Italienische Reise Teil 3

Essen, trinken, Schuhe

Der Mann wird am frühen Morgen gleich aus seiner Komfortzone gerissen: er ist warmes Frühstück gewohnt. Ein kaltes lässt ihn irgendwie unbefriedigt zurück. Liegt wohl am schottischen Wetter, da ist man meist froh über ein wenig Wärme im Magen. Mehr als warmen Kaffee bekommt man in Italien aber meist nicht zu Frühstück, mit biscotti und brioche kann man den Mann nicht locken aber wir entdecken einen modernen Bagel Laden gleich gegenüber von unserem Apartment – die toasten ihre Bagel und machen den Mann glücklich. Ich nehme das Joghurt mit Früchten, kühle Leichtigkeit in der italienischen Wärme und wir sind beide voll auf zufrieden mit dem Start in den Tag.

Generell scheint es mir so, als sei der Schotte an sich sehr viel mehr in seinem Schottischein verwurzelt als ich es in meinem Deutschsein bin. Ich genieße es anders zu sein, wenn ich anderswo bin, während der Mann anderswo versucht das zu finden, was er kennt. Die Lust auf Neues und Unbekanntes scheint dem Germanen näher als dem Highlander. Der ist immer vor alle eins – schottisch.

Wir genießen das Leben und die drei essenziellen Dinge im Leben: essen, trinken, Schuhe. Also irgendwie alles, was Italien tief im Innersten so ausmacht für uns Deutsche. Zumindest für mich.

Und nein, wer glaubt der Mann habe mit all dem nichts zu tun, der irrt in fataler Weise. Der Mann isst und trinkt auch sehr gerne. Mit Schuhen hat er es gemeinhin nicht so. Ich war schon erleichtert, dass er die Gummistiefel nicht eingepackt hat, die er zu Hause in den Highlands eigentlich immer trägt, wenn er aus der Tür tritt und nicht zur Arbeit geht. Die Notwendigkeit eines neuen Paars Schuhe ist für ihn generell nicht so offensichtlich wie für mich. Aber irgendwie ist das in den Highlands mit modischen Schuhwerk auch ziemlich schwierig. Da ist man in der Tat mit Hausschuhen, Wanderschuhen und Gummistiefeln einigermaßen gut und ausreichend ausgerüstet.

Und Italien? Hallo! Das geht nur mit neuen Schuhen.

Markt in Turin

Aber das darf man dem Mann nicht so einfach aufzwingen und vor allem darf man ihn nicht in schicke Schuhläden schleppen, da beharrt er dann trotzig auf seinen Gummistiefeln und nichts ist erreicht. Wie viel besser ist das das lässig beiläufige Schlendern über einen der vielen Märkte. Ich bin gefangen, kaufe Halstücher und finde einen Schuhstand, an dem ich gleich drei Paar Schuhe (eigentlich sind es vier aber ein Paar ist für meine Schwester) erstehe. Für schlankes Geld.

Der Mann ist angetan von meinem Sparsinn, wenn auch etwas amüsiert über die Menge, in der gespart wird. Er lässt sich treiben und probiert tatsächlich ein paar Schuhe an einem Stand mit Männerschuhkartons an. Der Verkäufer und ich schieben ihm in einer gemeinsamen Anstrengung diverse Exemplare zu und Mann probiert sie sogar an.

„Aber die sind grau, die kann ich zu Hause nicht tragen.“ sagt er.

Wieso kann man in Schottland keine grauen Schuhe tragen, wenn man unentwegt graue Hosen trägt? Modefragen sind, wenn sie denn mal auftauchen, gerne komplexer in den Highlands.

Diese Einschränkung scheint mir nicht schlüssig und nach einigem hin und her hat auch der Mann Schuhe, Halstücher für die Schwester und allerlei andere Dinge, die der Markt so bietet erstanden. Als wir am Ende der Gasse angelangt sind, ist uns das Bargeld ausgegangen.

Zeit, etwas zu trinken und die vielen Tüten um uns zu drapieren. Der Mann nennt mich Imelda, aber das ignoriere ich tunlichst und betrachte unauffällig meine Schuhe.

Bier und Eiskaffee TurinIch nehme ein Bier, er am Ende seiner Kräfte und deshalb mit erhöhtem Zuckerbedarf, einen Turiner Eiskaffee. Wir sind beide höchst zufrieden, wie wir da im Schatten der Arkaden sitzen und uns erholen.

Wer hätte gedacht, dass man mit dem Highlander shoppen gehen kann!

Am Abend steht der Mann beim Essen wieder vor dem nächsten Abenteuer.

In Italien wird nicht frittiert, hier legenen sie grüne Dinge auf die Teller und servieren Nudeln. Alles Dinge, die dem Mann höchst suspekt erscheinen. Und dann isst man auch noch im Freien, da würde man in Schottland, mal ganz abgesehen von den Temperaturen, selbst zum Abendessen. Wegen der Millionen midges, die sich gerne ins Fleisch beißen. In Bella Italia aber ist es angenehm lau, man kann mit einem Halstuch auch im Oktober noch wunderbar al fresco dinieren.

Turin at nightEs gibt vongole und für Meeresfrüchte ist der Mann immer zu haben. Er lässt sich sogar breitschlagen, die mit Spaghetti zu bestellen. Die sind aber so al dente, dass er sie höflich im Teller zurücklässt. Wir sitzen auf einem lauschigen piazza und schwelgen in schwarzen Trüffeln und Risotto und genießen den Wein aus dem Piemont. Herrlich!

