Schottischer Spitzen-Sommelier

Ich bin in einer Weingegend aufgewachsen, in der sehr gute weiße und akzeptable Rotweine angebaut werden.

Frankreich ist nah und damit noch mehr qualitativ hochwertiger Wein.

Wir sind hier, wie der alte Werbespruch so wahr sagt, von der Sonne verwöhnt.  Und natürlich vom Wein.

 

Der Mann ist in Glasgow aufgewachsen. Per se eher kein Weinanbaugebiet, zu seiner Zeit galt die Liebfrauenmilch als edles Getränk und Buckfast, der ultrasüße Likeurwein, als akzeptable Alternative zur Abendbelustigung.

Wir kommen also von einem recht unterschiedlichen Hintergrund und das zeigt sich ganz eindeutig, wenn es ums Wein kaufen geht. Wenn ich in Schottland Wein einkaufe, dann durchforste ich das Angebot nach italienischem Pinot Grigio oder französischem Roten was nicht ganz so leicht ist, denn das Standardangebot in den Regalen kommt aus Chile, Australien oder Neuseeland. Während ich also mit einem Ländersystem arbeite, pflegt der Mann ganz andere Standards, er differenziert nach Alkoholgehalt.

I had to lower my standards. sagt er mir letzte Woche auf Skype. Er war einkaufen und wie das so ist in Zeiten von Corona, hat nicht nur für sich sondern beim Großeinkauf auch für andere mit eingekauft. Man hatte ihn gebeten, eine Flasche Rosé mitzubringen. Eine Flasche? Meine innere Frage während ich ihm zuhöre wie er erklärt, dass es im Aldi in Inverness nur 12,5%igen Rosé gab. Ich kaufe eigentlich nie nur eine Flasche. Noch schaue ich auf die Etikett-Rückseite. Ich genieße Rosé an sonnigen Frühsommerabenden mit Eis auf der Terrasse. Mein Eis hat dabei 100% Frostgehalt. Dem schottische Weinkenner aber fehlen 0,5% zum Weinglück.

Du bist mir ein Sommelier! sage ich und lache.

Sommelier? fragt er und lacht noch mehr.

In Glasgow we call them winies.

Der Sohn im Verließ von Girnigoe

In der Sinclair Bay, nur einen Spaziergang entfernt von Wick, stehen die Ruinen zweier Türme. Der eine ist Sinclair Castle, der andere ist Girnigoe Castle. In den Verließ des letzteren trug sich eine grausame Story zu. Hier kommt die Geschichte, die fantastischen Fotos stammen alle von Britta Dicken. Danke!

romantische Ruine

Was heute als romantische Ruine über dem Meer thront, war im 15. Jahrhundert ein Neubau und Instrument der absoluten Machtausübung. Hier herrschte der Earl of Sinclair. Mitte des 16. Jahrhunderts war George Sinclair Earl of Caithness. Sein ältester Sohn und Erbe war John Sinclair und den schickte der Earl eines Tages nach Süden, um Dornoch zu vernichten, die Folgen einer Fehde, die der Earl mit einem Vernichtungsschlag zu beenden gedachte.

Glaube und Grausamkeit

Er schickte seinen Sohn und mit ihm seinen Verbündeten, den Mackay of Strathnaver. Als die beiden aber in Dornoch ankamen, hatte der Earl zuhause die vier Geiseln ermorden lassen, die die Bürger in gutem Glauben als Pfand nach Sinclair Bay geschickt hatten. In was für eine Situation hatte er da seinen Sohn und dessen Begleiter gebracht! Das wohl sehend weigerten sich der Sohn des Earls und der Mackay, Dornoch zu vernichten. Mit der Befehlsverweigerung war dem Sohn natürlich die Heimkehr verbaut und er folgte dem Mackay of Strathnaver in dessen Heimat. Dort blieb er einige Jahre, was unter anderem auch an der Tochter des Mackay lag, die er zur Frau nahm und mit der er Kinder zeugte.

Familie ohne Frieden

Nichts hätte seinen Vater mehr gegen ihn aufbringen können, als das. Der Erbe zeugte einen Erben im Exil und er? Er hätte weitere Erben zeugen sollen, er fühlte noch genug Kraft in sich, für den weiteren Fortbestand der Linie zu sorgen. Er war der Mann in der Familie, aber er war inzwischen Witwer. Er wäre derjenige gewesen, der heiratet. Nicht sein Sohn. So spukte es ihm wohl im Kopf herum. Der männliche Dominanztrieb war in seiner Gesellschaft Mitte des 16. Jahrhunderts außerordentlich stark ausgeprägt. Die Familie des Sohns war ein Angriff auf seine Macht und seine Männlichkeit.

vermeintliche Vergebung

Sinclair schickte eine Nachricht an seinen Sohn und an den Mackay, sprach von Vergebung und Wiedergutmachung und von dem Wunsch, die Familie wieder zu vereinen. Und so machten sich John und sein Schwiegervater auf zum Castle Sinclair. Als sie dort ankamen, fiel dem Mackay die ungewöhnlich zahlreichen Wachen auf, die in der Burg waren. Er war schon auf der Zugbrücke, ergriff in letzter Sekunde die Flucht und rettete sich. Für John kam die Erkenntnis zu spät. Er war bereits in der väterlichen Burg. Dort nahm man ihn fest und warf ihn in den Kerker von Girnigoe.

