellie Merthe Erkenabch Abenteuer Highlands Extrawurst

 

 

Italienische Reise Teil 3

Essen, trinken, Schuhe

Der Mann wird am frühen Morgen gleich aus seiner Komfortzone gerissen: er ist warmes Frühstück gewohnt. Ein kaltes lässt ihn irgendwie unbefriedigt zurück. Liegt wohl am schottischen Wetter, da ist man meist froh über ein wenig Wärme im Magen. Mehr als warmen Kaffee bekommt man in Italien aber meist nicht zu Frühstück, mit biscotti und brioche kann man den Mann nicht locken aber wir entdecken einen modernen Bagel Laden gleich gegenüber von unserem Apartment – die toasten ihre Bagel und machen den Mann glücklich. Ich nehme das Joghurt mit Früchten, kühle Leichtigkeit in der italienischen Wärme und wir sind beide voll auf zufrieden mit dem Start in den Tag.

Generell scheint es mir so, als sei der Schotte an sich sehr viel mehr in seinem Schottischein verwurzelt als ich es in meinem Deutschsein bin. Ich genieße es anders zu sein, wenn ich anderswo bin, während der Mann anderswo versucht das zu finden, was er kennt. Die Lust auf Neues und Unbekanntes scheint dem Germanen näher als dem Highlander. Der ist immer vor alle eins – schottisch.

Wir genießen das Leben und die drei essenziellen Dinge im Leben: essen, trinken, Schuhe. Also irgendwie alles, was Italien tief im Innersten so ausmacht für uns Deutsche. Zumindest für mich.

Und nein, wer glaubt der Mann habe mit all dem nichts zu tun, der irrt in fataler Weise. Der Mann isst und trinkt auch sehr gerne. Mit Schuhen hat er es gemeinhin nicht so. Ich war schon erleichtert, dass er die Gummistiefel nicht eingepackt hat, die er zu Hause in den Highlands eigentlich immer trägt, wenn er aus der Tür tritt und nicht zur Arbeit geht. Die Notwendigkeit eines neuen Paars Schuhe ist für ihn generell nicht so offensichtlich wie für mich. Aber irgendwie ist das in den Highlands mit modischen Schuhwerk auch ziemlich schwierig. Da ist man in der Tat mit Hausschuhen, Wanderschuhen und Gummistiefeln einigermaßen gut und ausreichend ausgerüstet.

Und Italien? Hallo! Das geht nur mit neuen Schuhen.

Markt in Turin

Aber das darf man dem Mann nicht so einfach aufzwingen und vor allem darf man ihn nicht in schicke Schuhläden schleppen, da beharrt er dann trotzig auf seinen Gummistiefeln und nichts ist erreicht. Wie viel besser ist das das lässig beiläufige Schlendern über einen der vielen Märkte. Ich bin gefangen, kaufe Halstücher und finde einen Schuhstand, an dem ich gleich drei Paar Schuhe (eigentlich sind es vier aber ein Paar ist für meine Schwester) erstehe. Für schlankes Geld.

Der Mann ist angetan von meinem Sparsinn, wenn auch etwas amüsiert über die Menge, in der gespart wird. Er lässt sich treiben und probiert tatsächlich ein paar Schuhe an einem Stand mit Männerschuhkartons an. Der Verkäufer und ich schieben ihm in einer gemeinsamen Anstrengung diverse Exemplare zu und Mann probiert sie sogar an.

„Aber die sind grau, die kann ich zu Hause nicht tragen.“ sagt er.

Wieso kann man in Schottland keine grauen Schuhe tragen, wenn man unentwegt graue Hosen trägt? Modefragen sind, wenn sie denn mal auftauchen, gerne komplexer in den Highlands.

Diese Einschränkung scheint mir nicht schlüssig und nach einigem hin und her hat auch der Mann Schuhe, Halstücher für die Schwester und allerlei andere Dinge, die der Markt so bietet erstanden. Als wir am Ende der Gasse angelangt sind, ist uns das Bargeld ausgegangen.

Zeit, etwas zu trinken und die vielen Tüten um uns zu drapieren. Der Mann nennt mich Imelda, aber das ignoriere ich tunlichst und betrachte unauffällig meine Schuhe.

Bier und Eiskaffee TurinIch nehme ein Bier, er am Ende seiner Kräfte und deshalb mit erhöhtem Zuckerbedarf, einen Turiner Eiskaffee. Wir sind beide höchst zufrieden, wie wir da im Schatten der Arkaden sitzen und uns erholen.

Wer hätte gedacht, dass man mit dem Highlander shoppen gehen kann!

Am Abend steht der Mann beim Essen wieder vor dem nächsten Abenteuer.

In Italien wird nicht frittiert, hier legenen sie grüne Dinge auf die Teller und servieren Nudeln. Alles Dinge, die dem Mann höchst suspekt erscheinen. Und dann isst man auch noch im Freien, da würde man in Schottland, mal ganz abgesehen von den Temperaturen, selbst zum Abendessen. Wegen der Millionen midges, die sich gerne ins Fleisch beißen. In Bella Italia aber ist es angenehm lau, man kann mit einem Halstuch auch im Oktober noch wunderbar al fresco dinieren.

