Die Schreibhüttenkatastrophe

Dieser Januar war wohl der schlechteste seit ich mein Abenteuer Highlands lebe. Wir hatten nie diese wunderbaren kalten Tage, die das Autofahren abenteuerlich, das Wandern oder Fotografieren aber einfach fantastisch machen. Dieses starke und doch blasse Licht des Winters und das strahlende Weiß vor unendlichem Blau.

Der Januar war einfach nur grau. Die Sonne hat sich mit ganz wenigen Ausnahmen vornehm zurückgehalten, es wurde gegen 9 Uhr am Morgen hell, dann folgte eine lange Grauphase, um gegen 16 Uhr wieder stockdunkel zu werden. Aber selbst an solchen Tagen kann man mal raus, es sei denn, der Wind hat so viel Spaß wie in diesem neuen Jahr. 2020 hat in Schottland mehr als stürmisch angefangen. Windstill war es eigentlich nie, er blies von der Bergen herunter, fast immer gepaart mit Regen oder Hagel. Die Tannen vor dem Haus schwanken bedrohlich, die schottische Flagge im Garten ist fast gänzlich zerfetzt, Tang und Treibholz aus dem Meer überschwemmen die Straße, Hagelkörner ruhen kalt in Graskuhlen, man möchte sich verkriechen und den Januar im Winterschlaf verbringen. Und draußen heult der Wind.

Man liest über Stürme, sieht es in den Nachrichten, aber auch wenn die Böen mit über 80 Stundenkilometer übers Haus hinwegfegen und die Hagelkörner im Kamin aufschlagen, man glaubt sich sicher. Die Katastrophen passieren den anderen, den Menschen im Fernsehen. Nicht hier, nicht uns.

Es ist der 13. Januar. Der Sturm hatte etwas nachgelassen und ich bin auf dem Weg durch den Garten zur Schreibhütte. In Gummistiefeln und mit der Winterjacke dick eingemummelt, der Regen kommt mit Macht von vorn und überall auf dem Weg liegen Äste und Zweige, über die ich erst mal steigen muss. Wir hatten am Wochenende Besuch gehabt und nun will ich endlich wieder ein bisschen schreiben, Zeit haben für mich, meine Gedanken und den wunderbaren Blick aufs Meer und die Berge.

Ich habe die Schreibhütte erreicht, mein Blick fällt auf den Boden. Da liegt meine Schreibtischlampe. Neben der Hütte! Wie kommt die dahin? Die Hütte war abgeschlossen und die Lampe stand auf dem Schreibtisch in der Hütte. War jemand eingebrochen? Ich bleibe stehen und kann nicht verstehen, was ich sehe. Ich schaue genauer hin.

Die Hütte steht nicht mehr da, wo sie vorher stand, sie ist um einige Zentimeter verschoben. Ich gehe zur Tür und schließe auf. Die Tür bekomme ich gerade so auf, denn irgendetwas hat die ganze Hütte um ein paar Zentimeter versetzt. Als hätte ein Riese sie hochgehoben und nicht mehr richtig wieder auf das Fundament gesetzt, das der Mann mit viel Aufwand betoniert hat.

Drinnen ist alles ein furchtbares Durcheinander. Erst langsam wird mir klar, was hier passiert ist. Der Sturm muss die gesamte Hütte um mehr als einen Meter angehoben haben. Die unteren Holzleisten sind abgesplittert und komplett vom Boden gelöst. Hier muss eine irrsinnige, unvorstellbare Kraft gewütet haben. Ich blicke ins Chaos und kann es nicht begreifen.

Eine Bö erfasst die entwurzelte Hütte und es knirscht bedenklich. Ich muss Hilfe holen, irgendwie müssen wir verhindern, dass meine Schreibhütte hinaus aufs Meer fliegt.

to be continued….

Die Reise nach Banff

Ich hatte diese Kurzreise schon länger geplant und nun ging es also los: Recherche für das neue Buch, ein paar Friedhöfe und ein leckeres Abendessen so war der Plan und so ist es meist mit unseren Kurztrips. Nur dieses Mal konnte der Mann leider nicht mitkommen. Wir hatten es mehrfach hin und her geschoben aber keine Luft an den wenigen Wochenenden, an denen ich in den Highlands bin. Also bin ich unter der Woche alleine los. Das Ziel: Banff und Banffshire.