Dort lag er nun, elend in der Burg, die er einst erben sollte, vernachlässigt in dem kalten, feuchten Gemäuer. Ein Gefangener seines Vaters. Viele Jahre brachte er so in Girnigoe zu. Und mit jedem Tag schwand die Hoffnung immer mehr, eines Tages wieder Sonnenlicht auf der Haut zu spüren.

vereitelter Fluchtversuch

Sein Wärter hatte Mitleid mit ihm und wollte ihm helfen zu fliehen. Er bezahlte dafür mit seinem Leben, sein Kopf wurde abgeschlagen und auf einen Pfahl auf der Burgmauer aufgespießt. Ob John ihn von seinem Verließ sehen konnte? Den Fluchtversuch hatte Johns Bruder William aufgedeckt und bestraft, denn der Earl war auf Reisen. William war der jüngere aber mit dem Tod des Gefangenen würde er nach seines Vaters Tod alles erben, den Titel, die Macht und den Reichtum. Eines Tages wagte sich William in Johns Zelle, um ihn zu töten und bezahlte selbst mit dem Leben dafür. Sein Bruder, der trotz der langen Gefangenschaft noch immer ein sehr kräftiger Mann war, hatte ihm in einem verzweifelten Kampf den Brustkorb zerquetscht.

elendes Ende

Als der Vater zurückkam, ernannte er zwei Männer zum Wärter seines Erben, zwei grausame, sadistische Männer, die beiden Sinclairs Ingram und James, denen der Earl mit aller Wahrscheinlichkeit klar gemacht hatte, dass er auf das Leben seines Sohnes nicht viel Wert legte. Also ließen die Sinclairs den Erben ihres Chiefs hungern. Tagelang bekam John nichts zu essen. Bis sie ihm dann gepökeltes Fleisch servierten, das der ausgehungerte junge Mann hinunterschlang. Das Salz tat seine Wirkung doch die beiden Sinclairs verweigertem ihrem Gefangenen jegliches Wasser und so starb John Sinclair einen qualvollen Tod im Kerker von Girnigoe Castle. Er verdurstete. Am 15. März 1556 war er tot und wurde bald darauf auf dem alten Friedhof von Wick begraben.

Sein Vater starb sieben Jahre nach der Ermordung seines Sohnes. Das Erbe trat der Enkel an. Jener Sohn, den John gezeugt hatte, als er noch glücklich und sicher weit weg von seinem Vater beim Mackay of Strathnaver und dessen Tochter lebte.

 

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James of the Glen

Die Geschichte von James Stuart  erzählt von Macht, Politik, Betrug und Ungerechtigkeit. Sie ist so grausam wie wahr und einige Aspekte werden wohl  nie ans Licht kommen. Viele glauben, dass der Appin-Mord einer der größten, wenn nicht der größte Justizfehler in der Geschichte Schottlands war. Das Gesetz machte James of the Glen zu einem Mörder, die Legende machte ihn zum Opfer. Seine Knochen ruhen auf dem alten Friedhof von Keil in Appin. Er starb in Ballachulish am Ufer des Loch Leven am 8. November 1752.

 

Auf dem kleinen Hügel über dem Pier der ehemaligen Fähre (heute verbindet eine Brücke die beiden Ufer) wurde ein Galgen errichtet. Der 50-jährige James Stewart, auch bekannt als Seaumas a ‚Ghlinne, James of the Glen, wurde hier hingerichtet. Er wurde wegen Mordes gehängt, den er höchstwahrscheinlich nie begangen hat. Der mutmaßliche Mörder wurde nicht nicht gerichtet wer wurde ermordet. Auf dem Hügel, auf dem der Galgen stand, ist eine Gedenkstädte aber man muss danach suchen, um sie oberhalb der Brücke zu finden. Parken ist schwierig.

James of the Glen war ein ruhiger und beliebter Mann, er war gebildet, konnte in beiden schottischen Sprachen lesen und schreiben. Er war mit seiner Cousine Margaret verheiratet, die beiden hatten drei Kinder und lebten auf einer Farm in Glen Duror, ein paar Meilen südlich von Ballachulish. Er hatte auf dem Feld von Culloden gekämpft und den Kampf überlebt, um schließlich zu Hause getötet zu werden.

James of the Glen war ein Stewart of Appin und damit natürlich auch ein Anhänger von Charles Edward Stuart. Die Campbells waren Anhänger des englischen Königs und taten sich besonders damit hervor, so viele Stewarts wie möglich von ihrem Land zu vertreiben.  James of the Glen und Colin Campbell, den sie „den roten Fuchs“ nannten, hatten sich in einer Kneipe wegen dieser Vertreibungen geprügelt. Dafür gab es jede Menge Zeugen.

Colin Campbell hatte Räumungsbefehle bei sich, als man ihn am 14. Mai 1752, wenige Tage nach der Kneipenschlägerei, auf dem Weg nach Duror erschossen fand. Ein Mann mit einer Muskete war im Wald verschwunden hatten Augenzeugen behauptet. Wer war dieser Mann? Und wo war er?

