Friedhöfe

Eines der ganz wunderbaren Dinge am Leben in der schottischen Wildnis ist die Freiheit so zu sein, wie man ist. Gerne auch ein wenig absonderlich,  es wird sogar eher positiv aufgenommen, wenn man ein paar wunderliche Züge sein eigen nennt.

Eilean Munde, Loch Leven

Kein Problem für mich!

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Das würde freiwillig keinem Einheimischen einfallen. Deshalb finden sie hier mein Hobby wunderlich aber auch amüsant. Obwohl die Hochländer traditionell eine Neigung zum Übersinnlichen, Unheimlichen und Geheimnisvollen haben, man sieht nur die Touristen „zum Spaß“ über die Gräber streifen. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich glaube, den Einheimischen sind ihre Friedhöfe eher unheimlich.

Davon bin ich weit entfernt. Ich liebe es, in Friedhöfen herumzuwandern und zu fotografieren, die Geschichten auf den Grabsteinen zu lesen oder einfach nur die Stille auf mich wirken zu lassen. Oft liegen sie inmitten einer grandiosen Kulisse.

Ashaig graveyard, Isle of Skye

Manche finde ich per Zufall. Andere, weil mir Bekannte Tipps gegeben haben. Wieder andere in Geschichtsbüchern und historischen Reiseführern.

Inzwischen hat sich auch der Mann daran gewöhnt und streift an Samstagen willig mit seiner absonderlichen Deutschen über die Friedhöfe der Region. Am vergangenen Wochenende hatte wir gleich zwei auf der „to do“ Liste – es war ein herrlicher Tagesausflug auf die Isle of Skye.

Zwei Geschichte hatten mich unwiderstehlich angezogen, eine vom sinnlosen Tod im Meer und eine vom qualvollen Verbrennen in einer Kirche.

Ashaig graveyard, Isle of SkyeIn Ashaig, im Süden der Isle of Skye, wurden die an den Strand gespülten Leichen eines Schiffsunglücks im Zweiten Weltkrieg begraben. Ashaig graveyard, Isle of SkyeDie Curacoa  wurde von einem Kriegsschiff der eigenen Flotte, der Queen Mary, versehentlich gerammt, die ertrinkenden Soldaten nicht gerettet. Man wollte die deutschen U-Boote nicht auf die Queen Mary aufmerksam machen. 338 Männer ertranken.

Trumpan Graveyard,  Isle of Skye

Auf dem anderen Friedhof im Norden der Insel, war es die Ruine einer Kirche, die mich unwiderstehlich anzog. Trumpan. Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt, ich schätze es waren mindestens 50. Trumpan Graveyard (11)MacDonalds hatten MacLeods während eines Gottesdienstes eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Ein brutaler Racheakt, den die restlichen MacLeods mit Hilfe ihrer „Feen-Flagge“ sofort wieder rächten. Apropos „Feen-Flagge“….

Das nächste Ziel hab ich schon ausgesucht: Tomnahurich, ein Friedhof mit Elfenhügel, am Stadtrand von Inverness gelegen. Keine ungefährliche Angelegenheit so ein Feenhügel, denn wen die Elfen herein bitten, der kommt unter 200 Jahren nicht wieder zurück. Zuletzt (irgendwann im ausgehenden Mittelalter) hatten zwei Musiker (Geiger) das Pech und zerfielen zu Staub, nachdem sie einen Abend bei den Elfen aufgespielt hatten und 200 Jahre später wieder zurück kamen.

Kilmonivaig graveyard, Spean Bridge

 

 

 

 

Ich frage den Mann (in einem früheren Leben auch Musiker), ob wir das am Samstag angehen sollen. Bis nach Inverness sind es knappe zwei Stunden Fahrt und neben den Friedhof lockt da auch noch die Aussicht auf Next, Baumarkt, Costa‘s Café und Aldi.