Das alte Banffshire treibt einen Keil zwischen Inverness-shire und Elginshire im Westen und Aberdeenshire im Osten, bis tief hinein in die Cairngorms. Die Region umfasste damit sowohl flaches Küstengebiet im Norden als auch hohe Berge an der südlichsten Spitze. Dazwischen breiten sich im Wechsel dunkelbraune die Farmerde und flachsfarbene Getreidefelder aus. Die Küste Banffshires, mal flach mal steil, war trotz ihrer bescheidenen Länge im frühen 20. Jahrhundert eine der wichtigsten für die schottische Schifffahrt.

Ich habe ein paar Punkte auf Google Maps gesetzt und mache mich auf den Weg. Der Winter in diesem Jahr ist seltsam, kein Eis, so gut wie kein Schnee aber dauerhaft Wind und Regen. Auf dem Weg nach Banff aber Sturm mit Böen von bis zu 80 km/h. Eine ganz schön wacklige Angelegenheit. Eine Stunde brauche ich bis zum Laden mit der ersten Costa Kaffeemaschine und frischen Brötchen, hier gibt es sogar Baguette. Aber leider ist die Maschine außer Betrieb und ich muss nochmal eine halbe Stunde bis zum Frühstück draufpacken. Dann bin ich schon hinter Inverness und das Banff Abenteuer kann beginnen.

Ich stoppe an den Seafield Mausoleen in Duthill, schlage mich durch den Sturm und das Hinterland und zwischendurch kommt sogar mal die Sonne raus. Die Bilder muss man aber vom Auto aus machen, weil der Sturm so stark ist, dass man nicht geradestehen kann. In Banff angekommen mache ich eine kleine Tour durch das sehr hübsche Städtchen und natürlich an den Hafen, wunderschön in der Abendstimmung. Es ist zwar erst gegen 15:30 Uhr aber im Januar wird es ja schnell dunkel.

Das Auto habe ich am Hotel abgestellt und weil ich ja nun nicht mehr fahren muss, beschließe ich, mir einen kleinen pre-dinner Drink zu gönnen. Wo also ist in Banff das Pub? Ich wandere durch die Straßen, bewundere das Marktkreuz, den schmalen Turm, das Gerichtsgebäude und alles, was es sonst noch an edlen Gebäuden aus vergangenen Jahrhunderten zu bewundern gilt.

Und die Einheimischen, die ihre letzten Besorgungen mit den Hausschuhen erledigen.

Ein Pub finde ich lange Zeit nicht, doch dann steht es vor mir, das Ship Inn. Drinnen ist es genauso, wie man sich ein Pub der Fischer vorstellt, etwas heruntergekommen, sehr klein und in Anbetracht der Tatsache, dass es Januar ist und damit so gut wie kein Fischer unterwegs auch ziemlich leer. Dafür brennt ein kleines Kaminfeuer. An einem Tisch sitzen zwei Frauen, die beide aufstehen, als ich hereinkomme.

„Heute Frauenabend?“ frage ich und die beiden lachen.

„Sieht so aus.“ sagt die Blonde und tritt hinter den Tresen. Sie ist offensichtlich die Barfrau und sieht auch genauso aus, wie man es sich vorstellt, schlank, blond und ein Raucherinnengesicht wie frisch aus Coronation Street.

„Mir wird heute einfach nicht warm.“ sagt die andere, die einen pinkfarbenen Plüschmorgenmantel über ihren normalen Klamotten trägt. Ich schaue sie wohl etwas verwundert an. Das Outfit passt nun nicht gerade in meine Vorstellung vom Pub der Fischer.

Die Blonde hinter meinem Tresen hat meinen Blick wohl bemerkt und fügt mit einem Blick auf den Morgenmantel an: „Sie darf das, sie ist die Chefin.“

Ich nicke und setze mich an den Tresen. Ich bin also allein im Pub der Fischer mit einer Frau im Morgenmantel und einer, die mir das Bier zapft. Die Unterhaltung kreist um Donald Trump australische Buschfeuer und Enkelkinder. Wenig später geht die Tür auf und ein Mann kommt rein. Auch kein Fischer wie sich herausstellt. Das ist nun der Chef. Als letztes trottet ein zutraulicher Collie herein. Der Haushund.

