doch so deutsch

Ich bin wieder zurück!

Es ist kalt aber klar und die Five Sisters of Kintail trutzen mit weißen Schneehauben über dem stillen und kalten Wasser des Lochs.

Weihnachten in der Wildnis.

foto by the man

Christmas in den Highlands

Nach zwei Tagen Fahrt durch die Zivilisation, immer weiter nach Norden, fast 1.800 Kilometer samt Kanalüberquerung. Der Moloch London eine andere Welt.

Ich übernachte in einem Hotel in der Nähe von Birmingham, dessen Eingangsbereich mich fatal an den Film The Shining erinnert; einsames Hotel, irrer Axt schwingender Schriftsteller, Geister…..

Die Rezeptionistinn raucht draußen vor der Tür erst mal in aller Ruhe ihre Zigarette fertig, bevor sie mich eincheckt. Jack Nicholson, denke ich nur. Jack Nicholson und starre ihr wild in die Augen. Aber sie tippt ungerührt auf der Computertastatur herum. Ich versuche ein wenig Hochlandgelassenheit und gehe auf mein Zimmer. Ich bin ohnehin zu müde für Irrsinn, der wahre Wahnsinn steht mir noch bevor.

Am nächsten Tag, es ist der 23. Dezember, fahre ich den Rest. Alles problemlos und nach Glasgow ist der Verkehr spärlich. Die Sonne geht gerade unter, als ich beim letzten Supermarkt parke, um die Weihnachtseinkäufe zu machen. Ich und gefühlt eine Million andere Menschen im Weihnachtswahnsinn und Hamsterkaufzwang. hilflose Ehemänner zerren an überfüllten Einkaufswagen und versuchen erfolglos mit ihren einkaufenden Frauen Schritt zu halten. Was unweigerlich dazu führt, dass sie  dabei mit anderen Frauen kollidieren. Die sind schneller beim Mehl, dem Frischkäse oder der Remouladensoße. Es wird geschubst und gedrängelt, ich sehe sogar Frauen mit genervtem Augenaufschlag und Einkaufszetteln.

Deutschland! Es fühlt sich an als wäre ich immer noch in Deutschland.

Selbst an der Kasse geben sie Gas und man kommt mit dem zusammen packen fast nicht hinterher. Die Ehemänner sammeln sich samt der quengelnden Kleinkinder derweil in scheuen Kleingruppen fluchtbereit nahe des Ausgangs.

gen NordenIch entfliehe dem Wahnsinn mit einem vollgepackten Auto. Noch eineinhalb Stunden durch die einsame kalte Nacht der schottischen Highlands und ich bin da.

organised and shot by the man

Tannenbaum

Und natürlich feiern wir am 24. und nicht am 25. Dezember. Der Mann hat einen Weihnachtsbaum „besorgt“, kaufen kann man sie nirgends. Ich packe Linzertorte (danke Mama!), Stollen (danke Papa!) und Sauerbraten aus. Mit Truthahn könnte ich mich ja noch anfreunden aber nicht mit Papierkronen, Rentierpullovern und diesen explodierende Weihachtspäckchen am Tisch. Der Mann ist Gott sei Dank auch nicht wahnsinnig wild drauf.

Also feiern wir am 24. und ganz deutsch. Alle perfekt organisiert.

Eins meiner Geschenke unter dem deutschen Weihnachtsbaum ist ein T-Shirt mit dem Hauch schriftlicher Ironie, die nur ein entspannter Schotte im Weihnachtswahn abrufen kann.

ohne Worte

Ein Rentierpullover wäre schlimmer gewesen!

Frohe Weihnachten an allen Schotten und andere Organisationstalente.

M für Mietwagen

Shetland hat vor allem eines: außergewöhnliche Menschen. Irgendwie ticken sie ein wenig anders hier oben, auf eine ganz großartige Art anders.

Einen kleinen Einblick in den Humor der Shetlander gibt dieses lustige Video.

https://www.youtube.com/watch?v=Su5weSQH1DY

Eigentlich ist dem nicht viel hinzuzufügen.

Sumburgh Airport (1)

Ich hätte nur noch M für Mietwagen zu ergänzen.

Ich habe ja nun von Berufs wegen häufiger das Vergnügen, irgendwo auf der Welt einen Mietwagen abzuholen und wieder abzugeben. So lustig wie in Sumburgh war es noch nie.

