Friedhöfe

Eines der ganz wunderbaren Dinge am Leben in der schottischen Wildnis ist die Freiheit so zu sein, wie man ist. Gerne auch ein wenig absonderlich,  es wird sogar eher positiv aufgenommen, wenn man ein paar wunderliche Züge sein eigen nennt.

Eilean Munde, Loch Leven

Kein Problem für mich!

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Das würde freiwillig keinem Einheimischen einfallen. Deshalb finden sie hier mein Hobby wunderlich aber auch amüsant. Obwohl die Hochländer traditionell eine Neigung zum Übersinnlichen, Unheimlichen und Geheimnisvollen haben, man sieht nur die Touristen „zum Spaß“ über die Gräber streifen. Oder vielleicht gerade deshalb.

Ich glaube, den Einheimischen sind ihre Friedhöfe eher unheimlich.

Davon bin ich weit entfernt. Ich liebe es, in Friedhöfen herumzuwandern und zu fotografieren, die Geschichten auf den Grabsteinen zu lesen oder einfach nur die Stille auf mich wirken zu lassen. Oft liegen sie inmitten einer grandiosen Kulisse.

Ashaig graveyard, Isle of Skye

Manche finde ich per Zufall. Andere, weil mir Bekannte Tipps gegeben haben. Wieder andere in Geschichtsbüchern und historischen Reiseführern.

Inzwischen hat sich auch der Mann daran gewöhnt und streift an Samstagen willig mit seiner absonderlichen Deutschen über die Friedhöfe der Region. Am vergangenen Wochenende hatte wir gleich zwei auf der „to do“ Liste – es war ein herrlicher Tagesausflug auf die Isle of Skye.

Zwei Geschichte hatten mich unwiderstehlich angezogen, eine vom sinnlosen Tod im Meer und eine vom qualvollen Verbrennen in einer Kirche.

Ashaig graveyard, Isle of SkyeIn Ashaig, im Süden der Isle of Skye, wurden die an den Strand gespülten Leichen eines Schiffsunglücks im Zweiten Weltkrieg begraben. Ashaig graveyard, Isle of SkyeDie Curacoa  wurde von einem Kriegsschiff der eigenen Flotte, der Queen Mary, versehentlich gerammt, die ertrinkenden Soldaten nicht gerettet. Man wollte die deutschen U-Boote nicht auf die Queen Mary aufmerksam machen. 338 Männer ertranken.

Trumpan Graveyard,  Isle of Skye

Auf dem anderen Friedhof im Norden der Insel, war es die Ruine einer Kirche, die mich unwiderstehlich anzog. Trumpan. Die Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt, ich schätze es waren mindestens 50. Trumpan Graveyard (11)MacDonalds hatten MacLeods während eines Gottesdienstes eingeschlossen und bei lebendigem Leib verbrannt. Ein brutaler Racheakt, den die restlichen MacLeods mit Hilfe ihrer „Feen-Flagge“ sofort wieder rächten. Apropos „Feen-Flagge“….

Das nächste Ziel hab ich schon ausgesucht: Tomnahurich, ein Friedhof mit Elfenhügel, am Stadtrand von Inverness gelegen. Keine ungefährliche Angelegenheit so ein Feenhügel, denn wen die Elfen herein bitten, der kommt unter 200 Jahren nicht wieder zurück. Zuletzt (irgendwann im ausgehenden Mittelalter) hatten zwei Musiker (Geiger) das Pech und zerfielen zu Staub, nachdem sie einen Abend bei den Elfen aufgespielt hatten und 200 Jahre später wieder zurück kamen.

Kilmonivaig graveyard, Spean Bridge

 

 

 

 

Ich frage den Mann (in einem früheren Leben auch Musiker), ob wir das am Samstag angehen sollen. Bis nach Inverness sind es knappe zwei Stunden Fahrt und neben den Friedhof lockt da auch noch die Aussicht auf Next, Baumarkt, Costa‘s Café und Aldi.

Der Mann weicht meinem Blick aus und murmelt was von „unter der Woche“, „ohne mich“ und „ruhig mal was alleine unternehmen“.

