Die Jagd nach Geld

Der Deutsche an sich neigt dazu, alles strukturiert und nach Zeitplan zu machen. Ich neige dazu, alles strukturiert und nach Zeitplan zu machen. Manchmal bin ich unerträglich Deutsch, obwohl ich es gar nicht sein will.

KontoeroeffnungIch beschließe, ein Konto in den Highlands zu eröffnen. Das macht Sinn, denn dann kann ich hier problemlos mit Karte zahlen und überall wo ich will ohne Auslandsgebühren Geld abheben. Das wird mein Leben einfacher machen.

Dachte ich!

Kyle of LochalshIch recherchiere im Internet die Banköffnungszeiten und fahre nach Kyle of Lochalsch. In der Filiale sind sie einigermaßen aufgeregt. Hier hat wohl noch nie eine Deutsche ein Konto eröffnet. Geht aber alles, dank Europa. Und auch hier gibt es seitenweise Formulare auszufüllen, bei denen 60% der Fragen absolut sinnlos scheinen. Fühlt sich irgendwie deutsch an.

„Die Bankkarte wird Ihnen nach Deutschland geschickt.“ sagt mir die nette Bankangestellte, der schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen, weil sie meinen komischen deutschen Namen ins System eintragen muß. „Kein Problem!“ sagt sie als ich mich für meinen komplizierten Namen entschuldige. „Ich muß ja auch die gälischen Namen schreiben und ich kann gar kein Gälisch.“

mobile bankingWir lächeln uns an und ich habe ein schottisches Konto.

In Deutschland finde ich nicht eine, sondern zwei Bankkarten in der Post. Ich verbringe einen halben Vormittag in der Hotline, bis wir verifiziert haben, welche Karte es denn nun sein soll. Dann überweise ich einen größeren Betrag und freue mich auf Schottland und den Bankautomaten.

Lässig schlendere ich bei meiner Rückkehr auf einer Stippvisite in Edinburgh zum nächten Bankautomaten, gebe meine schottische PIN ein und wähle den Auszahlungsbetrag. Die Maschine rattert und druckt und sagt mir, daß ich kein Geld bekomme.

Ist was los mit der Karte? Betrug? Betrag zu hoch? Automat leer?

Der Ausdruck gibt keine Auskunft. Meine Selbstsicherheit in Sachen schottisches Konto schrumpft. Ich versuche es etwas verkrampfter am nächten.

Sorry, diesen Dienst können wir derzeit nicht anbieten.

Ich hebe am selben Automaten mit meiner deutschen Karte problemlos Geld ab und frage mich, was mit meinem schottischen Konto los ist. Vielleicht geht es ja nur in den Highlands??

Da kommt das Geld nämlich von alleine vorbei. So sagt man mir und ich habe den blauen Geldtransporter meiner Bank, der hier die Kunden anfährt, auch schon öfter gesehen. Immer Donnerstags fährt er bei uns vorbei.

„Man muß nur ein Schild mit der Aufschrift BANK raushängen.“ sagt mir die Nachbarin. „Dann halten sie an.“

Ich richte also Donnerstags früh die nötigen Dinge für eine Abhebung, ganz strukturiert durchsuche ich die Werkzeugecke, ich brauche Gaffaband. Der Mann hat (ganz Deutsch) ein Schild laminiert. Außerdem hat er einen Pfosten betoniert. Nicht wegen der Bank sondern wegen des Gatters, das da eines Tages mal sein soll. Alles ist bereit für die Abhebung.

Doch der blaue Transporter fährt vorbei. Ohne mein Schild zu beachten.

Langsam wird mein Bargeld knapp. Ich habe derzeit kein Transportmittel zur Verfügung und wenn ich keine Tageswanderung zum nächsten Bankautomaten (30 Autominuten entfernt) machen möchte, dann unternehme ich besser schnell etwas.

Ich muß den Geldtransport stoppen! Koste es, was es wolle!!

Ich erwäge Strumpfmasken, Straßensperren und Ähnliches, erinnere mich aber rechtzeitig daran, daß es auch mit einem Telefonanruf getan sein könnte. Der Geldtransporter soll auch bei mir anhalten soll. Ganz einfach.

Dachte ich!

Ich recherchiere die Nummer meiner Filiale im Internet und rufe an.

Warteschleife, bla bla bla, Musik und Gesäusel. Dann, endlich ein Mensch in der Leitung. Ich muß meinen Namen sagen und sie tut so, als fände sie den nicht komisch. Sie versucht mich weiter zu verbinden. Warteschleife, bla bla bla, Musik und Gesäusel, dann ein Besetztzeichen und ich fliege aus der Leitung.

Wieder erwäge ich Strumpfmasken, Straßensperren und Ähnliches, erinnere mich aber rechtzeitig daran, daß es für eine Lösung innerhalb des Gesetzes noch nicht zu spät ist.

Ich rufe noch mal an und als ich endlich durchkomme schildere ich ihr die Lage.

„Wo genau sind sie denn?“ fragt die Stimme.

„Na zwischen x und y.“ Ich sage ihr die Hausnummer. Eine Straße haben wir nicht.

„Können sie das präzisieren?“ fragt die Stimme.

