Schilderwald und Mutterkühe

Es war einer dieser Momente, der Mut erfordert. Ich stand an einem cattle grid, diesem großen Rost im Straßenboden, über den das Vieh nicht läuft und das ein Gatter ersetzt, und lese auf dem Schild, dass es nicht sicher ist, dieses Feld zu betreten, weil hier Kühe kalben.

Three Lochs Walk

Hat der Bauer das nur für nervige Wanderer aufgehängt, die er nicht auf seiner Weide haben will?

In Schottland gibt es das Recht, sich frei zu bewegen, auch auf dem Privateigentum eines anderen, der Bauer kann also rechtlich nicht viel machen, wenn er keine Lust auf Wanderer hat.

Oder stimmt es wirklich, was das Schild sagt, das unter anderem noch „zu ihrer eigenen Sicherheit“ hinzufügt?  Das wiederum klingt gefährlich und ich frage mich, wann denn Kühe gemeinhin kalben. Dann könnte ich abschätzen, wie ernst ich das Schild zu nehmen gedenke.

Mein Recherche-Problem ist, mein Handy hat sich mit einem leeren Akku verabschiedet, gerade als es mit mitgeteilt hat, dass ich nun schon knapp zehn Kilometer gelaufen bin. Das knallrote Kuhschild schlägt vor, eine Alternativroute zu nehmen aber wie finden, ohne Telefon, die Karten nutzen nichts, ich bin auf einem neu angelegten Waldweg verloren gegangen, mit dem die Forstverwaltung beim Abholzen wohl den alten ersetzt hat. Mir bleibt nur die Alternative zurück, dann bin ich stolze 20 Kilometer unterwegs oder tapfer durch das Feld mit dem Mutterkühen.

Ich überlege, hinter dem cattle grid ist nur abgeholzte Fläche und von Kühen weit und breit keine Spur. Ich werde es versuchen. Mir war schon am Anfang meines Ausflugs aufgefallen, dass die Menschen hier im Südosten von Loch Ness überall Schilder hatten, die „privat“ und „kein Durchgang“ und „kein Zugang zum Wanderweg“ proklamierten. Hätten sie mal ein Schild aufgestellt, wo der Weg wirklich lang geht, hätte das wohl gereicht. Diesem Gedankengang folgend war ich geneigt, das Mutterkuh-Schild als überflüssige Warnung zu betrachten. Ein Schild aufzustellen, nur um Leute zu veräppeln, wäre hier durchaus vorstellbar, in Deutschland eher nicht.

Ich setzte also meinen Weg fort, der mich zuerst durch eine große abgeholzte Fläche führt, Baumstämme liegen rechts und links gestapelt. Ein weiteres Schild warnt davor, auf die aufgeschichteten Baumstämme zu klettern.

„Ach neh!“ denke ich. „Die mögen einfach Schilder hier.“

Kühe auf Weide

Der Weg macht eine Kurve und das Feld mit den Kühen liegt in einer Senke vor mir. Eine riesige mit gefährlich aussehenden Hörnern blickt auf und schaut mir direkt in die Augen. Neben ihr liegen friedlich drei Kälber. Ich zögere, gehe aber weiter. Ich sehe einen Zaun, da wo das Muttertier steht, es geht sogar direkt auf den Zaun zu, sieht aber immer wieder zu mir hin. Die Kälber folgen der Mutter. Und dann sehe ich, dass ein Stück von Zaun fehlt, durch das die Kuh, die aussieht als wäre mit ihr nicht zu spaßen, gerade forschen Schrittes durch schreitet während sie mich unablässig beobachtet.

da lagen sie noch friedlich rum

„Okay. Ich nehme das Schild jetzt ernst.“ sage ich halblaut und drehe wieder um. Dann eben die zehn Kilometer wieder zurück. Richtig sicher fühle ich mich erst, als ich wieder hinter dem cattle grid bin. Wer hätte gedacht, dass Wandern in den Highlands so gefährlich sein kann.

Dieses und andere Abenteuer findet ihr in Abenteuer Highlands 2.0 – zwischen Schwarzwald und Schottland, das demnächst auf Amazon erscheinen wird.

Abenteuer Highlands 2.0 zwischen Schwarzwald und Schottland

 

 

 

 

3 Gedanken zu “Schilderwald und Mutterkühe

  1. Liebe Nellie,

    heute Morgen musste ich feststellen, dass das Wetter hier wirklich mal zu bescheiden sein kann um rauszugehen. Stürmender Eisregen hatte mich nach 50 m dazu bewegt, doch wieder in das gemütliche Haus zurück zu flüchten. Da ist natürlich die lang ersehnte Fortsetzung deiner Abenteuer zum perfekten Zeitpunkt aufgetaucht.