Ich lächle. Sie sind doch ganz schön abergläubisch hier.

Sollte ich vor 200 Jahren wieder zurück sein, werde ich mehr darüber schreiben.

Mehr Bilder und Friedhofsgeschichten gibt es unter:http://graveyardsofscotland.wordpress.com/

Cille Choirill, Roy Bridge

Maus im Haus

Heute Morgen wurde ich mit dem Satz geweckt: “Schatz, rate mal, was ich in der Küche gefunden habe.“

„Den Spülschwamm?“ frage ich mich mit einem leichten Anflug von Morgenboshaftigkeit. Nur innerlich natürlich, während ich müde Augen auf den Überbringer der frühen Nachricht richte.

„Eine Maus!“ ist die Erläuterung, die ich nicht hören will. Und während ich diese Information versuche aufzunehmen, setzt er noch einen drauf.

„Ich hab sie gefangen und mit dem Messer getötet. Blut überall.“ sagt der Mörder fast schon beiläufig und grinst.

„Kleiner Scherz, aber gefangen hab ich sie.“ sagt er, bevor ich all die Luft wieder ausatmen kann, die ich geholt habe.

Ich versuche das Mäuseblutbad aus meinem Kopf zu löschen und den Mann nicht zu erwürgen. Mein Sinn für Scherze ist am Morgen sagen wir mal eher rudimentär ausgeprägt.

Es gelingt mir den Mann am Leben zu lassen und mich dem Schicksal der Maus zu widmen.

Sie kauert auf der Fußmatte unter einem durchsichtigen Plastikeimer, der einstmals Meisenknödel enthielt. Um ihn zu beschweren wurde ein Glas Instantkaffee auf dem nun oben liegenden Eimerboden gestellt.

Der Mann ist bereits auf der Suche nach Löchern in der Wand, was hier in den Highlands nichts ungewöhnliches ist. Die Wände sind Holzkonstruktionen, auf die man kleine Holzlatten nagelt und dann verputzt. Die Innenräume sind nicht isoliert, sondern oft hohl. Ein Mäuseparadies.

Und eine Maus im Haus ist alles andere als selten. Die Nachbarn hatten welche, Arbeitskollegen versuchen schon seit Tage ihre in die Falle zu locken. Deshalb lagert man Nahrungsmittel in den Küchen auch nicht offen oder in Schränken unter Brustthöhe. Nur ein letztes Stück deutscher Nußkuchen auf der Abbeitsfläche geht den Weg alles Verderblichen. Man weiß ja nie. Der Rest scheint in Ordnung.

Ich frage mich wozu ich eigentlich die wilde Katze füttere.

Die Maus zittert unter dem Meisenknödeleimer, während wir versuchen, ein Loch in der Wand zu finden. Ich rücke Regale und mein Milchschäumer zerschellt auf dem harten Küchenboden. Glasscherben überall. Und ich hatte noch keinen Kaffee.

Aaaarrrrggglllll!!!!!!

Die Maus zittert noch immer unter dem Meisenknödeleimer.

Vielleicht kam sie auch gestern Abend rein, als die Küchentür offen stand? Unbemerkt in der Dunkelheit. Auch jetzt ist es noch dunkel als ich den Mann zur Arbeit schicke. Die Maus vor dem Haus wieder auszusetzen, scheint mir wenig sinnvoll, jetzt wo sie einen Weg kennt, den wir nicht kennen. Dann kommt sie wieder. Vielleicht sollte ich sie in den Bach werfen, der am Rand des Grundstücks vom Berg ins Meer rauscht??

Ich warte bis die Sonne langsam aufgeht. Dann trage ich mit Handschuhen den Mauseimer samt Fußmatte die Straße am Loch entlang. Weit weg vom Haus setze ich die Maus aus.

Sie zittert im Gras.

Dann entsorge ich Eimer und Fußmatte und putze die Küche. Ich hoffe der Maus geht es gut.

Derweil schreibt der Mann eine Mail. Er hat mit Kollegen gesprochen und will es heute Abend mit „UF dust“ versuchen.

