Regenfluch

Ich bin ein Idiot!

Hab ich wirklich geschrieben: “Ich will Regen!” ???

junge Moewe im Regen

Der Wunsch wurde mir gewährt, großzügig, schnell und im Übermaß.

Es regnet seit Tagen. Die Wolkendecke hängt eine gefühlt Handbreit über dem Erdboden. Windgetriebener Dauerniesel mit gelegentlichen Wolkenbrüchen. Wie Geister, die ich rief, zieht Grau über sattgeregnete Berge.

Isle of Mull

So erfolgreich hab ich noch nie gewünscht.

Die Flipflops sind wieder im Schrank und die Gummistiefel haben Hochkonjunktur. Ich koche heiße Suppen habe aber Sehnsucht nach Sommersalat. Der Mann eher nicht, der mag keinen Salat, egal welches Wetter.

TainDumm ist nur, daß der Regen unsere gemeinsame Urlaubswoche begleitet hat. Ob in Argyll, Sutherland oder Fife, es hat geschüttet als wolle der Wettergott beweisen, wie intensiv er meinen Blog liest.

Das Geräusch von Wassermassen, die aufs Autodach prasseln, hat uns eine Woche lang unterhalten.

Isle of MullNaja, ein bischen was gesehen haben wir trotz der Dauerregenschleier schon. Gemeinsam mit den vielen anderen triefenden Touristen, die derzeit in Funktionskleidung und Fleecepullovern den schottischen Sommer genießen. Wenigstens wissen die nicht, dass das alles meine Schuld ist.

Edinburgh Castle

Ich habe mir Regen gewünscht und habe ihn bekommen. Lieber Wettergott, falls du wieder den Blog liest….

Kann ich bitte wieder Sonne haben???

Sommerhitze

Ich will Regen!!!

Nie hätte ich geglaubt, daß ich dieses Wort benutze, wenn ich über Schottland schreibe aber ich kann nicht anders – es ist heiß (!) in den Highlands. Richtig heiß. So heiß, dass alles irgendwie still steht und der Schweiß von der Stirn läuft, sobald man das Haus verlässt.

beach

Wir haben seit einer Woche an die 30 Grad und mein letztes Restchen Sonnenmilch Faktor 15 (in den vergangenen Jahren mehr eine sommerliche Geste als eine Notwendigkeit) schwindet. Ich sitze im Garten und lese, unfähig mich mehr zu bewegen, als es für das umblätttern einer Buchseite notwendig ist. Seit Tagen steht die Welt still, weil Schottland heißer ist als normal.

beachIch lese. Mehr geht nicht in der Hitze. Manchmal, wenn das Gefühl zu kochen überhand nimmt, dann ziehe ich meine rosa Gummieschuhe (es gab keine andere Farbe!) an und balanciere über Kiesel und Kelp (Seetang) zum Wasser. Das ist wie gewohnt eiskalt aber auch voller Unterwasserpflanzen und -getier. Ich begrüße die Qualle, die hier seit neuestem ihr durchsichtiges Unwesen treibt und tauche kurz unter. Herrlich erfrischend.

Während ich am Strand sitze und trockne, springen die Lachse. Denen ist bestimmt auch warm. Ein komischen Grunzen kündigt die Schweinswale an, noch bevor man sie sieht. Die finden es gerade sehr angenehm im Meer, ihre schmalen Finnen durchschneiden die Wasseroberfläche genau da, wo ich eben noch im Wasser kühlte. Ein letztes Grunzen und sie sind wieder weg. Schwein gehabt!Schweinswal

Am Strand ist nie ein Mensch. Trotz der Hitze. Kein Eiscafé, keine Strandbude, keiner verkauft Kokosnüsse oder Strandtücher. Kein Magnum Mandel! Nur ich und eine Großfamilie Graugänse.

Es ist Sommer in Schottland – so viel wie noch nie seit ich hier bin.

Fürs Wochenende haben sie Regen angekündigt. Viel Regen. Und sinkende Temperaturen.

Endlich!

Die Jagd nach Geld

Der Deutsche an sich neigt dazu, alles strukturiert und nach Zeitplan zu machen. Ich neige dazu, alles strukturiert und nach Zeitplan zu machen. Manchmal bin ich unerträglich Deutsch, obwohl ich es gar nicht sein will.

KontoeroeffnungIch beschließe, ein Konto in den Highlands zu eröffnen. Das macht Sinn, denn dann kann ich hier problemlos mit Karte zahlen und überall wo ich will ohne Auslandsgebühren Geld abheben. Das wird mein Leben einfacher machen.