Bis im Haus nebenan eine dicke Signora auf den winzigen Balkon tritt und altes, offensichtlich eingeweichtes Brot mit einem lauten platsch! auf dem Platz wirft. Kennt man aus dem Mittelalter, ist aber in der Neuzeit vor allem neben Restaurant eher nicht üblich. Die Dame verschwindet wieder und lässt mich ratlos zurück.

Jetzt könnte man Gummistiefel brauchen meint der Mann.

Ich schweige. Weise.

 

Demnächst: Arrivederci Italia

 

 

 

Italienische Reise Teil 2

Babylon Turin

Torino

Kaum sind wir raus aus den Alpen und im norditalienischen Flachland wird es wärmer, bald auch deutlich besiedelter. Das Einzugsgebiet von Turin. Im Mann kämpfen die Müdigkeit nach einer  schlaflosen Nacht und die Neugier auf Neuland einen ungleichen Kampf. Ich erzähle von Italien und Turin, um ihn wach zu halten. Ob er was Bestimmtes sehen will, solange wir hier sind. Er schüttelt den Kopf, er hat den Reiseführer mitgenommen aber nicht darin gelesen, er war zu müde am Flughafen.

Turin Torino

Italian Riviera & Piemonte Cadogan guides Dana Facaros Michael PaulsAlso Stand Null, ich muss doch die trilinguale Reiseführerin geben. Der Plan ging schon mal schief, dass er weiß, was es alles so gibt ,wohin wir reisen und was es damit auf sich hat. Er hat sich lediglich Italienische Riviera gemerkt, die oberste Zeile des Reiseführertitels Italian Riviera & Piemonte. Er fährt im Kopf also an die Italienische Riviera. Der Mangel an Meer fällt ihm gar nicht auf.

Wir durchqueren die Vororte von Turin und es sieht eher trostlos als touristisch aus.

„Komische Vorstellung, dass Ronaldo hierher gewechselt ist.“ sage ich.

„Ronaldo ist hierher gewechselt?“ Der Mann ist verwundert und ich bin verwundert, dass er das nicht mitbekommen hat. Er interessiert sich ja sonst für Fußball.

Dann konzentriere ich mich auf den Verkehr und das Navi, wir müssen eine Parkgarage im historischen Zentrum finden, dort in der Nähe ist auch das kleine Apartment, das ich für drei Nächte gemietet habe. Mitten in der Fußgängerzone. Ich parke das Auto und wir zerren unser Gepäck über das alte Steinpflaster ein paar Straßen weiter.

Schön hier!

„Sagt man eigentlich Turin oder Torino?“ frage ich den Mann auf Englisch und spreche Torino wie die Italiener und Turin ungefähr wie die Deutschen aus? Ich bin mir nicht sicher ob im Englischen ein eigenes Wort für die Stadt existiert, so wie Cologne für Köln zum Beispiel.

„Torino, I would think.“ murmelt der Mann und gähnt. Torino denkt er.

ToriniEine freundliche italienische Dame trifft uns an der Tür und in meinen Kopf irren drei Sprachen wirr umeinander als ich den Endbetrag für Miete und Gebühren berechne (Rechnen immer auf Deutsch) und mich mit zwei Menschen in jeweils einer weiteren Sprache unterhalte.

„Grazie signora.“

„Here you are. “

„Zweihundertzwanzig Euro.“

Hauseingang TurinDie Dame verabschiedet sich und wir haben nun vier Schlüssel, um durch diverse Türen zu unserem Apartment und wieder raus zu gelangen. Wir packen schnell aus, wir haben beide Hunger und sind so neugierig auf Turin. Kurz frisch machen und schon sind wir unterwegs zu unserem ersten köstlichen Abendessen in Turin oder Torino oder wie auch immer.

Romantisch gestimmt schlendere ich durch die Gassen der Altstadt, lauschen dem melodischen Klang italienischer Stimmen und tagträume Bilder italienischer Köstlichkeiten auf einem Tisch vor mir.

Turin at night

Der Schotte an meiner Seite denkt über ganz andere Dinge nach. Das wird mir klar, als er mit einer Frage mitten hineinplatzt in meine piemontesischen Träume.

„Sag mal, wo genau sind wir eigentlich?“

„Was? Wie meinst du das, wo genau sind wir eigentlich? Ich hab‘ dir doch gesagt wir sind in Turin! Torino?“

???

Er schaut verwirrt. „Turin?“ Dann hat er die Eingebung: „ Ach du meinst Turin!“

Der Mann spricht es jetzt Tjuhrinn aus, mit Betonung auf dem „u“ und nicht auf dem „i“.

„Das mit dem Leichentuch?“

„Na klar das mit dem Leichentuch, wo dachtest du denn dass wir sind?“ ich kann es nicht fassen.

Juventus TurinNa Torino. sagt er. Ich dachte, das ist irgendein Drittligaclub. Warum hast du nicht gleich gesagt, dass wir nach Juventus fahren?

Ich kann nicht mehr weiter gehen, so sehr muss ich lachen. Es sind noch immer die zwei entscheidenden Kriterien in Schottland: Fußball und Religion. Ganz besonders für Schotten, die aus Glasgow stammen. Wie Germanen denken eher Käse und Wein.

Babylon Turin. Die Sprachverwirrung ist perfekt.