???

Ich google und finde einen Amerikanischen Piloten mit einem Jet auf dem Starfighter steht. Der benutzt „UF dust“ irgendwie.

Langsam beginne ich mir Sorgen zu machen.

 

Waverley

PS WaverleyWie heißt das sperrige deutsche Wort bei dem man sich nie merken kann, mit wieviel “f” man es schreibt?

Dampfschifffahrtsgesellschaft.

Eine Fahrt mit dem Dampfschiff?

„Spießig und langweilig, nein danke!“ würde ich in Deutschland sagen.

Und in den Highlands?

„Super Idee!“, die Fahrt mit den Aushängeschild der schottischen Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Fahrt mit der Waverley.

PS Waverley

Über 5 Millionen Passagiere hatte die alte PS Waverley schon an Bord. Die 70 Jahre alte Lady ist der letzte seetüchtige Schaufelrraddampfer der Welt. Gelebte und PS Waverleyvon den Schotten und den Engländern geliebte Geschichte und ultra erfolgreicher Tourismus zugleich. Wenn auch ein wenig anders, denn die Besatzung an Bord ist ehrenamtlich unterwegs und wie man hört, wenn man hinhört, auf der ganzen Welt zu Hause: Italiener, Russen, Franzosen…

Die PS Waverley wurde nach ihrem Vorgänger, dem Minensucher HMS Waverley benannt, der vor Dünnkirchen 1940 eine bedeutende Rolle spielte und später vom Feind bei einem Luftangriff versenkt wurde (http://www.wrecksite.eu/wreck.aspx?161).

PS WaverleyIch verdränge, dass es sich dabei um meine Landsleute gehandelt haben muß und versuche so wenig Deutsch wie möglich auszusehen, als ich als Teil einer kleinen Gruppe Familie und Freunde in Mitten hunderter Touristen in Armadale auf der Isle of Skye an Bord gehe.

PS Waverley

„Hurrah!“ Oder besser „Hurray und ne Buddel voll Rum!“ denke ich und finde den Weg zur Bar während sich die Männer mit der Mechanik des Dampfantriebs auseinandersetzen. Ich verdränge nun den Gedanken an Heinz Rümann und bestelle Bier. Ich muss erst aufs Wasser schauen.

PS Waverley

Durch den windigen Sound of Sleat schaufeln die bunten Räder durch das klare Blau des heißen Sommertags. Möwen begleiten den Ausflugsdampfer in der Luft, Wasser glitzert und im Hintergrund ragen die majestätischen Gipfel der Cuilins über die Insel, die wir gerade verlassen haben. Wir befinden uns für ein paar Seemeilen auf der Schiffsroute nach Mallaig auf dem Festland, einer der Fährverbindungen von und nach Skye.

PS Waverley

Doch statt Mallaig anzusteuern, macht die PS Waverley Kurs auf Inverie, einem der Orte in den Highlands,

den man nur über das Wasser oder zu Fuß durch die Wildnis erreichen kann. Keine Straße führt nach Inverie, dem einzigen Ort auf der Knoydart Halbinsel. Ein paar Häuser, ein Pier, ein Strand und ein Pub. The Old Forge ist das abgelegenste Pub Schottlands und wer als erster dort ankommt, bekommt ein Freibier.

Während die Touristen einen Wettlauf von der Anlegestelle zum Pub veranstalten, PS Waverleylassen wir uns mit unseren mit gebrachten Sandwiches und Chips Päckchen am steinigen Strand nieder und genießen die Sonne und das Meer. Wie echte Touristen. Was für ein schönes Gefühl.

PS Waverley

Oh, deer!

Im hinteren Teil des Gartens, ganz oben in der Nähe des Waldrands, ist im Sommer Morgens oft das Gras niedergedrückt. Als hätte ein Riese eine Picknick-Pause gemacht.