Der Mann weicht meinem Blick aus und murmelt was von „unter der Woche“, „ohne mich“ und „ruhig mal was alleine unternehmen“.

Ich lächle. Sie sind doch ganz schön abergläubisch hier.

Sollte ich vor 200 Jahren wieder zurück sein, werde ich mehr darüber schreiben.

Mehr Bilder und Friedhofsgeschichten gibt es unter:http://graveyardsofscotland.wordpress.com/

Cille Choirill, Roy Bridge

Maus im Haus

Heute Morgen wurde ich mit dem Satz geweckt: “Schatz, rate mal, was ich in der Küche gefunden habe.“

„Den Spülschwamm?“ frage ich mich mit einem leichten Anflug von Morgenboshaftigkeit. Nur innerlich natürlich, während ich müde Augen auf den Überbringer der frühen Nachricht richte.

„Eine Maus!“ ist die Erläuterung, die ich nicht hören will. Und während ich diese Information versuche aufzunehmen, setzt er noch einen drauf.

„Ich hab sie gefangen und mit dem Messer getötet. Blut überall.“ sagt der Mörder fast schon beiläufig und grinst.

„Kleiner Scherz, aber gefangen hab ich sie.“ sagt er, bevor ich all die Luft wieder ausatmen kann, die ich geholt habe.

Ich versuche das Mäuseblutbad aus meinem Kopf zu löschen und den Mann nicht zu erwürgen. Mein Sinn für Scherze ist am Morgen sagen wir mal eher rudimentär ausgeprägt.

Es gelingt mir den Mann am Leben zu lassen und mich dem Schicksal der Maus zu widmen.

Sie kauert auf der Fußmatte unter einem durchsichtigen Plastikeimer, der einstmals Meisenknödel enthielt. Um ihn zu beschweren wurde ein Glas Instantkaffee auf dem nun oben liegenden Eimerboden gestellt.

Der Mann ist bereits auf der Suche nach Löchern in der Wand, was hier in den Highlands nichts ungewöhnliches ist. Die Wände sind Holzkonstruktionen, auf die man kleine Holzlatten nagelt und dann verputzt. Die Innenräume sind nicht isoliert, sondern oft hohl. Ein Mäuseparadies.

Und eine Maus im Haus ist alles andere als selten. Die Nachbarn hatten welche, Arbeitskollegen versuchen schon seit Tage ihre in die Falle zu locken. Deshalb lagert man Nahrungsmittel in den Küchen auch nicht offen oder in Schränken unter Brustthöhe. Nur ein letztes Stück deutscher Nußkuchen auf der Abbeitsfläche geht den Weg alles Verderblichen. Man weiß ja nie. Der Rest scheint in Ordnung.

Ich frage mich wozu ich eigentlich die wilde Katze füttere.

Die Maus zittert unter dem Meisenknödeleimer, während wir versuchen, ein Loch in der Wand zu finden. Ich rücke Regale und mein Milchschäumer zerschellt auf dem harten Küchenboden. Glasscherben überall. Und ich hatte noch keinen Kaffee.

Aaaarrrrggglllll!!!!!!

Die Maus zittert noch immer unter dem Meisenknödeleimer.

Vielleicht kam sie auch gestern Abend rein, als die Küchentür offen stand? Unbemerkt in der Dunkelheit. Auch jetzt ist es noch dunkel als ich den Mann zur Arbeit schicke. Die Maus vor dem Haus wieder auszusetzen, scheint mir wenig sinnvoll, jetzt wo sie einen Weg kennt, den wir nicht kennen. Dann kommt sie wieder. Vielleicht sollte ich sie in den Bach werfen, der am Rand des Grundstücks vom Berg ins Meer rauscht??

Ich warte bis die Sonne langsam aufgeht. Dann trage ich mit Handschuhen den Mauseimer samt Fußmatte die Straße am Loch entlang. Weit weg vom Haus setze ich die Maus aus.

Sie zittert im Gras.