Der Mann ist schließlich an die Italienische Riviera gefahren und von Juventus habe ich nie ein Wort gesagt. Turin!

Ronaldo JuventusNun, da wir uns einig darüber sind, in welcher Stadt wir denn eigentlich sind, können wir den Rest des Abends mit einer Flasche Wein, Focaccia und Käse aus dem Piemont ausklingen lassen. Da müssen noch ein paar mehr Bilder in den Kopf des reisenden Highlanders als Leichentuch und Juventus. Im schottischen Kopfkino läuft irgendwie eine gänzlich andere Vorstellung als in meinem.

 

 

demnächst: Teil 3      Essen, trinken, Schuhe

Italienische Reise Teil 1             

Der Masterplan, Hannibal und der Tunnel

Zwei Dinge sind Gift für jegliches Abenteuergefühl: Zeit und Gewohnheit. Abenteuer erfordern Geschwindigkeit, Überraschendes, Neues.

Mein Leben in Schottland hat nun, nach vielen Jahren viel Zeit und Gewohnheit angenommen und fühlt sich meist nicht mehr an wie ein Abenteuer, mehr wie ein ungewöhnliches Zweitleben. Vielleicht habe ich deshalb in den letzten Jahren immer weniger für diesen Blog geschrieben. Aus Abenteuer Highlands war Alltag Highlands geworden, nicht weniger schön und bereichernd aber eben weniger Abenteuer. Das Leben bleibt nun mal nicht immer gleich, man merkt es meist nur etwas zeitversetzt, dass es sich geändert hat.

Und da grübelte ich nun über Sinn und Zukunft von Abenteuer Highlands bis mir klar wurde, dass Abenteuer nicht auf meiner Seite der Beziehung gelebt werden, sondern auf der anderen, der schottischen Seite. Aus Abenteuer Highlands wurde der Abenteurer aus den Highlands.

Glenelg ferry

Der Mann und ich leben nun schon seit vielen Jahren in dieser 1000 Meilen Fernbeziehung.  Gut drei Monate im Jahr verbringe ich bei ihm in Schottland, den Rest des Jahres lebe ich in Deutschland, arbeiten und Geld verdienen. Da kommt mich der Mann meist einmal im Jahr besuchen, für zwei bis drei Wochen. Und dann ist wieder Zeit für Abenteuer, wenn der Highlander aus Raum und Zeit gerissen existieren muss.

WürttembergPlötzlich ist er der Fisch auf dem Trockenen. Viel mehr noch, als ich es in den Highlands je war. Denn was die meisten Schotten auszeichnet ist die Tatsache, dass sie sehr in ihrem Land und ihrem Schottischsein verwurzelt sind und das Leben immer zuerst wenn nicht gar ausschließlich von einem schottischen Blickwinkel aus sehen, zum Beispiel Italien.

Früher war Italien eines meiner Lieblingsreiseländer, die Sommer meiner Kindheit habe ich an Adriastränden zugebracht, viele Sommer meines Erwachsenenlebens in der Toskana oder am Gardasee und meine Motorradurlaube am Lago Maggiore. Wein, italienische Küche, Schuhe, Handtaschen, dolce far niente – Italien war (da war ich ganz Tedesca) ultimatives Urlaubsland. Der Mann aber war nie in seinem Leben in Italien, er kennt Italiener aus Mafiafilmen oder Glasgower Chipshops und für ihn ist italienisches Essen meat feast pizza und verkochte macaroni and cheese, weswegen er auch eine strikte Nudelaversion entwickelt hat.

Ich sehe Entwicklungspotenzial und plane einen Coup: Ich werde ihm das Italien zeigen, das er nicht kennt, das Lebensgefühl von Essen im Freien, schönem Wetter und lauen Nächten mit kühlem Wein; unschottisch italienisch, al dente eben. Er wird es lieben. Er muss einfach.

Der Mann hat die ersten zwei Oktoberwochen Urlaub und fliegt zu mir. Das hat er geplant. Ich aber habe den Masterplan. Ich hole ihn vom Flughafen ab, mit gepackten Koffern und fahre mit ihm direkt nach Italien, genauer gesagt nach Turin. Da war ich in der Tat selbst noch nie aber wollte immer schon mal hin und Piemont im Herbst – was kann es besseres geben? Ich sehe Spaghetti mit frischen Trüffeln, herrliche Weine, Käse und sanfte Nächte im historischen Stadtzentrum dieser prachtvollen Stadt. Dann kann er nicht anders als Italien zu lieben. Es wird ihm gar nichts anderes übrigbleiben.

Von Turin habe ich ihm in den Wochen vor der Überraschung natürlich kein Sterbenswörtchen erzählt. Er wusste, wir verreisen aber das wahre Ziel blieb im Dunkeln. Statt Turin erzählte ich ihm unser Ziel sei Gelsenkirchen. Sorry liebe Gelsenkirchener aber ich suchte einen deutschen Ortsnamen, dessen Klang wenig Anziehungskraft ausstrahlt. Der Mann hat ja Sinn für Humor und kennt Schalke, er wusste, dass ich ihn auf den Arm nehme. Ich hätte auch Castrop-Rauxel sagen können.