Dachte ich!

Kyle of LochalshIch recherchiere im Internet die Banköffnungszeiten und fahre nach Kyle of Lochalsch. In der Filiale sind sie einigermaßen aufgeregt. Hier hat wohl noch nie eine Deutsche ein Konto eröffnet. Geht aber alles, dank Europa. Und auch hier gibt es seitenweise Formulare auszufüllen, bei denen 60% der Fragen absolut sinnlos scheinen. Fühlt sich irgendwie deutsch an.

„Die Bankkarte wird Ihnen nach Deutschland geschickt.“ sagt mir die nette Bankangestellte, der schon die Schweißperlen auf der Stirn stehen, weil sie meinen komischen deutschen Namen ins System eintragen muß. „Kein Problem!“ sagt sie als ich mich für meinen komplizierten Namen entschuldige. „Ich muß ja auch die gälischen Namen schreiben und ich kann gar kein Gälisch.“

mobile bankingWir lächeln uns an und ich habe ein schottisches Konto.

In Deutschland finde ich nicht eine, sondern zwei Bankkarten in der Post. Ich verbringe einen halben Vormittag in der Hotline, bis wir verifiziert haben, welche Karte es denn nun sein soll. Dann überweise ich einen größeren Betrag und freue mich auf Schottland und den Bankautomaten.

Lässig schlendere ich bei meiner Rückkehr auf einer Stippvisite in Edinburgh zum nächten Bankautomaten, gebe meine schottische PIN ein und wähle den Auszahlungsbetrag. Die Maschine rattert und druckt und sagt mir, daß ich kein Geld bekomme.

Ist was los mit der Karte? Betrug? Betrag zu hoch? Automat leer?

Der Ausdruck gibt keine Auskunft. Meine Selbstsicherheit in Sachen schottisches Konto schrumpft. Ich versuche es etwas verkrampfter am nächten.

Sorry, diesen Dienst können wir derzeit nicht anbieten.

Ich hebe am selben Automaten mit meiner deutschen Karte problemlos Geld ab und frage mich, was mit meinem schottischen Konto los ist. Vielleicht geht es ja nur in den Highlands??

Da kommt das Geld nämlich von alleine vorbei. So sagt man mir und ich habe den blauen Geldtransporter meiner Bank, der hier die Kunden anfährt, auch schon öfter gesehen. Immer Donnerstags fährt er bei uns vorbei.

„Man muß nur ein Schild mit der Aufschrift BANK raushängen.“ sagt mir die Nachbarin. „Dann halten sie an.“

Ich richte also Donnerstags früh die nötigen Dinge für eine Abhebung, ganz strukturiert durchsuche ich die Werkzeugecke, ich brauche Gaffaband. Der Mann hat (ganz Deutsch) ein Schild laminiert. Außerdem hat er einen Pfosten betoniert. Nicht wegen der Bank sondern wegen des Gatters, das da eines Tages mal sein soll. Alles ist bereit für die Abhebung.

Doch der blaue Transporter fährt vorbei. Ohne mein Schild zu beachten.

Langsam wird mein Bargeld knapp. Ich habe derzeit kein Transportmittel zur Verfügung und wenn ich keine Tageswanderung zum nächsten Bankautomaten (30 Autominuten entfernt) machen möchte, dann unternehme ich besser schnell etwas.

Ich muß den Geldtransport stoppen! Koste es, was es wolle!!

Ich erwäge Strumpfmasken, Straßensperren und Ähnliches, erinnere mich aber rechtzeitig daran, daß es auch mit einem Telefonanruf getan sein könnte. Der Geldtransporter soll auch bei mir anhalten soll. Ganz einfach.

Dachte ich!

Ich recherchiere die Nummer meiner Filiale im Internet und rufe an.

Warteschleife, bla bla bla, Musik und Gesäusel. Dann, endlich ein Mensch in der Leitung. Ich muß meinen Namen sagen und sie tut so, als fände sie den nicht komisch. Sie versucht mich weiter zu verbinden. Warteschleife, bla bla bla, Musik und Gesäusel, dann ein Besetztzeichen und ich fliege aus der Leitung.

Wieder erwäge ich Strumpfmasken, Straßensperren und Ähnliches, erinnere mich aber rechtzeitig daran, daß es für eine Lösung innerhalb des Gesetzes noch nicht zu spät ist.

Ich rufe noch mal an und als ich endlich durchkomme schildere ich ihr die Lage.

„Wo genau sind sie denn?“ fragt die Stimme.

„Na zwischen x und y.“ Ich sage ihr die Hausnummer. Eine Straße haben wir nicht.