Turin at nightEs gibt vongole und für Meeresfrüchte ist der Mann immer zu haben. Er lässt sich sogar breitschlagen, die mit Spaghetti zu bestellen. Die sind aber so al dente, dass er sie höflich im Teller zurücklässt. Wir sitzen auf einem lauschigen piazza und schwelgen in schwarzen Trüffeln und Risotto und genießen den Wein aus dem Piemont. Herrlich!

Bis im Haus nebenan eine dicke Signora auf den winzigen Balkon tritt und altes, offensichtlich eingeweichtes Brot mit einem lauten platsch! auf dem Platz wirft. Kennt man aus dem Mittelalter, ist aber in der Neuzeit vor allem neben Restaurant eher nicht üblich. Die Dame verschwindet wieder und lässt mich ratlos zurück.

Jetzt könnte man Gummistiefel brauchen meint der Mann.

Ich schweige. Weise.

 

Demnächst: Arrivederci Italia

 

 

 

Italienische Reise Teil 1             

Der Masterplan, Hannibal und der Tunnel

Zwei Dinge sind Gift für jegliches Abenteuergefühl: Zeit und Gewohnheit. Abenteuer erfordern Geschwindigkeit, Überraschendes, Neues.

Mein Leben in Schottland hat nun, nach vielen Jahren viel Zeit und Gewohnheit angenommen und fühlt sich meist nicht mehr an wie ein Abenteuer, mehr wie ein ungewöhnliches Zweitleben. Vielleicht habe ich deshalb in den letzten Jahren immer weniger für diesen Blog geschrieben. Aus Abenteuer Highlands war Alltag Highlands geworden, nicht weniger schön und bereichernd aber eben weniger Abenteuer. Das Leben bleibt nun mal nicht immer gleich, man merkt es meist nur etwas zeitversetzt, dass es sich geändert hat.

Und da grübelte ich nun über Sinn und Zukunft von Abenteuer Highlands bis mir klar wurde, dass Abenteuer nicht auf meiner Seite der Beziehung gelebt werden, sondern auf der anderen, der schottischen Seite. Aus Abenteuer Highlands wurde der Abenteurer aus den Highlands.

Glenelg ferry

Der Mann und ich leben nun schon seit vielen Jahren in dieser 1000 Meilen Fernbeziehung.  Gut drei Monate im Jahr verbringe ich bei ihm in Schottland, den Rest des Jahres lebe ich in Deutschland, arbeiten und Geld verdienen. Da kommt mich der Mann meist einmal im Jahr besuchen, für zwei bis drei Wochen. Und dann ist wieder Zeit für Abenteuer, wenn der Highlander aus Raum und Zeit gerissen existieren muss.

WürttembergPlötzlich ist er der Fisch auf dem Trockenen. Viel mehr noch, als ich es in den Highlands je war. Denn was die meisten Schotten auszeichnet ist die Tatsache, dass sie sehr in ihrem Land und ihrem Schottischsein verwurzelt sind und das Leben immer zuerst wenn nicht gar ausschließlich von einem schottischen Blickwinkel aus sehen, zum Beispiel Italien.

Früher war Italien eines meiner Lieblingsreiseländer, die Sommer meiner Kindheit habe ich an Adriastränden zugebracht, viele Sommer meines Erwachsenenlebens in der Toskana oder am Gardasee und meine Motorradurlaube am Lago Maggiore. Wein, italienische Küche, Schuhe, Handtaschen, dolce far niente – Italien war (da war ich ganz Tedesca) ultimatives Urlaubsland. Der Mann aber war nie in seinem Leben in Italien, er kennt Italiener aus Mafiafilmen oder Glasgower Chipshops und für ihn ist italienisches Essen meat feast pizza und verkochte macaroni and cheese, weswegen er auch eine strikte Nudelaversion entwickelt hat.

Ich sehe Entwicklungspotenzial und plane einen Coup: Ich werde ihm das Italien zeigen, das er nicht kennt, das Lebensgefühl von Essen im Freien, schönem Wetter und lauen Nächten mit kühlem Wein; unschottisch italienisch, al dente eben. Er wird es lieben. Er muss einfach.

Der Mann hat die ersten zwei Oktoberwochen Urlaub und fliegt zu mir. Das hat er geplant. Ich aber habe den Masterplan. Ich hole ihn vom Flughafen ab, mit gepackten Koffern und fahre mit ihm direkt nach Italien, genauer gesagt nach Turin. Da war ich in der Tat selbst noch nie aber wollte immer schon mal hin und Piemont im Herbst – was kann es besseres geben? Ich sehe Spaghetti mit frischen Trüffeln, herrliche Weine, Käse und sanfte Nächte im historischen Stadtzentrum dieser prachtvollen Stadt. Dann kann er nicht anders als Italien zu lieben. Es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben.