Mein Masterplan sah die komplette Ahnungslosigkeit bis hin zum letzten Moment vor und er hatte tatsächlich keine Ahnung. In der Zwischenzeit hatte ich bei Amazon einen Reiseführer bestellt und ihn zu ihm nach Schottland schicken lassen. Er war gewarnt, die Sendung nicht vor der Abreise zu öffnen, das Buch aber auf die Reise mitzunehmen. Ich dachte mir, er könne es dann auf dem Flug durchblättern und sich Ideen und Eindrücke holen, was er denn gerne sehen würde. Schließlich ist es einer der größten Schwierigkeiten überhaupt aus dem Mann herauszubekommen, was er möchte. Ein Buch, so dachte ich würde es einfacher machen. Ich hatte mich gegen einen reinen Turin-Reiseführer und für Italian Riviera & Piemonte entschieden.

Und so packte ich ihn ein sobald er aus dem Flugzeug gestiegen war und fuhr mit ihm der Sonne entgegen. Der 1. Oktober wer seit langem mal wieder ein trüber und regnerischer Tag und die Fahrt durch die Schweiz hatte wenig erbauliches, das Alpenpanorama versteckte sich hinter grauen Wolkenmassen, der Verkehr war dicht und der Mann müde. Ich ließ ihn schlafen und träumte von Italien. Die Strecke führte uns von Basel über Bern und den Großen Sankt Bernhard nach Italien. Ich hatte ja ein Navi und jede Menge belegte Brötchen vom heimischen Bäcker dabei, war also faktisch besser ausgerüstet als Hannibal mit seinen Elefanten. Der hatte ja auch Probleme mit dem Schnee und ich war mir sicher, dass ich die nicht haben würde. Ich wollte ja den Tunnel nehmen.

Aber langsam wurde es immer kälter und der Regen immer kristalliger. Wir waren schon auf 1.500 Metern und noch immer war weit und breit kein Tunnel in Sicht.

Ich wecke den Mann (er ist die Nacht durch die Highlands nach Edinburgh zum Flughafen gefahren und dementsprechend ziemlich fertig), wohl wissend, dass auch Hannibal höllisch Probleme hatte mit seinen rutschenden Elefanten auf Neuschnee. Meine Niederquerschnittsreifen sind Sommerreifen also sowas wie Elefanten bei Neuschnee.

©derMann

„Wie weit ist es noch bis zum Tunnel?“ frage ich, wir sind auf 1.600 Meter und haben Schneeregen. Im Navi ist es leider nicht zu erkennen, wann endlich der Tunnel kommt.

„Keine Ahnung!“ sagt der Mann verschlafen und versucht sich zu sortieren.

©derMann„Schau doch mal auf Google Maps.“ organisiere ich ihn aber das dauert, in den Highlands ist eh nie Empfang, da fingert man nicht auf dem Telefon rum beim Fahren. Er ist also nicht wirklich im Training. Während er also so müde wie erfolglos auf seinem Display rumtippt, kommen wir immer höher und höher und es wird von Minute zu Minute kälter: 3°, 2°, 1,5°, das Auto blinkt Frostwarnungen.

1.700 Meter.

„Wann kommt endlich dieser … Tunnel?“

Die Straße hat Gott sei Dank eine Überdachung bekommen und ist auf der rechten Seite offen, links sieht sie schon aus wie ein Tunnel. Der Schnee fällt dicht und schnell.

1.750 Meter. Dann kommt der Tunnel. Endlich. Muss wohl so eine Art Gipfeltunnel sein, denn der Pass ist nur ein paar Kilometer weiter. Wir nehmen den Tunnel, keine Frage mit diesen Reifen. Am kleinen Sankt Bernhard sollen sie ja mal ein Elefantenskelett gefunden haben. Da wollen wir den Archäologen am Großen Sankt Bernhard keinen schottisch-germanischen Skelettfund bieten.

©derMannZweiundvierzig Euro. Einfache Strecke. Ohne Elefant, nur ein Mittelklassewagen mit zwei Personen. Großer Sankt Bernhard, großer Preis aber was soll’s: großes Abenteuer. Als wir auf der anderen Seite wieder gen Licht und in die Wärme fahren, ist hinter uns der ganze Berg weiß.

Geschafft! Wir haben die Alpen überquert. Das Abenteuer Italien hat begonnen.

 

Demnächst:    Teil 2   Wo genau sind wir eigentlich?

 

 

 

Krötenwanderung

heatherTagelang habe ich in meiner kleinen Schreibhütte gesessen und vor mich hingeschrieben, immer mit einem Auge auf das Meer und die Berge, falls von irgendwoher plötzlich ein Anflug von Sonne auftauchen sollte, der länger als fünf Minuten hält.

Leider vergeblich.

Aber mir war so sehr nach ein wenig frischem Wind um die Nase und Bewegung in der Natur.

Obwohl ich nun schon den siebten Sommer hier bin gibt noch immer Neues zu entdecken in der Gegend.

Ich hatte mir eine Wanderung ausgekuckt, 14 km an der Südwestspitze der Isle of Skye. – Coille Dalavil. Aber dazu brauchte ich Sonne und wenigstens stundenweise Trockenheit. Bislang leider Fehlanzeige. Bis Mittwoch.

Die kleine Fähre in Glenelg wurde wie so oft begleitet von mehreren Seehunden. Von Kylerhea ging es aus dem Regen hinaus in den sonnigen Süden der Insel Skye.

Kurz hinter Sabhal Mòr Ostaig beginnt der Weg nach Dalavil und dem gleichnamigen Wald.

sheepDalavil war einst eine kleine Siedlung auf dem Land der MacDonald’s of Skye. Auch hier hatten die Crofter ihr Land aufgeben und Platz für Schafe machen müssen. Nur noch wenige Ruinen sind übrig, der Rest ist ein landwirtschaftliches Projekt für biologische Vielfalt und Artenschutz.

