Frauen, die aufs Wasser schauen

Samstag ist Wechseltag in den Ferienhäusern im Land. Die alten Feriengäste verlassen die Gegend, Putzfrauen reinigen und neue Gäste kommen.

Diesen Samstag war ich Morgens am Meer entlang laufen. Auf der Strecke liegen fast ein Dutzend Ferienhäuser vor denen die Autos gepackt werden. Die meisten müssen bis 12 Uhr aus dem Haus sein.

Abschiedsstimung lag in der salzigen Luft.

Nach kurzer Zeit sah ich die erste Frau, dunkelhaarig, vollschlank, Ende dreißig. Sie saß einach nur da und schaute aufs Wasser hinaus. Ein Hauch von Wehmut zog mit ihrem Tabakgeruch zu mir herüber. Mein fröhliches Guten Morgen beantwortete sie mit einem stummen und traurigen Nicken. Sie nahm Abschied von einem der schönsten Flecken dieser Erde. Ganz offensichtlich fiel ihr das nicht leicht.

Vier Ferienhäuser weiter saß die nächste Frau neben einem gepackten Mietwagen und schaute aufs Wasser. Ich konnte den Mann und die Kinder im Haus lärmen hören. Die Frau saß einfach nur still da, so als würde sie ein unsichtbares Band an den Flecken binden auf dem sie saß. So als sei nichts wichtiger als in diesem Moment hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Noch ein Abschied.

Ich nickte nur still im Vorbeilaufen. Sie nickte wortlos zurück.

Heute, am Montag Abend, sitze ich still an meinem Schreibtisch und schaue aufs Wasser, nehme Abschied nach zwei Monaten in den Highlands. Wie oft habe ich hinaus aufs Wasser geschaut. Doch nun ist es an der Zeit, mein anderes Leben in Deutschland wieder aufzunehmen. Ich verlasse die Highlands und kehre erst wieder um die Weihnachtszeit zurück.

Es ist als gäbe es nichts was wichtiger, schöner und erfüllender wäre, als hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. So wie die anderen Frauen, Samstags in den schottischen Highlands.

 

Hochlandfrauen

NIrgendwo auf der Welt habe ich eine derartige Ansammlung aussergewöhnlicher Frauen getroffen wie hier im schottischen Hochland. Starke Frauen. Manchmal auch ein wenig seltsame Frauen. Keine wie die andere. Alle anders.  Als gäbe die wilde Weite der Natur ihnen mehr Freiheit anders zu sein, als anderswo. Vielleicht bin ich deshalb so gerne hier.

Die Frauen leben ihr Leben innerhalb der anerkannten und geschlechterspezifischen Normen, die auch hier oben gelten, vielleicht noch etwas mehr als sie das in Deutschland tun. Sie kochen, waschen, putzen und ziehen die Kinder groß. Und dennoch sind sie anders, weit entfernt vom Durchschnitt.

Was für mutige Frauen es hier gibt, erschließt sich erst nach ein paar Gesprächen.

Eine der Fauen hat hier ihr erstes Kind  zu Hause zur Welt gebracht. Nichts Aussergewöhnliches? Schon wenn man bedenkt, dass es weder Strom noch warmes Wasser gab, das Haus war (weil Eigenbau) noch im Rohbau und das nächste Krankenhaus mit Säuglingssgtation zwei Stunden entfernt.

Eine andere ist seit vielen Jahren mit einem Bauingenieur verheiratet und ihm überall hin auf der Welt gefolg: nach Saudi Arabien, in den Irak, nach Malaysia, auf die Westindischen Inseln. In den 70ern mit zwei kleinen Kindern im Schlepptau. Ohne Sprachkenntnisse. Ohne Landeskentnisse. Welche Herausforderung muss in diesen Jahren schon allein ein Einkauf gewesen sein.

Wieder eine andere lebt mit einem dementen Mann, der sich die meiste Zeit des Tages nicht daran erinnern kann, wer sie ist. Und dennoch ist sie immer fröhlich als hätte sie unentwegt Grund zu lachen. Sie ist ein Freigeist, was in der kirchlich orientierten Dorfgemeinschaft in der sie lebt, nicht einfach sein kann. Wahrscheinlich fühlt sie sich oft allein, doch sie würde sich das niemals anmerken lassen.