„Klar!“ sage ich und halte sie für sehr schwer von Begriff. „Gleich nach dem Friedhof rechts, da wo früher Cath und Tom gewohnt haben.“

Die Stimme räuspert sich.

Mir schwant Schreckliches.

„Ich bin doch jetzt mit der Filiale in Kyle verbunden?“ frage ich vorsichtig.

„Nein.“ sagt die humorlose Stimme am anderen Ende. „Sie sind in der Zentrale in Greenock.“

Das liegt gute vier Stunden südlich. Die wissen wohl nicht, wo Cath und Tom früher gewohnt haben.

Sie sagt, dass der Transporter nicht einfach so für Jeden hält. Er hat Standplätze und Stellzeiten. Sie hat einen Zeitplan für mich. Ganz strukturiert, großartig.

bikeAm nächsten Tag schwinge ich mich um 10:25 Uhr aufs Fahrrad und fahre die knapp 2 Kilometer bis zum Standplatz, wo der Geldtransporter um 10:30 Uhr auftauchen soll.

 

waiting for my moneyIch warte und genieße den Blick. Kein Mensch, kein Verkehr aber auch kein Geld weit und breit.

ZeitplanEine halbe Stunde später gebe ich auf und fahre wieder nach Hause. Dort mach ich mir einen Kaffee, sehe aus dem Fenster aufs Meer und überlegen den nächsten Schritt.

Plötzlich fährt der blaue Transporter der Royal Bank of Scotland vorbei.

„Sch…ade!“ rufe ich laut und suche meine Schuhe. Flugs aufs Rad und hinterher. Die Jagd nach dem Geld ist noch nicht zu Ende.

Bereits nach zwei Kurven sehe ich ihn. Da steht er in der Haltebucht beim Nachbarn. Ein Endfünfziger mit Banksakko steht daneben.

20140529_113711Nein, der Zeitplan, den ich von der Zentrale bekommen habe, stimmt nicht. Sie sind erst um 11 da, wo ich gewartet hatte aber heute etwas später dran. Und ich soll einfach ein Schild raushängen, dann halten sie im Hof. Wo ich genau wohne will er wissen.

„Da wo früher Cath und Tom gewohnt haben.“ sage ich, denn er kommt nicht aus Greenock

„Alles klar.“ sagt er. „Ich hab ein Auge drauf in Zukunft.“ Dann klappt er die Treppe aus und ich steige die Stufen hinauf. Ich betrete den Transporter der von innen wie eine winzige Bankfiliale aussieht. Mit Glasfront und Durchreichen. Scottish moneyHinter der Glasfront wartet eine Endzwanzigerin, die die Scheine genau abzählt und durch die Durchreiche schiebt.

Ich habe soeben 200 Pfund abgehoben. Ganz einfach. Bei mir um die Ecke. Und das nächste Mal kommt die Bank in den Hof.

Endlich hab ich verstanden, wie „mobile banking“ in den Highlands funktioniert. Man darf einfach nicht zu Deutsch sein.

Erstens kommt es anders…..

Wenn man (oder in diesem Fall wenn Frau) einen Einkaufswagen voller Vorräte bei Starbucks parkt, dann läuft nicht alles rund. So viel ist ohne die genauere Analyse der Tatsachen ersichtlich. Die meisten Menschen nehmen ihren voll gepackten Einkaufswagen aus dem Supermarkt nicht mit auf einen entspannten Kaffee.

StarbucksAber… die meisten leben ja auch nicht in den schottischen Highlands. Da kann einem so was schon mal passieren.

entspannt geniessenAnstatt sich mit einem Krimi samt Café Latte den Tag zu entspannen, sitzt man auf glühenden Kohlen, unfähig sich auch nur auf eine Zeile des Buchs zu konzentrieren. Wäre ich nur wo anders! Gott sei Dank ist es noch so früh am Morgen, daß nur drei Menschen im Café sitzen.

Das Schlimmste ist, dass Starbucks hier auf einer offenen Galerie über einem Modegeschäft thront auf einer Art halbem, offenen Stockwerk. Man muß durch den ganzen Laden durch, um zum Aufzug zu gelangen. Mitsamt dem widerspenstigen Einkaufswagen zwischen Sommerpullies, Lederflipflops und Strandkleidern hindurch.

Nein, ich komme mir natürlich nicht blöd vor. Niemals!! Überhaupt nicht!!!

„Gott sei Dank ist der Laden (New Look) noch einigermaßen leer“, denke ich und „Wo zum Teufel steckt der Mann denn bloß?“ Ich sitze, allein gelassen mit meiner Petersilie, dem Cheddar Käse und der Scheuermilch im Café und warte. Starbucks Highland Style.

Endlich kommt der Mann, um mich zu retten.

Arnold Clark InvernessZwei Stunden nachdem er mich in Inverness am Supermarkt abgesetzt hat, um schnell den Dienstwagen zur Inspektion zu bringen und den Leihwagen abzuholen. Berechnete Fahrtzeit max 15 Minuten. Ergo berechnete Mannabwesenheit 30 Minuten plus 30 Minuten Formulare ausfülllen und Kram. Macht eine Stunde Einkaufszeit im Supermarkt. Nach deutscher Rechnung.