Dann entsorge ich Eimer und Fußmatte und putze die Küche. Ich hoffe der Maus geht es gut.

Derweil schreibt der Mann eine Mail. Er hat mit Kollegen gesprochen und will es heute Abend mit „UF dust“ versuchen.

???

Ich google und finde einen Amerikanischen Piloten mit einem Jet auf dem Starfighter steht. Der benutzt „UF dust“ irgendwie.

Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen.

 

Waverley

PS WaverleyWie heißt das sperrige deutsche Wort bei dem man sich nie merken kann, mit wieviel “f” man es schreibt?

Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Eine Fahrt mit dem Dampfschiff?

„Spießig und langweilig, nein danke!“ würde ich in Deutschland sagen.

Und in den Highlands?

„Super Idee!“, die Fahrt mit den Aushängeschild der schottischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Fahrt mit der Waverley.

PS Waverley

Über 5 Millionen Passagiere hatte die alte PS Waverley schon an Bord. Die 70 Jahre alte Lady ist der letzte seetüchtige Schaufelrraddampfer der Welt. Gelebte und PS Waverleyvon den Schotten und den Engländern geliebte Geschichte und ultra erfolgreicher Tourismus zugleich. Wenn auch ein wenig anders, denn die Besatzung an Bord ist ehrenamtlich unterwegs und wie man hört, wenn man hinhört, auf der ganzen Welt zu Hause: Italiener, Russen, Franzosen…

Die PS Waverley wurde nach ihrem Vorgänger, dem Minensucher HMS Waverley benannt, der vor Dünnkirchen 1940 eine bedeutende Rolle spielte und später vom Feind bei einem Luftangriff versenkt wurde (http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?161).

PS WaverleyIch verdränge, dass es sich dabei um meine Landsleute gehandelt haben muß und versuche so wenig Deutsch wie möglich auszusehen, als ich als Teil einer kleinen Gruppe Familie und Freunde in Mitten hunderter Touristen in Armadale auf der Isle of Skye an Bord gehe.

PS Waverley

„Hurrah!“ Oder besser „Hurray und ne Buddel voll Rum!“ denke ich und finde den Weg zur Bar während sich die Männer mit der Mechanik des Dampfantriebs auseinandersetzen. Ich verdränge nun den Gedanken an Heinz Rümann und bestelle Bier. Ich muss erst aufs Wasser schauen.

PS Waverley

Durch den windigen Sound of Sleat schaufeln die bunten Räder durch das klare Blau des heißen Sommertags. Möwen begleiten den Ausflugsdampfer in der Luft, Wasser glitzert und im Hintergrund ragen die majestätischen Gipfel der Cuilins über die Insel, die wir gerade verlassen haben. Wir befinden uns für ein paar Seemeilen auf der Schiffsroute nach Mallaig auf dem Festland, einer der Fährverbindungen von und nach Skye.

PS Waverley

Doch statt Mallaig anzusteuern, macht die PS Waverley Kurs auf Inverie, einem der Orte in den Highlands,

den man nur über das Wasser oder zu Fuß durch die Wildnis erreichen kann. Keine Straße führt nach Inverie, dem einzigen Ort auf der Knoydart Halbinsel. Ein paar Häuser, ein Pier, ein Strand und ein Pub. The Old Forge ist das abgelegenste Pub Schottlands und wer als erster dort ankommt, bekommt ein Freibier.

Während die Touristen einen Wettlauf von der Anlegestelle zum Pub veranstalten, PS Waverleylassen wir uns mit unseren mit gebrachten Sandwiches und Chips Päckchen am steinigen Strand nieder und genießen die Sonne und das Meer. Wie echte Touristen. Was für ein schönes Gefühl.