Welche stille Kraft setzen diese Frauen dem Leben entgegen. Man sieht sie Traktoren und Schulbusse fahren, sich politisch engagieren, sie leiten Schulen und managen Hotels. Und natürlich ihre Familien. Sie werden alt und kämpfen darum, so lange es geht unanbhängig zu sein.

Für diese Frauen ändert der Busfahrer bei Bedarf auch mal seine Route.

Starke Frauen sind nichts Neues in den Highlands. Die keltischen Volksstämme waren in ihren Ursprüngen matriarchal. Vieleicht hat diese Land deshalb so viele starke Frauen hervorgebracht – Maria Stuart, Flora MacDonald, Nicola Sturgeon und die vielen anderen, die wohl für immer ungennant bleiben werden.

 

 

wandern

Was macht man in diesem Paradies unberührter Natur? Man geht wandern.

Wandern, wandern, wandern.

Alle tun es. Männer, Frauen, Einheimische, Touristen. Alle.

In die Einsamkeit der gewaltigen Bergwelt eindringen, sie bezwingen, die Stille und die Kraft der Berge in sich aufsaugen. Der Triumph am Gipfel.

Glengarry

Glengarry

Die Cuillins, die Five Sisters, der West Highland Way… man hat die Qual der Wahl.

Jedes Jahr verunglückt eine ziemlich große Zahl Wanderer und Bergsteiger tödlich, sie stürzen von Klippen, werden von Lawinen begraben oder erfrieren mit verstauchtem Knöchel. Oft, weil sie nicht richtig ausgerüstet in die Berge aufbrechen oder sich zu viel zumuten.

Die richtige Ausrüstung. Hah! Da haben wir Deutschen doch ein Händchen für. Wanderkarten, Alpenverein, Westweg, wir können selbstverständlich auch Schottland!

Ich gehe sie Sache also Generalstabsmäßig an: ich recherchiere und packe alles was man braucht in einen Rucksack. Erste Hilfe Päckchen, klar. Notzelt, äh gut. Thermoschlauch, es hat 30 Grad aber seis drum. Kompaß, wo ist nochmal Norden? Ein Messer, ist das zur Verteidigung? Ein Feuerzeug, wo ich nicht mehr rauche und eine Taschenlampe. Und, und, und…

Wanderausrüstung

Wanderausrüstung

Recherche abgeschlossen, Rucksack gepackt. Es kann los gehen. Ich bin sicher.

Ich konsultiere die Karte, dann den Weg und stelle fest, daß die Schotten das mit der Beschilderung nicht so haben. Wer den Pfad nicht sieht oder fühlt, der hat schlechte Karten. Oder seinen Kompaß nicht im Griff. Äh, ja.

Ich (vorbereitet) kenne den Unterschied zwischen einem Graham (winziger Berg), einem Corbett (kleiner Berg) und einem Munro (ganz großer Berg) und meine Wadenmuskeln kennen ihn auch.

Wanderweg

Wanderweg

Ich bin ein Profi-Wanderer!

Die Falls of Glomach sind mein Ziel. Ein spektakulärer Wasserfall, der 113 Meter in die Tiefe stürzt. Eine Wanderung über 17 Kilometer, mit 600m Höhenunterschied. Puh. In der Hitzewelle, nur im ersten Drittel von Bäumen geschützt, dann gnadenlos schattenlos offene Fläche. Ein schweißtreibender Anstieg, der nie zu enden scheint. Hat man endlich den höchsten Punkt erreicht (530 Meter), geht es steil bergab zu dem kleinen Fluß, der sich in einen reißenden Wassserfall verwandelt. Man möchte sich hineinwerfen, trinken bis er leer ist. Tauchen und kühlen. Im Fluß, nicht im Wasserfall natürlich.

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Der ist überraschender Weise nicht zu sehen. Nur wer sich gefährlich nah an den ungesicherten Abgrund traut, kann einen Blick auf den oberen Teil erhaschen. Der eigentliche Wasserfall bleibt dem müden Wanderer völlig verborgen.

Falls of Glomach Bild ist nicht von mir!!!!

Falls of Glomach
Bild ist nicht von mir!!!!

Erschöpft und durstig erreichen wir am frühen Abend wieder unseren Ausgangspunkt. Ohne auch nur eine einzige Untensilie aus meinem Überlebensrucksack gebraucht zu haben. Ich weiß, was da noch reingehört: ein Erfahrungsbericht von der Wanderung.