Highland-Rechnung geht so:

  • Der Mann setzt mich ab und raucht erst mal eine      5 Minuten
  • Fahrt durch den Berufsverkehr in Inverness      20 Minuten
  • Die Werkstatt hat den versprochenen Leihwagen nicht, Diskussion     20 Minuten
  • Der Mann denkt nach und raucht erst mal eine     5 Minuten
  • Der Mann versucht anderweitig einen Mietwagen zu organisieren     55 Minuten
  • Fahrt ohne Berufsverkehrs zurück zum Supermarkt     15 Minuten
  • Der Mann steigt aus und raucht erst mal eine     5 Minuten

Ich sitze immer noch mit meinem Einkaufswagen bei Starbucks. Als der Mann dann endlich auftaucht, ist das Autoproblem noch immer nicht gelöst. Der Mietwagen kommt erst in 2 Stunden.

2 Stunden Highland Zeit…..

Zumindest haben wir genug zu Essen in unserem Einkaufswagen, falls es dann doch ein wenig länger dauern sollte….

 

 

 

Mülltrennung

Wie funktioniert Mülltrennung in Schottland? Gibt es in den Highlands ein Pfandsystem wie in Deutschland? Und wohin mit Glas, Plastik und leeren Dosen, wenn die nächste größere Ortschaft viele Kilometer entfernt ist? Wer in die schottischen Highlands zieht oder dort längere Zeit verbringt, merkt schnell, dass Recycling und Müllentsorgung anders organisiert sind als in Deutschland.

waiting for the bin men
Müllabfuhr in den Highlands

Deutsche Mülltrennung

Als Deutsche, Greenpeace-Mitglied und ehemalige Freiburgerin bin ich qua Nation, Überzeugung und früherem Wohnsitz hochgradig qualifizierte Expertin für wichtige Aufgaben im Leben:

Mülltrennung!

Ja, ich kann sie alle: gelbe Tonne, grüne Tonne, braune Tonne, graue Tone, Glasmüll….. ich sortiere, trenne und recycle, spüle Plastikbecher und reiße mit feiner Vorsicht die Plastiksichtfensterchen von den Barilla Nudelkartons bevor ich sie in den Papiermüll gebe. Ich habe ein Müllgewissen.

Und damit ein Problem in den Highlands.

Kein Dosenpfand in Schottland

Bierdose

Schon vor fast 25 Jahren, als ich in Glasgow studierte, ging ich den weiten Weg zur can bank, um die leeren Bierdosen (Flaschen gab es damals nur Fürstenberg und deutsches Bier wollte man ja nicht rinken) zum Recycling zu geben. Was in wilden Studentenjahren unweigerlich die Gefahr einer Sehnenscheidenentzündung mit sich brachte: Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte ……

Mülltrennung „light“

Heute ist in Schottland Mülltrennung so normal wie bei uns, nur in den Highlands ist es natürlich nochmal anders. Das Problem liegt darin, dass es in der Wildnis eben keine großen Trenn- und Weiterverarbeitungsmäglichkeiten gibt. Dazu ist das Sammeln zu umständlich und das Aufkommen nicht groß genug. Das bedeutet: in den Highlands gibt es Mülltrennung nur in der light Version.

Die grüne Tonne ist für den Restmüll und die blaue fürs Recycling. Da kommt alles rein außer Glas, Plasikbecher, -dosen, -schalen, -deckel, keine PET Kartons, dafür aber Dosen. Papier und Plastikflaschen, alles zusammen in einen Mülleimer.

blaue Tonne

Brav konsultiere ich vor jeder Entsorgung die Liste, die der Mann seiner wunderlichen Deutschen ausgedruckt hat.

Den Müllmännern habe ich vorsorglich ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Der Mann sagt, sie leeren den Mülleimer nicht, wenn der Müll nicht korrekt getrennt ist. Doch mich beschleicht der leise Verdacht, daß es auch daran liegen könnte, daß der Mann gerne Mittwoch vergisst. Mittwochs wird der Müll abgeholt. Ab Donnerstag fängt er dann an, den auch den Müll der nächsten zwei Wochen in die Tonne zu pressen. Wahrscheinlich kriegen die den Pressmüll gar nicht wieder aus der Tonne, wenn sie denn mal unten an der Straße zum leeren steht. Der Mann ist nämlich Experte für Müllpressung.

Jede Woche wird eine andere Tonne gelehrt

Muelleimer

Ich trenne derweil vor mich hin. Ich weiss meist, wann Mittwoch ist.

Nicht weit von hier gibt es auch eine Sammelstelle für Glas. Da fahre ich regelmäßig hin: vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker ….

Hat euch dieser kleine Einblick in mein Leben in den schottischen Highlands gefallen? Dann stöbert gern weiter hier auf dem Blog. Zwischen Schafen, Single-Track-Roads, Wetterkapriolen und kulturellen Eigenheiten sammelt sich im Alltag zwischen Deutschland und Schottland immer wieder Stoff für neue Geschichten.

Noch mehr Erlebnisse aus den Highlands findet ihr außerdem in meiner Buchreihe „Abenteuer Highlands“. Darin erzähle ich von meinen Erfahrungen, Begegnungen und kleinen und großen Abenteuern im Norden Schottlands – mal humorvoll, mal nachdenklich, aber immer mitten aus dem Leben.

