Mord und Handwerker: Ein schottisches Drama

Mordgedanken und Aperol

Es gibt Tage, da meint es das Schicksal gut mit einem. Und dann gibt es Tage wie diesen. Ich hatte beschlossen, einen Krimiplot zu durchdenken – und dazu brauche ich Bewegung. Still sitzen ist nichts für kreative Verbrechen. Agatha Christie ist angeblich auch immer durch Devon marschiert, während sie über ihre Mörder nachdachte. Ich aber lebe nicht in Devon. Ich lebe in den Highlands. Und da ist es mit dem entspannten Spazierengehen so eine Sache.

Denn hier heißt „ein bisschen wandern“: auf Ziegenpfaden balancieren, durch knöcheltiefen Matsch stapfen und gleichzeitig versuchen, nicht über einen der unzähligen Steine zu stürzen, die sich einem wie bockige Ponys in den Weg legen. Krimiplots entwickeln? Ja, klar – wenn man nebenbei auch noch jonglieren kann. Ich also beschließe, auf einer Teerstraße zu laufen. Geradeaus. Flach. Und vor allem mit wenig Verkehr. Was in der Touristensaison ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein einsamer Strand in den Sommerferien.

Aber ich bin motiviert. Die Sonne scheint! Es ist April – normalerweise bedeutet das: vier Jahreszeiten pro Stunde. Doch heute: strahlender Himmel, 14 Grad, und sogar die Schafe sehen zufrieden aus. Ich schwinge mich also ins Auto, bereit für frische Luft, Mordgedanken und ein bisschen literarische Selbstfindung.

Dummerweise fahre ich genau in die einzige Ecke Schottlands, über der sich eine riesige, dunkelgraue Regenwolke ausbreitet. Natürlich. Wo sonst. Ich fluche leise, parke trotzdem und ziehe die Kapuze über den Kopf. Man kann auch bei trübem Wetter kreativ sein. Sagt man.

Ich stapfe also los, ganz bei mir und meinen Gedanken. Doch da pingt es. Der Mann. Heute in Inverness. Sollte bei Lidl Aperol kaufen – Vorrat für das Wochenende. Stattdessen schreibt er: „Wo steht denn der Aperol? Ich find den nicht.“

Ich überlege kurz, ob ich zurückschreibe: „Neben dem Klopapier, gleich hinterm griechischen Joghurt.“ Aber dann reiße ich mich zusammen. Ich tippe zurück: „Da, wo der Gin steht.“ Keine zehn Sekunden später: „Hab ihn!“ Zufriedener Mann, gesichertes Wochenende. Ich nicke still. So viel zur Konzentration.

Kaum habe ich mich wieder auf meinen Mörder konzentriert – der in meinem Kopf so vielversprechend war –, da pingt es erneut. Meine Chefin. „Darf ich dich kurz stören? Nichts Dramatisches, aber es hat eine Veränderung gegeben.“ Und zack, statt Krimi: Kopfkino. Kündigungswelle? Umstrukturierung? Muss ich doch zurück zur Konferenzplanung?

Ich antworte: „Bin erreichbar.“ Was bleibt mir auch anderes übrig. Weiter geht’s.

Zehn Meter weiter: ping. Fiverr-App. Meine Designerin. Das Cover sei fertig, ob ich bitte direkt schauen könne. Natürlich. Ich. Jetzt. Im Nieselregen. Auf einem schottischen Wanderweg mit schlechter Netzabdeckung.

Ich nehme mir vor, jetzt aber wirklich den Mörder weiterzudenken. Doch da – beginnt der zweite Akt: die Handwerkerpanik.

Wenn Handwerker zu Krimifiguren werden

Ich hatte mit meiner Schwester in Deutschland abgesprochen, dass ich mich um einen Handwerker für unsere Eltern kümmere. Sie hat ohnehin schon genug zu tun, wenn ich weg bin, also übernehme ich. Sie hatte eine Empfehlung von einer Kollegin, ich hatte den Herrn kontaktiert – wir waren per WhatsApp in Kontakt.