„Können sie das präzisieren?“ fragt die Stimme.

„Klar!“ sage ich und halte sie für sehr schwer von Begriff. „Gleich nach dem Friedhof rechts, da wo früher Cath und Tom gewohnt haben.“

Die Stimme räuspert sich.

Mir schwant Schreckliches.

„Ich bin doch jetzt mit der Filiale in Kyle verbunden?“ frage ich vorsichtig.

„Nein.“ sagt die humorlose Stimme am anderen Ende. „Sie sind in der Zentrale in Greenock.“

Das liegt gute vier Stunden südlich. Die wissen wohl nicht, wo Cath und Tom früher gewohnt haben.

Sie sagt, dass der Transporter nicht einfach so für Jeden hält. Er hat Standplätze und Stellzeiten. Sie hat einen Zeitplan für mich. Ganz strukturiert, großartig.

bikeAm nächsten Tag schwinge ich mich um 10:25 Uhr aufs Fahrrad und fahre die knapp 2 Kilometer bis zum Standplatz, wo der Geldtransporter um 10:30 Uhr auftauchen soll.

 

waiting for my moneyIch warte und genieße den Blick. Kein Mensch, kein Verkehr aber auch kein Geld weit und breit.

ZeitplanEine halbe Stunde später gebe ich auf und fahre wieder nach Hause. Dort mach ich mir einen Kaffee, sehe aus dem Fenster aufs Meer und überlegen den nächsten Schritt.

Plötzlich fährt der blaue Transporter der Royal Bank of Scotland vorbei.

„Sch…ade!“ rufe ich laut und suche meine Schuhe. Flugs aufs Rad und hinterher. Die Jagd nach dem Geld ist noch nicht zu Ende.

Bereits nach zwei Kurven sehe ich ihn. Da steht er in der Haltebucht beim Nachbarn. Ein Endfünfziger mit Banksakko steht daneben.

20140529_113711Nein, der Zeitplan, den ich von der Zentrale bekommen habe, stimmt nicht. Sie sind erst um 11 da, wo ich gewartet hatte aber heute etwas später dran. Und ich soll einfach ein Schild raushängen, dann halten sie im Hof. Wo ich genau wohne will er wissen.

„Da wo früher Cath und Tom gewohnt haben.“ sage ich, denn er kommt nicht aus Greenock

„Alles klar.“ sagt er. „Ich hab ein Auge drauf in Zukunft.“ Dann klappt er die Treppe aus und ich steige die Stufen hinauf. Ich betrete den Transporter der von innen wie eine winzige Bankfiliale aussieht. Mit Glasfront und Durchreichen. Scottish moneyHinter der Glasfront wartet eine Endzwanzigerin, die die Scheine genau abzählt und durch die Durchreiche schiebt.

Ich habe soeben 200 Pfund abgehoben. Ganz einfach. Bei mir um die Ecke. Und das nächste Mal kommt die Bank in den Hof.

Endlich hab ich verstanden, wie „mobile banking“ in den Highlands funktioniert. Man darf einfach nicht zu Deutsch sein.

Erstens kommt es anders…..

Wenn man (oder in diesem Fall wenn Frau) einen Einkaufswagen voller Vorräte bei Starbucks parkt, dann läuft nicht alles rund. So viel ist ohne die genauere Analyse der Tatsachen ersichtlich. Die meisten Menschen nehmen ihren voll gepackten Einkaufswagen aus dem Supermarkt nicht mit auf einen entspannten Kaffee.

StarbucksAber… die meisten leben ja auch nicht in den schottischen Highlands. Da kann einem so was schon mal passieren.

entspannt geniessenAnstatt sich mit einem Krimi samt Café Latte den Tag zu entspannen, sitzt man auf glühenden Kohlen, unfähig sich auch nur auf eine Zeile des Buchs zu konzentrieren. Wäre ich nur wo anders! Gott sei Dank ist es noch so früh am Morgen, daß nur drei Menschen im Café sitzen.

Das Schlimmste ist, dass Starbucks hier auf einer offenen Galerie über einem Modegeschäft thront auf einer Art halbem, offenen Stockwerk. Man muß durch den ganzen Laden durch, um zum Aufzug zu gelangen. Mitsamt dem widerspenstigen Einkaufswagen zwischen Sommerpullies, Lederflipflops und Strandkleidern hindurch.

Nein, ich komme mir natürlich nicht blöd vor. Niemals!! Überhaupt nicht!!!