PS Waverley

Hogmanay

Hogmanay ist kein Spass. Schliesslich ist Hogmanay der höchste Feiertag, den die Schotten zu bieten haben. Die Bedeutung auf der nationalen Feiertage-Wichtigkeitsskala war immer schon am höchsten. Da kann Weihnachten nicht mal ansatzweise mithalten. Denn ist der Geschenke- und Weihnachtskartenwahn erst mal überstanden und die Papierkronen wieder weggepackt, dann kann man sich umgehend auf die wahrhaft wichtigen Tage im Jahr vorbereiten: auf Hogmanay.

Silvester oder Neujahr, wie man will. Drei Tage Ausnahmezustand im Land und vor allem auf dem Land. In grossen Städten wie Edinburgh, Glasgow oder Stirling krachen wie überall viel Feuerwerk und Böller, dröhnt Entertainment von gigantischen Bühnen mit große Menschenansammlungen davor.

Davon ist man im Hochland weit entfernt. Grosse Menschenansammlungen sind hier schlichtweg auch viel schwerer zu bewerkstelligen. Man findet sich im kleinen Kreis zusammen.

Und die Bräuche sind ganz anders, als i Deutschland.

Keiner stösst hier stilvoll mit Champagner an. Ist teuer, schwer zu bekommen und außerdem – wer hat schon die Gläser für so was im Schrank. Ich streiche also das perlende Festgetränk von einer mentalen Silvesterliste und arrangiere mich mit Bier, Wein und Whisky. Das „was“, ist in diesen drei Tagen nicht so wichtig. Das wieviel ist eher eine Frage, die diskutiert werden will. Im besten Fall heißt die Antwort immer „Viel.“.

Statt Feuerwerk wird an trockenen Jahreswechseln, also solchen mit mäßigem Niederschlag, böigem Wind und leichten Schneeschauern, gerne mal ein Lagerfeuer entfacht. Das ist überall am Strand erlaubt. In Jahren mit feuchten Jahren, also solchen mit Platzregen, Orkanböen und Blitzeis lässt man es meist ausfallen.

bonfire

bonfire

Das Feuer knistert und wärmt in der stockdunklen Winternacht, die viel schwärzer ist, als in der Stadt. In der Romantik des Festgeschehens vergisst man gerne, dass der eine Nachbar einen Kanister Diesel über dem alten und feuchten Holz ausgekippt hat, um es zu entzünden und daß der andere Nachbar zwei Altreifen auf dem Silvesterfeuer entsorgt hat. Bedenken über giftige Gase werden mit einer Handbewegung lächelnd weggewischt. Bald ist ohnehin jeder so betrunken, daß er das brennende Gummi gar nicht mehr riecht.

Fällt die Neujahrsnacht im Freien flach, dann ist mit dem Glockenschlag („at the bells)“ die Sunde des grossen, gutaussehenden und gehemnisvollen Fremden gekommen. Er sollte die erste Person sein, die im neuen Jahr die heimische Schwelle überschreitet (“first footing“). Man darf da natürlich auch schummeln und kurz vor zwölf jemand Dunkelhaariges aus der Familie in die Kälte schicken, der dann nach Mitternacht wieder reinkommen darf. Allerdings muß er dann ein paar Kohlen in der Hand haben und die im Haus ins Feuer werfen, das soll Glück und Reichtum bringen. Die Frage, wie das in Haushalten ohne Kaminofen oder Kamin gehandhabt wird, konnte bislang noch nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden. Vermutlich werden in den Städten am 1. Januar die Fenstersimse voller Kohlen liegen.

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Und zu essen? Unsere Nachbrarin macht eine Art süßen Knödel, den „clootie dumpling“, der unfassbar süß ist und den ganzen Tag in ein Tuch (“clootie“ kommt von „cloth“ also Tuch) eingewickelt im Topf vor sich hinköchelt. Rosinen, Butter und Zucker im Überfluß, gefühlte 5.000 Kalorien das Stück. Danach braucht der Magen dringend einen Whisky womit wir wieder bei dem „viel“ und der Frage sind, was Hogmanay denn nun wirklich ausmacht. Es gibt letstlich nur eine Antwort: viel trinken.