„Muss eine ganz schöne Arbeit sein bei dem Fell, wenn der Hund im Meer war.“ sage ich zum Chef. Schließlich ist das Pub nur einen Steinwurf vom Strand entfernt.

„Oh, der geht nie ins Wasser.“ winkt der Chef des Ship Inn ab. „Wasser mag er nicht.“

Ich schon denke, ich und genieße den Rest der blauen Stunde draußen am Strand. Dann wartet das Abendessen im Hotel auf mich und das ist natürlich ein weiteres Abenteuer Highlands.

nächsten Sonntag: Banff-tastisch!

Das echte Leben mit einem Lächeln – purple wellies on tour

„Moment!“ rufe ich dem Mann zu. „Wir müssen noch meine Gummistiefel mitnehmen.“

Er nickt und wurschtelt weiter an seinem Dienstwagen herum. Der Wind bläst uns um die Ohren und das Meer treibt wütende Schaumkronen Richtung Strand. Das sehe ich, weil der Motor des Wagens schon läuft und die Scheinwerfer zwei Lichtkegel aufs Meer schicken. Es ist sieben Uhr und noch stockdunkel.

Wenigstens ist es trocken. Mehr als ein paar Minuten am Tag haben wir dieses Glück zu Zeit nicht. Es herrscht dauerhaft Gummistiefelwetter.

Ich begleite den Mann auf eine seiner Dienstfahrten, will ein bisschen fotografieren, wenn sich trotz des schlechten Lichts die Möglichkeit ergibt und sonst einfach Landschaft und Natur genießen. Die Strecke beinhaltet Highlights wie Kinlochewe, Shieldaig, Loch Maree und Gairloch. Meine deutschen Dienstfahrten beinhalten eher die A5, die A6, die A81 und die A8. Sicher auch ein Grund, warum sich das Leben in Schottland sich so viel besser anfühlt.

Und dann fahren wir durch den schottischen Morgen, der immer noch Nacht ist. Vor neun Uhr wird es nicht hell. Als dann langsam so etwas wie Sonne hinter den trüben Regenwolken den Tag erahnen lässt, habe ich eine Idee. Ich mache keine Fotos IN meinen Gummistiefeln, ich mache Fotos VON meinen Gummistiefeln!

Der Plan steht. Oft sind Landschaftsfotos eher langweilig, weil nichts darin ist außer Landschaft. Von dem ein oder anderen Hirsch oder einer Hochlandkuh mal abgesehen. deshalb nehmen viele Fotografen gerne hübsche Mädchen oder Frauen mit (bitte immer langhaarig), die dann in roten oder orangen Kleidern vor irgendwelchen Burgen die nackten Arme begeistert ausbreiten obwohl sie doch furchtbar frieren müssen. Wird zumindest auf Instagram gerne genommen.

Der Mann hätte wahrscheinlich nichts gegen eine hübsche junge Frau mit nackten Oberarmen im Auto einzuwenden. Ich schon eher und die Chance, dass der Mann sich seinerseits mit begeistert ausgebreiteten Armen für meine Kamera vor eine Burg stellt (schließlich hat er lange Haare, wenn auch nichts Signalrotes zum Anziehen) ist eher gering. Wenn es auf Instagram solche Bilder mit Männern als dekoratives Element gibt, dann haben die in der Regel professionelle Wanderkleidung und eine rote Jacke an. Keine Spur von nackten Armen oder Begeisterung. Die Männer strahlen Wissen und in sich ruhende Überlegenheit aus, wenn sie in der Landschaft stehen.

Also, Schluss mit dem Sexismus in der Landschaftsphotografie. Ich will Wissen und in sich ruhende Gelassenheit mit Begeisterung in meinen Bildern. Und Freude und ein wenig Humor. Das war auch der Grund, warum ich die Grafikerin bat, ein paar rosa Gummistiefel auf das Landschaftsfoto meines Buchs zu setzten. Gleich unter den Titel, damit klar wird: hier gibt es nicht nur touristische Schottlandromantik, hier gibt es das echte Leben mit einem Lächeln.

„Stop!“ rufe ich. „Foto!“ und zerre die Gummistiefel unter dem Equipment hervor, mit dem der Mann seinen Dienstwagen vollgestopft hat. Ich stelle sie in die Landschaft und hole die Kamera.