Von Turin habe ich ihm in den Wochen vor der Überraschung natürlich kein Sterbenswörtchen erzählt. Er wusste, wir verreisen aber das wahre Ziel blieb im Dunkeln. Statt Turin erzählte ich ihm unser Ziel sei Gelsenkirchen. Sorry liebe Gelsenkirchener aber ich suchte einen deutschen Ortsnamen, dessen Klang wenig Anziehungskraft ausstrahlt. Der Mann hat ja Sinn für Humor und kennt Schalke, er wusste, dass ich ihn auf den Arm nehme. Ich hätte auch Castrop-Rauxel sagen können.

Mein Masterplan sah die komplette Ahnungslosigkeit bis hin zum letzten Moment vor und er hatte tatsächlich keine Ahnung. In der Zwischenzeit hatte ich bei Amazon einen Reiseführer bestellt und ihn zu ihm nach Schottland schicken lassen. Er war gewarnt, die Sendung nicht vor der Abreise zu öffnen, das Buch aber auf die Reise mitzunehmen. Ich dachte mir, er könne es dann auf dem Flug durchblättern und sich Ideen und Eindrücke holen, was er denn gerne sehen würde. Schließlich ist es einer der größten Schwierigkeiten überhaupt aus dem Mann herauszubekommen, was er möchte. Ein Buch, so dachte ich würde es einfacher machen. Ich hatte mich gegen einen reinen Turin-Reiseführer und für Italian Riviera & Piemonte entschieden.

Und so packte ich ihn ein sobald er aus dem Flugzeug gestiegen war und fuhr mit ihm der Sonne entgegen. Der 1. Oktober wer seit langem mal wieder ein trüber und regnerischer Tag und die Fahrt durch die Schweiz hatte wenig erbauliches, das Alpenpanorama versteckte sich hinter grauen Wolkenmassen, der Verkehr war dicht und der Mann müde. Ich ließ ihn schlafen und träumte von Italien. Die Strecke führte uns von Basel über Bern und den Großen Sankt Bernhard nach Italien. Ich hatte ja ein Navi und jede Menge belegte Brötchen vom heimischen Bäcker dabei, war also faktisch besser ausgerüstet als Hannibal mit seinen Elefanten. Der hatte ja auch Probleme mit dem Schnee und ich war mir sicher, dass ich die nicht haben würde. Ich wollte ja den Tunnel nehmen.

Aber langsam wurde es immer kälter und der Regen immer kristalliger. Wir waren schon auf 1.500 Metern und noch immer war weit und breit kein Tunnel in Sicht.

Ich wecke den Mann (er ist die Nacht durch die Highlands nach Edinburgh zum Flughafen gefahren und dementsprechend ziemlich fertig), wohl wissend, dass auch Hannibal höllisch Probleme hatte mit seinen rutschenden Elefanten auf Neuschnee. Meine Niederquerschnittsreifen sind Sommerreifen also sowas wie Elefanten bei Neuschnee.

©derMann

„Wie weit ist es noch bis zum Tunnel?“ frage ich, wir sind auf 1.600 Meter und haben Schneeregen. Im Navi ist es leider nicht zu erkennen, wann endlich der Tunnel kommt.

„Keine Ahnung!“ sagt der Mann verschlafen und versucht sich zu sortieren.

©derMann„Schau doch mal auf Google Maps.“ organisiere ich ihn aber das dauert, in den Highlands ist eh nie Empfang, da fingert man nicht auf dem Telefon rum beim Fahren. Er ist also nicht wirklich im Training. Während er also so müde wie erfolglos auf seinem Display rumtippt, kommen wir immer höher und höher und es wird von Minute zu Minute kälter: 3°, 2°, 1,5°, das Auto blinkt Frostwarnungen.

1.700 Meter.

„Wann kommt endlich dieser … Tunnel?“

Die Straße hat Gott sei Dank eine Überdachung bekommen und ist auf der rechten Seite offen, links sieht sie schon aus wie ein Tunnel. Der Schnee fällt dicht und schnell.

1.750 Meter. Dann kommt der Tunnel. Endlich. Muss wohl so eine Art Gipfeltunnel sein, denn der Pass ist nur ein paar Kilometer weiter. Wir nehmen den Tunnel, keine Frage mit diesen Reifen. Am kleinen Sankt Bernhard sollen sie ja mal ein Elefantenskelett gefunden haben. Da wollen wir den Archäologen am Großen Sankt Bernhard keinen schottisch-germanischen Skelettfund bieten.

©derMannZweiundvierzig Euro. Einfache Strecke. Ohne Elefant, nur ein Mittelklassewagen mit zwei Personen. Großer Sankt Bernhard, großer Preis aber was soll’s: großes Abenteuer. Als wir auf der anderen Seite wieder gen Licht und in die Wärme fahren, ist hinter uns der ganze Berg weiß.

Geschafft! Wir haben die Alpen überquert. Das Abenteuer Italien hat begonnen.

 

Demnächst:    Teil 2   Wo genau sind wir eigentlich?