Sumburgh Airport (2)Das ging schon beim Abholen los.

Prüfen sie das Auto, Kratzer sind kein Problem, die polieren wir wieder raus.

In Deutschland wird jeder Hauch eines Kratzers akribisch auf dem Formular vermerkt.

So richtig lustig aber wurde es, als wir versuchten, das Auto wieder abzugeben.

Als wir ankommen ist der Schalter der Mietwagenfirma verwaist. Diverse Schlüssel und Papiere liegen griffbereit hinter der Theke.

Sumburgh Airport (6)Wir stehen eine Weile dumm rum und warten. Keine Klingel. Kein Schild „Bin gleich wieder da“. Nichts.

Wir checken unser Gepäck ein und kommen wieder.

Immer noch keiner da.

Ich kaufe Mitbringsel im kleinen Laden am Ende der Halle und komme wieder.

Immer noch keiner da.

poems on the looIch gehe auf die Toilette, lese sämtliche Gedichte an den Türen und komme wieder.

Immer noch keiner da.

Wir gehen in das kleine Bistro. Ich bestelle Bier und setze mich so, daß ich den Mietwagenschalter im Auge habe.

Da kommt keiner.

Der Mann geht eine rauchen und kommt wieder. Er hat an der Außenwand des Flughafens eine Klappe hinter dem Mietwagenschalter entdeckt.

Sumburgh Airport (4)

Die geht aber nicht auf. sagt der Mann.

Nach über einer Stunde beschließe ich, den vermaledeiten Mietwagen-Schlüssel einfach auf die Theke zu legen und durch Security zu gehen.

Ich gehe die paar Schritte rüber und da sitzt er, der Mann vom Mietwagenschalter. Einfach so. Nach 90 Minuten Schlüsselabgabeversuch. Der muß durch einen unterirdischen Tunnel gekommen sein.

Wo haben sie denn gesteckt? rutscht es mir heraus.

Ich lag die ganze Zeit unter dem Tisch hier. Der ältere Herr und schaut mich todernst an.

Ich hab mich schon gefragt, wann sie endlich mit dem Schlüssel auftauchen.

Nun stiehlt sich ein leichtes Grinsen in seine Züge.

Nun, der Mann hat versucht, den Schlüssel durch die Klappe da hinten zu werfen aber die ging nicht auf.

Ich lege leichten Vorwurf in meine Stimme.

Dann richten sie dem Mann einen schönen Gruß aus. Er hat leider völlig versagt.

Der Mietwagenmann hat ein großes Lächeln in der Stimme.

DSC_0536Mit dieser Nachricht und ohne Schlüssel gehe ich zurück zum Mann, der noch in dem kleinen Bistro sitzt. Und während ich ihm alles erzähle taucht der Mietwagenmann auf und wedelt mit einer CD, die sie hier am Flughafen verkaufen.

Hier, die haben sie im Auto vergessen!

Ist nicht unsere. 

Der Mann und grinst den Mietwagenmann vergeltungslustig an.

Da haben sie leider völlig versagt!

Großes Gelächter auf beiden Seiten.

Mit dem beruhigenden Gefühl eines 1:1 (und das noch auswärts) besteigen wir den Flieger, der uns wieder zurück in die Highlands bringt.

Sumburgh Airport (8)

Wir haben gelernt, das es im Shetlandalphabet noch einen 27. Buchstaben gibt :

Ü für Überraschung.

 

 

 

 

S

Hotelgeist

Busta House Hotel (20)

 

Ich bin nur froh, daß ich Barbara nicht gesehen habe.

BBusta House Hotel (16)arbara Pitcairn möchte man nur sehr ungern begegnen. Sie ist nämlich schon seit dem 18. Jahrhundert tot. Dennoch spukt sie in Busta House, einem schönen alten Gemäuer in der Nähe von Brae im Norden von Shetland Mainland, heute ein Hotel.

Wie die meisten der weiblichen Geister starb auch Barbara an gebrochenem Herzen.

Busta House Hotel (4)

Busta House Hotel (7)Ihr geliebter Cousin ertrank am 14. Mai 1748, mitsamt seinem Lehrer und seinen drei Brüdern im kalten Meer. John war der Erbe der reichenGifford Familie. Barbara war schwanger und behauptete nach der Tragödie, John habe sie heimlich geheiratet. Die Urkunde aber konnte sie nicht vorweisen.