Er war etwas zögerlich, wegen der Entfernung. Aber ja, er würde es gegen Anfahrtskosten machen. Ich bitte ihn um einen Terminvorschlag. Eine Woche vergeht. Nichts. Ich frage nochmal – wieder nichts. Also beschließe ich an einem Sonntag, einfach ein anderes Unternehmen zu kontaktieren. Mail an die Infoadresse, und siehe da: Montagmorgen um zehn der Rückruf.

Er will’s sich anschauen. Ich erkläre ihm alles. Biete an, den Termin mit meinen Eltern abzustimmen. Aber nein, über drei Ecken sei das zu kompliziert. Ich soll ihm die Nummer der Eltern geben. Gut, mache ich.

Am Abend: „Habe niemanden erreicht. Ist die Nummer korrekt?“ Ich prüfe. Natürlich. Ich rufe meine Eltern an: „Alles gut bei euch?“ – „Ja, alles fein.“

Ich sage ihm, er soll’s einfach nochmal probieren oder spontan vorbeischauen. Tut er. Nur: Meine Eltern sind beim Arzt. Also klingelt er bei der Nachbarin.

Und das war der Fehler. Denn sie informiert sofort die gesamte Nachbarschaft, alle Verwandten und vermutlich auch die lokale Zeitung. „Ein Handwerker! Und keiner wusste davon!“

Ich bekomme pings von allen Seiten. Meine Schwester: „Wie heißt der nochmal?“
Ich: „Wieso?“
Klingeling: Meine Mutter. „Da war ein Handwerker, und keiner hat uns was gesagt!“

Ich atme tief durch. Warum die Nachbarin eigentlich wissen sollte, dass meine Eltern einen Handwerker bekommen, bleibt mir ein Rätsel.

Ich schicke also nochmal allen den Kontakt. Bitte die Mutter, sich direkt bei ihm zu melden. Dann erkläre ich meiner Schwester alles noch mal von vorne.

Mein Krimiplot? Liegt inzwischen reglos im Moor. Ich bin entweder kurz davor, einen Handwerker umzubringen – oder ich schreibe meinen nächsten Mord in ein Funkloch.

Hauptsache, keiner kann mich erreichen.

Die magische Zahl vierzig in Schottland

Ein Blogpost über schottische Eigenheiten, Zahlenmystik und Schwiegereltern mit Vorlauf

Wenn die Schafe flüstern – und die Zahlen sprechen

Man sagt ja, jede Region habe ihre Eigenheiten. In den Highlands zum Beispiel reden die Schafe mit dem Wind, und die Einheimischen antworten mit einem Nicken, das je nach Winkel ganz verschiedene Dinge bedeuten kann.
Aber nichts – wirklich nichts – ist so ein Mysterium wie die magische Zahl vierzig.

Zufall? Nicht wirklich

Ich dachte erst, es sei Zufall.
Ein netter Herr mit Labrador auf einem matschigen Wanderpfad erzählt mir, dass seine Schwiegereltern „vor vierzig Jahren hierhergezogen“ seien.
Aha, denke ich, das ist mal eine präzise Zahl. Ich vergesse es.

Bis meine Freundin sagt, ihre Eltern seien – richtig geraten – „vor vierzig Jahren hierhergezogen“. Jetzt werde ich stutzig.

Der Zoom-Moment der Erkenntnis

Dann, bei einem Zoom-Vortrag über Windfarmen und seltene Flechtenarten, sagt der Referent mit Stirnband und Solarpanel-Expertise plötzlich mit ernster Stimme:
„Meine Schwiegereltern sind vor vierzig Jahren nach Skye gezogen.“
Ich reiße die Augen auf.
Da ist sie wieder. Die Vierzig.

1986 – das Jahr des großen Umzugs?

Was war los 1986?
War das ein geheim abgesprochener Exodus aus Kent, Surrey und den besseren Vierteln von Brighton?
Hatte Maggie Thatcher verkündet, dass in Schottland ab sofort mehr Wetter, aber weniger Nachbarn herrscht?

Oder war’s am Ende ganz profan: die Hauspreise.
Damals kostete ein Steincottage mit Meerblick und drei Geistern aus dem 18. Jahrhundert wahrscheinlich so viel wie heute ein Parkplatz in Reading.

Die große Schwiegereltern-Offensive

Und so sind sie gekommen – die Schwiegereltern.
Die Vorhut der Engländer mit ihren Gartenhandschuhen und dem Traum vom schottischen Idyll.
Sie kamen, sie sahen – sie renovierten.