Denn das nächste Mal wandere ich zu etwas, das ich sehen kann.

Musik

Im Grunde genommen ist es unmöglich, kurz über Musik in den Highlands zu schreiben. Musik ist hier überall, ein Wesenzug, allumfassend, vielfältig. Man könnte tausend Posts darüber veröffentlichen und hätte immer noch was Entscheidendes zu sagen.

Was den Deutschen vom Schotten unterscheidet ist vor allem das Repertoire. Vor vielen Jahren (ich war mit einer Gruppe Deutscher unterwegs) wurden wir in einem Pub gebeten, ein deutsches Volkslied zum Besten zu geben. Was uns nach langem Überlegen einfiel war Alle meine Entchen und Hoch auf dem gelben Wagen. Bei letzterem waren wir nach der ersten Strophe aber textunsicher.

Debakulös!

Für einen Schotten ist das schlichtweg unverständlich. Der kann ad hoc mindestens hundert Volkslieder singen. Und das mit allen Strophen. Meist kann er sie auch spielen. Auf mehreren Instrumenten. Und überall.

Kürzlich kamen wir spät Abends aus einem Restaurant. Auf einem Floß saßen ein Geiger und ein Gitarrist und unterhielten das Publikum auf der Straße. Einfach so.

Wassermusik

Wassermusik

Gerade jetzt im Sommer gibt es überall Konzerte, vor allem traditional music. Das lieben die Touristen, selbst die, die zu Hause mit Volksmusik nichts anfangen können. Bei einem Konzert der Tannahill Weavers, einer alten Glasgower Folk Band, waren mindestens genau so viel Deutsche wie Schotten im Publikum.

Tannahill Weavers Portree

Tannahill Weavers Portree

Am Wochenende wollen wir am Strand grillen. Irgend ein Nachbar wird auftauchen, seine Gitarre und ein paar Dosen Bier im Schlepptau und er wird spielen bis es dunkel ist. Das ist hier so sicher, wie der nächste Regenschauer.

Sommer

Sommer ist eine Sache, die in Schottland nicht oft vorkommt. Kalendarisch natürlich schon aber die Temperaturen hinken dann doch meist den Erwartungen hinterher.

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Lebt man eine Weile hier oben im Norden, dann passt sich der körpereigene Temperaturhaushalt der Umgebung an und man beschließt es ist Sommer, wenn es der Kalender sagt und die Sonne scheint.  Dann trägt man sommerlich, auch wenn die Temperaturen einstellig sein sollten. Alles eine Frage der inneren Einstellung. Der Schotte an sich ist leidensfähig.

Also schlappt man mit blaukalten Zehen in sommerlichen Flip Flops durch den Supermarkt (der im Übrigen immer auf einstellige Temperaturen heruntergkühlt ist) und erkennt die Touristen aus dem europäischen Festland unschwer an ihren wärmenden Schichten bunter Funktionskleidung. Touristen, die aus England oder Wales kommen, tragen unweigerlich kurze Shorts und Spaghettitops. Und während man sich tapfer Richtung Kase friert und auf besseres Wetter hofft, bricht draußen der erste Regenschauer des Tages nieder.

Natürlich ist das nicht immer so. Es gibt ihn auch hier, den echten Sommer mit fast 30 Grad. Dann bleiben die meisten Einheimischen im Haus während die Deutschen ihre Handtücher am Strand platzieren und tapfer den Algen und Quallen trotzen. Im Wasser bleibt man allerdings nicht lang, die Temperaturen sind einstellig und der Gedanke Haie und andere Lebewesen, lässt die Verweildauer im Wasser unabhängig von seiner Temeratur, auf ein Minimum schrumpfen.

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Die Einheimischen baden sowieso nicht im Meer, ich habe noch nie einen am Strand liegen sehen. Sie suchen sich sogenannte rockpools, die kleinen Vetiefungen in den Gebirgsbächen, die hier überall von den Hängen rauschen. Dort ist das Wasser stiller und wärmer.

Summer in Scotland 3

Summer in Scotland

Und wärmer kann man brauchen, im schottischen Sommer.

tanken

Je weiter man sich in Schottland von der Hauptstadt Edinburgh Richtung Norden entfernt, desto teurer wird das Benzin. Das hat eine gewisse Ironie, kommt man doch den Bohrinseln immer näher, je weiter man sich von der Hauptstadt entfernt.