„Gott sei Dank ist der Laden (New Look) noch einigermaßen leer“, denke ich und „Wo zum Teufel steckt der Mann denn bloß?“ Ich sitze, allein gelassen mit meiner Petersilie, dem Cheddar Käse und der Scheuermilch im Café und warte. Starbucks Highland Style.

Endlich kommt der Mann, um mich zu retten.

Arnold Clark InvernessZwei Stunden nachdem er mich in Inverness am Supermarkt abgesetzt hat, um schnell den Dienstwagen zur Inspektion zu bringen und den Leihwagen abzuholen. Berechnete Fahrtzeit max 15 Minuten. Ergo berechnete Mannabwesenheit 30 Minuten plus 30 Minuten Formulare ausfülllen und Kram. Macht eine Stunde Einkaufszeit im Supermarkt. Nach deutscher Rechnung.

Highland-Rechnung geht so:

  • Der Mann setzt mich ab und raucht erst mal eine      5 Minuten
  • Fahrt durch den Berufsverkehr in Inverness      20 Minuten
  • Die Werkstatt hat den versprochenen Leihwagen nicht, Diskussion     20 Minuten
  • Der Mann denkt nach und raucht erst mal eine     5 Minuten
  • Der Mann versucht anderweitig einen Mietwagen zu organisieren     55 Minuten
  • Fahrt ohne Berufsverkehrs zurück zum Supermarkt     15 Minuten
  • Der Mann steigt aus und raucht erst mal eine     5 Minuten

Ich sitze immer noch mit meinem Einkaufswagen bei Starbucks. Als der Mann dann endlich auftaucht, ist das Autoproblem noch immer nicht gelöst. Der Mietwagen kommt erst in 2 Stunden.

2 Stunden Highland Zeit…..

Zumindest haben wir genug zu Essen in unserem Einkaufswagen, falls es dann doch ein wenig länger dauern sollte….

 

 

 

Mülltrennung

Wie funktioniert Mülltrennung in Schottland? Gibt es in den Highlands ein Pfandsystem wie in Deutschland? Und wohin mit Glas, Plastik und leeren Dosen, wenn die nächste größere Ortschaft viele Kilometer entfernt ist? Wer in die schottischen Highlands zieht oder dort längere Zeit verbringt, merkt schnell, dass Recycling und Müllentsorgung anders organisiert sind als in Deutschland.

waiting for the bin men
Müllabfuhr in den Highlands

Deutsche Mülltrennung

Als Deutsche, Greenpeace-Mitglied und ehemalige Freiburgerin bin ich qua Nation, Überzeugung und früherem Wohnsitz hochgradig qualifizierte Expertin für wichtige Aufgaben im Leben:

Mülltrennung!

Ja, ich kann sie alle: gelbe Tonne, grüne Tonne, braune Tonne, graue Tone, Glasmüll….. ich sortiere, trenne und recycle, spüle Plastikbecher und reiße mit feiner Vorsicht die Plastiksichtfensterchen von den Barilla Nudelkartons bevor ich sie in den Papiermüll gebe. Ich habe ein Müllgewissen.

Und damit ein Problem in den Highlands.

Kein Dosenpfand in Schottland

Bierdose

Schon vor fast 25 Jahren, als ich in Glasgow studierte, ging ich den weiten Weg zur can bank, um die leeren Bierdosen (Flaschen gab es damals nur Fürstenberg und deutsches Bier wollte man ja nicht rinken) zum Recycling zu geben. Was in wilden Studentenjahren unweigerlich die Gefahr einer Sehnenscheidenentzündung mit sich brachte: Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte, Bierdose locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Dosencontainers, Griff in die Tüte ……

Mülltrennung „light“

Heute ist in Schottland Mülltrennung so normal wie bei uns, nur in den Highlands ist es natürlich nochmal anders. Das Problem liegt darin, dass es in der Wildnis eben keine großen Trenn- und Weiterverarbeitungsmäglichkeiten gibt. Dazu ist das Sammeln zu umständlich und das Aufkommen nicht groß genug. Das bedeutet: in den Highlands gibt es Mülltrennung nur in der light Version.

Die grüne Tonne ist für den Restmüll und die blaue fürs Recycling. Da kommt alles rein außer Glas, Plasikbecher, -dosen, -schalen, -deckel, keine PET Kartons, dafür aber Dosen. Papier und Plastikflaschen, alles zusammen in einen Mülleimer.

blaue Tonne

Brav konsultiere ich vor jeder Entsorgung die Liste, die der Mann seiner wunderlichen Deutschen ausgedruckt hat.