 

 

 

ein Kaffeewärmer und ein gefährliches Frühstück

Es fing eigentlich alles ganz lustig an, mit einer moldawischen Hochzeit, bei der ich und zwei Arbeitskolleginnen ganz zufällig reinplatzten als wir in einem georgischen Restaurant zu Abend essen wollten. Eine Viertelstunde später hatten wir das Brautpaar geherzt, mit dem Trauzeugen Sergeji diverse Schnäpse auf die Gesundheit der frisch Vermählten getrunken und mit der Brautjungfer den Brautstrauß gefangen.

Das mit den Schnäpsen hätte ich mal besser gelassen (kommt der Satz eigentlich irgendjemandem bekannt vor???), noch in der Nacht bekam ich starke Magenschmerzen. Dank meiner Kollegin hatte ich Medikamente und konnte die 19 stündige Reise zurück nach Schottland fast beschwerdefrei angehen.

Ich war der festen Überzeugung, die Ruhe und gute Luft in den Highlands würden meinen Magen endgültig wieder beruhigen.

Harviestoun BeerVielleicht war es nicht die weiseste allen Entscheidungen, mich zwei Tage später mit einem alten Kumpel, den ich Jahre nicht gesehen hatte, auf ein paar Bier in Glasgow zu treffen und nach dem vierten Pint auch noch eine fettige Portion Pommes daraufzulegen. Kaum im Hotel spielte mein Magen richtig verrückt, bitter und twisted, genau so fühlte ich mich.

Irgendwas war da im Busch also setzte ich mich selbst auf Schonkost und aß ausschließlich Porridge zum Frühstück. Wo besser als im Land des Haferbreis? Der Mann hat ja einen schottischen Magen, der braucht keine Haferflocken.

cooked breakfast

Und dann mache ich den fatalsten Fehler von allen. Am dritten Schonkost-Tag gönne ich mir ein paar Walnüsse im Porridge….

Aaaaaarrrrrrrrgggggglllllllll!!!!

Nach einer Stunde setzen irrsinnige Schmerzen ein und nach 90 Minuten halte ich es nicht mehr aus.

„Bring mich ins Krankenhaus!“

Der Mann packt mich ins Auto und bringt mich zur nächsten Insel und dem nächsten Krankenhaus, dem Mackinnon Memorial auf der Isle of Skye. Da liege ich nun, in der Notaufnahme, in meinem Leben noch nie in einer Notaufnahme gewesen. Und jetzt also in den Highlands.

Ich werde untersucht, die Schmerzen sind unerträglich.

„Wir geben Ihnen Morphium gegen die Schmerzen und behalten sie die Nacht über zur Beobachtung da.“

Das Morphium wirkt schnell, ich entspanne und sehen nun auch das Lustige an der Situation. In diesem Fall steht das Lustige an der Decke über meiner Behandlungspritsche.

„Nschmal nnhh Foddo“, nuschle ich den Mann an.

Er übersetzt korrekt: Mach mal ein Foto, bitte.

Traue nie einem Mann, der einen Teewärmer nicht aufsetzt, wenn man ihn damit allein lässt, sagt Billy Connolly, den ich ohnehin für den witzigsten Mann auf diesem Planeten halte.

Ich  stelle mir den Mann mit einem gehäkelten Teewärmer (bei uns eigentlich ein Kaffeewärmer)auf den langen Haaren vor und kichere still vor mich hin.

Morphiumseelig grinse ich den besorgt blickenden Mann an. Der will wissen, ob ich was von zu Hause (eine knappe Stunde Fahrt also zwei hin und zurück) brauche. Ja, ich brauche was zum waschen, was zum anziehen und mein Tablet samt Kabel.

Dann schlafe ich und als ich wieder aufwache ist der Mann da, hat Kabel, Tablet und Adapter dabei, ein frisches T-shirt, ein Nachtshirt…

„Zahnbürste?“ frage ich?

„Brauchst du die?“

„Nachtcreme?“ frage ich weiter.

Äh…

Während der Mann zum Supermarkt geht und die Sachen zum waschen einkauft, schlafe ich wieder selig. Mir geht es gut, kein Hunger, nur schrecklichen Durst habe ich, obwohl sie mir über den Tropf literweise (oder heißt das hier pintweise?) Salzlösung einflößen. Unfassbar wie viel Lösung so in einen Menschen passt.

„Ich habe die Lösung für alle Probleme!“ kichere ich.

Trinken darf ich so gut wie nichts und auch essen nicht. nil by mouthMan hat mir das berühmte Schild ans Bett gelegt – nil by mouth. Ich darf Null zu mir nehmen. Zero. Morphium sei dank ist mir das ganz egal.

Ich schicke den Mann nach Hause, der irgendwie ganz unglücklich aussieht und versuche wieder zu schlafen. Dann bringen sie eine Frau ungefähr in meinem Alter in mein Zimmer, Engländerin, die hier lebt. Sie hat einen Herzschrittmacher, zu hohen Blutdruck und ich weiß nicht was noch alles aber sie will unbedingt morgen wieder schwimmen. Im Meer. Das ist hier eiskalt. Sie schwimmt das ganze Jahr sagt sie. Es gibt nicht Besseres.