Die Tatsache, dass die Schotten nicht nur vom 31. auf den 1. feiern, sondern bis zum 2. den Jahreswechsel auskosten, die sagt doch alles.

Slainte! (Prost!) Whisky

Frauen, die aufs Wasser schauen

Samstag ist Wechseltag in den Ferienhäusern im Land. Die alten Feriengäste verlassen die Gegend, Putzfrauen reinigen und neue Gäste kommen.

Diesen Samstag war ich Morgens am Meer entlang laufen. Auf der Strecke liegen fast ein Dutzend Ferienhäuser vor denen die Autos gepackt werden. Die meisten müssen bis 12 Uhr aus dem Haus sein.

Abschiedsstimung lag in der salzigen Luft.

Nach kurzer Zeit sah ich die erste Frau, dunkelhaarig, vollschlank, Ende dreißig. Sie saß einach nur da und schaute aufs Wasser hinaus. Ein Hauch von Wehmut zog mit ihrem Tabakgeruch zu mir herüber. Mein fröhliches Guten Morgen beantwortete sie mit einem stummen und traurigen Nicken. Sie nahm Abschied von einem der schönsten Flecken dieser Erde. Ganz offensichtlich fiel ihr das nicht leicht.

Vier Ferienhäuser weiter saß die nächste Frau neben einem gepackten Mietwagen und schaute aufs Wasser. Ich konnte den Mann und die Kinder im Haus lärmen hören. Die Frau saß einfach nur still da, so als würde sie ein unsichtbares Band an den Flecken binden auf dem sie saß. So als sei nichts wichtiger als in diesem Moment hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Noch ein Abschied.

Ich nickte nur still im Vorbeilaufen. Sie nickte wortlos zurück.

Heute, am Montag Abend, sitze ich still an meinem Schreibtisch und schaue aufs Wasser, nehme Abschied nach zwei Monaten in den Highlands. Wie oft habe ich hinaus aufs Wasser geschaut. Doch nun ist es an der Zeit, mein anderes Leben in Deutschland wieder aufzunehmen. Ich verlasse die Highlands und kehre erst wieder um die Weihnachtszeit zurück.

Es ist als gäbe es nichts was wichtiger, schöner und erfüllender wäre, als hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. So wie die anderen Frauen, Samstags in den schottischen Highlands.

 

Hochlandfrauen

NIrgendwo auf der Welt habe ich eine derartige Ansammlung aussergewöhnlicher Frauen getroffen wie hier im schottischen Hochland. Starke Frauen. Manchmal auch ein wenig seltsame Frauen. Keine wie die andere. Alle anders.  Als gäbe die wilde Weite der Natur ihnen mehr Freiheit anders zu sein, als anderswo. Vielleicht bin ich deshalb so gerne hier.

Die Frauen leben ihr Leben innerhalb der anerkannten und geschlechterspezifischen Normen, die auch hier oben gelten, vielleicht noch etwas mehr als sie das in Deutschland tun. Sie kochen, waschen, putzen und ziehen die Kinder groß. Und dennoch sind sie anders, weit entfernt vom Durchschnitt.

Was für mutige Frauen es hier gibt, erschließt sich erst nach ein paar Gesprächen.

Eine der Fauen hat hier ihr erstes Kind  zu Hause zur Welt gebracht. Nichts Aussergewöhnliches? Schon wenn man bedenkt, dass es weder Strom noch warmes Wasser gab, das Haus war (weil Eigenbau) noch im Rohbau und das nächste Krankenhaus mit Säuglingssgtation zwei Stunden entfernt.

Eine andere ist seit vielen Jahren mit einem Bauingenieur verheiratet und ihm überall hin auf der Welt gefolg: nach Saudi Arabien, in den Irak, nach Malaysia, auf die Westindischen Inseln. In den 70ern mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau. Ohne Sprachkenntnisse. Ohne Landeskentnisse. Welche Herausforderung muss in diesen Jahren schon allein ein Einkauf gewesen sein.