Vier Stunden war ich unterwegs, der einzige Mensch zwischen hier und dem Himmel. Ein grandioses Gefühl und vor allem Mitten in der Touristenzeit auf der Isle of Skye ein sehr seltenes.

Um mich zu unterhalten habe ich unterwegs die Kröten gezählt, die nach dem vielen Regen der letzten Zeit den Wanderweg bevölkerten. Einer jeden rief ich ihre Nummer zu, egal ob groß oder klein. Es waren 27 (möglicherweise war auch der ein oder andere Frosch dabei) und damit ist Collie Dalavil nun für mich der Pfad der 27 Kröten oder wie ich es mir in meinem Anfängergälisch zurechtgestümpert habe: ceum fichead a seachd losgannan-dubh. 

Frosch Coille Dalavil

mehr Infos gibt es hier:

Wanderführer Coille Dalavil

„The 20,000 acre estate in our stewardship includes crofting land, a farm, and commercial and natural woodlands. Scottish Natural Heritage has designated four areas on the Estate as Sites of Special Scientific Interest (SSSIs). Our Sites are Àird Thuirinis and Bagh Tharsgabhaig, for their significant geological formations, and Coille Dalavil and Coille Thogabhaig for their ancient woodlands.“ Armadale Castle and Gardens

Prof. T.C. Smout History of the Native Woodlands of Scotland 1500-1920. Edinburgh University Press, 2004 

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…dass manche Dinge länger dauern als man möchte aber nun ist es endlich so weit. Das Taschenbuch ist veröffentlicht und ab sofort beim Amazon verfügbar.

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Sprache: Deutsch

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Für Schottlandliebhaberinnen, Hobbyaussteigerinnen und alle Frauen, die sich den Sinn für die kleinen Alltagsabenteuer bewahrt haben.

Kann man zwei gänzlich unterschiedliche Leben leben? Eines in der großen, weiten, atemberaubenden Wildnis und eines inmitten des Medientrubels in Deutschland und überall auf der Welt? Eines voller Hektik und Termindruck als Fernsehjournalistin und eines zurückgezogen und einsam, gemeinsam mit „dem Mann“ im schottischen Hochland?

Ich kann. Und ich genieße beides in vollen Zügen.

Rio, Moskau, Paris – ein schnelles Hochglanzleben. Klingt wie eine Haarspraywerbung, ist aber spannend und abwechslungsreich. Immer am Puls der Zeit. Unabhängig. Aufregend. Bis mich das Schicksal in eine gänzlich andere Welt katapultierte, weit in den Norden, ans Meer, genau dahin, wo das schottische Hochland am einsamsten ist. Hier sind die Menschen noch einen kleinen Tick anders. Und das Leben Lichtjahre entfernt von dem, was man kennt. Dann werden Dinge, die bis eben noch selbstverständlich schienen, auf einmal ganz und gar abwegig und die abwegigsten Dinge ganz und gar selbstverständlich – das tägliche Leben ein einziges Abenteuer.

Von Schafen, Schotten und anderen Heimsuchungen, mein etwas anderes Hochlandleben, mein Abenteuer Highlands.

 

ich, er und das wir

Der Mann verwirrt mich gelegentlich. Möglicherweise geht das vielen Frauen so. Ich, er und wir sind eigentlich klare Referenzpunkte. Eigentlich. Denn das schottische we ist alles andere als nur wir.

Es hat Jahre gedauert, bis ich mich an die schottische Eigenheit gewöhnt habe, niemals etwas klar und präzise auszudrücken. Die Schotten lassen immer Spielraum für Interpretation. Ein klares ja oder nein ist in den Highlands fast unmöglich zu erhalten. Echt kompliziert für eine Deutsche.

Hast du Hunger?                    Wenn du etwas essen möchtest.….

Also ja??                                      Ganz wie du willst….

Aber was willst du?             Mir egal.

Facepalm

Vielleicht liegt es ja daran, dass es im Gälischen kein ja und kein nein gibt. Man umschreibt, bleibt vage, legt sich nicht fest. Das muss sich in die Gene eingebrannt haben in den Highlands.

Problem ist nur, meine Gene funktionieren deutsch also mit ja und nein. Klare Ansagen sind das A und O beim Fernsehen, meinem Job, wenn ich nicht in Schottland bin. Hier gibt es keine klaren Ansagen.

Also interpretiere ich.

Kontext ist alles!

Ganz besonders schlimm ist es beim „wir“. Denn wenn der Mann wir sagt, dann kann das alles Mögliche heißen: ich, du, er, sie es, wir, ihr, sie, die Schotten, irgendjemand, keiner, ich weiß nicht wer…

 

Die Wir-Variationen:

„Wir müssen dringend das Loch im Dach reparieren.“

wir = irgendjemand und irgendwann

„Wir müssen die Union verlassen.“

wir = die Schotten, am besten sofort und keinesfalls irgendwann

„Wir brauchen dieses Computerkabel.“

wir = ich und entspricht in diesem Falle dem deutschen „Ich brauche neue Schuhe.“

Das undefinierte „wir“ funktioniert auch in Fragen:

„Brauchen wir das wirklich?“

wir = du. Die Antwort ist in diesem Falle zu 90% nein.