Busta House Hotel (11)Die böse Schwiegermutter soll sie gestohlen haben, weil ihr die veränderte Erblage so ganz und gar nicht in den Kram passte.

Lady Gifford ließ die arme Verwandte offiziell nicht zu Wort kommen und schickte sie nach Lerwick. Das Kind aber behielt sie in Busta House und zog es groß. Barbara hatte ihren Sohn so gut wie nie mehr gesehen.

Deshalb, so heißt es, soll Barbara immer mal wieder nach Busta House zurückkommen, um nach ihrem Sohn und ihrem Geliebten zu suchen.

An ihrer Stelle hätte ich nach der Schwiegermutter Ausschau gehalten.

Ich bin nur froh, daß sie nicht in unsere, Zimmer gesucht hat. Das war das gesamte Wochenende komplett geistfrei. Und der Mann ist als Schotte nicht gänzlich frei von Aberglauben.

Busta House Hotel (15)Wie es so ist in reichen Familien, das Theater hatte kein Ende. Weil der uneheliche Sohn eben kein unangefochtener Erbe war, wurde sein Anspruch von einem Cousin angefochten. Die gerichtliche Auseinandersetzung zog sich fast 100 Jahre hin, am Ende war die Familie bankrott.

Im ersten Weltkrieg war Busta die Kommandozentrale und Kommunikationszentrum auf Shetland.

Busta House Hotel, Shetland Museum and Archives, Lerwick

Ob Barbara auch den ein oder anderen Soldaten erschreckt hat, ist nicht überliefert.

 

 

Stricken oder fiedeln?

Lerwick harbour

Stricken oder fiedeln?

Die blonde Mittfünfzigerin mit den perfekt manikürten Fingernägeln lächelt mich fragend an.

Stricken oder fiedeln???

Ich drehe mich hilfesuchend nach dem Mann um, der sich gerade nicht zwischen Cappuccino, Wodka mit Limone und Erdbeere entscheiden kann.

Lerwick, ShetlandWir sind im Laden der Shetland Fudge Company in Lerwick. Fudge ist eine der vielen Süßigkeiten in Schottland, die so viel Zucker beinhalten, dass man niemals und unter keinen Umständen die Kalorienangaben beachten sollte. Die Shetland Fudge Company schreibt sie gar nicht erst auf ihre Packungen. Das steht nur, daß der Inhalt für Vegetarier geeignet ist. Der Mann nimmt trotzdem welche, den Klassiker ohne schräge Geschmacksnuancen, einfach nur Zucker, Butter und Kondensmilch.

Stricken oder fiedeln!! flüstere ich ihm angespannt entgegen, in der Hoffnung er bringt Aufklärung in die noch immer im Raum schwebende Frage. Er schaut mich verständnislos an, wahrscheinlich denkt er, ich frage nach Fudge (sprich fadsch) Sorten.

Die Frau schaut mich immer noch an, ihr Lächeln wird dünner.

Stricken oder fiedeln……

Da kommt mir die Erleuchtung.

Es ist Shetland Wool Week und überall strickt und häkelt es. Außerdem ist Accordeon & Fiddle Festival. Weil „normale“ Touristen rar sind im Oktober, hat die nette Verkäuferin wohl einfach angenommen, ich könne entweder Geige spielen oder mit Stricknadeln umgehen.

Stricken oder fiedeln!!!!

Shetland (7)Sie könnte nicht mehr irren. Meine Strickarbeiten haben zahllose Handarbeitslehrerinnen an den Rand der Verzweiflung gebracht, meine Mutter hat meinen ersten Fäustling lange als Topflappen verwendet, meine Cousine konnte einen Pullover mit Muster stricken, da war ich immer noch dabei, den Bund von meinem wieder aufzuziehen. Meine Patentante hat sich irgendwann einmal erbarmt und für mich gestrickt. Wenn ich also irgend etwas bin, dann eine betrügerische Strickerin. Eine Strickbetrügerin.

Und Geige??? Wir decken den Mantel des musischen Schweigens über den Gedanken.

Shetland (6)Der Mann denkt nur an sein Karamell. Er ist ja Musiker und hat leicht kauen. Seine Mutter habe ihm auch das Stricken und Nähen beigebracht, meint er. Wolle will er sich allerdings keine kaufen. Was für mich stricken schon gar nicht.