Entfernt ist ein wichtiger Begriff, wenn es um Benzin und Tankstellen geht. Wer in den Highlands unterwegs ist, der muß rechnen können, wenn er nicht trocken liegen bleiben will. Je weiter man nach Norden kommt wird das Benzin nicht nur teurer, es wird außerdem seltener. Man fährt und rechnet, und fährt und rechnet, fährt und … „bis sonundso sind es soviele Meilen, das sind dann so viele Kilometer, wenn ich fünf Liter pro Kilometer brauche und ich habe noch soundsoviel Liter im Tank, dann…..

Wer sich verechnet, hat verloren.

einsam
Die Preise dämpfen das Glück über eine gefundene Zapfsäule ein wenig. Derzeit kostet der Liter Diesel an der nächsten Tankstelle 1,42 Pfund also geschmeidige 1,64 Euro. An der Tankstelle angekommen, rechnet man besser nicht mehr.

Trotz der Preise ist man irgendwie froh, wenn man unterwegs nach längerem Suchen endlich eine Zapfsäule gefunden hat.

Tankstelle

Grund zur Panik herrscht dennoch nie, wer nach der nächsten Tankstelle fragt, dem wird geholfen. Mehr als einmal wäre ein Einheimischer bereitwillig vor mir her gefahren, um mich zur nächsten Tanke zu leiten. Obwohl er gerade dabei war, seinen Garten zu mähen oder seine Gäste zu verabschieden.

Ich wohne in einer Tankstellen reichen Gegend. Die nächste ist ungefähr fünf Kilometer entfernt. Den Besitzer nennen Einige hier Räuber John, weil seine Benzinpreise die höchsten sind und weil er seine Zapfsäulen mit Schlössern vor willkürlicher Nutzung und Diebstahl sichert.

Meist sitzt Räuber John mit makkellos weißen Turnschuhen an den Füßen und einer Tasse Kaffee in der Hand vor seinem Tankstellenhäuschen und raucht. Taucht ein Kunde auf, dann tankt er höchstpersönlich. Und höchst gemächlich. Er tankt für 10, 20 oder 30 Pfund aber nie voll. Denn dann ist der Betrag nicht mit glatten Scheinen zu begleichen und John muß an seine Kasse und Wechselgeld holen.

Und das würde ein Einheimischer nie von ihm verlangen.

 

 

 

Kaffee oder Tee?

Kaffee oder Tee? Die vielleicht meist gestellte Frage auf der Insel, ob tief unten im englischen Süden und hoch oben im schottischen Hochland.

Mit dieser Frage beginnt ein Ritual, dessen Regeln ein wenig diffus sind, dennoch aber eingehalten werden wollen. Schwierig für jemanden wie mich, der den lieben langen Tag mit einer Tasse Kaffee durch die Gegend läuft. Die Tasse ist sozusagen schon ein Teil meiner Person geworden und wird transportiert nicht zelebriert. Ich musste mich umstellen.

Die Frage Kaffee oder Tee? ist nicht zuletzt ein Signal der Gastfreundschaft, ein Ausdruck von Zeit und Wertschätzung für denjenigen, der den Kaffee oder Tee bekommt. Es geht weniger um die Flüssigkeitsaufnahme.

Der lose Tee in der vorgewärmte Porzellankanne  wird nur in Filmen oder Fünf-Sterne-Hotels serviert. Im normalen Leben gibt es den Tee als Beutel mit einem, zwei oder drei Zucker, weiß oder ohne Milch. Selbiges gilt für den Kaffee, der immer Instant ist. Ein Löffel oder zwei?

Dann werden die mugs verteilt, Unterteller sind für die Kekse, die aber nicht zu jeder Zeit serviert werden müssen. Mitten am Morgen ist keine Keksezeit. Mitten am Mittag schon.

Zu jeder Zeit und in jedem Fall ist die Zubereitung von Kaffee oder Tee aber nötig, um ein Gespräch zu beginnen. Oder anders herum, ein Gespräch ist nötig, wenn man Kaffe oder Tee gemacht hat. Ganz und gar unbeiläufig.