Mir fällt viel besseres ein aber ich behalte es für mich und fühle mich ganz klein mit meinem lächerlichen Magenproblem.

Eine Ärztin taucht auf, groß, schlank, blond. Sie spricht mich auf Deutsch an. Ich frage mich, ob das an den Drogen liegt. Liegt aber daran, dass sie Holländerin ist.

Der Arzt am nächsten Morgen ist Südafrikaner. Ganz schön international hier.

Die Schwestern sind wunderbar und auch wenn sie mich in der Nacht immer wieder wecken (Infusion wechseln, Temperatur und Blutdruck messen usw.).

Wäre ich gesetzlich versichert, dann wäre das alles kostenlos hier für mich. Aber ich bin privat versichert, also gibt das eine Rechnung.

Am nächsten Morgen werde ich entlassen, ich muss zwei Monate Medikamente nehmen und zu Hause einen Spezialisten aufsuchen. Die Medikamente in der Apotheke sind kostenlos. Wäre ich nicht so schwach, ich würde ein Loblied auf den NHS (National Health Service) Scotland  singen.

Jetzt halte ich Schonkost und komme gut damit klar. Kein Öl, keine fette Wurst oder Käse, kein Alkohol, kein Kaffee.

Ist alles gut zu ertragen, ich liebe Porridge, Grießbrei und baked potatoes. Und wenn es mich doch nervt, dass ich gerade keinen Kaffee trinken kann, dann erinnere ich mich an meinen Traum vom Krankenhaus.

Da schwimmt der Mann weil ich ihn alleine gelassen habe mit einem rot-weiß gestrickten Teewärmer auf dem Kopf durch die Meerenge bei Kyle of Lochalsh und Billy Connolly steht am Pier und begleitet ihn auf der Gitarre.

Man sollte mir wirklich kein Morphium geben!

 

 

NEU: Das Taschenbuch zum Blog

Nellie Marthe Erkenbach

Das Taschenbuch zum Blog

Dear Reader,

it is a truth universally acknowledged

…dass manche Dinge länger dauern als man möchte aber nun ist es endlich so weit. Das Taschenbuch ist veröffentlicht und ab sofort beim Amazon verfügbar.

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Abenteuer Highlands: Mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland

Taschenbuch: 241 Seiten

Verlag: Independently published (28. Juli 2018) by Kindle Direct Publishing/Amazon

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 1980806314

ISBN-13: 978-1980806318

Größe: 12,9 x 1,4 x 19,8 cm

Preis: 11,76 €

Das eBook zum Blog

Nellie Merthe Erkenbach

Das Buch zum Blog

Abenteuer Highlands- mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland ist ab sofort als eBook bei Amazon und Kindle erhältlich!

Für Schottlandliebhaberinnen, Hobbyaussteigerinnen und alle Frauen, die sich den Sinn für die kleinen Alltagsabenteuer bewahrt haben.

Kann man zwei gänzlich unterschiedliche Leben leben? Eines in der großen, weiten, atemberaubenden Wildnis und eines inmitten des Medientrubels in Deutschland und überall auf der Welt? Eines voller Hektik und Termindruck als Fernsehjournalistin und eines zurückgezogen und einsam, gemeinsam mit „dem Mann“ im schottischen Hochland?

Ich kann. Und ich genieße beides in vollen Zügen.

Rio, Moskau, Paris – ein schnelles Hochglanzleben. Klingt wie eine Haarspraywerbung, ist aber spannend und abwechslungsreich. Immer am Puls der Zeit. Unabhängig. Aufregend. Bis mich das Schicksal in eine gänzlich andere Welt katapultierte, weit in den Norden, ans Meer, genau dahin, wo das schottische Hochland am einsamsten ist. Hier sind die Menschen noch einen kleinen Tick anders. Und das Leben Lichtjahre entfernt von dem, was man kennt. Dann werden Dinge, die bis eben noch selbstverständlich schienen, auf einmal ganz und gar abwegig und die abwegigsten Dinge ganz und gar selbstverständlich – das tägliche Leben ein einziges Abenteuer.

Von Schafen, Schotten und anderen Heimsuchungen, mein etwas anderes Hochlandleben, mein Abenteuer Highlands.

 

Moorleiche

Ja, ich bin schon ein paar Jahre Teilzeitschottin und ich hege den festen Glauben, alle Fallen zu kennen, die dieses wunderbare Land Fremden zu stellen in der Lage ist.

Wenn ein Blogpost so beginnt, dann weiß der geneigte Leser selbstverständlich, was nun folgt…

Ja!

Pustekuchen!

Ich bin reingefallen.

Aber der Reihe nach.

Die Geschichte beginnt wie so oft ganz harmlos und mit einem gar nicht so dummen Gedanken.