Die Bücher sind als Taschenbuch und E-Book bei Amazon erhältlich. Den Link dazu findet ihr hier.

Fenstersimszoo

Wir werden von einem Werwolf heimgesucht. Jeden Abend, Vollmond oder Neumond. Irgendwie unheimlich. Jeden Abend pünktlich um sechs ist er da, draußen in der Dunkelheit, im Regen, im Sturm und wartet, lauert, still und geduldig, macht kein Geräusch. Ich weiß, daß er da ist und er weiß, daß ich da bin.

Ich nähere mich vorsichtig dem Küchenfenster und starre in die Dunkelheit. Da sind sie, zwei grüne Augen glitzern aus der Schwärze – Wolfie. Zeit, zum fressen und der kleine Kopf mit den zotteligen langen Haaren kommt dem Fenster erwartungsvoll näher und näher.

Ich öffne das untere Fenster ein wenig und lege ein Stück rohen Fisch auf das Fenstersims. Dann schließe ich das Fenster und sehe zu, wie Wolfie ganz vorsichtig den Fisch schnappt und die Dachstreppe hinunterschleicht.

Wolfie ist eine sehr scheue wilde Katze, der letzte Neuzugang im Fenstersimszoo. Wir nennen sie Wolfie, weil sie das zottelige Aussehen eines Werwolfs hat. Wolfie weiß genau, wann ich koche und schaut dann vorbei. Wolfie mag Käse, Fisch und Fleisch, inzwischen sogar Trockenfutter. Ich rede Deutsch mit ihr, denn Wolfie ist sehr schlau. Vor dem Mann hat sie ein wenig Angst aber der kann ja auch nur wenig Deutsch.

Es hat ganz harmlos angefangen, mit ein wenig Haferflocken für die Vögel am Morgen, dann kamen Nüsse dazu, dann Rosinen und nun schauen von der Amsel über sämtliche Finken, Spatzen, Rotkehlchen und Krähen nun sogar Möwen vorbei. Ich kaufe Bircher Müsli für die Vögel und gebe täglich frisch gebackenes Brot aus. Ja, man wird sonderlich mit einem Fenstersimszoo.

A propos sonderlich.

Der Mann hat insgesamt 4 Außenkameras installiert. Die kann man über eine kleine Schalteinheit im Wechsel auf den Fenseher geben. Ja, damit kann man auch nachts den Garten überwachen, weil die Kameras überraschend lichtempfindlich sind. Vor allem kann man das Küchenfenstersims überwachen. Wenn man will 24 Stunden lang…..

Dougie hinter beschlagener Scheibe

Dougie hinter beschlagener Scheibe

Wir füttern auch den Marder, da kommt fast jedes Jahr ein neuer, wahrscheinlich immer der letzte Wurf. Wir nennen sie nach dem Alphabet, haben mit Agnes angefangen und sind nun bei Dougie. Wir denken es ist ein Junge, so wie der frisst. Dougie ist auch sehr scheu, frisst Fleisch aber kein Trockenfutter und Dougie liebt Schokolade. Wenn er ganz viel Hunger hat, frisst er auch Brot. Dougie versteht kein Deutsch.

Eines Abends, wir saßen gemütlich auf der Wohnzimmercouch und schauten Fenstersimskamera, da kam etwas dunkles und schwerfälliges Großes den Kiesweg entlang zum Fenstersims. Ein Dachs! Er roch und schnüffelte, reckte die spitze Nase in die Luft. Das Fenstersims war voller Essensreste und Mister Badger hatte ganz offensichtlich Hunger. Nur ist Mister Badger nicht so gelenkig wie Wolfie oder Dougie oder hat gar Flügel. Er ist allerdings überraschend sportlich, denn Mister Badger versuchte es mit Klimmzügen, um an das Futter zu kommen. Es mißlang und irgendwann trottete Mister Badger hungrig von dannen.20140131_143525[1]

Ich sage dem Mann, das er etwas tun muß. Ich dulde keinen Darwinismus im Garten und bei mir bekommt jeder zu fressen. Der Mann zieht seine Gummistiefel an und beginnt Steine zu schleppen. 20140131_143602Er baut eine Dachstreppe, die Mister Badger inzwischen sehr gerne nutzt, denn dank der Treppe kommt der dicke Dachs nun auch ans Fensterbrett. Mister Badger frisst alles und versteht Deutsch, denn wenn ich Abendessen rufe, dann kommt er meist bald vorbei. Das direkte Gespräch scheut er allerdings, ich schätze weil er einfach ein alter Eigenbrötler ist.

Tolle Sache, so ein Fenstersimszoo. Egal wieviel oder was ich am Abend aufs Fenstersims lege, am nächten Morgen ist es weg. Sogar Melone, Radieschen und Krautwickel aus der Dose. Dann gieße ich einen Wasserkessel kochendes Wasser über den Stein und serviere Frühstück für alle, die zum fressen an unserem Fenstersims vorbei schauen.