Wird man gefragt, ob man zum Tee vorbei kommen möchte, dann ist das aber eine Einladung zum Abendessen. In der Regel gegen 17 Uhr. Auch wenn die wenigsten heute noch Tee dazu trinken, die Hauptmahlzeit des Tages heißt immer noch so. Man geht hier nach Hause zu seinem Tee. Auch wenn man ausschließlich Kaffee trinkt

Das sind die Hausregeln. Die Auswärtsregeln sind ein wenig anders.

Mitunter treffe ich Fremde, die von mir wissen wollen, wo man hier Kaffee oder Tee trinken kann. Im Reisefall ist das Getränk ein Moment des Innehaltens, eine Pause. Je nach dem wo man ist, ist die Strecke zur nächsten Pause recht umfangreich und zeitintensiv. Ist man einmal dort, dann trifft man all jene, die man unterwegs schon mal getroffen hat. Alle wollen irgend wann Kaffee oder Tee. Das ist geschlechter- und herkunftsunspezifisch.

Letztes Jahr, ich war gerade joggen, graues Sweatshirt und dunkelblaues Basecap mit der gelben Stickerei FBI vorne drauf. So eine Art Jodie Foster Imitat aus Schweigen der Lämmer. Ein großer, schwarzer SUV schloß von hinten zu mir auf, die dunkel getönte Fensterscheibe der Beifahrerseite ging mit einem leisen Surren herunter und ich erblickte zwei massige Männerkörper in dunklen Anzügen, Glatze, Sonnenbrille und Kabel im Ohr. Das volle FBI-Programm. Dann ging die Scheibe der Hintertür des schwarzen Ungetüms herunter.

„Kann man hier irgendwo Kaffee trinken?“ fragte eine weiche und sehr melodische Stimme die zu einem gut aussehenden Mann arabischen Ursprungs gehörte. Im edelsten Englisch, das ich je hier oben gehört hatte. Ich schickte ihn zum nächsten Kaffee, etwas 30 Minuten auf der anderen Seite des Lochs. Er würde dabei am Ferienhaus seines Vaters vorbei fahren, denn er war ohne jeden Zweifel seine königliche Hoheit Scheich Hamdan bin Rashid Al Maktoum, Stellvertretender Herrscher von Dubai and Finanzminister eben da.

Der brauchte ganz offensichtlich auch mal ne Pause.

 

Gelbe Seiten

Gelbe Seiten sind im Hochland ein echter Anachronismus.

Einmal im Jahr kommt ein Mann in einem Auto. Verschämt, fast schon heimlich, nähert er sich den Häusern und wirft die Gelben Seiten in die Postkästen. Es macht den Eindruck als sei er froh, wenn man ihn nicht bemerkt.

Ich war in der Küche als er auftauchte und die Tür war offen, so wie sie es immer ist im Sommer am Meer, damit der Wind die Feuchtigkeit aus den Wänden nimmt.

Scheu übergab mir der Mann die Gelben Seiten und schlich mit einem unverständlichen Gemurmel von dannen. Ich stand mit meinen Gelben Seiten da und dachte, gut, dann weiss man, wo man anrufen muß, wenn man mal einen Handwerker braucht.

Natürlich eine dämlich deutsche Denkweise.

In den Highlands ruft man nicht einfach so jemanden an.

Hat man beispielsweise einen verstopften Abfluß und braucht einen Installateur, dann ruft man nicht einen Installateur aus den Gelben Seiten an sondern einen Mann, der weiß, welchen Installateur man anrufen könnte. Weil der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte aber nicht zu Hause, verbringt man die nächsten dreißig Minuten im Gespräch mit seiner Frau.

Der Rückruf des Mannes, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, dauert. Bis zu drei Tage. Dann trägt man ihm das Problem vor (der Abfluß ist immer noch verstopft) und er verspicht über das Problem nachzudenken. Das dauert drei weitere Tage. Man darf ihn aber keinesfalls durch einen weiteren Anruf (was ist jetzt?) beim denken stören. Irgendwann ruft dann der Mann, der weiß welchen Installateur man anrufen könnte, an und gibt einen Namen weiter. Dazu eine Telefonnummer und einen weiteren Namen, auf den man sich berufen kann. Sonst zahlt man den Preis, den Ferienhaus besitzende Engländer bezahlen.