Der Winter hält das Land fest im kalten Griff. Eis und Schnee machen das Wandern zu einer Rutschpartie. Ganz oft fließt hier das Wasser von den Bergen die Wanderpfade entlang. Wie das bei Eis aussieht, kann man sich vorstellen.

Als denke ich: Besser nicht rauf auf die Berge oder ab von der Straße. Ich gehe auf eine kleine Fototour auf einer wenig befahrenen Sackgasse entlang eines Meeresarms. Alles sicher geteert. (1)

Ein, zwei Stunden laufen, die Stille genießen, den weißen Winterberge entgegen, vor mir das Meer und die Sonne glitzert im Eis. Und die Kamera bereit, das alles einzufangen.

Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt bin ich am Parkplatz angekommen und beginne mich einzumümmlen. Ist das kalt aber sooooo schön. Atemberaubend. An sonnigen Tagen sind die Highlands im Winter fast noch schöner als im Sommer.

Klick. Klick… ich kann gar nicht mehr aufhören. Und dabei bin ich noch nicht einmal richtig losgelaufen. Gerade mal 150 Meter vielleicht. Dieses Panorama!

Ich mache einen Schritt von der Straße weg, um die vereisten Zweige besser in den Bildvordergrund zu bekommen.

Ich fokussiere und…

…aaahhhhh sinke mit meinem rechten Bein urplötzlich ein. Bis weit übers Knie. Und dann gibt das Eis unter dem linken Bein nach. Ich reiße die Kamera nach oben, halte sie weit über dem Kopf und sehe vor meinem inneren Auge eine 300 Jahre alte Moorleiche mit einer altertümlichen Spiegelreflexkamera in der Hand, wie sie 2318 von schottischen Paläanthropologen ausgegraben und untersucht wird.

Ich will nicht ausgegraben und untersucht werden. Auch nicht in 300 Jahren. Also versuche ich mich unter Sicherung der Kamera wieder rauszukämpfen aus dem Loch, in das ich eingebrochen bin. Nur 30 cm neben der Straße. Aber dramatische 65cm tief.

Ich schaffe es irgendwie und stehe triefend am Straßenrand. Wasser läuft aus den Schuhen und der Hose wie aus einer Wasserleiche bei der Bergung. Und irgendwie fühle ich mich auch so.

Die Algen haben sich schon wieder über der Falle zugezogen. Ein tiefer, Wasser führender, überwachsener Graben. Zugefroren. Eigentlich nicht zu erkennen.

Da triefe ich nun bei -3°C. Im Fernsehen schauen der Mann und ich oft Life Below Zero. Aussteiger in Alaska. Die erklären fast in jeder Folge, wie gefährlich es ist, in der Kälte ins Eis einzubrechen. Man stirbt unweigerlich, wenn man sich nicht sofort auszieht und ein Feuer macht.

Davon sehe ich zunächst mal ab. Die Postfrau, die hier auf ihrer Runde ist, würde das zu Recht etwas befremdlich finden.

Ich laufe Richtung Auto. So kann ich ja wohl nicht weiter gehen.

Aber wenn ich schnell laufe?

Nein, lieber wieder zurück und raus aus den nassen Klamotten.

Aber dann bin ich anderthalb Stunden umsonst gefahren!

Aber es ist so kalt, dass selbst das Meer zufriert!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Mir wird klar, dass ich mich seit Minuten auf einem Straßenstück von 5 Metern in eine Richtung bewege, anhalte, umdrehe, anhalte…

Ich gebe mir einen inneren und äußeren Ruck und laufe los. Unterwegs friert mir der nasse Teil der Hose ein. Das macht ein lustiges Geräusch beim Laufen. Als wäre sie aus Pappe.

Aber solange ich schnell gehe, ist mir nicht kalt und auch das Quietschen der Schuhe wird bald leiser.

Nur die Knie tun mir weh, die habe ich mir bei meinem Grabenunglück aufgeschürft. Ich sehe aus wie ein Fünfjähriger, der vom Spielplatz kommt.

Aber lieber das, als auszusehen wie eine 300 Jahre alte Moorleiche mit Kamera.

***

(1) Bei geteerten Straßen fällt mir ein, meine Großeltern nannten das manchmal noch Makadam. Kommt, wie ich jetzt weiß, von MacAdam , John MacAdam. Schotte natürlich. Aus Dumfries.

 

ich, er und das wir

Der Mann verwirrt mich gelegentlich. Möglicherweise geht das vielen Frauen so. Ich, er und wir sind eigentlich klare Referenzpunkte. Eigentlich. Denn das schottische we ist alles andere als nur wir.

Es hat Jahre gedauert, bis ich mich an die schottische Eigenheit gewöhnt habe, niemals etwas klar und präzise auszudrücken. Die Schotten lassen immer Spielraum für Interpretation. Ein klares ja oder nein ist in den Highlands fast unmöglich zu erhalten. Echt kompliziert für eine Deutsche.

Hast du Hunger?                    Wenn du etwas essen möchtest.….

Also ja??                                      Ganz wie du willst….

Aber was willst du?             Mir egal.