Eilean Donan

Ich hoffe nur, dass die Pläne den Wolf in Schottland wieder heimisch zu machen nicht verwirklicht werden. Echte Wölfe haben bei uns Fenstersimsverbot, wir füttern höchstens kleine Möchtergernwölfe wie Wolfie.

ich brauch mal schnell …

Ich brauch mal schnell… ist in den Highlands ein Satz, den man am besten wieder vergisst, bevor man ihn gesagt hat.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Weil schnell generell schwierig ist. Hier hat man Zeit und nimmt sie sich, was eine durchgetaktete Deutsche mitunter ganz schön ausbremsen kann.

Das eigentliche Problem aber ist das Ich brauch mal…..

Auch wenn das ist in der Regel etwas ganz Einfaches, fast schon Blödsinniges und Kleines wie eine Wäscheleine ist. Nur so zum Beispiel.

Wo kriegt man hier in den Highlands eine Wäscheleine her?

Und dabei ist die Wäscheleine schon die Alternative, denn eigentlich braucht der Mann ja ein Fahnenseil.

Das wiederum braucht er, weil er die Fahne auf Halbmast hängen muß.

?

Jetzt mal ganz logisch: die schottische Fahne ist nötig, weil Mann für die schottische Unabhägigkeit ist. Halbmast ist nötig, weil ein großer und beliebter Poltiker der Region, gestorben ist und man Anteilnahme zeigt. Deshalb ist auch die Wäscheleine nötig.

Nicht für die Wäsche. Da hat der Mann schon im Sommer eine Leine gespannt. Allerdings keine Wäscheleine sondern eine Kabelleine, denn Wäscheleinen gab’s nicht, als sie schnell mal gebraucht wurden.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Substitutionsdenken ist also angebracht.

Ich überlege.

Inverness, knappe 2 Stunden entfernt, Highland Industrial Supplies. Da waren wir vor zwei Wochen auf der Suche nach einem Wasserschlauch für Badewannen und fanden ein Café und einen Wok.

20140118_151115Wir hätten auch 300 Angelruten oder 20 Kilometer Drahtzaun haben können. Wollten wir aber nicht. Ein Bekannter hatte dem Mann erzählt, daß es da auch gute Klamotten gibt…..

Ich frage mich, ob sein Bekannter glaubt, daß Journalisten wie ich, lange genug im Verborgenen recherchiert haben….?

Dann vielleicht B&Q, auch in Inverness? Sowas wie Obi und Praktiker mit einer Million Dinge, von denen Frau ganz sicher ein kann, daß sie sie niemals in ihrem Leben brauchen wird. Im Gegensatz zu einer Wäscheleine, natürlich.

Nein, Inverness ist zu weit. Ich versuche es in Kyle of Lochalsh, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Dort gibt es den Marine Store. Ich sehe winderzauste Fischer vor meinem inneren Auge Einzelteile für ihre Kutter kaufen. Als ich dort bin weit und breit kein Fischer aber Wäscheleinen in drei verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Längen. Ich wähle blau, 15 Meter. Um schlappe 3,95 schottische Pfund ärmer verlasse ich den Männerladen und rette die heimische Fahnenaktion.

Und dann (wo ich doch schon mal unterwegs in der Zivilisation bin), gönne ich mir ganz in Ruhe und ganz gemütlich ein Essen in der Sonne. Herrlich! Fish & Chips.

Bis mir das Fett von den Fingern trieft und ich mal ganz schnell ein Papiertaschentuch brauche……

Wo um alles in der Welt bekommt man in den Highlands schnell mal Papiertaschentücher???

Kalender

Kürzlich habe ich im Drogeriemarkt einen Kalender gekauft. Das ist eigentlich nicht weiter berichtenswert, definitiv aber betrachtenswert.

Der Kalenderkauf ist eine im Prinzip völlig unnötige Aktion, denn ich habe ja schon einen. Grundschüler haben ihn gestaltet, sehr süß.

Dennoch, ich will diesen anderen Kalender unbedingt. Ich recherchiere, wo man ihn erwerben kann. Er wird an sämtlichen Tankstellen der Region und in der Drogerie in nächst größeren Ort, der etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt liegt, verkauft.

Wildziegen Das klingt ungefährlicher, als es ist im Winter. Ich muss nämlich erst einer haarigen Horde Wildziegen ausweichen, die sich zum Lunch im Ort zusammen gerottet haben. Es gibt wohl nicht mehr viel zu fressen oben in den Bergen. Und in dem kleinen Fiat Panda fühlt man sich nicht ganz so unüberwindlich, wie man es zur eigenen Beruhigung gerne möchte.

Ich überstehe den Moment unverletzt und mit der Souveränität eines afrikanischen Wildhüters mit jahrzehntelanger Safarierfahrung und mache mich auf den Weg zu meinem Kalender.

Ein Stapel liegt direkt an der Kasse aus, im Sonderangebot, 50% Rabatt. Das kann doch nur an der Tatsache liegen, daß der Januar fast schon zu Ende ist. Oder sollte etwa der Kalender nicht den gewünschten Absatz gefunden haben?

Ich kann es mir nicht vorstellen, denn was die „Spielerfrauen“ des Shinty Clubs Kinlochshiel da aus der Handtasche gezaubert haben, ist allererste Liga!

Kinlochshiel Shinty Club (1)

Netterweise bakommt man in der Drogerie mit dem Kalender auch einen neutalen, weißen Umschlag, in den er gesteckt wird.  Ganz unauffällig.