Den Müllmännern habe ich vorsorglich ein Weihnachtsgeschenk gemacht. Der Mann sagt, sie leeren den Mülleimer nicht, wenn der Müll nicht korrekt getrennt ist. Doch mich beschleicht der leise Verdacht, daß es auch daran liegen könnte, daß der Mann gerne Mittwoch vergisst. Mittwochs wird der Müll abgeholt. Ab Donnerstag fängt er dann an, den auch den Müll der nächsten zwei Wochen in die Tonne zu pressen. Wahrscheinlich kriegen die den Pressmüll gar nicht wieder aus der Tonne, wenn sie denn mal unten an der Straße zum leeren steht. Der Mann ist nämlich Experte für Müllpressung.

Jede Woche wird eine andere Tonne gelehrt

Muelleimer

Ich trenne derweil vor mich hin. Ich weiss meist, wann Mittwoch ist.

Nicht weit von hier gibt es auch eine Sammelstelle für Glas. Da fahre ich regelmäßig hin: vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker aus den Handgelenk in die runde Öffnung des Flaschencontainers, vorsichtiger Griff in den Karton, leere Weinflasche locker ….

Hat euch dieser kleine Einblick in mein Leben in den schottischen Highlands gefallen? Dann stöbert gern weiter hier auf dem Blog. Zwischen Schafen, Single-Track-Roads, Wetterkapriolen und kulturellen Eigenheiten sammelt sich im Alltag zwischen Deutschland und Schottland immer wieder Stoff für neue Geschichten.

Noch mehr Erlebnisse aus den Highlands findet ihr außerdem in meiner Buchreihe „Abenteuer Highlands“. Darin erzähle ich von meinen Erfahrungen, Begegnungen und kleinen und großen Abenteuern im Norden Schottlands – mal humorvoll, mal nachdenklich, aber immer mitten aus dem Leben.

Die Bücher sind als Taschenbuch und E-Book bei Amazon erhältlich. Den Link dazu findet ihr hier.

Die Putzfrau

Ich war natürlich vorbereitet!

Nach wochenlanger Abwesenheit war mir eines sonnenklar – das Haus in Schottland würde einer gründlichen Reinigung bedürfen. Der Mann und ich haben unterschiedliche Vorstellungen von aufgeräumt und dem Zeitpunkt, ab dem man das Putzen nicht mehr aufschieben kann. Und dann hatte sich auch noch mehr oder minder zeitgleich mit meiner Rückkehr Besuch angekündigt.

Für dieses Problem gab es nur eine Lösung: Putzfrau.

Ich wollte vorbereitet sein.

Ich googelte und fand eine Agentur in der Nähe, zwei Mails später hatten wir eine Putzfrau, die am Morgen nach meine Heimkehr mit mir gemeinsam das Haus auf Vordermann bringen sollte………

„Wow!“ denke ich, als Mhairi am nächsten Tag auftaucht, ein ganzes Auto voll mit Putz – Utensilien, Wannen, Eimern, Wischlappen und diversen Reinigungsmitteln.

„Gut.“ denke ich. Dann muß ich unsere Putzmittel (letzten Sommer vom deutschen ALDI mit dem Auto hergefahren) schon nicht übersetzen.

Was heißt nochmal Duschkabinenreiniger???

Egal, wir machen eine Tasse Tee und Lagebesprechung. Also ich mache Lagebesprechung, sie macht Konversation. Ich zeige ihr die Zimmer und alles, was man einer Putzfrau so zeigen muß. Sie scheint autark und effizient. Kein Wunder, die Agentur organisiert ja auch Putzfrauen für die vielen Ferienhäuser in der Gegend. Da kostet die Stunde aber doppelt so viel wie für uns. Das gilt auch für sämtliche Handwerker.

In der Küche kremple ich die imaginären Hausfrauen-Ärmel hoch und fange an; Kühlschrank zuerst dann Gefriertruhe. Daß Verfallsdatum mit Entsorgung zu tun hat, ist nicht allen Mitgliedern des Haushalts gleich offensichtlich. Ich werke also fröhlich Musik hörend vor mich hin. „Meine Putzfrau“ putzt sich geschäftig von Zimmer zu Zimmer. Wir machen nur eine kleine Mittagspause mit Gemüsesuppe und Käsemuffins (aus der inzwischen wieder sortierten Gefriertruhe) und putzen dann weiter. Jetzt machen wir beide Konversation und ich beginne meine Putzfrau richtig zu mögen,

Irgendwann, als die Küche schon so aussieht als könnte sie auch eine ausgebrochene Herde zotteliger Hochlandrinder nicht vom Glänzen mehr abhalten, schaue ich nach den Fortschritten in den anderen Zimmern.