Ich kaufe mir wenigstens eine Mütze mit Muster. Damit kann ich dann durch die windigen Gassen von Lerwick wandeln, mit warmen Ohren und dem Anschein von Können. Als hätte ich sie selbst gestrickt. Und ansonsten gebe ich den ganz normalen Durchschnittstouristen, inklusive Foto um den Hals.

Shetland (8)

Am Abend sitzen acht Frauen aus Finnland in der Hotellobby. Jede strickt.

Die sind wohl nicht zum fiedeln da.

 

Der Schlüssel zu 4000 Jahren

Ich als „Schottlandexperte“ weiß selbstverständlich, das manches anders ist hier in den Highlands als in Deutschland. Am Wochenende habe ich gelernt, dass es draußen auf den Inseln nochmal eine ganze Ecke anders ist als hier in den Highlands. Eine ganze Ecke!

Flieger nach SumburghWir fliegen nach Sumburgh (sprich Sambarra) ganz unten, an der Südspitze von Shetland Mainland, der Hauptinsel der großen Inselgruppe in Schottlands Norden. Der Wind ruckelt mit 35 Meilen an der kleinen Propellermaschine, die uns von Inverness in einer knappen Stunde hinaus in die kalte, windige Weite der Shetlands bringt. Die Landung ist problemlos, wir holen unser Gepäck vom einzigen Förderband, dann den Mietwagen und machen uns auf zum Sumburgh Hotel, das man  schon vom Flughafen aus sehen kann.

Jarlshof, Shetland (2)An der Rezeption warten die Schlüssel zu einem der spannendsten und umfassendsten archäologischen Funde, den ich je in Schottland gesehen habe: Jarlshof.

Jarlshof, Shetland (10)

Jarlshof, Shetland (13)Siedlungsgeschichte von der harten Steinzeit über die wilden Wikinger bis hin zu den mittelalterlichen Bauern und den edlen Adligen der Renaissance. 4000 Jahre, neben und übereinander: Brochs, Langhäuser, Burgruinen. Steine über Steine und ein Besucherzentrum.

Jarlshof, Shetland (3)Für all das, hat man uns bei Historic Scotland die Schlüssel hinterlassen. Kein Problem hatte es geheißen. Die Saison ist vorbei und alles ist zu aber wer will, kann sich die Schlüssel holen. Das ist ein wenig so als ob man sich den Schlüssel zur Berliner Museumsinsel an der nächsten Tankstelle abholt. Naja, ein bischen so.

Später erfahre ich, dass es auf einer der nördlichen Inseln eine Burgruine gibt, wo man am Eingang Taschenlampen aus einer Besucherbox mitnehmen kann. Die Taschenlampen werden immer alle zurückgebracht.

Ich nehme an, in Shetland schließt keiner sein Haus ab.

Jarlshof, Shetland (12)Jarlshof, Shetland (6)Ich komme mir vor wie ein Burgfräulein, als ich mit dem großen Schlüsselbund das Besucherzentrum aufschließe. Nachdem wir dann auch den Lichtschalter gefunden haben, können wir in aller Ruhe die Informationen studieren bevor wir raus in den rauhen Wind und 4000 Jahre Siedlungsgeschichte gehen.

Sumburgh HotelNach einer knappen Stunde geben wir den Schlüssel wieder im Hotel ab und machen uns auf zum nächsten Abenteuer. Zunächst (keine 500 Meter weiter) aber halten wir an einer von zwei roten Ampeln, die wir auf Shetland gefunden haben. Ein Flieger kommt und dann darf man nicht über die Landebahn fahren. Da führt die Hauptverkehrsader gen Norden nämlich drüber. Scheint, als habe es auf Shetland Tradition, daß sämtliche Phasen der Entwicklungsgeschichte eng beieinander liegen, alte Straße und neue Landebahn.

Wir fahren Richtung Lerwick, wo schon das nächste Abenteuer auf uns wartet.

Und wer mehr über Jarlshof wissen will, es gibt eine fantastische Videoanimation von Historic Scotland:

 

 

dringende Bedürfnisse

Gestern war der Tag der dringenden Bedürfnisse.