Ich fahre stolz mit meinem Sonderangebotsschnäppchen nach Hause, wo der Mann nicht gerade begeistert ist von der Idee, den Kalender in die Küche zu hängen.

Naja, er mag eher Fußball.

Montag, Dienstag, Mittwoch…. Diardaoin, Diahaoine, Disathairne

Ich wusste ja, daß es nicht einfach werden würde aber so schwer hab ich es mir nun doch nicht vorgestellt: als wäre ich mit unheilbarer babylonischer Sprachverwirrung inmitten der schottischen Einsamkeit geschlagen.

Der Mann lernt Gälisch und ich bin mit zum Unterricht: Lektion 73, deren Höhepunkt eine sechszeilige Unterhaltung zum Thema Kürbis ist.

So schwer kann das ja alles gar nicht sein. Schließlich spreche ich mehrere Sprachen und habe Sprachwissenschaften studiert.

Ich kenne mich aus…….

Das schottische Gälisch gehört zu den q-keltischen Sprachen und ist nicht zu verwechseln mit den p-keltischen Sprachen in denen der indogermanische Labiovelar [K] zu [P] gewandelt wurde. Wie im Bretonischen, zum Beispiel. Ja, solche Dinge hab ich gelernt auf der Universität. Sag nochmal einer da lerne man nix fürs Leben.

Ich weiß, daß das schottische Gälisch hauptsächlich auf den Western Isles, in den Highlands und in Glasgow gesprochen wird. Letzteres vor allem wegen der Migration (Arbeit für die Landbevölkerung in der Großstadt unter Beibehaltung der eigenen Identität). Nur 1% der Schotten spricht diese alte Sprache noch.

Hier in den Highlands sind es verhältnismäßig viele. Die Straßenschilder sind zum Beispiel zweisprachig. Die schottische Regierung hat viel getan, um die Sprache zu erhalten. Ganze Schulen oder Klassenzüge haben Gälisch als Unterrichtssprache für alle Fächer. Und in der Erwachsenenbildung werden billige Kurse angeboten.

Wie meiner mit der Kürbislektion.

Und damit fangen die Probleme an. Nichts spricht man aus, wie man es schreibt. Keines der Worte kann man raten, wie ich es im Französischen oder Italienischen gelegentlich mache. Die Grammatik bleibt schleierhaft. Das Verb steht am Satzanfang. Und die Laute sind schön aber fremd. Nach 90 Minuten mitmachen, nachsprechen und rumstottern bin ich nicht viel weiter, als am Anfang. Was keinesfalls an der fröhlichen, geduldigen und humorvollen Lehrerin liegt: Ina, you were great!!

Ich kann sagen: Tha an t-aodann seo gun gruaidhean.

Das heißt auf Deutsch: Das Gesicht hat keine Wangen.

???

Das erinnert mich ein wenig an mein Latinum, von dem nur ein Satz wirklich in meinem Gedächtnis haften geblieben ist: Rana capillos non habet.

Der Frosch hat keine Haare.

Beide Sätze sind ähnlich nutzlos im täglichen Gebrauch. Ganz im Gegensatz zum Kürbisgespräch, das man hier oben unter den Croftern durchaus mal führen könnte, wenn man es richtig hinbrächte…

Es gibt immer mehr Deutsche, die das schottische Gälisch richtig gut sprechen können. Und so gut wie alle Deutschen wissen, daß das Wort Whisky aus dem Gälischen stammt und „Wasser des Lebens“ bedeutet.

Ich scheitere schon an Kürbissen.

‘S fheàrr iad as t-fhgohar. Fàg e an t-àm seo, a luaidh!

Was soviel heißt wie: „Sie sind besser im Herbst als sie es jetzt sind, meine Liebe.“

Ich mache meine Hausaufgaben und hoffe darauf, daß auch ich bald ein echter Kürbis bin – im Herbst viel besser als jetzt.

Das zweite Gesicht

Die gute Nachricht zuerst: wir waren auf dem Elfenhügel und sind vor den befürchteten 200 Jahren wieder zurückgekehrt. Ohne auch nur eine einzige Elfe getroffen zu haben.

fairy hill

fairy hill

Tomnahurich ist dennoch ein geheimnisvoller Ort, dunkel und still.

Tomnahurich graveyard, Inverness

Tomnahurich graveyard, Inverness

Obwohl der Friedhof am Rande von Inverness, der größten Stadt in den Highlands liegt, scheint er sehr verlassen und fern.                                

Zwei erstaunliche Dinge haben meine Recherchen für Tomnahurich ergeben. Neben der Elfen.

Mitte des 17. Jahrunderts lebte (und das taucht in mehreren historischen Quellen auf) ein einsamer Mann im Westen Schottlands, den sie den Brahan Seer, der „Seher von Brahan“ nennen, auf Gälisch Coinneach Odhar. Vermutlich auf der Hebrideninsel Lewis geboren, führte ihn seine Gabe an viele Orte und trieb ihn bald auch wieder weiter, Lewis, Kintail, Black Isle. Der „Seher von Brahan“ sagte zahllose große und kleine Dinge voraus, viele wurden wahr, zum Teil in allen noch so verwunderlichen Details. Ein ungelöstes Rästel bis heute.