Das Bad ist nicht gewischt, die Zimmer nicht gesaugt und auf Fernseher und Musikanlage liegt still der Staub.

Was hat sie die ganze Zeit gemacht???

Die Fenster blitzen. Und?

In diesem Moment der germanischen Ratlosigkeit kommt der Mann nach Hause und sieht sofort die schottischen Bemühungen, die mir noch immer entgehen.

Fussleiste

„Fußleisten!“ sagt er und nickt vielsagend. „Früher im Schulcamp mussten wir die Zimmer auch immer ganz ordentlich putzen. Da gab es Inspektionen und wenn die Fußleisten oder die Türleisten nicht blitzblank waren, dann gab es Ärger.“

TürknaufIch sehe ihn vor meinem geistigen Auge vor meinem geistigen Auge in einer Art kurze Hosen/lange Haare Version von Full Metal Jacket, versäume aber nicht die Türleisten zu kontrollieren. Sowas von sauber. Und die Steckdosen, die Lichtschalter, die Lampen, die Türknäufe aus Messing sind poliert. Alles glänzt.

SteckdoseDa hätte ich nie hin geschaut. Die Einheimischen schon. Aber jetzt sah unser Haus aus, wie ein sauberes Haus in den Highlands aussehen soll.

Ich bedanke mich herzlich bei unserer Putzfrau, gebe Trinkgeld und winke ihr nach 8 Stunden zum Abschied hinterher. Dann sauge ich und denke über Fußleisten und Männer in kurzen Hosen nach. Mein Blick schweift nach oben.

In der Ecke des Wohnzimmers hängen noch ein paar Messingrohre vom alten Boiler aus Decke und Wand. Die sollte der Heizungsinstallateur schon längst entfernt haben. Der kam aber noch nicht dazu.

Das sollte er dann am Tag nach der Putzfrau machen, dachte der Mann.

Auf keinen Fall hatte ich gesagt. Dann ist wieder alles dreckig und ich muß das ganze Haus saugen.

Ich sauge das Haus und betrachte unsere neue Wandkunst. Die Rohrreste blitzen wie neu, Mhairi hat sie poliert.

Restrohrkunst

Darauf war ich natürlich nicht vorbereitet.

ich brauch mal schnell …

Ich brauch mal schnell… ist in den Highlands ein Satz, den man am besten wieder vergisst, bevor man ihn gesagt hat.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Weil schnell generell schwierig ist. Hier hat man Zeit und nimmt sie sich, was eine durchgetaktete Deutsche mitunter ganz schön ausbremsen kann.

Das eigentliche Problem aber ist das Ich brauch mal…..

Auch wenn das ist in der Regel etwas ganz Einfaches, fast schon Blödsinniges und Kleines wie eine Wäscheleine ist. Nur so zum Beispiel.

Wo kriegt man hier in den Highlands eine Wäscheleine her?

Und dabei ist die Wäscheleine schon die Alternative, denn eigentlich braucht der Mann ja ein Fahnenseil.

Das wiederum braucht er, weil er die Fahne auf Halbmast hängen muß.

?

Jetzt mal ganz logisch: die schottische Fahne ist nötig, weil Mann für die schottische Unabhägigkeit ist. Halbmast ist nötig, weil ein großer und beliebter Poltiker der Region, gestorben ist und man Anteilnahme zeigt. Deshalb ist auch die Wäscheleine nötig.

Nicht für die Wäsche. Da hat der Mann schon im Sommer eine Leine gespannt. Allerdings keine Wäscheleine sondern eine Kabelleine, denn Wäscheleinen gab’s nicht, als sie schnell mal gebraucht wurden.

Ich brauch mal schnell … geht nämlich nicht. Ich brauch mal schnell… gibt es nicht.

Substitutionsdenken ist also angebracht.

Ich überlege.

Inverness, knappe 2 Stunden entfernt, Highland Industrial Supplies. Da waren wir vor zwei Wochen auf der Suche nach einem Wasserschlauch für Badewannen und fanden ein Café und einen Wok.

20140118_151115Wir hätten auch 300 Angelruten oder 20 Kilometer Drahtzaun haben können. Wollten wir aber nicht. Ein Bekannter hatte dem Mann erzählt, daß es da auch gute Klamotten gibt…..

Ich frage mich, ob sein Bekannter glaubt, daß Journalisten wie ich, lange genug im Verborgenen recherchiert haben….?