Facepalm

Vielleicht liegt es ja daran, dass es im Gälischen kein ja und kein nein gibt. Man umschreibt, bleibt vage, legt sich nicht fest. Das muss sich in die Gene eingebrannt haben in den Highlands.

Problem ist nur, meine Gene funktionieren deutsch also mit ja und nein. Klare Ansagen sind das A und O beim Fernsehen, meinem Job, wenn ich nicht in Schottland bin. Hier gibt es keine klaren Ansagen.

Also interpretiere ich.

Kontext ist alles!

Ganz besonders schlimm ist es beim „wir“. Denn wenn der Mann wir sagt, dann kann das alles Mögliche heißen: ich, du, er, sie es, wir, ihr, sie, die Schotten, irgendjemand, keiner, ich weiß nicht wer…

 

Die Wir-Variationen:

„Wir müssen dringend das Loch im Dach reparieren.“

wir = irgendjemand und irgendwann

„Wir müssen die Union verlassen.“

wir = die Schotten, am besten sofort und keinesfalls irgendwann

„Wir brauchen dieses Computerkabel.“

wir = ich und entspricht in diesem Falle dem deutschen „Ich brauche neue Schuhe.“

Das undefinierte „wir“ funktioniert auch in Fragen:

„Brauchen wir das wirklich?“

wir = du. Die Antwort ist in diesem Falle zu 90% nein.

Und was das schottische „we“ ganz besonders komplex macht: Es hat nicht zu tun mit dem inflationär gebrauchten schottischen „wee“. Das heißt klein. Aber das wenigstens immer. Den Unterschied aber hört man kaum.

We need a wee screwdriver. = Ich brauche einen kleinen Schraubenzieher.

Der Mann nennt es das Royal We. Pluralis Majestatis.

Wir finden das ein wenig übertrieben. Aber nur ein kleines bisschen.

 

 

 

…. und es wird ein Buch

Liebe Follower,

ja ich weiß, es ist schon ein Weilchen her, dass ich über mein Abenteuer in den Highlands geschrieben habe. Ich lebe es immer noch, keine Sorge. Ich war nur ziemlich damit beschäftigt, meine Erlebnisse für einen namhaften Verlag in Deutschland in Buchform zu bringen. Das Werk sollte eigentlich Anfang 2018 veröffentlicht werden. Doch der Verlag hat die Reihe zwischenzeitlich eingestellt und den Vertrag aufgelöst.

Da saß ich nun mit einem fertigen Manuskript und der Aufwandsentschädigung, mit einem Buch aber ohne Verlag. Und dabei hat der Mann mir doch die großartige Schreibhütte mit dem wunderbarsten Blick der Welt gebaut.

Ich war enttäuscht aber wenn ich etwas in meinem zweiten Leben in Schottland gelernt habe dann das: es gibt zur Not immer einen anderen Weg.

Deshalb habe ich entschieden, das Buch im Selbstverlag bei Amazon zu veröffentlichen. Gerade bin ich wieder in den Highlands und arbeite daran. Nein ich kämpfe darum, denn die Winterstürme sorgen für Stromausfall, die Feiertage für das Ausbleiben des Ölllasters (ein paar Tropfen sind noch im Tank für die Heizung) und die Forstarbeiter haben bei den Fällarbeiten das Breitbandkabel zerstört (kein Internet).

Ich denke an William Wallace und will mir Mel Gibson gleich blaue Farbe ins Gesicht schmieren, um Breitschwert schwingend gegen alle Widrigkeiten der Welt anzureiten.

Ich hab kein Pferd!

Aber hoffentlich bald ein Buch…..

 

Konsonanten-Bezwingerin

Es gibt Sprachen, bei denen die Aussprache der Vokale (aeiou) eine Kunst ist, andere Sprachen werfen andere Probleme auf. In Schottland sind es in beiden Sprachen, dem Schottischen Englisch (Scots) und dem Schottischen Gälisch, die Konsonanten.

IUniversity of Glasgowmmer wenn ich glaube, eine neue Situation erfolgreich gemeistert zu haben, wartet eine neue Herausforderung um die Ecke – in mein Leben in Schottland hören die Überraschungen nie auf.

 

Wahrscheinlich geht es den meisten so, dazu muss man nicht in den Highlands leben.

Glasgow UniversityAls ich in den 90ern zum Studieren nach Schottland kam, sprach ich ein durchaus passables Englisch, ich hatte ein Jahr in England gelebt und mein Grundstudium der Englischen Philologie abgeschlossen – ich war ein Profi.

Dachte ich.

Dann kam ich nach Glasgow und verzweifelte am schottischen „r“, das ein wenig klingt wie eine Kettensäge im Leerlauf: rrrrrrrrrrrrrhhhhhhhhh

Aber das „r“ war nicht mein einziges Problem.