Dann wartet man mindestens drei weitere Tage, um nicht den Anschein von Dringlichkeit zu erwecken (der Abfluß ist immer noch verstopft) und ruft schließlich den Installateur an. Der ist nicht da, Gott sei Dank seine Frau auch nicht. Dann hinterlässt man seine Nummer und sein Anliegen und den Kontaktnamen auf seinem Anrufbeantworter und beginnt auf einen Rückruf zu warten. Das kann Wochen dauern. Der Abfluß ist immer noch verstopft

In der Zwischenzeit darf man aber (weil man vielleicht langsam die Geduld verliert) keinesfalls einen anderen Installateur aus den Gelben Seiten anrufen.

Nach einer Woche ruft der Installateur zurück und man schildert das Anliegen, ohne den unhöflichen Eindruck von Dringlichkeit zu erwecken. Der Installateur brummt ein wenig und macht dann den Vorschlag nächste Woche vorbei zu kommen. Genauer werden Termine hier selten gefaßt. Man muß also gefaßt sein, eine Woche lang.

Es kann aber immer etwas dazwischen kommen.

Während ich auf den Installateur warte, lerne ich die praktischen Seiten der Gelben Seiten kennen. Man kann mit ihnen Möbel unterlegen, ein Feuer entzünden und man kann sie in den Recycling Müll werfen. Nutzen würden sie nur Menschen, die keine Geduld haben.

Keine Einheimischen also.

Gala

Nun, wir alle wissen, was eine Gala ist: großes Kino, große Garderobe, Frack, Smoking, Schleppe, vielleicht sogar Diadem, das ganze Programm.

Natürlich ist eine Gala in den Highlands eine völlig andere Angelegenheit. Die Kleidungsstandards umfassen hauptsächlich Regenjacken und Gummiestiefel. Nur Touristen gehen ohne Wellies, ohne Gummistiefel.

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Eine Gala in den Highlands ist ein ausgesprochen lustiges Erebnis. Die Veranstalter haben ein Stück Wiese eingezäumt und man muß Eintritt bezahlen, sofern man es geschafft hat auf der anderen Wiese zwischen den Schlammlöchern einen Parkplatz zu ergattern bei dem Hoffnung besteht, daß man auch wieder raus kommt.

7 Pfund ärmer aber endlich Mitten auf dem Galagelände gibt es so einiges zu sehen.

Der quietschgelbe Rettungshelikopter macht Schauflüge, die Nachwuchs-Dudelsack-Band spielt, ein Bauer fährt Kinder mit seinem Quad eine Wiese rauf und runter, im Zelt verkaufen die Frauen Tee, Kaffee und Selbstgebackenes.

lifeguard

Im Festzelt gibt es auch eine Bar und am Abend (nochmal extra Eintritt) auf dem Bretterboden Musik und Tanz. Soll wild zugehen hab ich mir sagen lassen.

Mein Highlight aber ist das Axtwerfen. Es gilt eine etwa 10 Meter entfernte (riesige) Zielscheibe zu treffen. Der Werfer hat die Wahl zwischen einer einhändigen und einer zweihändigen Axt. Man holt weit hinter dem Kopf aus und wirft aus der nach vorne gerichteten Körperbewegung heraus Richting Scheibe.

axthrowing

Ich überlege.

Was, wenn ich nicht rechtzeitig loslasse? Dann steckt die Axt in meinem Schienbein.

Alans wife axthrowing

Ich entscheide mit für die einhändige Axt, die scheint mir sicherer weil weiter weg vom Körper zu führen.

Drei Würfe kosten 1£. Ich bezahle für 9 Versuche und treffe exakt 0 Mal.

Eine Prüfung der Ergebnistafel (der Gewinner erhält eine Flasche Whisky) ergibt, dass eine gewisse Heike in Führung liegt.

Mir scheint hier waren mir Touristen ein bis zwei Axtlängen voraus. Zumindest hab ich an die Gummiestiefel gedacht.

 

Straßen oder Ähnliches

So groß, weit und einsam das Hochland auch ist, manchmal geht es verdammt eng zu. Das liegt vor allem daran, daß es so wenige Straßen gibt.

Hochlandkuh

Hochlandkuh

Selten sind die Seltenen gut ausgebaut, meist sind sie extrem steil, extrem oft überflutet, extrem verschmutzt oder alles zusammen.
An manchen Abschnitten muß man etwas Mut aufbringen. Im Sommer. Im Winter ist man ein Held, meistert man ein derartige Wagnis.