Alan Breck, der Pflegesohn von James Stewart, war der offensichtlichste Verdächtige, und sein Pflegevater wurde beschuldigt, an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Breck floh nach Frankreich,  James Stewart wurde  gefangen genommen. Einen Rechtsbeistand gestand man ich erst 36 Stunden vor dem Prozess zu. Richter war der Duke of Argyll, Chef des Clans Campbell. Elf der fünfzehn Geschworenen waren ebenfalls Campbells. Von einer unabhängigen Einschätzung war dieses Gericht weit entfernt. Justitia war nicht blind und James Stewart hatte keine Chance. Er hat sich nie wirklich verteidigt, wahrscheinlich nicht, weil er schuldig war, sondern weil er keinen seiner Verwandten gefährden wollte.

Sie hängten ihn auf, legten ihm dann Eisenketten um seinen Körper und ließen ihn drei Jahre am Galgen hängen. Als der Leichnam abfiel, sammelte seine Frau Margaret ein, was von ihm übrig war und beerdigte die Knochen in der Ruine der Kirche von Keil. Eine kleine Gedenktafel erinnert  daran.

Der ermordete Colin Campbell wurde im Kloster Ardchattan beigesetzt. Dessen Geschichte folgt am nächsten Sonntag.

Mord am Hochzeitstag

Ich finde bei meinen Recherchen zu Schottland immer wieder Gruseliges und Grausames, der Mord in Appin ist wie ich finde dennoch ein ganz besonderer. Überhaupt scheint Appin eine ganz besondere Anziehungskraft für Mörder zu haben. Hier also nun ein wahrer Krimi aus dem 15. Jahrhundert. 

Castle Stalker

Dies ist die Geschichte der Ermordung von John Stewart, Lord of Lorn an seinem Hochzeitstag und die der Ermordung seines Mörders Alan MacDougall und es ist gleichzeitig die Geschichte der dramatischen Geburt der Stewarts of Appin.

Appin

Die Anfänge des Clans Stewart von Appin waren bestimmt von Lust, vielleicht sogar von Liebe. Es war das Jahr 1445 und Sir John Stewart war auf dem Weg nach Hause zu seiner Burg Dunstaffnage, als er auf eine junge Frau traf, in die er sich sofort verliebte. Sir John war ein verheirateter Mann, was ihn keineswegs davon abhielt, mit dieser Frau einen Sohn zu zeugen. Sie war eine Tochter des MacLaren von Ardvech, deren Name nirgendwo überliefert wurde. Ein Schicksal, das sie mit vielen Frauen teilte, die Geschichte ist voller namenloser Frauen, auch die schottische.

Diese Geliebte wollte Sir John schließlich fünf Jahre nach dem Tod seiner rechtmäßigen Frau heiraten. Seine Frau hatte ihm drei Töchter geboren aber keinen männlichen Erben. Er war gezwungen, die Linie mit einem Erben zu sichern und mit der Geliebten hatte er bereits einen Sohn und möglichen Erben. Er musste also nur die Mutter heiraten und den Sohn anerkennen. Die Vermutung liebt nahe, dass die geplante Ehe wenig mit Liebe zu tun hatte.

Die Hochzeit der beiden fand am 20. Dezember 1463 statt, die Zeremonie fiel kürzer aus als erwartet denn Männer drangen plötzlich in die Kirche ein, die Waffen wurden gezogen. Sir John wurde von einem Dolch tödlich verwundet. Sie zerrten den sterbende Bräutigam aus der Kirche, die Zeremonie war beendet. Doch noch bevor Sir John den letzten Atemzug tat, streifte ihm der geistesgegenwärtige Priester den Ring über den Finger und besiegelte so die Ehe der beiden.

Die namenlose Frau war Braut war Witwe an einem Tag, ihr achtzehnjähriger Sohn Dugald der rechtmäßige Erbe des Vermögens eines Vaters, dessen Sohn er offiziell gerade geworden war.

Es war dieser ehemalige Bastard und nun rechtmäßige Erbe von Sir John Stewart, Lord of Lorn, der die Linie der Stewarts of Appin begründete. Der Mörder am Hochzeitstag war Alan MacDougall und er hatte seine Gründe für seine grausame Tat.

Die MacDougalls hatten früher das Castle Stalker besessen, Sir John hatte es ihnen genommen. Jetzt übernahm Dugald seinen Platz ein als Stewart von Appin und plante seine Rache mit Ruhe und kalter Besonnenheit. Fünf Jahre kamen und gingen, die Differenzen mündeten 1468 schließlich in die blutige Schlacht von Stalc, in der viele Hundert fielen als die MacLarens den Stewarts of Appin und Dugald, ihrem Chief halfen, die MacDougalls und deren Verbündete die MacFarlanes, vernichtend zu schlagen. Alan MacDougall, der Mörder von Dugals Vater, wurde ebenfalls getötet.

Dugal regierte Appin für mehr als dreißig Jahre. Was aus seiner Mutter wurde, ist nicht überliefert.