Dann vielleicht B&Q, auch in Inverness? Sowas wie Obi und Praktiker mit einer Million Dinge, von denen Frau ganz sicher ein kann, daß sie sie niemals in ihrem Leben brauchen wird. Im Gegensatz zu einer Wäscheleine, natürlich.

Nein, Inverness ist zu weit. Ich versuche es in Kyle of Lochalsh, nur eine halbe Stunde mit dem Auto. Dort gibt es den Marine Store. Ich sehe winderzauste Fischer vor meinem inneren Auge Einzelteile für ihre Kutter kaufen. Als ich dort bin weit und breit kein Fischer aber Wäscheleinen in drei verschiedenen Farben und zwei verschiedenen Längen. Ich wähle blau, 15 Meter. Um schlappe 3,95 schottische Pfund ärmer verlasse ich den Männerladen und rette die heimische Fahnenaktion.

Und dann (wo ich doch schon mal unterwegs in der Zivilisation bin), gönne ich mir ganz in Ruhe und ganz gemütlich ein Essen in der Sonne. Herrlich! Fish & Chips.

Bis mir das Fett von den Fingern trieft und ich mal ganz schnell ein Papiertaschentuch brauche……

Wo um alles in der Welt bekommt man in den Highlands schnell mal Papiertaschentücher???

Kalender

Kürzlich habe ich im Drogeriemarkt einen Kalender gekauft. Das ist eigentlich nicht weiter berichtenswert, definitiv aber betrachtenswert.

Der Kalenderkauf ist eine im Prinzip völlig unnötige Aktion, denn ich habe ja schon einen. Grundschüler haben ihn gestaltet, sehr süß.

Dennoch, ich will diesen anderen Kalender unbedingt. Ich recherchiere, wo man ihn erwerben kann. Er wird an sämtlichen Tankstellen der Region und in der Drogerie in nächst größeren Ort, der etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt liegt, verkauft.

Wildziegen Das klingt ungefährlicher, als es ist im Winter. Ich muss nämlich erst einer haarigen Horde Wildziegen ausweichen, die sich zum Lunch im Ort zusammen gerottet haben. Es gibt wohl nicht mehr viel zu fressen oben in den Bergen. Und in dem kleinen Fiat Panda fühlt man sich nicht ganz so unüberwindlich, wie man es zur eigenen Beruhigung gerne möchte.

Ich überstehe den Moment unverletzt und mit der Souveränität eines afrikanischen Wildhüters mit jahrzehntelanger Safarierfahrung und mache mich auf den Weg zu meinem Kalender.

Ein Stapel liegt direkt an der Kasse aus, im Sonderangebot, 50% Rabatt. Das kann doch nur an der Tatsache liegen, daß der Januar fast schon zu Ende ist. Oder sollte etwa der Kalender nicht den gewünschten Absatz gefunden haben?

Ich kann es mir nicht vorstellen, denn was die „Spielerfrauen“ des Shinty Clubs Kinlochshiel da aus der Handtasche gezaubert haben, ist allererste Liga!

Kinlochshiel Shinty Club (1)

Netterweise bakommt man in der Drogerie mit dem Kalender auch einen neutalen, weißen Umschlag, in den er gesteckt wird.  Ganz unauffällig.

Ich fahre stolz mit meinem Sonderangebotsschnäppchen nach Hause, wo der Mann nicht gerade begeistert ist von der Idee, den Kalender in die Küche zu hängen.

Naja, er mag eher Fußball.

Montag, Dienstag, Mittwoch…. Diardaoin, Diahaoine, Disathairne

Ich wusste ja, daß es nicht einfach werden würde aber so schwer hab ich es mir nun doch nicht vorgestellt: als wäre ich mit unheilbarer babylonischer Sprachverwirrung inmitten der schottischen Einsamkeit geschlagen.

Der Mann lernt Gälisch und ich bin mit zum Unterricht: Lektion 73, deren Höhepunkt eine sechszeilige Unterhaltung zum Thema Kürbis ist.

So schwer kann das ja alles gar nicht sein. Schließlich spreche ich mehrere Sprachen und habe Sprachwissenschaften studiert.

Ich kenne mich aus…….

Das schottische Gälisch gehört zu den q-keltischen Sprachen und ist nicht zu verwechseln mit den p-keltischen Sprachen in denen der indogermanische Labiovelar [K] zu [P] gewandelt wurde. Wie im Bretonischen, zum Beispiel. Ja, solche Dinge hab ich gelernt auf der Universität. Sag nochmal einer da lerne man nix fürs Leben.