Zwei seiner Vorhersagen betrafen Tomnahurich.

So seltsam es dir auch scheinen mag, die Zeit wird kommen, und sie ist nicht weit, wenn hinter Tomnahurich große Schiffe von Ost nach West segeln werden.

Das war Mitte des 17. Jahrhunderts völlig unmöglich, da Tomnahurich sowohl vom Meer als auch von Loch Ness viele Meilen entfernt liegt.

1822 wurde der Caledonian Canal fertig gestellt. Er verbindet die Seen des Great Glen mit dem Meer. Seitdem fahren Schiffe hinter Tomnahurich vorbei, der Kanal liegt direkt am Hügel.

Caledonian Canal

Caledonian Canal

Die zweite Vorhersage war zu der Zeit, in der sie gemacht wurde ähnlich unvorstelbar.

Der Tag wird kommen, wenn der Elfenhügel Tomnahurich verschlossen sein wird und die Geister darin sicher.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Tomnahurich zu einem großen, umzäumten Friedhof mit Öffnungszeiten. Die Geister der Toten sicher darin.

Tomnahurich graveyard, InvernessWie konnte der „Seher von Brahan“ das sehen? In den Highlands zweifeln sie nicht an ihm, dem schottischen Nostradamus. Das zweite Gesicht ist für viele heute noch eine ganz selbstverständliche Gabe.

Hier, in dieser unglaublich grandiosen, gefährlichen und gnadenlosen Einsamkeit, lebt das Übersinnliche von Generation zu Generation fort, wird verebt und angenommen wie Sonnenaufgang und Regen.

Die Sehnsucht nach übersinnlichen Fähigkeiten scheint gerade in der modernen Gesellschaft unverändert groß.

Ich wünschte ich hätte diese Fähigkeit auch: das zweite Gesicht, das es mir ermöglicht, in die Zukunft zu blicken.

Dann hätte ich nämlich gewusst, dass gestern der Postmann zwei Stunden früher in der Tür stehen würde als gewöhnlich.

Und wäre ich nicht nackig durch die Wohnung gelaufen……

 

 

 

Der Fischmann

Es war kurz vor sieben und ich war ein klein wenig nervös. Wir warteten auf den Fischmann. Es war unser erstes Mal.

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, in Riech- und Sichtweite vom Meer zu leben und seinen Fisch zu kaufen. Ironie und einen Hauch von Versagertum. Der ich-esse-was-ich-gefangen-habe-Gedanke ist immer noch sehr ausgeprägt in den Highlands. Ich esse, was ich gekauft habe, was eher die dürre Touristenausrede ist. Naja, wir haben kein Boot und zum Angeln fehlt mir jegliche Geduld und Mordlust. Das ist meine Ausrede. Die Angelrute im Gästezimmer ignoriere ich geflissentlich seit Jahren.

Eine der Nachbarinnen riet mir letzte Woche zu John, dem Fischmann. Der fährt Mittwochs mit einem kleinen Transporter am Loch entlang und verkauft Fisch. Nicht billig aber sehr frisch und sehr nett. Nur letztere Auskunft bezog sich auf John, die ersten beiden Attribute betrafen seinen Fisch. Er fängt ihn nicht selbst, war die weiterführende Information. Aber er kauft ihn frisch im nächsten größeren Hafen.

Ich frage mich, ob John ein Einheimischer ist.

Die Nachbarin war so nett und bat ihn auch bei uns vorbei zu schauen, als er am Mittwoch bei ihr vorbei kam. John, der Fischmann, hält nur, wenn man ihn vorher anruft. Er  hatte sich für sieben Uhr abends bei der Nachbarin angekündigt. Bis zu uns sind es nochmal gute 3 Kilometer.

Wenn er ein Einheimischer ist, dann wird es frühestens halb neun bei uns auftauchen. 20:30 Uhr ist 19 Uhr „Highland time“. So ungefähr. Das rechne ich noch als ich die Lichter am Ende unserer stockdunklen Auffahrt sehe. Das muß er sein, zwei Minuten vor 19 Uhr. Er kann kein Einheimischer sein.

John, der Fischmann, ist Engländer, mittelgroß mit braunem Wuschelbart und sanften Augen. Er führt uns zu seinem Wagen und ich habe die Qual der Wahl. Ich entscheide mich für Lachs und monkfish, ohne zu wissen, was das ist. Mein Fischvokabular ist nicht sonderlich ausgeprägt.

John, der Fischmann, weiß das deutsche Wort auch nicht. Er kann nur Kabeljau, das ist cod. Ich kaufe den monkfisch und frage, wie ich John erreichen kann, wenn ich nächste Woche wieder Fisch will. Er reißt ein Fetzen von einem Karton ab und schreibt seine Nummer auf – Business Karton. Dann verschwindet er in der Dunkelheit.

Der Fisch ist herrlich frisch. Ich brate die Medaillons kurz und scharf an, serviere sie auf einer Tomaten, Knoblauch und Ingwersauce und reiche Kräuterbrot dazu. Fantastisch.

Natürlich habe ich monkfish gegoogelt. Das erste was ich gefunden habe war ein Video, in dem ein gruseliger Fisch einen Taucher angreift. Ich fühle mich so viel sicherer bei John, dem Fischmann, der mir den Seeteufel filetiert und auf Eis an die Haustür bringt.