Der Mann schaut verdutzt, was ich da mache. Schließlich hat er meine Gedankengänge zur sexistischen Landschaftsfotografie nicht mitbekommen und ist nach wie vor der Ansicht, ich wolle IN und nicht VON meinen Gummistiefeln Fotos machen. Ich erkläre und er nickt. Dann mache ich die ersten Versuche, was gar nicht so leicht ist – in Schottland hat es so gut wie immer Wind.

Von da ab hält er auch die Augen offen nach einer guten Stelle für ein Foto. Und ich poste zu Hause das erste auf Instagram. Sieht gar nicht so schlecht aus und mir gefällt mein Projekt wellies on tour. Das ist Abenteuer Highlands pur! Nicht Lifestyle sondern echtes Leben. Und ein paar Likes bekommt es auch.

Der Kopf im Koffer

Gorgeous“, sagt der Mann zu mir mit diesem für Glasgow so typischen Overstatement der weiblichen Vorzüge seiner Partnerin, „ich habe dein Weihnachtsgeschenk und ich möchte es dir jetzt schon geben. Es ist Ende November und noch ein ganzer Monat bis Weihnachten, was bei mir zwei Fragen gleichzeitig aufwirft:

  1. Warum hat der Mann schon mein Weihnachtsgeschenk gekauft?
  2. Warum kann er es nicht selbst mitbringen, wenn er mich an Weihnachten besuchen kommt? Dieses Jahr ist das Jahr Weihnachten mit der deutschen Familie.

„Es wäre mir lieber du nimmst das durch den Zoll, bei mir könnte es Probleme geben.“ meint er als Erklärung.“

Werden langhaarige Männer mit Bart strenger kontrolliert als Frauen frage ich mich kurz? Ich vermute allerdings schon. Aber was nur will er nicht durch den Zoll bringen?

Skull

Einen Totenkopf. Fantastisch! So einen habe ich schon immer gewollt für die Bibliothek. So als Sinnbild für die Sterblichkeit. Und weil ich Hamlet liebe, zum großen Monolog gehört einfach ein Schädel. Alas, poor Yorrick!

Totenschädel im Koffer

 

Aber nun sehe ich auch das Problem am Flughafen … ich habe einen Kopf im Koffer und auch wenn es sich um eine Theaterrequisite handelt, sieht sie doch täuschend echt aus.

Am nächsten Morgen beim Einchecken am Flughafen von Inverness wispere ich leise der Schalterdame entgegen: „Ich hab‘ da was Ungewöhnliches im Koffer, nur wegen ihres Scanners, es ist ein….

„Dann bitte zum Sondergepäck da drüben.“ sagt sie bestimmt, ohne auch nur im Ansatz wissen zu wollen, um was es sich handelt.

Totenschädel verpacktAlso rüber zum Sondergepäck, wo sonst nur die mit Skiern oder Kinderwägen anstehen. Nun also ich mit meinem Totenschädel. Ein Schotte Mitte vierzig liegt müde in seinem Stuhl, es ist kurz nach 5 Uhr am Morgen und wir sind alle noch nicht wach. Neben ihm sitzt eine aufrechte, aufgeweckte junge Kollegin, die mit offensichtlichem Eifer dabei ist, ihren Job zu lernen.

„Ich habe da etwas Ungewöhnliches in meinem Koffer.“ sage ich mit leiser Aufregung in der Stimme. Der Mann bleibt auf seinem Stuhl liegen und winkt nur lässig ab.

„Alles schon gesehen!“ sagt er. Seine Kollegin dagegen hat die Wichtigkeit dieser Aussage erkannt und sitzt nun noch aufrechter als eben schon.

„Aber ich hab‘ einen Schädel“ sage ich mit Vorwurf in der Stimme. Ich habe alle 12 Staffeln von Bones – die Knochenjägerin gesehen, ich weiß genau, wie echt mein Schädel aussieht.

Totenkopf

„Alles schon gesehen!“ winkt er wieder ab, rollt aber nun mit dem Bürostuhl vor seinen Monitor und prüft das Gepäckstück, das ich aufs Laufband gelegt habe. Die junge Kollegin prüft leidenschaftlich mit. Wahrscheinlich hat sie noch nicht alles gesehen.

Er nickt und ich frage, ob ich auch mal sehen darf. Er nickt wieder und dreht den Monitor. Mann kann jede Einzelheit erkennen von dem Kopf, den ich im Koffer transportiere. Wäre ich die schottische Flughafenpolizei, ich würde mich wegen Mordes verhaften.