Ich weiß, daß das schottische Gälisch hauptsächlich auf den Western Isles, in den Highlands und in Glasgow gesprochen wird. Letzteres vor allem wegen der Migration (Arbeit für die Landbevölkerung in der Großstadt unter Beibehaltung der eigenen Identität). Nur 1% der Schotten spricht diese alte Sprache noch.

Hier in den Highlands sind es verhältnismäßig viele. Die Straßenschilder sind zum Beispiel zweisprachig. Die schottische Regierung hat viel getan, um die Sprache zu erhalten. Ganze Schulen oder Klassenzüge haben Gälisch als Unterrichtssprache für alle Fächer. Und in der Erwachsenenbildung werden billige Kurse angeboten.

Wie meiner mit der Kürbislektion.

Und damit fangen die Probleme an. Nichts spricht man aus, wie man es schreibt. Keines der Worte kann man raten, wie ich es im Französischen oder Italienischen gelegentlich mache. Die Grammatik bleibt schleierhaft. Das Verb steht am Satzanfang. Und die Laute sind schön aber fremd. Nach 90 Minuten mitmachen, nachsprechen und rumstottern bin ich nicht viel weiter, als am Anfang. Was keinesfalls an der fröhlichen, geduldigen und humorvollen Lehrerin liegt: Ina, you were great!!

Ich kann sagen: Tha an t-aodann seo gun gruaidhean.

Das heißt auf Deutsch: Das Gesicht hat keine Wangen.

???

Das erinnert mich ein wenig an mein Latinum, von dem nur ein Satz wirklich in meinem Gedächtnis haften geblieben ist: Rana capillos non habet.

Der Frosch hat keine Haare.

Beide Sätze sind ähnlich nutzlos im täglichen Gebrauch. Ganz im Gegensatz zum Kürbisgespräch, das man hier oben unter den Croftern durchaus mal führen könnte, wenn man es richtig hinbrächte…

Es gibt immer mehr Deutsche, die das schottische Gälisch richtig gut sprechen können. Und so gut wie alle Deutschen wissen, daß das Wort Whisky aus dem Gälischen stammt und „Wasser des Lebens“ bedeutet.

Ich scheitere schon an Kürbissen.

‘S fheàrr iad as t-fhgohar. Fàg e an t-àm seo, a luaidh!

Was soviel heißt wie: „Sie sind besser im Herbst als sie es jetzt sind, meine Liebe.“

Ich mache meine Hausaufgaben und hoffe darauf, daß auch ich bald ein echter Kürbis bin – im Herbst viel besser als jetzt.

Frauen, die aufs Wasser schauen

Samstag ist Wechseltag in den Ferienhäusern im Land. Die alten Feriengäste verlassen die Gegend, Putzfrauen reinigen und neue Gäste kommen.

Diesen Samstag war ich Morgens am Meer entlang laufen. Auf der Strecke liegen fast ein Dutzend Ferienhäuser vor denen die Autos gepackt werden. Die meisten müssen bis 12 Uhr aus dem Haus sein.

Abschiedsstimung lag in der salzigen Luft.

Nach kurzer Zeit sah ich die erste Frau, dunkelhaarig, vollschlank, Ende dreißig. Sie saß einach nur da und schaute aufs Wasser hinaus. Ein Hauch von Wehmut zog mit ihrem Tabakgeruch zu mir herüber. Mein fröhliches Guten Morgen beantwortete sie mit einem stummen und traurigen Nicken. Sie nahm Abschied von einem der schönsten Flecken dieser Erde. Ganz offensichtlich fiel ihr das nicht leicht.

Vier Ferienhäuser weiter saß die nächste Frau neben einem gepackten Mietwagen und schaute aufs Wasser. Ich konnte den Mann und die Kinder im Haus lärmen hören. Die Frau saß einfach nur still da, so als würde sie ein unsichtbares Band an den Flecken binden auf dem sie saß. So als sei nichts wichtiger als in diesem Moment hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Noch ein Abschied.

Ich nickte nur still im Vorbeilaufen. Sie nickte wortlos zurück.

Heute, am Montag Abend, sitze ich still an meinem Schreibtisch und schaue aufs Wasser, nehme Abschied nach zwei Monaten in den Highlands. Wie oft habe ich hinaus aufs Wasser geschaut. Doch nun ist es an der Zeit, mein anderes Leben in Deutschland wieder aufzunehmen. Ich verlasse die Highlands und kehre erst wieder um die Weihnachtszeit zurück.

Es ist als gäbe es nichts was wichtiger, schöner und erfüllender wäre, als hier zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. So wie die anderen Frauen, Samstags in den schottischen Highlands.