Die Rehe haben sich da eine Kuschelecke eingerichtet, wo sie auch schlafen. Morgens frühstücken sie dann im Garten, was man gerade frisch angepflanzt hat und ziehen sich wieder in die weiten, einsamen Hügel von Kintail zurück, bis die Dunkelheit anbricht.

deer grazing

deer bathingÜberhaupt macht der Sommer das Rotwild recht wagemutig. An heißen Tagen kann man sie baden sehen. Das Wasser willkommene Kühlung und Flucht zugleich. Die „midges“, die winzigen, in den Wahnsinn treibenden Mücken, sind überall.

Auch im Winter kommen das Rotwild gerne in die Gärten. Ihre Spuren im Schnee verraten sie. Der Hunger treibt sie sogar bis zum Vogelfutter, ganz nah am Haus. Die kahlen Hügel im Hochland bieten jetzt keine Nahrung mehr. Wenn ein ausgewachsener Hirsch direkt vor einem steht, wenn man die Haustür öffnet, dann kann das einem schon einen ziemlichen Schrecken einjagen. Ein riesiges Tier mit spitzen Geweih vor einem. Das ist dann ein gefühlter Elch.

stag Cluanie

Kein Wunder nennt man den Hirsch auch „Monarch of the Glen“, den Herrscher des Tals.

stag Cluanie

Kürzlich wurde in der Nähe sogar eine Touristin von einem Hirsch angegriffen. Der war auf einem Gartengrundstück in die Falle gelaufen und der gefährlichen Enge blindlings und pnaisch am einzigen Ausweg, dem Gartentor, entflohen. Da aber stand die Frau und plauderte mit Freunden, die mit ihr Urlaub machten. Der Hirsch trampelte sie nieder und verletzte sie mit seinem Geweih. Sie hatte tiefe Fleischwunden im Hals und eine Wirbelsäulenverletzung. Sie musste ernsthaft verletzt nach Glasgow ins Krankenhaus geflogen werden.

deer Kinloch HournIn der Regel ist Rotwild scheu und vorsichtig. Manchmal sieht man Herden über die Berge ziehen. Man muss genau hinsehen, aus der Ferne verchmelzen sie mit der braunen Heide. Nur Bewegung oder Grasflächen machen sie sichtbar.

Etwa 300.000 Hirsche und Rehe gibt es in Schottland. Und wenn im Herbst die Brunftschreie der Hirsche durchs Tal hallen, hört man förmlich die Einsamkeit der Berge. Bis der Magen knurrt und man sich verstohlen Gedanken über Reh in Rotweinsauce macht.

Hogmanay

Hogmanay ist kein Spass. Schliesslich ist Hogmanay der höchste Feiertag, den die Schotten zu bieten haben. Die Bedeutung auf der nationalen Feiertage-Wichtigkeitsskala war immer schon am höchsten. Da kann Weihnachten nicht mal ansatzweise mithalten. Denn ist der Geschenke- und Weihnachtskartenwahn erst mal überstanden und die Papierkronen wieder weggepackt, dann kann man sich umgehend auf die wahrhaft wichtigen Tage im Jahr vorbereiten: auf Hogmanay.

Silvester oder Neujahr, wie man will. Drei Tage Ausnahmezustand im Land und vor allem auf dem Land. In grossen Städten wie Edinburgh, Glasgow oder Stirling krachen wie überall viel Feuerwerk und Böller, dröhnt Entertainment von gigantischen Bühnen mit große Menschenansammlungen davor.

Davon ist man im Hochland weit entfernt. Grosse Menschenansammlungen sind hier schlichtweg auch viel schwerer zu bewerkstelligen. Man findet sich im kleinen Kreis zusammen.

Und die Bräuche sind ganz anders, als i Deutschland.

Keiner stösst hier stilvoll mit Champagner an. Ist teuer, schwer zu bekommen und außerdem – wer hat schon die Gläser für so was im Schrank. Ich streiche also das perlende Festgetränk von einer mentalen Silvesterliste und arrangiere mich mit Bier, Wein und Whisky. Das „was“, ist in diesen drei Tagen nicht so wichtig. Das wieviel ist eher eine Frage, die diskutiert werden will. Im besten Fall heißt die Antwort immer „Viel.“.