Ich hatte seit Tagen das dringende Bedürfnis nach einem kleinen Ausflug: rumfahren, Landschaft genießen, fotografieren. Einfach mal raus und Schottland erleben. Das Wettergrau hatte mich bis gestern im Haus gehalten und noch in der Früh sah es eher trüb als ausflugsverlockend aus.

towards Applecross (1)Pünktlich zur Abfahrt aber kommt die Sonne aus den Wolken hervor, als wolle sie mich aus dem Haus locken in die grandiose Weite des schottischen Hochlands. Ich mache mich auf, ohne gefrühstückt zu haben. Ich habe nur einen Kaffee in der Warmhaltetasse, ich will zum Spar in Lochcarron, da gibt es die leckersten pieces weit und breit. Zwei Brötchen, eins mit Ei und Speck und eins mit Mayonnaisenei und Zwiebel im Gepäck, mache ich mich nach auf Applecross.

towards Applecross (5)

Es hat frische 8 Grad aber ich beschließe, daß es sicher ist, die Paßstraße zu nehmen. Die Umfahrung dauert gut eine Stunde länger. Der Bealach na Ba hat es in sich und die Warnhinweise sind nicht nur zum Spaß da. Wer also das dringende Bedürfnis nach Abenteuer hat….

towards Applecross (7)Sicher oben angekommen, hat es nur noch 4,5 Grad und das Auto blinkt Glättewarnungen. Doch die Straßen sind ok. Was für eine atemberaubende Gegend, weit und breit nur Einsamkeit und Steinwüste. Die schlichte aber überwältigende Größe der Torridon Berge. Weit und breit nichts, kein Baum und kein Strauch.

Kein Baum und kein Strauch!

towards Applecross (4)

Der Kaffee fordert Tribut und da ist einem als Frau so ein Baum oder ein Strauch schon ganz recht. Wer weiß, ob in der großen Einsamkeit nicht ausgerechnet doch im falschen Moment ein Auto vorbei kommt.

towards Applecross (8)

toilet ApplecrossWeil es nicht mehr weit bis Applecross ist, bleibe ich trotz Druck tiefenentspannt. Die öffentliche Toilettendichte ist hoch in den Highlands. Wo es Menschen gibt, gibt es Toiletten und die sind immer so gepflegt, dass man auch ohne Bäume und Sträucher leben kann, falls man mal ein dringendes Bedürftnis entwickeln sollte.

Apropos!

towards Applecross (2)Ich habe inzwischen Mörderhunger, es ist Mittag und die Brötchen sind noch unberührt. Die Straßen sind einfach nicht zum Essen gemacht. Wärend ich in Deutschland im Auto alles Mögliche tue (essen, trinken, telefonieren, schminken) geben einem die Straßen hier keine Chance; rauf, runter, enge Haarnadelkurven, einspurige Streckenabschnitte mit Ausweichbuchten. Und Telefonsignal gibt es ohnehin selten eins.

Ich halte, kaue und genieße.

past Applecross (2)

Zurück fahre ich die lange aber passlose Strecke über Shieldaig und beschließe beim Co-op noch schnell ein paar Sachen zum Essen einzukaufen. Im Laden sind mehr Mitarbeiter, die Regale auffüllen, als Kunden. Der weitgehend haarlose Herr an der Kasse hat Zeit.

co-op KyleOb ich wüsste, wie viele Ebola Fälle es inzwischen im Land gäbe, will er wissen.

Während ich nach in meinem Hirn nach einer Antwort auf eine derart unerwartete Frage krame, erzählt er mir von seinem Leben. Er war mal Soldat. Und Koch. Und man müsse doch was tun wegen Ebola und so. Und überhaupt Viren, die sind vor allem auf dem Geld, meint er.

Ich bezahle mit Kreditkarte und versuche noch, all diese Informationen zu verarbeiten, da ist er auch schon beim Sinn des Lebens angekommen. Das ist nun wirklich ein wenig viel an der Supermarktkasse. Der freundliche Herr philosophiert ungerührt von meiner Sprachlosigkeit weiter. Er wollte wohl einfach mal über was anderes reden.

Schließlich war gestern der Tag der dringenden Bedürfnisse.Applecross

 

Wanderung zur Wikinger Werft

Die gute Nachricht zuerst: wir haben tatsächlich gesehen, was wir erwandern wollten. Das war ja nicht immer so (https://abenteuerhighlands.wordpress.com/2013/07/25/wandern-2/). Und wir mussten uns auch nicht durch Schlammbäder oder Waldwüsten quälen (https://abenteuerhighlands.wordpress.com/2014/06/02/und-zweitens-als-man-denkt/). Das Klettern am Klippenabgrund vergesse ich mal genauso schnell wieder wie den ersten Schritt.