Wieder eine andere lebt mit einem dementen Mann, der sich die meiste Zeit des Tages nicht daran erinnern kann, wer sie ist. Und dennoch ist sie immer fröhlich als hätte sie unentwegt Grund zu lachen. Sie ist ein Freigeist, was in der kirchlich orientierten Dorfgemeinschaft in der sie lebt, nicht einfach sein kann. Wahrscheinlich fühlt sie sich oft allein, doch sie würde sich das niemals anmerken lassen.

Welche stille Kraft setzen diese Frauen dem Leben entgegen. Man sieht sie Traktoren und Schulbusse fahren, sich politisch engagieren, sie leiten Schulen und managen Hotels. Und natürlich ihre Familien. Sie werden alt und kämpfen darum, so lange es geht unanbhängig zu sein.

Für diese Frauen ändert der Busfahrer bei Bedarf auch mal seine Route.

Starke Frauen sind nichts Neues in den Highlands. Die keltischen Volksstämme waren in ihren Ursprüngen matriarchal. Vieleicht hat diese Land deshalb so viele starke Frauen hervorgebracht – Maria Stuart, Flora MacDonald, Nicola Sturgeon und die vielen anderen, die wohl für immer ungennant bleiben werden.

 

 

wandern

Was macht man in diesem Paradies unberührter Natur? Man geht wandern.

Wandern, wandern, wandern.

Alle tun es. Männer, Frauen, Einheimische, Touristen. Alle.

In die Einsamkeit der gewaltigen Bergwelt eindringen, sie bezwingen, die Stille und die Kraft der Berge in sich aufsaugen. Der Triumph am Gipfel.

Glengarry

Glengarry

Die Cuillins, die Five Sisters, der West Highland Way… man hat die Qual der Wahl.

Jedes Jahr verunglückt eine ziemlich große Zahl Wanderer und Bergsteiger tödlich, sie stürzen von Klippen, werden von Lawinen begraben oder erfrieren mit verstauchtem Knöchel. Oft, weil sie nicht richtig ausgerüstet in die Berge aufbrechen oder sich zu viel zumuten.

Die richtige Ausrüstung. Hah! Da haben wir Deutschen doch ein Händchen für. Wanderkarten, Alpenverein, Westweg, wir können selbstverständlich auch Schottland!

Ich gehe sie Sache also Generalstabsmäßig an: ich recherchiere und packe alles was man braucht in einen Rucksack. Erste Hilfe Päckchen, klar. Notzelt, äh gut. Thermoschlauch, es hat 30 Grad aber seis drum. Kompaß, wo ist nochmal Norden? Ein Messer, ist das zur Verteidigung? Ein Feuerzeug, wo ich nicht mehr rauche und eine Taschenlampe. Und, und, und…

Wanderausrüstung

Wanderausrüstung

Recherche abgeschlossen, Rucksack gepackt. Es kann los gehen. Ich bin sicher.

Ich konsultiere die Karte, dann den Weg und stelle fest, daß die Schotten das mit der Beschilderung nicht so haben. Wer den Pfad nicht sieht oder fühlt, der hat schlechte Karten. Oder seinen Kompaß nicht im Griff. Äh, ja.

Ich (vorbereitet) kenne den Unterschied zwischen einem Graham (winziger Berg), einem Corbett (kleiner Berg) und einem Munro (ganz großer Berg) und meine Wadenmuskeln kennen ihn auch.

Wanderweg

Wanderweg

Ich bin ein Profi-Wanderer!