Statt Feuerwerk wird an trockenen Jahreswechseln, also solchen mit mäßigem Niederschlag, böigem Wind und leichten Schneeschauern, gerne mal ein Lagerfeuer entfacht. Das ist überall am Strand erlaubt. In Jahren mit feuchten Jahren, also solchen mit Platzregen, Orkanböen und Blitzeis lässt man es meist ausfallen.

bonfire

bonfire

Das Feuer knistert und wärmt in der stockdunklen Winternacht, die viel schwärzer ist, als in der Stadt. In der Romantik des Festgeschehens vergisst man gerne, dass der eine Nachbar einen Kanister Diesel über dem alten und feuchten Holz ausgekippt hat, um es zu entzünden und daß der andere Nachbar zwei Altreifen auf dem Silvesterfeuer entsorgt hat. Bedenken über giftige Gase werden mit einer Handbewegung lächelnd weggewischt. Bald ist ohnehin jeder so betrunken, daß er das brennende Gummi gar nicht mehr riecht.

Fällt die Neujahrsnacht im Freien flach, dann ist mit dem Glockenschlag („at the bells)“ die Sunde des grossen, gutaussehenden und gehemnisvollen Fremden gekommen. Er sollte die erste Person sein, die im neuen Jahr die heimische Schwelle überschreitet (“first footing“). Man darf da natürlich auch schummeln und kurz vor zwölf jemand Dunkelhaariges aus der Familie in die Kälte schicken, der dann nach Mitternacht wieder reinkommen darf. Allerdings muß er dann ein paar Kohlen in der Hand haben und die im Haus ins Feuer werfen, das soll Glück und Reichtum bringen. Die Frage, wie das in Haushalten ohne Kaminofen oder Kamin gehandhabt wird, konnte bislang noch nicht zu meiner Zufriedenheit beantwortet werden. Vermutlich werden in den Städten am 1. Januar die Fenstersimse voller Kohlen liegen.

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Und zu essen? Unsere Nachbrarin macht eine Art süßen Knödel, den „clootie dumpling“, der unfassbar süß ist und den ganzen Tag in ein Tuch (“clootie“ kommt von „cloth“ also Tuch) eingewickelt im Topf vor sich hinköchelt. Rosinen, Butter und Zucker im Überfluß, gefühlte 5.000 Kalorien das Stück. Danach braucht der Magen dringend einen Whisky womit wir wieder bei dem „viel“ und der Frage sind, was Hogmanay denn nun wirklich ausmacht. Es gibt letstlich nur eine Antwort: viel trinken.

Die Tatsache, dass die Schotten nicht nur vom 31. auf den 1. feiern, sondern bis zum 2. den Jahreswechsel auskosten, die sagt doch alles.

Slainte! (Prost!) Whisky

Die Sache mit der verlorenen Unterhose

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Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass es keine besseren Putzlappen gibt als ausgediente Männerunterhosen. Vor allem, wenn man sein Motorrad sauber und die Chromteile glänzend halten will. Keine Funktionstücher aus Microfaser sondern „old school“ 100 % Baumwolle bei 90°C waschbar. Dieser Tatsache in der Einöde mehr als beswusst, habe ich Unterhosen gebunkert, um für eine lange Zweiradsaison genügend Wienermaterial zur Verfügung zu haben.

Diese Geschichte beginnt an einem sonnigen und lauen Morgen im März. Ich beschloss, eine kleine Ausfahrt zu machen. Doch der Bezinschlauch war durch Alter und das rauhe salzige Klima in den Highlands porös geworden. Benzin sickerte durch die Gummiummantelung auf das Motorgehäuse. Nicht gut, wenn der Motor warm wird. Ich brauchte einen neuen Schlauch. Die nächste Werkstadt 20 Meilen entfernt.

Ich rief beim einzigen Mechaniker weit und breit, der was von Motorrädern versteht, an. Es war kurz vor Mittag. Alan schläft gerne lang und auch wenn man ihn spät am Tag anruft klingt seine Stime als wäre er gerade aufgestanden. So eine Mischung zwischen Bär und V8-Motor. Und irgendwie sieht er auch so aus. Allan brummte und hustete etwas ins Telefon, was ich als Aufforderung zum Vorbeikommen interpretierte.