 

Stromausfall

Stromausfall

Mit einem Schlag war alles aus. Alles, was Strom hat. Gerade als ich mir die Zähne putzte. „Mist!“ murmelte ich durch die Zahnpasta, „Stromausfall!“

alles schwarz

alles schwarz

Die Sonne braucht noch eine Stunde, um hinter den Bergen hervor zu kommen. Es ist kurz vor 8 Uhr und stockdunkel überall.

In allen Räumen sind Kerzen und LED-Notlampen mit denen man der Dunkelheit begegnen kann, die sich nun in alle Bereiche des morgendlichen Ablaufs schleicht. Wozu man alles Strom braucht!

Notbeleuchtung

Notbeleuchtung

Ich kann das Gesicht nicht sehen, das ich eincreme, die Wäsche in der Maschine weicht vor sich hin, statt zu waschen, der Wasserkocher kocht kein Wasser. Bedächtig trinke ich die letzten zwei Schluck meines schon ziemlich kalten da-hatten-wir-noch-Strom-Kaffees und freue mich, daß ich den kleinen Kaminofen schon gesäubert und zum anfeuern bereit gemacht habe. Noch ist das Haus warm aber das wird sich schnell ändern, im Winter in den Highlands ohne Heizung. Dann ist es mit der Romantik der Wildnis ganz schnell vorbei. Ich denke sehnsüchtig an ein prasselndes Holzfeuer und eine Tasse dampfenden Kaffee.

Wie haben es die Crofter in ihren zugigen Steincottages mit den mickrigen Torffeuern früher nur ausgehalten? Die Moderne hat uns zu Mimosen gemacht.

Ich organisiere mich. Der Laptop hat noch alles, was die Batterie herzugeben hat. Ich schreibe im Kerzenlicht und schärfe meine Sinne. Erstaunlich, wie gut man seine Tastatur kennt, wenn man sie nicht sehen kann. Auf der anderen Seite des Lochs sind alle Lichter aus, in den Hausern und an den Straßen. Nur die vorbeifahrenden Autos erhellen für kurze Zeit das Schwarz. Kein gutes Zeichen, denn die Häuser auf der andere Lochseite liegen an einer anderen Versorgungslinie. Ist die auch gestört, dann haben wir ein größeres Problem.

Es war keine besonders stürmische Nacht, die Wahrscheinlichkeit, daß ein Baum auf die Stromleitungen gefallen ist also eher gering.

Der Strom fällt hier öfter aus, damit leben alle hier ganz selbstverständlich. Und die Gründe für einen Stromausfall sind zahlreich. Wegen Sturm oder Flut zum Beispiel. Die Oberleitungen sind alt und die Bäume daneben auch. Ein anderes Problem ist die zu hohe Auslastung, zu Beispiel über den Jahrswechsel, wenn alle Ferienhäuser entlang der Straße belegt sind und die Touristen in den Häusern alle Lichter in allen Zimmern brennen lassen. Irgendwann macht es dann bang und es wird für alle kalt und dunkel. Die Einheimischen haben Gaskocher für solche Notfälle. Ich hab mir leider nicht zeigen lassen, wie man unseren benutzt. Oder wo er ist….

Internet geht auch nicht, weil der Router keinen Strom hat. Das macht mir am meisten Sorgen. Kein Internet, wie soll ich da überleben??

Im vorletzten Winter war jeglicher Internetzugang am Loch für Tage unmöglich. Ein paar gewiefte „Unternehmer“ wollten ein Kupferkabel klauen und hatten vesehentlich das Glasfaserkabel erwischt, das die Region versorgt. Weil nach dem Diebstahlversuch ein Sturm aufkam und BT Taucher brauchte, für die Reparatur, hat es fast eine ganze Woche gedauert, bis das Internet wieder ans Loch zurück kehrte.

Eilean Donan Castle

Eilean Donan Castle

„Warum will jemand ein Kupferkabel klauen?“ frage ich mich. „Wozu braucht man überhaupt ein Kupferkabel?“ Ich bin mir sicher ich habe in meinen ganzen Leben noch nie ein Kupferkabel gebraucht.

„Kupfer ist teuer, man kann damit gut Geld verdienen.“ sagt man mir. „Wahrscheinlich konnte jemand das Kupferkabel gut brauchen.“

Aha. Das ist also so, als würde Frau im Drogeriemarkt einen Lippenstift mitgehen lassen: kleine Sache, die man brauchen kann.

Hier lassen Männer mal eben ein Kabel mitgehen…. unter Wasser, unter eiskaltem Wasser, mit Strömungen und Haien und…… und dann finden sie nicht mal das richtige Kabel.

!!!

Ein klein wenig problematischer, als nur die falsche Rotnuance zu erwischen.

Plötzlich: ta ta!

Das Licht ist an, der Strom ist wieder da. Ich kontrolliere das Haus und koche Wasser für  einen Kaffe. Dann geht es wieder zurück an den Computer. Ich muß meine Geschichte posten, solange ich Internet-Zugang habe. Hier weiß man nie, ob nicht irgendwo irgendeiner irgendwas brauchen kann……