Und was das schottische „we“ ganz besonders komplex macht: Es hat nicht zu tun mit dem inflationär gebrauchten schottischen „wee“. Das heißt klein. Aber das wenigstens immer. Den Unterschied aber hört man kaum.

We need a wee screwdriver. = Ich brauche einen kleinen Schraubenzieher.

Der Mann nennt es das Royal We. Pluralis Majestatis.

Wir finden das ein wenig übertrieben. Aber nur ein kleines bisschen.

 

 

 

Konsonanten-Bezwingerin

Es gibt Sprachen, bei denen die Aussprache der Vokale (aeiou) eine Kunst ist, andere Sprachen werfen andere Probleme auf. In Schottland sind es in beiden Sprachen, dem Schottischen Englisch (Scots) und dem Schottischen Gälisch, die Konsonanten.

IUniversity of Glasgowmmer wenn ich glaube, eine neue Situation erfolgreich gemeistert zu haben, wartet eine neue Herausforderung um die Ecke – in mein Leben in Schottland hören die Überraschungen nie auf.

 

Wahrscheinlich geht es den meisten so, dazu muss man nicht in den Highlands leben.

Glasgow UniversityAls ich in den 90ern zum Studieren nach Schottland kam, sprach ich ein durchaus passables Englisch, ich hatte ein Jahr in England gelebt und mein Grundstudium der Englischen Philologie abgeschlossen – ich war ein Profi.

Dachte ich.

Dann kam ich nach Glasgow und verzweifelte am schottischen „r“, das ein wenig klingt wie eine Kettensäge im Leerlauf: rrrrrrrrrrrrrhhhhhhhhh

Aber das „r“ war nicht mein einziges Problem.

Die Glasgower Eigenart ganze Sätze wie ein Wort auszusprechen („Hausitgon?“= „How is it going?“ = „Wie geht’s“) und so gut wie jeden Konsonanten gänzlich zu ignorieren und wenn es irgendwie geht zu verschlucken stellte mich ein ums andere Mal vor Probleme, ganz besonders die t’s schienen für Glaswegians einfach nicht zu existieren. Glasgow ist eine Sprach-Welt minus die meisten Konsonanten aber mit vielen „r“s.

Inzwischen beherrsche ich die hohe Kunst des RollendenR-Verstehens und auch die des Konsonantenratens, der Mann ist aus Glasgow, mein Ohr ist trainiert alles zu hören, was er zu verschlucken gedenkt, in der Regel sind es ¾ des Satzes.

Doch anstatt tagein tagaus mit seligem Lächeln über so viel Sprachkompetenz aufs Meer zu schauen und zufrieden zu sein, hab ich eine neue Herausforderung gesucht: eine weitere Sprache. Und jetzt hab ich, was mir so oft gefehlt hat: Konsonanten, unfassbar viele Konsonanten, ein Konsonanten-Overkill.

Ich lerne Gälisch.

Sabhal Mòr Ostaig in the far background

Das College hat mich schon immer fasziniert, es liegt direkt an der Südküste der Isle of Skye, das Panorama ist atemberaubend. Sabhal Mòr Ostaig schien mir schon immer einer der wunderbarste Ort der Welt zu sein, um zu studieren, klar, weiß und lichtumflutet an einem Tag, geheimnisumwittert und nebelverhangen am nächsten. Großes Naturschauspiel 365 Tage im Jahr.

Armadale towards Morvern

IMG_0672Ich bin schon oft an Sabhal Mòr Ostaig vorbeigefahren, nun bin ich zum ersten Mal auf dem Campus: Gälisch 1, der Kurs für Anfänger, 5 Tage lang von Morgens bis Nachmittags, Abends Konzerte, Pubquiz, Cèilidh (sprich: käili).

 

IMG_0674Die alte schottische Sprache ist inzwischen wieder sehr lebendig hier in den Highlands also will ich sie lernen. Doch das stellt sich als recht schwierig heraus, denn Gälisch ist eine Sprache, in der zunächst Mal nichts so ausgesprochen wird, wie man denkt und wenn man sie liest, kommt es einem vor als hätte ein wahnsinniger Linguist in einem Anflug von Buchstabenwahn mit Konsonanten um sich geworfen als hinge sein Leben davon ab. Die meisten Redewendungen haben viel mehr unausgesprochene Buchstaben als ausgesprochene.

IMG_0658

So spricht sich ein Donald im Kurs auf Gälisch Domhnall geschrieben ganz simpel Dol, man hätte also einfach den „mhnal“ – Teil rauslassen können. Um das Ganze dann noch etwas mehr zu komplizieren gibt, es im Gälischen eine direkte Anredeform (Vokativ), dann schreibt sich Donald a Dhomhnaill die Ausspache klingt ungefähr wie „ach’oil“ mit Halskratzen. Ich habe gleich am ersten Tag beschlossen Donald, so wenig wie möglich anzusprechen.

Unser großartiger Lehrer Ciaran weckt auch in uns seine Liebe zur Sprache und wenn man sich erst mal reingehört hat, wird alles leichter, es gibt nämlich Regeln und eine sehr logische Grammatik. Vielleicht einer der Gründe, warum es inzwischen auch viele Deutsche nach Sabhal Mòr Ostaig zieht.

IMG_0651Auf jeden Fall gibt es jeden Menge deutsch klingende Wörter, nicht alle aber sind, was sie zu sein versprechen.