Die Falls of Glomach sind mein Ziel. Ein spektakulärer Wasserfall, der 113 Meter in die Tiefe stürzt. Eine Wanderung über 17 Kilometer, mit 600m Höhenunterschied. Puh. In der Hitzewelle, nur im ersten Drittel von Bäumen geschützt, dann gnadenlos schattenlos offene Fläche. Ein schweißtreibender Anstieg, der nie zu enden scheint. Hat man endlich den höchsten Punkt erreicht (530 Meter), geht es steil bergab zu dem kleinen Fluß, der sich in einen reißenden Wassserfall verwandelt. Man möchte sich hineinwerfen, trinken bis er leer ist. Tauchen und kühlen. Im Fluß, nicht im Wasserfall natürlich.

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Der ist überraschender Weise nicht zu sehen. Nur wer sich gefährlich nah an den ungesicherten Abgrund traut, kann einen Blick auf den oberen Teil erhaschen. Der eigentliche Wasserfall bleibt dem müden Wanderer völlig verborgen.

Falls of Glomach Bild ist nicht von mir!!!!

Falls of Glomach
Bild ist nicht von mir!!!!

Erschöpft und durstig erreichen wir am frühen Abend wieder unseren Ausgangspunkt. Ohne auch nur eine einzige Untensilie aus meinem Überlebensrucksack gebraucht zu haben. Ich weiß, was da noch reingehört: ein Erfahrungsbericht von der Wanderung.

Denn das nächste Mal wandere ich zu etwas, das ich sehen kann.

Musik

Im Grunde genommen ist es unmöglich, kurz über Musik in den Highlands zu schreiben. Musik ist hier überall, ein Wesenzug, allumfassend, vielfältig. Man könnte tausend Posts darüber veröffentlichen und hätte immer noch was Entscheidendes zu sagen.

Was den Deutschen vom Schotten unterscheidet ist vor allem das Repertoire. Vor vielen Jahren (ich war mit einer Gruppe Deutscher unterwegs) wurden wir in einem Pub gebeten, ein deutsches Volkslied zum Besten zu geben. Was uns nach langem Überlegen einfiel war Alle meine Entchen und Hoch auf dem gelben Wagen. Bei letzterem waren wir nach der ersten Strophe aber textunsicher.

Debakulös!

Für einen Schotten ist das schlichtweg unverständlich. Der kann ad hoc mindestens hundert Volkslieder singen. Und das mit allen Strophen. Meist kann er sie auch spielen. Auf mehreren Instrumenten. Und überall.

Kürzlich kamen wir spät Abends aus einem Restaurant. Auf einem Floß saßen ein Geiger und ein Gitarrist und unterhielten das Publikum auf der Straße. Einfach so.

Wassermusik

Wassermusik

Gerade jetzt im Sommer gibt es überall Konzerte, vor allem traditional music. Das lieben die Touristen, selbst die, die zu Hause mit Volksmusik nichts anfangen können. Bei einem Konzert der Tannahill Weavers, einer alten Glasgower Folk Band, waren mindestens genau so viel Deutsche wie Schotten im Publikum.

Tannahill Weavers Portree

Tannahill Weavers Portree

Am Wochenende wollen wir am Strand grillen. Irgend ein Nachbar wird auftauchen, seine Gitarre und ein paar Dosen Bier im Schlepptau und er wird spielen bis es dunkel ist. Das ist hier so sicher, wie der nächste Regenschauer.

Sommer

Sommer ist eine Sache, die in Schottland nicht oft vorkommt. Kalendarisch natürlich schon aber die Temperaturen hinken dann doch meist den Erwartungen hinterher.

 Kildonan (2)

Lebt man eine Weile hier oben im Norden, dann passt sich der körpereigene Temperaturhaushalt der Umgebung an und man beschließt es ist Sommer, wenn es der Kalender sagt und die Sonne scheint.  Dann trägt man sommerlich, auch wenn die Temperaturen einstellig sein sollten. Alles eine Frage der inneren Einstellung. Der Schotte an sich ist leidensfähig.