Und jetzt stehen ihre Nachfahren da, mit ähnlichen Geschichten, nur in modernem Akzent:
„Wir wollten unseren Kindern eine bessere Kindheit ermöglichen.“

Vierzig – das Gütesiegel der Zugehörigkeit

Die Vierzig ist mehr als eine Zahl.
Sie ist ein Ritterschlag. Ein schottischer Integrationsausweis.

„Wir sind nicht erst seit gestern hier“, sagen sie, und meinen:
„Wir haben schon in Gummistiefeln gestanden, da warst du noch nicht mal auf Google Maps.“

Ohne Vierzig kein Respekt?

Ich überlege, ob ich das auch mal sagen soll. Einfach so, zum Spaß.
„Meine Nachbarn sind vor vierzig Jahren hergezogen.“

Denn der Mann ist noch nicht so lange hier. Und ich auch nicht.
Uns fehlt die magische Vierzig.

Ein Mythos mit Wurzeln

Vierzig ist schließlich nicht irgendeine Zahl.
Vierzig ist ein Mythos.
Ein Dauerparkplatz im schottischen Gedächtnis.

Abschiede

Abschiede sind Teil meines Lebens geworden, seit ich eine zweite Existenz in Schottland habe. In der Regel bin ich zweimal im Jahr für längere Zeit in Schottland und der Mann für kürzere Zeit zwei Mal im Jahr in Deutschland. Ich kann mir meine berufliche Zeit etwas freier einteilen als er und arbeite in der Zeit in Deutschland meist durch. Damit habe ich in Schottland nicht nur Urlaub, sondern auch die Wochenenden, die ich in Deutschland nicht hatte.

view from Balmacara Hill Skye Bridge

Diese Reisen zwischen den Welten sind für uns nach all den Jahren fast schon selbstverständlich geworden. Die häufigen Abschiede lassen mich die Gegenwart mehr schätzen. Ich schätze auch die schönen Dinge viel mehr als ohne Abschiede. Insofern sind Abschiede etwas Gutes. Abschiede von Schottland sind allerdings nie schön und der wehmütige Blick auf Meer ist nun schon ein vertrauter Bestandteil meines Lebens geworden.

Blick aufs Meer

Weil aber das Leben oben im schönen Norden weiter geht, auch wenn ich nicht da bin, kommen über die Jahre noch Abschiede aus der Ferne hinzu.

Unsere Nachbarn Carol und Tam zogen fort zu ihren Kindern, Jane und ihr dementer Mann, dessen Hund mich einst biss, sind beide gestorben. Erst er, dann kurz darauf sie.

Nun sagt mir der Mann, dass John die Post in Rente gegangen ist. Er hat es keinem gesagt aber sich bei seiner letzten Tour verabschiedet. Ich glaube nicht, dass es mich in Deutschland treffen würde, wenn mein Postbote in Rente geht. Er ist ein netter Mensch und alles aber John die Post ist eben nicht nur ein Postbote. Er ist die Seele, die die Menschen am Loch verbindet. Wenn John nicht mehr vorbeikommt, dann wird uns allen etwas fehlen.

Mir wird er ganz besonders fehlen. Er war so stolz, dass er in meine in Buch vorkam und hat es sich prompt vom netten Schwaben im nächsten Dorf übersetzen lassen. Also die Teile, in denen er vorkam. „Da hast du mich ja gut aussehen lassen.“ hat er gesagt. Warum auch nicht, alle mochten ihn. Selbst meine Mutter backt ihm zu Weihnachten immer eine Linzertorte. John wiederum gibt mir immer ein kleines Präsent für sie mit und fragt regelmäßig nach, wie es meinen Eltern geht. John und meine Eltern haben sich im Übrigen nie getroffen. Sie halten trotz dem Kontakt.

Und nun geht er in Rente und genießt das Leben. Und ich sitze im Schwarzwald und schau auf die Frühlingsblüten statt die Wellen und kann nicht einmal auf Wiedersehen sagen. Das ist ein Abschied, den ich sehr ungern verpasse. So ist das, wenn man zwei Leben hat. Manchmal ist man eben nicht da, wo man gerne wäre. So schön es auch ist, wo man ist.