Ich bekomme statt dessen meinen Quittungszettel und kein Mensch fragt mich mehr nach meinem Kofferinhalt. Auch nicht in Heathrow, wo ich meinen zweiten Flug antrete. Ganz so, als ob ständig irgendein Deutscher mit einem Schädel im Gepäck aus Schottland zurückkommt.

Vielleicht bin ich ja nicht die Einzige mit einer Bibliothek…..

Skull and light

 

 

 

 

 

 

 

Neues und Altes

Was ist es mit Neujahrsmorgen, dass sie so anders scheinen als die ersten Stunden an anderen Tagen? Warum scheint ein neues Jahr vielversprechender als ein neuer Tag?

Meine Neujahrsmorgen in den schottischen Highlands sind still und meist grau und windig. Viel Versprechen scheinen sie nicht zu halten von den Dingen, die da noch kommen werden. Das Meer und der Himmel sehen aus wie immer. Für die Natur spielt der Kalender keine Rolle, Wechsel ist stetig und unaufhaltsam. Gestern, im alten Jahr schien die Sonne.

Wahrscheinlich ist es ein Phänomen des zunehmenden Alters, dass der Blick auf die nahe Zukunft keine uneingeschränkt frohe Erwartungshaltung eröffnet. Es wird viel passieren im neuen Jahr. Der Brexit wird das Vereinigte Königreich verändern.

Im Fernsehen sind auch hier alle gut gelaunt, bis Mitternacht gab es seichte Fernsehshows, danach viel Musik, am Neujahrsmorgen alte Filme wie der Zauberer von Oz.

Der ein oder andere hat gute Vorsätze für dieses neue Jahr und Jahrzehnt. Für Schottland wird sich viel entscheiden, weil man in England zu neuen Ufern aufbrechen will. Der nächste Neujahrsmorgen könnte sich in diesem Land ganz anders anfühlen.

Frohes neues Jahr euch allen!

Frohe Weihnachten und ein gesundes und glückliches 2020

Liebe Leser,

ich möchte mich nicht in die Feiertage verabschieden ohne euch allen ein herzliches Dankeschön zu sagen: Ihr seid toll und euer Feedback ist die beste Motivation, die man haben kann, um zu schreiben!

Gras vereist

 

Habt ein wunderbares Weihnachtsfest und entspannte Feiertage, lasst es krachen an Hogmanay und behaltet Schottland im Herzen. Genau so, wie es Robert Burns geschrieben hat in dem traditionelle Lied Auld Lang Syne (Der alten Zeiten wegen), das alle Schotten zur Jahresende anstimmen, der alten Zeiten wegen.

Should auld acquaintance be forgot,
and never brought to mind?
Should auld acquaintance be forgot,
and auld lang syne?

For auld lang syne, my jo
For auld lang syne
We’ll tak’ a cup o’ kindness yet
For auld lang syne

Loch Long

Ich wünsche euch allen viel Gesundheit und dass die Sehnsucht nach Schottland nicht unerfüllt bleibt. Passt auf euch auf und denkt daran, hinter jedem Schatten scheint die Sonne!

Nellie

 

 

Schottland und der Nikolaus

Es gibt nicht viele Dinge, die mir an Deutschland besser gefallen, als an Schottland. Wirklich nicht viele. Aber gerade jetzt, wo in den Geschäften in Deutschland die Lebkuchen verkauft werden – Adventsgebäck und Nikolaus. Die gibt es in Schottland in dem Sinne einfach nicht. Klar, inzwischen kann man auch Marzipanstollen überall in den Geschäften kaufen, sogar in den Highlands. Aber am 6. Dezember passiert in Schottland ganz einfach NICHTS. Keine Rute, kein Obst, kein Mandelkern, kein Knecht Ruprecht und vor allem: kein Nikolaus.

Aber wenn man genau hinschaut, dann gibt es ihn doch, in Peebles nämlich. So haben wir das im Sommer auf unserem Kurztrip in Schottlands Süden festgestellt.