Die Glasgower Eigenart ganze Sätze wie ein Wort auszusprechen („Hausitgon?“= „How is it going?“ = „Wie geht’s“) und so gut wie jeden Konsonanten gänzlich zu ignorieren und wenn es irgendwie geht zu verschlucken stellte mich ein ums andere Mal vor Probleme, ganz besonders die t’s schienen für Glaswegians einfach nicht zu existieren. Glasgow ist eine Sprach-Welt minus die meisten Konsonanten aber mit vielen „r“s.

Inzwischen beherrsche ich die hohe Kunst des RollendenR-Verstehens und auch die des Konsonantenratens, der Mann ist aus Glasgow, mein Ohr ist trainiert alles zu hören, was er zu verschlucken gedenkt, in der Regel sind es ¾ des Satzes.

Doch anstatt tagein tagaus mit seligem Lächeln über so viel Sprachkompetenz aufs Meer zu schauen und zufrieden zu sein, hab ich eine neue Herausforderung gesucht: eine weitere Sprache. Und jetzt hab ich, was mir so oft gefehlt hat: Konsonanten, unfassbar viele Konsonanten, ein Konsonanten-Overkill.

Ich lerne Gälisch.

Sabhal Mòr Ostaig in the far background

Das College hat mich schon immer fasziniert, es liegt direkt an der Südküste der Isle of Skye, das Panorama ist atemberaubend. Sabhal Mòr Ostaig schien mir schon immer einer der wunderbarste Ort der Welt zu sein, um zu studieren, klar, weiß und lichtumflutet an einem Tag, geheimnisumwittert und nebelverhangen am nächsten. Großes Naturschauspiel 365 Tage im Jahr.

Armadale towards Morvern

IMG_0672Ich bin schon oft an Sabhal Mòr Ostaig vorbeigefahren, nun bin ich zum ersten Mal auf dem Campus: Gälisch 1, der Kurs für Anfänger, 5 Tage lang von Morgens bis Nachmittags, Abends Konzerte, Pubquiz, Cèilidh (sprich: käili).

 

IMG_0674Die alte schottische Sprache ist inzwischen wieder sehr lebendig hier in den Highlands also will ich sie lernen. Doch das stellt sich als recht schwierig heraus, denn Gälisch ist eine Sprache, in der zunächst Mal nichts so ausgesprochen wird, wie man denkt und wenn man sie liest, kommt es einem vor als hätte ein wahnsinniger Linguist in einem Anflug von Buchstabenwahn mit Konsonanten um sich geworfen als hinge sein Leben davon ab. Die meisten Redewendungen haben viel mehr unausgesprochene Buchstaben als ausgesprochene.

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So spricht sich ein Donald im Kurs auf Gälisch Domhnall geschrieben ganz simpel Dol, man hätte also einfach den „mhnal“ – Teil rauslassen können. Um das Ganze dann noch etwas mehr zu komplizieren gibt, es im Gälischen eine direkte Anredeform (Vokativ), dann schreibt sich Donald a Dhomhnaill die Ausspache klingt ungefähr wie „ach’oil“ mit Halskratzen. Ich habe gleich am ersten Tag beschlossen Donald, so wenig wie möglich anzusprechen.

Unser großartiger Lehrer Ciaran weckt auch in uns seine Liebe zur Sprache und wenn man sich erst mal reingehört hat, wird alles leichter, es gibt nämlich Regeln und eine sehr logische Grammatik. Vielleicht einer der Gründe, warum es inzwischen auch viele Deutsche nach Sabhal Mòr Ostaig zieht.

IMG_0651Auf jeden Fall gibt es jeden Menge deutsch klingende Wörter, nicht alle aber sind, was sie zu sein versprechen.

Das Mittagessen ist im kleinen Café Ostaig fast immer „Brot agus aran agus im“. Also Suppe mit Brot und Butter wobei Brot Suppe und nicht Brot ist. Aran ist Brot.

Ganz schön verwirrend für eine Deutsche aber an Tag drei kann ich es fehlerfrei auf Gälisch bestellen. Stolz!

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Unsere Klasse ist schottisch international und großartig, unser Lehrer ein Geschenk und nach einer Woche Spaß und Grammatik ist die Klasse Gälisch 1 so weit, wir haben unseren Auftritt beim großen Cèilidh: wir singen das Lied von Mòrag und ihrer Hochzeit. Singen gehört im Gälischen zu allem, was man tut. Also singe ich auch. Ich singe sonst nur im Auto.

Jetzt singe ich vor allen anderen Studenten stolz wie Oskar, dabei hasse ich es eigentlich, auf die Bühne zu gehen, meinen letzten Auftritt hatte ich glaube ich als Sonnenschein in der zweiten Schulklasse,  eine stumme Rolle, ich musste nur scheinen.

Auf Gälisch singe ich Si Mòrag und überlebe das anschließende Tanzen (dank Domhnall), denn es geht ziemlich wild zu, da wird im Kreis gewirbelt und wild gedreht bis es blaue Flecken gibt, aaaaauuuuaaaaa

Kommt vielleicht von den vielen unausgesprochenen Konsonanten. Irgendwann müssen sie wohl einfach mal raus….. mmmmkkkkrrrrrssssscccccchhhhhhhppppfffffffff