My Heart‘s in the Highlands

Diesen Post schreibe ich nicht nur für mich, ich schreibe ihn vor allem auch für euch da draußen, die ihr mir schon so lange und mit so viel wunderbarem Feedback folgt. Wir alle haben jetzt zu kämpfen mit dem, was das Coronavirus mit unserem Leben macht und wir träumen von Schottland, weil es das Einzige ist, was wir im Moment tun können, träumen.

Isle of Skye

Schottland ist ein Traum. Wie oft habe ich das in der Vergangenheit so leicht gesagt, wenn ich Menschen davon erzählen wollte, wie wunderbar dieses Land ist. Ein Traum!

Jetzt ist es leider nur noch ein Traum für so viele von uns. Wir kommen nicht mehr hin. Ihr hattet Urlaube geplant, Reiserouten ausgearbeitet hin zum Meer, den Bergen und dem unglaublichen Licht. Und nun machen die Reisebeschränkungen, die Flugausfälle und die zu erwartenden Grenzkontrollen auf dem Weg ins Vereinigten Königreich die Einreise nach Schottland so gut wie unmöglich.

Isle of Skye

Auch für mich, denn auf dem Papier bin ich ja auch nichts anderes, als ein Tourist. Dass ich seit fast einem Jahrzehnt ein zweites Leben in den Highlands habe, das ich dort mit einem Schotten teile, hat auf die Einschränkungen keinen Einfluss. Auch ich komme nicht mehr hin. Und ich weiß nicht, für wie lange. Die Sorge um den Mann und die Familie nimmt täglich zu. Was, wenn sich der Mann infiziert? Ich könnte nicht bei ihm sein. Wie selbstverständlich hat man doch das alte Europa vor Corona genommen. Nun mit Brexit und Corona ist so vieles anders. 

Isle of Skye

Wie so viele Menschen in Deutschland (und ja, ich finde viele vernünftige Menschen mit voller Mitgefühl und Menschenverstand, auch das hat mir die Coronakrise gezeigt) habe nun auch ich ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Was, wenn….?

Was, wenn ich nicht….?

Dabei geht es mir noch gut. Ich lese von einem Vater, der seine sterbende Töchter im Krankenhaus nicht sehen darf, weil das Krankenhaus abgeriegelt wurde und er bei seinem Sohn bleiben muss während seine Frau die Tochter auf dem letzten Weg begleitet. Furchtbar. 

Aber ich lese eben auch, dass es lange gehen kann, bis wir die Krise überwunden haben. Manche reden von zwei Jahren. Zwei Jahre! 

Der Mann ist in der Art und Weise wie er die Pandemie erlebt einige Tage hinter mir zurück, was die Erfahrungen und auch die Einschätzungen der Situation angeht. Bei den Glasgow Rangers wurde im vollen Stadion noch Fußball gespielt, da haben sie bei uns schon die Geisterspiele abgesagt. Deutschland schloss die Schulen Anfang der Woche, Schottland erst am Freitag. Ich kenne, was auf ihn zukommt.

Schottland hat eine starke und kluge Regierungschefin voller Empathie aber das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs genießt eher nicht unser Vertrauen, schon gar nicht, wenn es um Krisenmanagement geht. Und das  Gesundheitssystem NHS ist zwar sehr sozial aber eben auch sehr unterbesetzt. Es wird mit der zu erwartenden hohen Zahl der medizinisch Hilfsbedürftigen nicht klar kommen. Seife, Desinfektionsmittel oder Nudeln sind auch in den Highlands nicht zu kriegen.

Das Land, das so sehr auf den Tourismus angewiesen ist, wird auf absehbare Zeit keine Touristen mehr sehen. Die Auswirkungen werden drastisch sein für viele in der Familie und im Bekanntenkreis. Allerdings gibt es jetzt die ersten Corona-Touristen, die sich in ihren Wohnwägen in den Highlands selbst isolieren. Wie lange gedenken die ohne ordnungsgemäße Toilettenleerung da auszuhalten? Wer kümmert sich um sie, wenn sie infiziert sind? Die medizinische Versorgung in den Highlands ist nicht auf große Zahlen ausgelegt. Diese Touristen helfen niemand. Allein in Glen Coe waren es gestern bereits mehr als zwei Dutzend. 

Ich hatte es kommen sehen und saß am Sonntag auf gepackten Koffern. Noch waren die Grenzen offen, noch flogen die Fluglinien einigermaßen nach Plan. Viel war weggebrochen, von dem, was ich normalerweise arbeite. Wäre es nicht besser schnell nach Schottland zu verschwinden anstatt im Sommer?

Ich fragte meinen Chef aber er antwortete erst, als ich den Flieger am Montag schon nicht mehr erreichen konnte. Der Chef bat mich zu bleiben, Journalisten werden gebraucht und viele Kollegen werden ausfallen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen. Das habe ich verstanden und bin geblieben. Aber nun kann ich nicht mehr weg. Wer weiß, für wie lange.

Immer wieder geht mir die Zeile aus dem Lied bzw. Gedicht von Robert Burns im Kopf herum. Er hat es 1789 geschrieben, vor weit über zweihundert Jahren.