Die Putzunterhose nahm ich aus der Satteltasche und steckte sie in die Jackentasche. Damit wollte ich auf der Fahrt das austretende Benzin am Schlauch auffangen. Was sich als ziemlich umständlich herausstellen sollte.

Mit der behandschuhten linken Hand (die rechte gibt Gas) den Reißverschluss der Jackentasche aufgepfriemeln, Unterhose rausgewursteln, runterbeugen, Benzinschlauch trocknen, aufrichten, Unterhose wieder in die Jackentasche stopfen, Reissverschluss der Jacke zuzerren. Das Ganze auf kurvigen Strassen voller Schlaglächer, wie irrsinnig fahrender Einheimischer und unmotiviert abbiegender Besucher mit Wohnmobilen.

Etwa fünf Meilen entfernt von Alans Werkstatt war es dann so weit: der Fahrtwind riss mir beim Trocknen die Unterhose aus der Hand. Der Schlauch nässte kaum mehr. Kein Problem für den Rest der Strecke. Die Unterhose würde irgendwo unbemerkt am Strassenrand verotten.

Dachte ich.

Alan lag gerade unter einem ziemlich klapprig ausehenden rotenVauxhall als ich ankam und machte zunächst mal keine Anstalten darunter hervor zu kommen. Highland Zeit. Alles mit Ruhe. Eins nach dem anderen.

Ich stellte die Maschine hinter den Vauxhall, nahm den Helm ab und hörte ein Auto hinter mir heranfahren und anhalten. Ich drehte mich um. Eine junge Frau Anfang 20 stieg aus und kam auf mich zu, blass, unsicher, mit dunklen halblangen Haaren.

E-x-cu-se-me….?? Entschuldigen Sie?  fragte sie langsam und überdeutlich. Eine Einheimische stellte ich fest und lächelte ihr ausfmunternd entgegen. Vielleicht hielt sie mich für schwerhörig?

Die Frau fing mit ihren Händen an grosse Kreise zu beschreiben. So als würde sie beidhändig mit regelmässig kreisenden Bewegungen eine imaginäre Scheibe zwischen uns putzen. Dabei sah sie mich mit großen Augen ein wenig ängstlich an. Sie holte tief Luft und sprach nun mit einem aufgesetzten deutschen Akzent, den sie wohl aus alten Kriegsfilmen kannte.

I sink yuu lost yurr kloves…. Ich glaube sie haben ihre Handschuhe verloren….

Dazu nickte sie unaufhörlich als könne sie es mich dadurch schneller begreifen lassen.

Ich begriff vor allem drei Dinge.

Erstens: Sie hielt mich für eine deutsche Touristin, weil sie mein Kennzeichen erkannt hatte.

Zweitens: Sie war sehr freundlich 5 Meilen hinter mir her zu fahren nur weil sie dachte ich hätte meine (teuren) Lederhandschuhe verloren.

Drittens: Ich konnte keinesfalls zugeben, dass ich hier lebte und sie auch ohne deutschen Akzent durchaus verstehen konnte. Nur für den Fall, dass die Unterhose gefunden und ihrem (ehemaligen) Besitzer zugeordnet werden konnte.

Ich machte also mit meinen nagelneuen, cremefarbenen Lederhandschuhen (die ich noch immer an meinen Händen trug) ebenfalls kleine Kreise an unserer imaginären Scheibe, nickte unaufhörlich und sagte mit Kriegsfilmakzent.

Sänk yuu. Danke.  

Sie starrte verwirrt auf meine Handschuhe, dann auf mich. Ich lächelte blöde.

Dann tauchte Alan endlich unter dem Vauxhall auf und brummte etwas in meine Richtung. Die junge Frau ging unsicher zu ihrem Auto zurück und fuhr von dannen. Wohl mit dem Gedanken, dass man Touristen einfach nicht verstehen konnte, so sehr man es auch versuchte.