Das Mittagessen ist im kleinen Café Ostaig fast immer „Brot agus aran agus im“. Also Suppe mit Brot und Butter wobei Brot Suppe und nicht Brot ist. Aran ist Brot.

Ganz schön verwirrend für eine Deutsche aber an Tag drei kann ich es fehlerfrei auf Gälisch bestellen. Stolz!

IMG_0650

Unsere Klasse ist schottisch international und großartig, unser Lehrer ein Geschenk und nach einer Woche Spaß und Grammatik ist die Klasse Gälisch 1 so weit, wir haben unseren Auftritt beim großen Cèilidh: wir singen das Lied von Mòrag und ihrer Hochzeit. Singen gehört im Gälischen zu allem, was man tut. Also singe ich auch. Ich singe sonst nur im Auto.

Jetzt singe ich vor allen anderen Studenten stolz wie Oskar, dabei hasse ich es eigentlich, auf die Bühne zu gehen, meinen letzten Auftritt hatte ich glaube ich als Sonnenschein in der zweiten Schulklasse,  eine stumme Rolle, ich musste nur scheinen.

Auf Gälisch singe ich Si Mòrag und überlebe das anschließende Tanzen (dank Domhnall), denn es geht ziemlich wild zu, da wird im Kreis gewirbelt und wild gedreht bis es blaue Flecken gibt, aaaaauuuuaaaaa

Kommt vielleicht von den vielen unausgesprochenen Konsonanten. Irgendwann müssen sie wohl einfach mal raus….. mmmmkkkkrrrrrssssscccccchhhhhhhppppfffffffff

 

 

 

 

fast wie die A8

Cluanie walk 2015 (18)Straße ist nicht gleich Straße, manche sind der Inbegriff für Romantik, andere stehen für Stress und die allerwenigsten bieten sich für eine Wanderung an, was in den Highlands natürlich eine ganz andere Sache ist.

Cluanie walk 2015 (20)Wir haben den bei weitem nassesten Juli, an den sich die Leute hier am Loch erinnern können. Es regnet, regnet, regnet. Und wenn es nicht regnet, dann stürmt es. Ist dann mal ein Tag dabei, an dem es weder regnet (zumindest nicht den ganzen Tag) noch stürmt, dann heißt es nix wie raus und Natur genießen, was ich gestern auch prompt gemacht habe.

Nach so viel Regen sind die Wanderwege natürlich die reinsten Schlammbäder, ich entscheide mich also für eine der Straßen von General Wade, denn selbst das Wandern auf einer Militärstraße hat in Schottland seinen Reiz.

Cluanie walk 2015 (37)

Vom Cluanie Inn geht es an grünen Hängen hinauf und nach der Überquerung einer Hochebene wieder hinunter zum Loch Loyne. Vier Stunden auf geteerter Straße aber gänzlich ohne Verkehr, was daran liegt, dass im weiteren Verlauf eine Brücke fehlt und die Straße somit nichts mehr verbindet.

Cluanie walk 2015 (21)Vor knapp 300 Jahren hat sie was verbunden, wie viele andere ihrer Art wurde sie Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut. Mit ihnen wollte das Militär die aufständischen Schotten wieder unter Kontrolle bringen. Die Straßen verbanden die diversen Baracken und Forts der Engländer, von denen aus die Highlands kontrolliert wurden, Kontrolle und Unterdrückung nach dem Aufstand von 1715. Insgesamt über 400 Kilometer Straße samt 40 Brücken in 12 Jahren.

Warum kommt mir der Ausbau der A8 und der A5 auf drei Spuren länger vor???

Die Arbeitertrupps bestanden aus 100 Soldaten und einer Handvoll Vorgesetzter sowie einem Trommler, was dann irgendwie nicht nach Spaß klingt.

Cluanie walk 2015 (9)Cluanie walk 2015 (12)Heute ist von der einstigen Bedrohung nichts mehr zu spüren, ich sitze am einsamen Straßenrand zwischen Orchideen, lausche dem Glucksen der Moortümpel und schaue dem Wollgras im Wind zu. Hier kommt nur sehr selten jemand vorbei, die meisten halten sich an die ausgewiesenen Wanderrouten für echte Wanderer und lassen die Straße links liegen. Da wandern sie dann allerdings im Pulk um diese Jahreszeit.

Cluanie walk 2015 (23)Gewollt hat er es sicher nicht aber General Wade hat Idylle geschaffen. Eine ganz ohne Verkehr und Wanderwahn.

Nur einmal durchbricht der ohrenbetäubende Lärm eines Militärjets der RAF (in diesem Fall die Royal Air Force) die windige Stille. Fast so als hätten sie einen losgeschickt zu prüfen, wer sich auf der Straße so rum treibt.

Ich atme die frische Luft der Highlands und denke an Deutschland und die A8, die unter Adolf Hitler gebaut wurde, noch eine Militärstraße, nur eine ohne Orchideen, Wollgras und Moorhühner. Und ohne jegliche Versuchung einmal einen Tag in aller Ruhe an ihr entlang zu wandern.

Cluanie walk 2015 (34)

 

Einmal war ich untreu

Diese Sache mit meinen zwei ganz unterschiedlichen Leben in Deutschland und Schottland klappt prima. Vor allem, weil ich die beiden so gut es geht voneinander trenne.

Doch gelegentlich werde ich mir untreu. Das geht wohl den meisten von uns so.

Und was mach ich? Ich geh‘ zum Fußball und arbeite. Ganz wie in Deutschland und doch ganz, ganz anders.