Gedicht Robert Burns

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz ist nicht hier.

Mein Herz ist in den Highlands, wo auch immer ich bin.

Eures auch? 

 

 

Der König und die Witwe – Craigencallie

Ich habe im Sommer von dem einzigartigen Kinoerlebnis mit Angus MacFadyen geschrieben. Nun bin ich bei meinen Recherchen zum neuen Buch auf genau die Geschichte gestoßen, die der Film erzählt. 

Die Geschichte von der Witwe von Craigencallie ist eine dieser wunderbaren schottischen Erzählungen bei der man nicht mehr genau sagen kann, wie viel Wahrheit in ihr steckt und wie viel erfunden wurde. Für die Echtheit in Teilen gibt es Nachweise aber keine zuverlässigen historischen Quellen für die ganze Geschichte. Wie dem auch sei, die Episode ist schön und nicht sehr bekannt. Vielleicht einer der Gründe, der den schottischen Schauspieler und Produzenten Angus MacFadyen dazu bewogen hat, diese Geschichte als Basis für seinen Film über Robert the Bruce zu wählen.

MacFadyen hatte bereits 1995 im Blockbuster Braveheart den schottischen König Robert the Bruce gespielt. Sein Film behandelt nun einen sehr kleinen Zeitraum im Leben des Königs über den wenig bekannt ist, weil er nicht dokumentiert wurde. Im Film zieht sich der König verletzt und körperlich wie mental am Ende in die Wälder der Highlands zurück, wo er auf eine Witwe und ihre drei Söhne trifft.

Die Geschichte der Witwe von Craigencallie, ist aber nicht wie im Film in den Highlands zu Hause, sondern in den Lowlands, in Craigencallie (Gälisch Craig na Cailin, der Hügel der jungen Frau) in Kircudbright.

Galloway Mountains

Im Film waren die drei Söhne der Witwe nicht von drei verschiedenen Vätern wie in der Sage. Die junge Witwe nahm den Kriegerkönig bei sich auf und bot ihm die Hilfe ihre Söhne an, denn auch sie wollte wie der Bruce die schottische Unabhängigkeit von England, und war bereit, mit allen Mitteln dafür zu kämpfen.

In MacFadyens Film, der auf dem Edinburgh Film Festival 2019 Premiere hatte, muss der König nicht nur seinen Körper gesunden sondern auch seinen Kampfgeist wiederfinden. Er nutzt die Zeit bei der Witwe und ihren Söhnen, um zu gesunden an Körper und Geist und um die die Kraft zurück zu erlangen, sein Land gänzlich zu erobern und gegen die Feinde im Süden abzusichern.

Bruce wird zu diesem Zeitpunkt auf allen Ebenen angegriffen, nicht nur aus dem Süden, auch in Schottland selbst hat er Feinde, einflussreiche und gnadenlose Männer, die ihr Eigentum dem englischen König verdanken oder sich aus anderen Gründen gegen ein vereinigtes schottisches Königreich stellten.

In dieser sehr unsicheren politischen Situation im eigenen Land und der körperlichen Schwächung nach den zahllosen Kämpfen, bietet ihm die Witwe von Craigencallie Zuflucht und Schutz. Ihre Söhne sind sein Heer, mit ihrer Hilfe wird ihm nach seinem Abschied von Craigencallie der Sieg gelingen.

Galoway Mountains

Im Film und auch in der Sage bleibt die Beziehung zwischen König und der jungen Witwe rein platonisch. Sie hat drei Söhne von drei Vätern, der eine heißt McKie, einer Murdoch und der jüngste McLurg, letzterer soll ein besonders guter Bogenschütze gewesen sein, der sogar einen zwei Raben, die in den Felsen saßen, mit einem einzigen Schuss töten konnte.

Die McLurgs waren einst eine einflussreiche Familie in der Region Kircudbright und bekamen von König Robert Bruce weitreichende Ländereien zugesprochen, für ihre Dienste im Krieg gegen England. Das ist überliefert.

Eine Schlacht hat ebenfalls in der Nähe von Craigencallie stattgefunden, die Schlacht von Raploch Moss in der Nähe von Loch Clatteringshaws. Hier sollen die drei Söhne im Laufe der Auseinandersetzung Schafe den Hügel hinunter getrieben haben, so dass es den Anschein hatte, als würden dem König mehr Männer zu Hilfe eilen. Der Trick funktionierte, die Engländer traten die Flucht an.

Galloway Mountains

Das kleine Farmhaus Craigencallie gibt es bis heute, natürlich ist es nicht mehr das Original aus dem 14. Jahrhundert.  Es ist Privatbesitz aber es bleibt ein Ort der Geschichte und der Geschichten, von Witwen, Söhnen und einem König, der einer der ganz Großen seines Landes werden würde.

Corona macht mich fertig!

Irgendwie kommt man an dem Thema dieser Tage ja nicht vorbei. Ausgerechnet jetzt kämpfe ich mit einer sehr hartnäckigen Erkältung. Ja, einer normalen Erkältung, ohne Fieber, ohne Atemnot. Das muss man in diesen Tagen ja laut dazu sagen.