Ich lächelte dem bärtigen Mechaniker entgegen und nahm mir vor nie zu fragen, womit er denn sein Motorrad putzte.

Sonntage, Vorhänge und andere Regeln

Das schottische Hochland ist einsam.

Aber gerade weil so wenig Menschen in so viel Landschaft leben, ist dieses Leben festen Regeln unterworfen. Weil das Zusammenleben räumlich gesehen ein Auseinanderleben ist, gelten Regeln, die alles zusammen halten.

Sie zu brechen ist nicht klug. Das Problem ist, man muss sie kennen…..

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Da wären zum Beispiel Sonntage.

Kürzlich waren wir an einem Sonntag spazieren. Ich ertappte mich dabei spießig zu sein: Sonntagsspaziergänge! Zu denen gehören nach guter alter deutscher Tradition natürlich auch Kaffee und Kuchen. Entweder zu Hause oder man kehrt ein. Ich wollte einkehren, es gab ein neues Café, nur ein gutes Viertelstündchen von da entfernt, wo wir gerade wieder erschöpft aus unseren Wanderschuhen schlüpften. Also flugs ins Auto und hin. Vor meinem geistigen Auge schwebten die leckersten Scones mit Erdbeermarmelade, Shortbread oder Flapjacks, vielleicht sogar Karottenkuchen… Pustekuchen!

„Oh je!“ sag ich. „Es ist doch hoffentlich niemand krank.“ Als ich feststelle, das geschlossen ist. Sonntags 15 Uhr. Ich weiß, dass die Cafe-Besitzerin zum Bekanntenkreis meines Mannes gehört.

„Nein, nein“, schüttelt der den Kopf und lacht. „Wir haben vergessen, dass Sonntag ist.“

Nun schüttle ich den Kopf. „Aber nein, weil es Sonntag ist, sind wir doch hier.“

Er schaut mich fragend an. „Aber Sonntags arbeitet doch keiner.“

Ein Café das sonntags geschlossen hat, daran muss sich mein germanischer Geschäftssinn erst gewöhnen.

Der Supermarkt allerdings hat auf an Sonntagen. Und zwar von 8 bis 20 Uhr. Das wiederum ist selbstverständlich. Für manche.

Wie auch die Tatsache, dass keiner montags Fisch kauft – schließlich geht ja auch keiner sonntags fischen.

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Die Wochentage sind also streng nach do’s und don’ts sortiert. Das gilt auch für Tageszeiten.

Ich hatte die Sache mit den Vorhängen vergessen. Oder besser gar nicht bedacht. Bis mich unsere Nachbarin mit Bedacht darauf hinwies. In der typisch bedächtigen und etwas umständlichen Art der Menschen hier bei denen eine Geschichte nie da anfängt, wo sie einmal endet.

Die Geschichte hatte sich vor vielen Jahren zugetragen, als meine Nachbarin gerade hergezogen war. Sie begann mit Murray, der immer gute Arbeit leistete, auch wenn es dauerte, bis er dann mal auftauchte. Murray hatte die undichte Stelle im Dach gefunden und hervorragend abgedichtet. Seither kam kein Wasser mehr rein. Und dazu war er noch so nett. Man setzte sich also in der Küche an den Tisch, trank eine Tasse Tee, aß selbstgebackene Kekse und unterhielt sich. Als meine Nachbarin im Laufe der Konversation beiläufig preis gab im oberen Schlafzimmer des Hauses zu schlafen, da sah sie einem verdutzten Murray ins Gesicht. Nicht unten im Schlafzimmer? Waren da deshalb die Vorhänge noch immer geschlossen, wenn sein Cousin Angus gegen 9 morgens vorbei fuhr? Dann waren sie also schon auf um 9? Meine Nachbarin renovierte das Zimmer und hatte sich über den Stand der Vorhänge keine Gedanken gemacht. Nun hielt sie jeder für eine faule Frau, die bis Mittag im Bett lag und nichts tat.

Ich bedankte mich für die Geschichte und ging zurück ins Haus. Im Schlafzimmer waren die Jalousien noch nicht hochgezogen.