Herrliches Herbstwetter hatte uns auf die Isle of  Skye gelockt:. Der Mann hatte eine Route ausfindig gemacht, an deren Ende eine uralte Wikinger Werft zu sehen sein sollte. So richtig konnte ich mir unter einer Wikinger Werft nichts vorstellen. So eine Art Anlegestelle aus Holz hatte ich vermutet.

Rund 15 Kilometer begannen mit einem falschen Schritt . Für eine von uns….

Rubh' an Dunain (1)

Den weiteren Verlauf der Wanderung konnte ich einigermaßen fehlerfrei gestalten.

Rubh' an Dunain (11)Entlang der blauen See und den herbstbraunen Hängen zog sich der Pfad Richtung Westen. Nach gut zwei Stunden tauchte eine verlassene Siedlung auf. Schon zuvor waren wir auf lange Steinmauern gestoßen, die wie graue Ketten die Hügel entlangzogen. long forgotten viewDie Ruine eines außergewöhnlich hohen Hauses zeugte vom Reichtum der Siedlung, die wohl Ende des 19. Jahrhunderts verlassen wurde. Heute ist die Landspitze nichts als Wildnis und Einsamkeit. Als die Macaskills noch hier gelebt haben, muß es ein blühendes Dorf, voller Menschen, Schafe, Hochlandrinder und natürlich Fisch gewesen sein.

Rubh' an Dunain (20)

Das kleine Loch na h-Airde ist ein Süßwassersee und damit hervorragend zur Fischzucht geeignet. Das Loch liegt unterhalb der verlassenen Siedlung.

Loch na h'Airde

Wikinger hatten genau hier, in der Verbindung von Loch und Meer einen kleinen Kanal ausgehoben und befriedet. Hier wurde Schiffe gewartet und aus den unruhigen Gewässern in Sicherheit gebracht, wenn nötig. Was für ein lebhaftes Treiben muß hier geherrscht haben vor rund siebenhundert Jahren.

Wir stehen vor der Wikinger Werft.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Seit dem 8. Jahrhundert waren die Wikinger an Schottlands Küsten eingefallen; raubend, brandschatzend und vergewaltigend. Aber sie ließen sich auch nieder und siedelten. So wie hier am Rubh‘ an Dunain, einer Landzunge im westlichen Teil der Insel Skye. Bis ins 15. Jahrhundert dauerte der Einfluß der Wikinger in Schottland, der sich vor allem auf die Inseln erstreckte: auf Orkney, Shetland, die Hebriden und weiter südlich auch die Isle of  Man. Auf Skye zeugen noch heute zahllose Ortsnamen von der intensiven Kolonialisierung der Nordmänner. Und eben die Werft.

Rubh' an Dunain (50)

Unterwasserarchäoloen haben bei der Wikinger Werft Schiffsreste aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Es soll sich um ein 6 Meter langes Ruderboot gehandelt haben.

Wir haben leider nur einen toten kleinen Schweinswal gefunden.

porpoise

Für mehr Informationen zur Wikinger Werft:

http://canmore.rcahms.gov.uk/en/site/11028/details/skye+rubh+an+dunain+viking+canal/

 

Der Sturm

Du weißt, wo der Campingkocher ist?

Findest du die Taschenlampen?

Ich hab nochmal heißes Wasser gemacht, falls der Strom ausfällt.

Wenn der Mann sich Morgens so wortreich und fürsorglich verabschiedet, dann ist Sturm in den Highlands.

Sturm Seit gestern reißen die Windmassen aus den Bergen an allem, was ihnen im Weg steht. Es heult um die Hausecken. Früher haben sie hier Häuser ohne Ecken gebaut, die Blackhouses waren sehr flach und ohne einen einzigen 90° Winkel. Da glitt der Wind einfach drumherum. Heute gleitet nix.

Loch DuichEs ist Sturm, Windgeschwindigkeiten von bis zu 115 Meilen sagt das Internetwetter. Ich rechne um, also knapp 190 Kilometer in der Stunde. Klingt unentspannt, vor allem, weil der Wind nicht wie sonst von Westen und damit vom Meer kommt.