Nun bin ich also zu Hause, versuche mich zu schonen und gesund zu ernähren. Ich habe Zeit, die Zeitung ausführlich zu lesen, Social Media durchzukämmen und die Talkshows im TV zu verfolgen. Ich bin in Sachen Corona up to date. Ich habe mir sogar bei Amazon Gesichtsmasken und Desinfektionsspray bestellt. Zu horrenden Preisen in Übrigen.

Atemmaske und Desinfektionsspray

Und der in schottischen Schulen durch hustende Schülerhorden gestählte Mann, schickt mir lustige gifs und Fotos zum Thema Coronavirus. Wie kann man den Unterschied zwischen Schotten und Deutschen besser verstehen als in unserem Umgang mit der Pandemie – er sammelt Witze, ich kaufe Desinfektionsmittel.

Desinfektionsmittel horten

Lustig eigentlich, wenn da nicht dieses ungute Gefühl im Magen wäre. Als ob der Brexit unsere Fernbeziehungssituation nicht schon unsicher genug gemacht hätte.

Was ist, wenn es im Sommer ein Reiseverbot gibt, wenn ich wieder zurück in die Highlands möchte?

Was, wenn ich nicht mehr aus Schottland zurück nach Deutschland kann am Ende des Sommers?

Ok, mit letzterem könnte ich leben. Sorry Chef, ich hab alles gegeben aber ich schaffe es nicht.“ Ja, damit könnte ich zumindest eine Zeit definitiv leben. Sorry Chef! Aber der andere Fall? In Deutschland bleiben zu müssen, weil ich nicht nach Schottland reisen darf. Das wäre furchtbar.

Tragfläche Flugzeug

So oft habe ich die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern passiert, ohne nachzudenken. Und nun? Nun ist Corona passiert und zwingt mich dazu. Es sind echte Grenzen und die kann man schließen. Ich und mein Partner leben nicht im selben Land und das kann im Falle einer Pandemie ein echtes Problem werden. Ein Schatz, ich habe alles gegeben aber ich schaffe es nicht würde ich nur sehr schwer über die Lippen bringen.

Heute Morgen hat er mir ein Foto von einem Chinesen mittleren Alters geschickt, der sich eine Damenbinde anstelle einer Gesichtsmaske an die Nase geklebt hat. Hat der Mann wohl auf Twitter oder Facebook gefunden.

Ich glaube, ich muss wieder weniger deutsch werden und die schottische Seite der Dinge sehen lernen.

Weg mit den Desinfektionsmitteln – her mit den Damenbinden!

Mütter und Söhne

Wenn man die kleine A938 Richtung Osten fährt, dann kommt man ganz im Süden von Inverness-shire irgendwann einmal nach Duthil. Man könnte es aber auch einfach völlig verpassen, denn mehr als ein paar Häuser sind es nicht, was man aber ganz und gar nicht verpassen sollte, das sind die beiden Seafield Mausoleen. Auch wenn sie verschlossen und nicht zugänglich sind. Sie sind beeindruckend, etwas gruselig und irgendwie genau so, wie sich das leidenschaftliche Leser der Shelleys oder Edgar Allan Poe immer vorgestellt haben: grau, gotisch und gruselig.

Wer waren diese Seafields, die hier bestattet wurden und warum bauten sie gleich zwei fast identischen Mausoleen nebeneinander?

Die Lairds of Grant waren die Chiefs des Clan Grant, es gelang ihnen, das Earldom of Seafield und die ausgedehnten Gebiete der Ogilvies, Earls of Findlater und Seafield zu erobern. Das Wappen der Ogilvie Grants und Earls of Seafield befindet sich auf dem Mausoleum, das am nächsten an der Kirche von Duthil liegt, nicht jedoch auf dem zweiten.

Das Symbol des Clan Grant ist die lange und uralte schottische Kiefer, einige ragen hoch hinter den Mausoleen empor. Die Kirche steht hier seit dem 17. Jahrhundert, aber die erste Kirche in Duthil stammt aus dem Jahr 1400. Das Clan Grant Center bietet Informationen und Hilfe hauptsächlich für Clanmitglieder aus der ganzen Welt, viele Grants aus Amerika oder Kanada suchen in Schottland nach ihren Ursprüngen. Das Clan Grant Center ist eine der Anlaufstellen für Namenstouristen aus Übersee.

Die Geschichte der Seafield Mausoleen ist tragisch, in ihrem Zentrum stehen Mütter und ihre Söhne, es geht um Trauer und individuellen Verlust, über das Weiterleben und den Versuch, damit fertig zu werden.

Die Grants bauten im 19. Jahrhundert das erste Mausoleum, das mit dem Familienwappen. Mary Ann Dunn, die Frau des 6. Earl of Seafield, starb 1840 im Alter von 45 Jahren. Sie sollte die erste sein, die im neuen Familienmausoleum beigesetzt wird. Sie hatte geheiratet, als sie erst 16 Jahre alt war, und dem Earl sechs Söhne und eine Tochter geboren. Der erste Sohn war in sehr jungen Jahren gestorben, der zweite, wurde dann Erbe und trug damit den Titel Master of Grant. Sein Name war Francis William, er war Kirchenältester und Abgeordneter im Parlament in Inverness.