©AbenteuerHighlands Peebles Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Die Cross Kirk spielte in der Vergangenheit eine wichtige Rolle für die Menschen in Peebles. Davon ist nicht mehr viel übrig, die Kirche ist nicht mehr als ein steinernes Skelett. Die Ruine weist auf eine massive und Burg ähnliche Konstruktion hin, die an Krieg als an Gebet erinnert. Hier war einst ein Kloster, eines von vielen, das im Mittelalter florierte und nach der Reformation aufgegeben wurde. Es sind nicht mehr als ein paar Mauern übrig, aber die Geschichte dieses Ortes ist spannender, als es diese kahlen grauen Mauern vermuten lassen.

©AbenteuerHighlands Peebles und der Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Im 13. Jahrhundert wurde fast überall in Europa das Kreuz und die Reliquien des hl. Nikolaus von Myrna (in der heutigen Türkei) als Heiligtümer verehrt. Diese historische Person gilt als der geschichtliche Ursprung der Nikolaustradition, wie sie in Deutschland und anderen Ländern gepflegt wird.

Es ist nicht bekannt, wie die Reliquien des Hl. Nikolaus nach Peebles gelangten, doch sollen sie hier in Gegenwart von König Alexander III entdeckt worden sein. Sobald die Reliquien gefunden worden waren, geschahen in Peebles einige Wunder, die den König veranlassten, 1296 vor Ort ein Kloster zu gründen.

©AbenteuerHighlands Peebles und der Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Die Cross Kirk war ein einfaches Gebäude ohne Trennung zwischen Kirchenschiff und Chor, die Kammern des Priors befanden sich am nördlichen Ende der Kirche, was eher ungewöhnlich war, da der Prior normalerweise die sonnigeren und damit wärmeren Bereiche im Süden nutzte. 1474 wurde Peebles ein unabhängiges Kloster und bekam einen Glockenturm. Die Reformation von 1560 beendete die Existenz der Cross Kirk als Kloster. Die Kirche wurde später als Pfarrkirche genutzt und 1548 von den Engländern niedergebrannt.

Heiligenverehrung ist im weitestgehend protestantischen Schottland unüblich und wohl der Hauptgrund, warum sich die Nikolaustradition in Ländern wie Deutschland oder auch Italien ausbreitete aber in Schottland nie wirklich Fuß fasste.

Wie gut, dass ich in der Adventszeit fast immer in Deutschland und bei der Arbeit bin. Ich habe Nikolaus und dem Mann schicke ich dann einfach Carepakete in die Highlands. Mit Schokolade kann er ja durchaus was anfangen, mit Knecht Ruprecht eher weniger.

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Herbstlächeln

Ich liebe den Herbst, wenn alles langsamer und stiller wird, die Farben aus den Grüntönen ins gelb-rot-braune Herbstbunt und wechseln und die Schneekappen der Berge einen Hauch von Winter verbreiten.

Zwei Wochen Auszeit habe ich mir genommen, um den Herbst in den Highlands zu genießen und es hat sich so sehr gelohnt. Die Wälder haben mich mit einem letzten Farbspektakel empfangen und die Sonne wärmte mit letzten guten Stunden bevor die kalten, weißen Wintertage Einzug halten.

Plockton

Fast drei Monate war ich weg gewesen von Schottland, nun habe ich wieder Kraft getankt und innere Freude in dem wunderbaren Land des Lichts und der Weite. Waren die Tage trüb und regnerisch, dann habe ich in meiner kleinen Schreibhüte gesessen mit dem Öfchen an und weiter an meinem nächsten Buch geschrieben, den Fischreiher beobachtet, wie er stundenlang aufs Wasser starrte und die kleinen Köpfe der Seehunde in den Wellen gesucht.

Invergarry

An den sonnigen Tagen sind der Mann und ich raus in die Natur, in die Wälder, der Farben wegen. Eine unserer Wanderungen ging über 9 Kilometer, naja, wahrscheinlich waren es eher 12, weil ich zwei Mal die falsche Abzweigung genommen habe. Aber es hat sich gelohnt, als wir endlich am Gipfel angekommen waren. Ein wunderbarer Blick zur Insel Skye und den Torridon Mountains waren die Belohnung, sobald wir beide wieder Luft zum normal atmen hatten. Ganz schön steil der letzte Anstieg.

Aber dann schwelgten wir in einem wunderbaren 360° Panorama und schossen Fotos. Und nur so als kleiner Beweis, dass Männer und Frauen am gleichen Ort sein können und die gleichen Dinge tun und doch nicht das Gleich sehen die Bilder, die ich geschossen habe..

..und hier eines, das der Mann geschossen hat.