SaltireWir haben Ostwind, im Frühjahr gut weil warm, im Spätjahr alles andere als angenehm.

WellenDas Loch schlägt hohe Wellen, der Wind treibt Schaumkronen und Gischt über die aufgerissene Oberfläche. Hohl hallt der Kamin im Wetterrausch. Es fühlt sich gut an, nicht da draußen zu sein

Gestern Abend haben wir den Marder beobachtet, wie er fast schon panisch versucht hat ein Schlupfloch in den Dachstuhl zu finden. Der wusste, was kommt.

Der Regen fällt waagrecht und ohne Unterlass.

DSC_0001[1]Noch funktionieren Heizung und Licht. Doch ein Blick nach draußen macht klar, es dauert nicht mehr lange, dann fällt irgendwo ein Strommast um, weil er im durchnässten Grund nicht mehr genügend Halt hat. Und dann wird es dunkel und kalt.

Ich ertappe mich dabei, wie ich die Schreibtischlampe anstarre und förmlich darauf warte, daß sie ausgeht.

Und dann fällt mir ein, was der Mann noch gesagt hat, als er ins Auto stieg.

Wenn ein Baum umfällt ruf mich an, dann komme ich nach Hause.

Wenn ein Baum umfällt…..??

Neben dem Haus, direkt in Sturmrichtung, steht eine Handvoll Rotfichten, gut und gerne 30 Meter hoch.

Fichten

Ich checke das bei Wikipedia und finde folgenden Eintrag:

Auf schweren Böden, bei Staunässe und hohem Grundwasserspiegel entwickelt sie ein tellerförmiges, flaches und weitreichendes Wurzelsystem, was eine erhöhte Windwurfgefährdung zur Folge hat. (Wikipedia)

Windwurfgefährdung!

Gegen Mittag soll der Sturm nachlassen. Bis dahin werde ich die Rotfichten ganz genau beobachten.

Herbst in den Highlands

Herbst in den Highlands (6)

Ich bin wieder zurück! Wie wunderbar und großartig, das schreiben zu können.

Es ist Herbst und es ist schon eine Weile her, dass ich im Oktober in den Highlands war. Ich hatte vergessen, mit welch intensiven Farben sich die Natur ein letztes Mal aufbäumt, bevor sie sich zur Ruhe begibt.

Es ist kühl, oft hängen die Wolken tief, Nässe durchdringt alles. Aber immer wenn die Wolken für einen Moment aufreißen und die tief stehende Sonne ein intensives Licht wirft, dann leuchtet Schottland auf als wollte es sagen „Wo warst du? Wolltest du das hier wirklich verpassen?“

Herbst in den Highlands (5)Man muß das Licht in sich aufsaugen, so sehr man kann, es gibt nicht mehr sehr viel davon. Im Sommer ist es um fünf Uhr in der Früh schon taghell und wird auch gegen Mitternacht noch nicht wirklich dunkel. Nun ist es noch immer trüb Morgens beim aufstehen und zum Abendessen ist auch nicht mehr viel Tageslicht übrig. Bald gibt es noch viel weniger Licht und Wärme und es ist als wollten die Menschen und Tiere die Wärme und das Licht noch ein letztes Mal aufsaugen bevor der Winter kommt.

Herbst in den Highlands (1)Die Brombeeren sind reif und ich nehme immer eine Handvoll mit nach Hause fürs Frühstück, wenn ich laufen gehe. Im Sommer sind es wilde Himbeeren. Farn färbt die Hänge braun, die Berge scheinen sich ebenfalls ein letztes Mal zu räkeln, bevor der Schnee sie fest friert. Rote Blätter im Gebüsch, regenglänzende Felsen am Straßenrand, grüngoldene Laubbäume strahlen im Mittagslicht. Selten sind die Highlands schöner als jetzt.

DSC_0010Doch sind sie nicht nur schöner, sie sind auch ungemütlicher, denn nun kommen die Herbststürme. Starke Regenfälle und Sturmböen sind vorhergesagt. Selten sind die Highlands wilder als im Herbst und der nächste Stromausfall ist nicht weit weg. Egal, wir haben Feuerholz, Kerzen und genügend Schokolade.

Mehr braucht man nicht im Herbst in den Highlands.