Als seine Mutter starb, machte er sich auf den Weg nach Cullen House. Francis William war in London gewesen und kehrte nun gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder John Charles nach Hause zurück. Er fühlte sich nicht gut und ging ins Bett. Francis William Grant wurde am nächsten Tag tot in seinem Bett aufgefunden. Er war nur 25 Jahre alt geworden.

Der Sohn stand bei der Beerdigung nicht am Grab seiner Mutter, er wurde mit seiner Mutter beigesetzt, in dem Mausoleum, das die Familie frisch gebaut hatte. Nicht ein Tod wurde von der Familie betrauert, sondern zwei. Der Schmerz der Angehörigen muss immens gewesen sein.

Die Beerdigung war groß und machte einen ebenso großen Eindruck, nicht nur regional. Die Zeitungen berichteten über die Tragödie, die Arbeit in der Gegend ruhte, die Kirchenglocken läuteten und der Trauerzug war fast eine Meile lang. Der Kutsche mit der Leiche von Lady Grant war schwarz dekoriert, die ihres Sohnes ganz weiß. Es war Frühling 1840 und das Mausoleum war neu und leer. Jetzt nahm es gleich zwei Leichen auf einmal auf. Es sollten noch mehr kommen.

Der trauernde Vater und Ehemann heiratete drei Jahre nach der doppelten Beerdigung erneut, bekam aber keine Kinder mehr. Seine zweite Frau ging nach seinem Tod zwei weitere Ehen ein. Und John Charles trat die Nachfolge seines Vaters als 7. Earl of Seafield an.

Die Frau von John Charles beschloss ein paar Jahre darauf, die letzte Seafield zu sein, die in dem Mausoleum ruhen würde. Es war Herbst 1911 und Caroline Stuart, die Witwe des Earls führte die Geschäfte. Sie hatte dieses Recht von ihrem Sohn, dem 8. Earl of Seafield, geerbt, der vor ihr gestorben war. Er war der einzige Sohn des Paares gewesen.

Die Frau und die Mutter des Earls war die Letzte, die sich im Familienmausoleum bestatten ließ. Für die kommenden Generationen ließ sie ein neues bauen, das aber genauso aussah, wie das, in dem sie bestattet werden wollte. Mit ihr würde eine Linie zu Ende gehen.

Die Beerdigung der Witwe von Seafield war ein düsteres Ereignis, der Geistliche hielt die Ansprache im Mausoleum selbst, die Menschen standen im Friedhof und hörten zu. Dann trat Duncan MacDonald aus dem Schatten der Bäume. Er war der Dudelsackspieler der Mackintoshs und er verabschiedete Lady Caroline Stuart mit all den Ehren, die einer Gutsherrin ihrer Klasse zustand. Er spielte The Lament for the Only Son, die Klage um den einzigen Sohn.

Dann wurden die Türen des Mausoleums für immer verschlossen.

 

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verzurrte Häuser

Sturm Brendan hatte meine Schreibhütte erfasst, angehoben und wieder abgesetzt. Drinnen herrschte Chaos und die nun unbefestigte Hütte drohte mit der nächsten Bö aufs Meer hinausgetragen zu werden. Brendan hatte eine Wucht von bis zu 130 Stundenkilometern und er war hier in unseren Garten.

Und nun? Es regnet in Strömen und der Sturm biegt die Tannen. Ich muss meine Sachen retten! die Bücher, einfach alles. Wenigstens habe ich meinen Laptop nicht über Nacht in der Hütte gelassen. Ich renne zurück zum Haus und brülle den Mann zu Hilfe. Der begreift recht schnell was los ist springt in Jacke und Gummistiefel und rennt zur Hütte und mitten im Sturm retten wir, was zu retten ist.

Der Mann versucht das Haus mit Seilen provisorisch festzubinden und ich schleppe alles, was ich in der Hütte hatte ins Haus, einen Tisch, das Regal, Bücher, Stuhl, mein Gott so viel Kram! Alles durch Wind, Regen und Matsch zum Haus. Was für eine Quälerei und im Hinterkopf immer die Sorge, dass die nächste Bö die Hütte samt Mann am Seil fortträgt.

Völlig durchnässt schauen wir entgeistert auf all den nassen Kram, der sich nun in der Küche stapelt. Nach einer Weile finde ich für jedes Stück einen Platz im Haus, es wird eng, aber es wird gehen. Der Mann ist sich sicher, dass er die Hütte wieder reparieren kann. Ich schaue traurig raus in den Sturm. Meine Schreibhütte!

Als es dunkel wird, scheine ich immer wieder mit der Taschenlampe in den Garten. Sie steht noch. Der Sturm will nicht zur Ruhe kommen. Es dauert zwei Tage, bis wir durchatmen können und der Sturm soweit nachgelassen hat, dass der Mann die Hütte wieder ordentlich auf ihr Fundament stellen kann. Er wird alles abdichten und ordentlich befestigen sobald es mal trocken ist. Man wird fast nichts mehr sehen von dem kleinen Ausflug meiner Hütte, sagt er.