Handarbeit

Handarbeit

Eine dieser Straßen ist die legendäre Calum’s Road. Geteertes Vermächtnis eines schottischen Sturschädels. Noch immer auf der Insel Raasay zu bewundern. Gewundener, geteerter und selbst aus dem Stein gehauener Weg. Mit Hacke, Schaufel und Schubkarren baute Calum MacLeod die Straße, die die offiziellen Stellen verweigerten. Es gab nämlich keine zu seinem Haus. Als nach und nach alle um ihn herum weg gezogen waren weil es keine Strasse gab, hatte der alte Calum die Faxen dicke – zehn Jahre später waren drei Meilen Straße fertig. Made in Scotland.

wenn Schweine fliegen könnten - Calum's Road

wenn Schweine fliegen könnten – Calum’s Road

Nicht nur an, auch auf schottischen Straßen trennt sich die Spreu vom Weizen, vor allem auf den legendären Single Track Roads, den Straßen, die für beide Richtungen nur eine gemeinsame Spur haben. Die Lösung liegt im häufigen Fall des Aufeinandertreffens zweier Fahrzeuge in entgegengesetzter Richtung in den sogenannten Passing Places, den Ausweichbuchten.
An den Passing Places trennt sich der Tourist vom Einheimischen.

Passing Place
Hier ist der Ortskundige natürlich klar im Vorteil. Er weiß, wo er nach Gegenverkehr schauen muß und wo nicht, weiß wie schnell er fahren kann (generell gilt immer sehr schnell, es sei denn er ist über 80, dann gilt generell sehr langsam) und wie spät er bremsen kann. Das ermöglicht dem Einheimischen ein geschmeidiges Einlenken und süffisant gelangweiltes Warten. Profis kündigen das auch gerne mit einem (keinesfalls mehreren) kurzen Blinkzeichen an.
Während also der Einheimische die Situation früh erkannt, die notwendigen Maßnahmen schnell getroffen und dann den entspannten Habitus eines Sachverständigen eingenommen hat, kämpft der Tourist noch immer mit dem Schock „Oh Gott, da kommt einer!“ „Ausweichbucht!“ denkt dann der Reisende (oder sein Ratgeber auf dem Beifahrersitz), während der Einheimische schon längst Platz sparend in einer Ausweichbucht steht. Statt also weiter zu fahren und den übrigen Verkehr nicht zu behindern, beschließt der Tourist einigermaßen panisch den Rückzug zur letzten Ausweichbucht. Man ist ja Gast im Land und will sich höflich den Gepfogenheiten anpassen. Während der Einheimische also in stiller Verzweiflung darauf wartet, der Tourist möge doch endlich an ihm vorbei fahren, rangiert der höfliche Gast umständlich rückwärts, verliert dabei den Überblick über rechts und links und kommt dem tiefen matschigen Straßenrand gefährlich nahe. Nach drei vier Korrekturen hat der Tourist es aber geschafft und zeigt dem Einheimischen voller Stolz per Lichthupe an, dass er nun für die enge Passage bereit steht. Der ist inzwischen am Rande seiner Geduld angekomen. Es ist schon der dritte Tourist auf der Fahrt zur Arbeit. Er fährt ergeben los, entgegnet dam euphorisierten Winken der Touristen mit einem freundlichen Nicken und gibt Gas. Jetzt kommt ein frei einsehbares Stück. Während der Tourist, jetzt wo er schon einmal steht, beschließt ein Foto zu machen.
An unserer Straße auch eine Single Track Road kenne ich natürlich jede Ausweichbucht und die Stellen, an denen man aufpassen muß. Und ich kann auch rückwärts fahren. Ein echter Profi also. Erst neulich kam mir kurz vor den cattle grid, dem Viehgatter, ein Holländer entgegen. Ich war gerade an meine Ausweichbucht vorbei. Also – lässiger kurzer Blick in den Rückspiegel, kurzer Blinker und die paar Meter rückwärts. Dachte ich.
Beim kurzen Blick in den Rückspiegel sah ich, wie sich gerade eine riesige Spinne vom Autodach auf meine Schulter abseilte. Panik, Hektik, Fuchtel….
Irgendwann fuhr der Holländer ergeben rückwärts und wartete in seiner Ausweichbucht. Lässig wie ein echter Profi. „Deutsche Touristen!“ wird er wohl gedacht haben.