Natürlich!

Nur selten verschlägt es deshalb einen deutschen Spieler nach Schottland, wenn dann ist es eher umgekehrt. In diesem Falle aber war ein ehemaliger Spieler des SC Freiburg in Dingwall gelandet. Einer Kleinstadt westlich von Inverness, der Club dort heiß Ross County und weil sie einen Hirsch im Wappen haben, nennt man sie auch die Staggies.

Ross CountyUnd da spielte er nun, der Wolf, wie sie ihn nannten, Steffen Wohlfarth, in Friedrichshafen am Bodensee geboren ein Häfler, der in Freiburg gespielt hatte, wo sein Bruder Dominik als Torwarttrainer arbeitet. Ein Stück fürs Radio wollte ich produzieren und machte mich ans Werk…

Weil ich in Dingwall den Pressesprecher nicht kenne, rufe ich die Geschäftsstelle an. Die Nummer hab ich aus dem Internet. Es meldet sich der Sportdirektor, der Chef persönlich. Der macht die Pressearbeit, auch in der ersten Liga, was ungefähr so ist, als würde ich Klaus Allofs anrufen, wenn ich eine Akkreditierung fürs Stadion und einen Gesprächstermin mit Kevin de Bruyne brauche. Aber alles kein Problem in Dingwall. Ich soll mich einfach am Spielereingang melden.

Mach ich.

Ross County stadiumDer Mann und ich fahren also nach Dingwall. Schon weit vor dem Stadion herrscht Verkehrschaos. Ich habe natürlich keinen Parkschein für den Presseparkplatz. Es gibt nämlich gar keinen Presseparkplatz. Dem ersten Ordner sage ich, ich bin von der Presse. Der nickt nur kurz und winkt mich auf den Spielerparkplatz. Dabei sehe ich nicht wirklich aus, wie ein Sportjournalist und ich habe keinen Ausweis dabei. Das sollte man mal bei Bayern München versuchen!

Am Spielereingang treffen wir auf einen wuchtigen Glatzkopf mit Anzug und blütenweißem Hemd. Er hat so ein Telefonkabel im Ohr und sieht aus, als ob er keinen Spaß versteht. Der schottische Meister Proper reicht mir einen Umschlag, noch bevor ich den Mund aufmache. Fremde Journalisten fallen hier wohl gleich auf. In dem Umschlag ist meine Akkreditierung und  ein Zettel zum ausfüllen.

Mach ich, sobald ich im Presseraum bin, denke ich. Nur gibt es eben auch keinen Presseraum, weil hier alles so eng ist, bekommt man in der Pause sein Essen gebracht erklärt mir ein schottischer Kollege. Einfach ausfüllen und bei Sinclair abgeben.

DSC_0004Sinclair?

Der große Glatzkopf am Eingang!

Aha,

Pressetribüne Ross CountyBovrilBovril, Tee oder Kaffee sagt der Zettel und Wurstpastete oder Pie. Ich bestelle Kaffee und Pie, ich mag keine Rinderbrühe (Bovril) trinken. Der Mann mag Rinderbrühe trinken, er sagt, man kann nicht Fußball schauen ohne. Ich kann aber irgendwie und das mache ich dann auch auf meinen wenigen Zentimetern Klappstuhl eingezwängt zwischen zwei Radiokollegen. Und weil man hier, wenn man einmal sitzt nicht mehr raus kommt, bekommt man Mitte der zweiten Hälfte ein leckeres Törtchen auf dem Tablett gereicht. Von Sinclair höchstpersönlich. Ich sage artig danke und frage, wo nach dem Spiel die Mixed Zone für die Interviews ist.

Im Spielertunnel sagt er, aber nur für die BBC. Ihr macht eure Interviews hier auf der Tribüne.

Aber wie soll ich denn da an den Trainer ran kommen? frage ich verständnislos.

Wieso? fragt Sinclair seinerseits verständnislos. Der Trainer kommt doch zu euch.

Und das tut Derek Adams dann auch eine Viertelstunde nach Abpfiff. Undenkbar bei uns.

Die Möwen kreischen über dem leeren Stadion, die 3200 Fans sind schnell verschwunden.

Steffen WohlfarthSpäter kommt dann auch noch Steffen Wohlfarth zum Interview und erzählt sehr sympathisch und offen von seinem Leben im Hochland und dem Abenteuer des täglichen Lebens hier. In seiner Wohnung in Inverness muss er 50 Pence Stücke in eine Maschine werfen, damit er Heizung hat. Im Stadion lieben sie ihn, weil er gegen Celtic Glasgow das Siegtor (3:2) gemacht hat. Wegen seines Namens nennen sie ihn den Wolf und brechen in ohrenbetäubendes Wolfsgeheul aus, wenn der wuchtige Mittelstürmer den Platz betritt.

Steffen WohlafrthDas war 2013, inzwischen spielt er wieder in Deutschland und ist Kapitän beim FV Ravensburg. Dort habe ich ihn ein Jahr später in meinem deutschen Leben getroffen. Ich machte fürs Fernsehen eine Story über den Gegner. Als wir uns sahen, haben wir uns erst mal ganz spontan und ganz herzlich umarmt.

Das gibt es in Deutschland im Stadion eigentlich nie, dass sich Spieler und Journalist „in die Arme fallen“.

Dazu müssen schon zwei „Highlander“ aufeinander treffen.

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