Inzwischen hat er Spannriemen gekauft und die Hütte richtig festgezurrt. Windsicher.

Wenn ich nun die Schreibhütte sehe, muss ich an den Film Schiffsmeldungen mit Kevin Spacey denken. Ein wunderbarer Film, von dem mir immer in Erinnerung geblieben ist, dass die Familie Quoyle in Neufundland ihr zweistöckiges Haus an dicken Seilen übers Eis gezogen hat, um es dann an einer Klippe bei Killick-Claw mit Drahtseilen zu befestigen. Diese Drahtseile hatte ich immer im vor Augen aber angenommen, es handle sich um filmische Übertreibung.

Ich muss bald wieder nach Deutschland zurück und im Moment schreibe im Schlafzimmer oder im Wohnzimmer weiter, von beiden kann ich auch aufs Meer sehen. Meine Schreibhütte werde ich dann im Sommer wieder beziehen und die kleinen Narben, die sie nach dem Abenteuer hat, wertschätzen. Wenn ich die Riemen sehe, die sie auf der schottischen Erde halten, werde ich nun nicht mehr nur an den Film, sondern auch an den Roman von E. Annie Proulx denken, auf dem er basiert. Sie hat damit den Pulitzer Preis gewonnen. Wenn das keine Inspiration ist für eine Schreibhütte ist, dann weiß ich auch nicht!

 

Die Schreibhüttenkatastrophe

Dieser Januar war wohl der schlechteste seit ich mein Abenteuer Highlands lebe. Wir hatten nie diese wunderbaren kalten Tage, die das Autofahren abenteuerlich, das Wandern oder Fotografieren aber einfach fantastisch machen. Dieses starke und doch blasse Licht des Winters und das strahlende Weiß vor unendlichem Blau.

Der Januar war einfach nur grau. Die Sonne hat sich mit ganz wenigen Ausnahmen vornehm zurückgehalten, es wurde gegen 9 Uhr am Morgen hell, dann folgte eine lange Grauphase, um gegen 16 Uhr wieder stockdunkel zu werden. Aber selbst an solchen Tagen kann man mal raus, es sei denn, der Wind hat so viel Spaß wie in diesem neuen Jahr. 2020 hat in Schottland mehr als stürmisch angefangen. Windstill war es eigentlich nie, er blies von der Bergen herunter, fast immer gepaart mit Regen oder Hagel. Die Tannen vor dem Haus schwanken bedrohlich, die schottische Flagge im Garten ist fast gänzlich zerfetzt, Tang und Treibholz aus dem Meer überschwemmen die Straße, Hagelkörner ruhen kalt in Graskuhlen, man möchte sich verkriechen und den Januar im Winterschlaf verbringen. Und draußen heult der Wind.

Man liest über Stürme, sieht es in den Nachrichten, aber auch wenn die Böen mit über 80 Stundenkilometer übers Haus hinwegfegen und die Hagelkörner im Kamin aufschlagen, man glaubt sich sicher. Die Katastrophen passieren den anderen, den Menschen im Fernsehen. Nicht hier, nicht uns.

Es ist der 13. Januar. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und ich bin auf dem Weg durch den Garten zur Schreibhütte. In Gummistiefeln und mit der Winterjacke dick eingemummelt, der Regen kommt mit Macht von vorn und überall auf dem Weg liegen Äste und Zweige, über die ich erst mal steigen muss. Wir hatten am Wochenende Besuch gehabt und nun will ich endlich wieder ein bisschen schreiben, Zeit haben für mich, meine Gedanken und den wunderbaren Blick aufs Meer und die Berge.

Ich habe die Schreibhütte erreicht, mein Blick fällt auf den Boden. Da liegt meine Schreibtischlampe. Neben der Hütte! Wie kommt die dahin? Die Hütte war abgeschlossen und die Lampe stand auf dem Schreibtisch in der Hütte. War jemand eingebrochen? Ich bleibe stehen und kann nicht verstehen, was ich sehe. Ich schaue genauer hin.

Die Hütte steht nicht mehr da, wo sie vorher stand, sie ist um einige Zentimeter verschoben. Ich gehe zur Tür und schließe auf. Die Tür bekomme ich gerade so auf, denn irgendetwas hat die ganze Hütte um ein paar Zentimeter versetzt. Als hätte ein Riese sie hochgehoben und nicht mehr richtig wieder auf das Fundament gesetzt, das der Mann mit viel Aufwand betoniert hat.

Drinnen ist alles ein furchtbares Durcheinander. Erst langsam wird mir klar, was hier passiert ist. Der Sturm muss die gesamte Hütte um mehr als einen Meter angehoben haben. Die unteren Holzleisten sind abgesplittert und komplett vom Boden gelöst. Hier muss eine irrsinnige, unvorstellbare Kraft gewütet haben. Ich blicke ins Chaos und kann es nicht begreifen.

Eine Bö erfasst die entwurzelte Hütte und es knirscht bedenklich. Ich muss Hilfe holen, irgendwie müssen wir verhindern, dass meine Schreibhütte hinaus aufs Meer fliegt.

to be continued….