    Ja, so schön die Natur in diesem Land ist, ich musste auch schon feststellen, dass diese überall herumlaufenden Tiere nicht immer so nett sind wie sie aussehen.
    Letztes Jahr haben mich auch drei Highlandrinder (ob Männchen oder Weibchen wusste ich nicht genau – war mir aber auch egal) bei einer Wanderung hier in der Gegend gut 1 km verfolgt. Ob die nun einfach neugierig waren oder mich als Bedrohung anschauen wusste ich nicht (gut ich war mehrere Tage nicht rasiert – sah also etwas wüst aus), aber nachdem ich manchmal schon Verständigungsprobleme mit den Einheimischen hier habe, dachte ich mir, dass eine Konversation mit den Vierbeinern wohl weniger sinnvoll ist. Eigentlich jogge ich nicht mehr so gerne, aber ich fand ich es zu diesem Zeitpunkt dann doch sehr angebracht.
    Da waren zuvor allerdings zuvor keine Warnschilder aufgestellt!!!

    Und so vor zwei Wochen hatte ich bei schönstem Wetter einen neuen Wanderweg entdeckt und traf auf eine der hier allgegenwärtigen Schafherden. Diese flüchten ja für gewöhnlich, wenn sie einen Zweibeiner sehen, was zumindest bei fast allen auch diesmal der Fall war. Nur ein schwarzer Schafbock mit beeindruckenden Hörnern blieb mitten auf dem Weg stehen.😡
    Also standen wir uns so Auge in Auge 10m gegenüber. Meine doch sehr freundliche Bitte in verschiedenen Sprachen ignorierte er und stattdessen begann er sich auf mich zu bewegen. Nachdem ich schon mal in YouTube gesehen hatte, wie ein solches Tierchen ein ausgewachsenes Rindvieh in einem Hörner-Prall-Wettbewerb besiegte (vielleicht sollte man sich einen solchen Bock als Leibwächter gegen Rinder zulegen?) erschien es mir doch sehr sinnvoll den Rückzug anzutreten. Er nahm also die Verfolgung auf und ich wusste, dass die auch ziemlich schnell laufen können, also davonlaufen sinnlos ist. Gottseidank fand ich ein umgefallenes Torgatter ein kurzes Stück zuvor auf meinem Weg, wo wir uns dann circa 15 Minuten im Kreis verfolgten. Als Zweibeiner konnte ich natürlich auch das Gatter überqueren, falls der nicht mehr so nette Bock beim Umkreisen zu schnell wurde. Irgendwann verlor er dann die Lust und trabte wieder zu seiner Herde zurück.🥵

    Ein anderer Bock blieb ebenfalls mal als einziger seiner Herde mitten auf einem single track stehen.
    So standen wir (ich im Auto) uns circa 5 Minuten gegenüber. Nachdem er keinerlei Anstalten machte zu verschwinden, erlaubte ich mir zu hupen – in der Hoffnung, dass er vor Schreck davon läuft. Er verstand das allerdings als Signal zum Frontalangriff, so dass ich das Vergnügen hatte, mit jaulenden Motor und circa 30 Stundenkilometer rückwärts über 1 km vor diesem aggressiven Vieh zu flüchten. Dabei hatte ich nur die ganze Zeit den Gedanken im Kopf, wie ich dann wohl der Autovermietung erklären würde woher der Schaden – falls mich das Vieh erwischt hätte – zu Stande gekommen ist. 🤣
    Tja das Leben hier kann wirklich manchmal sehr aufregend sein.

    Also meine derzeitige Planung ist jetzt, dass ich Mitte bis Ende Mai (also wenn dann die Allergiezeit – Birke und Haselnuss – in Deutschland endet) zurückkehre. Bis dahin sollte sich ja auch Corona ein bisschen normalisiert haben und diese ganzen Aus- und Einreiseeinschränkungen hoffentlich etwas gelockert werden. Das wären dann knapp sechs Monate gewesen… aber bis jetzt vermisse ich absolut nichts😂.

    Also dann mal schöne Grüße Richtung Nordwesten
    Andy

    • Lieber Andy,
      vielen Dank für diese Geschichte oder Geschichten. 🙏
      Du solltest wirklich mal darüber nachdenken, einen eigenen Blog zu starten, vor allem jetzt, wo du in Schottland lebst. Andys Abenteuer in Argyll wären doch sehr spannend, ich würde dir folgen. 😊😉🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿Liebe Grüße, Nellie

      • Liebe Nellie,

        Nee, vielen Dank fürs Kompliment.
        Das überlasse ich lieber Profis wie Dir. Dein Schreibstil ist unschlagbar und als Journalistin gehört das zu Deinem Job.
        Außerdem wüsste ja schon gar nicht wie das technisch alles geht und wer interessiert sich schon für die Geschichten eines schottland-verrückten Deutschen? Hat ja schon gedauert bis das mit Instagram so einigermaßen geklappt hat.
        Vielleicht aber eines Tages…

        LG
        Andy

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