Also schlappt man mit blaukalten Zehen in sommerlichen Flip Flops durch den Supermarkt (der im Übrigen immer auf einstellige Temperaturen heruntergkühlt ist) und erkennt die Touristen aus dem europäischen Festland unschwer an ihren wärmenden Schichten bunter Funktionskleidung. Touristen, die aus England oder Wales kommen, tragen unweigerlich kurze Shorts und Spaghettitops. Und während man sich tapfer Richtung Kase friert und auf besseres Wetter hofft, bricht draußen der erste Regenschauer des Tages nieder.

Natürlich ist das nicht immer so. Es gibt ihn auch hier, den echten Sommer mit fast 30 Grad. Dann bleiben die meisten Einheimischen im Haus während die Deutschen ihre Handtücher am Strand platzieren und tapfer den Algen und Quallen trotzen. Im Wasser bleibt man allerdings nicht lang, die Temperaturen sind einstellig und der Gedanke Haie und andere Lebewesen, lässt die Verweildauer im Wasser unabhängig von seiner Temeratur, auf ein Minimum schrumpfen.

a day on the beach (29)

Die Einheimischen baden sowieso nicht im Meer, ich habe noch nie einen am Strand liegen sehen. Sie suchen sich sogenannte rockpools, die kleinen Vetiefungen in den Gebirgsbächen, die hier überall von den Hängen rauschen. Dort ist das Wasser stiller und wärmer.

Summer in Scotland 3

Summer in Scotland

Und wärmer kann man brauchen, im schottischen Sommer.

tanken

Je weiter man sich in Schottland von der Hauptstadt Edinburgh Richtung Norden entfernt, desto teurer wird das Benzin. Das hat eine gewisse Ironie, kommt man doch den Bohrinseln immer näher, je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt.

Entfernt ist ein wichtiger Begriff, wenn es um Benzin und Tankstellen geht. Wer in den Highlands unterwegs ist, der muß rechnen können, wenn er nicht trocken liegen bleiben will. Je weiter man nach Norden kommt wird das Benzin nicht nur teurer, es wird außerdem seltener. Man fährt und rechnet, und fährt und rechnet, fährt und … „bis sonundso sind es soviele Meilen, das sind dann so viele Kilometer, wenn ich fünf Liter pro Kilometer brauche und ich habe noch soundsoviel Liter im Tank, dann…..

Wer sich verechnet, hat verloren.

einsam
Die Preise dämpfen das Glück über eine gefundene Zapfsäule ein wenig. Derzeit kostet der Liter Diesel an der nächsten Tankstelle 1,42 Pfund also geschmeidige 1,64 Euro. An der Tankstelle angekommen, rechnet man besser nicht mehr.

Trotz der Preise ist man irgendwie froh, wenn man unterwegs nach längerem Suchen endlich eine Zapfsäule gefunden hat.

Tankstelle

Grund zur Panik herrscht dennoch nie, wer nach der nächsten Tankstelle fragt, dem wird geholfen. Mehr als einmal wäre ein Einheimischer bereitwillig vor mir her gefahren, um mich zur nächsten Tanke zu leiten. Obwohl er gerade dabei war, seinen Garten zu mähen oder seine Gäste zu verabschieden.

Ich wohne in einer Tankstellen reichen Gegend. Die nächste ist ungefähr fünf Kilometer entfernt. Den Besitzer nennen Einige hier Räuber John, weil seine Benzinpreise die höchsten sind und weil er seine Zapfsäulen mit Schlössern vor willkürlicher Nutzung und Diebstahl sichert.

Meist sitzt Räuber John mit makkellos weißen Turnschuhen an den Füßen und einer Tasse Kaffee in der Hand vor seinem Tankstellenhäuschen und raucht. Taucht ein Kunde auf, dann tankt er höchstpersönlich. Und höchst gemächlich. Er tankt für 10, 20 oder 30 Pfund aber nie voll. Denn dann ist der Betrag nicht mit glatten Scheinen zu begleichen und John muß an seine Kasse und Wechselgeld holen.

Und das würde ein Einheimischer nie von ihm verlangen.