Und mit diesem Blick fürs Wesentliche wünsche ich euch noch einen fröhlichen Sonntag.

 

Entweder sie oder ich!

Ich weiß wie diese Überschrift klingt. So als wäre ich nach drei Monaten Deutschland wieder in die Highlands zurückgekehrt, um den Mann an der Seite einer anderen Frau vorzufinden. Der Schein der Überschrift trügt. Der Mann geht nicht fremd, der Mann lernt Deutsch.

Ich frage mich, was die Sprachexperten von duolingo denn so als typisches Gespräch für den Spracherwerb empfinden? Was ist falsch mit Die Kinder sind im Haus oder Wie geht es ihnen?

Egal, wichtig ist, dass der Mann den online Kurs macht und das sogar jeden Tag, man verliert nämlich Punkte, wenn man einen Tag auslässt. Das spornt den Wettbewerbssinn an und der Mann wird  sprachlich auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen vorbereitet. In meinem Gälischkurs lerne ich Klassiker wie Die Ente ist auf dem Tisch, was selbst in den schottischen Highlands seltener vorkommt als die Konfrontation wegen einer anderen Frau.

„Entweder sie oder ich!“, sagt der Mann im Brustton der Überzeugung und mit einem leicht schottischen Akzent. Der Satz fällt ihm leichter als jene, die ein deutsches „r“ beinhalten. Das „r“ im Deutschen nicht zu sprechen fällt ihm nämlich genauso schwer wie mir, es im Schottischen kräftig zu rollen.

Das Geheimnis von Duolingo: die App nutzt echte Sätze, die sie aus dem Internet bezieht. Der Mann scheint jedenfalls jede Menge Spaß mit dem kostenlosen Angebot zu haben und lernt täglich. Selbst an dem Abend, als er mich vom Flughafen abgeholt hat.

über den Wolken

„Macht es dir was aus, wenn ich noch ein bisschen Deutsch lerne?“ hat er gefragt. Natürlich nicht. Ich musste ja ohnehin noch auspacken und unsere Einkäufe verräumen.

Aber vielleicht liegt Duolingo gar nicht so falsch mit dem, was sie dem Schotten beibringen.

Nur falls es irgendwann einmal so weit kommen sollte, dass der Mann mich sehr gut versteht, wenn ich mit der Empörung einer nicht beachteten Frau rufe:

„Entweder Duolingo oder ich!“

 

 

 

Buchende Baroninnen

Wie kürzlich berichtet habe ich mir spontan eine ungeplante Auszeit gegönnt und einen Flug nach Schottland gebucht. Zwei Woche Highlands und das noch vor Weihnachten. Glücksgefühle pur!

Scottish Highlands in winter

Weil ich dieses Mal British Airways fliege, lade ich also eine weitere App aufs Smartphone und sortiere sie neben denen von Ryanair und Lufthansa ein und weil ich gerade dabei bin, will ich auch meine Buchung vervollständigen mit Anschrift, Passnummer und so weiter.

Schon nach dem ersten Menüpunkt kann ich nicht mehr weiter machen vor Lachen. Ich muss meinen Titel angeben. Bei Lufthansa ist das überschaubar, bei Ryanair (das sind Iren) auch. Nicht aber, wenn man mit British Airways fliegt.

Hier hat man die Wahl zwischen 14 Titeln, wobei Mr und Mrs für Herr und Frau und das MS für ich-möchte-nicht-angeben-ob-ich-verheiratet-bin-oder-nicht noch die einfachsten sind.

Dann wird es skurril: Captain, Rabbis, Baronness, Viscountess, Lady oder vielleicht Dame? Das ist als würde man durch einen Adels Almanach scrollen und fühlt sich dann schon fast ein wenig beschämt beim simplen MS anzuhalten.

Eilean Donan Castle

Wie viele Baroninnen sind denn so im Schnitt auf einem BA Flug an Bord frage ich mich. Und buchen die auch ihre Sitze mit mehr Beinfreiheit? Wieviel Freifrauen und was weiß ich noch, ich kann nicht mal alle Titel ordnungsgemäß ins Deutsche überzetzen. Was möglicherweise auch daran liegt, dass ich keine Gala lese aber das nur nebenbei.

Bei Loganair, das ist die schottische Fluglinie, gab es keine Adelstitel auszuwählen. Das fällt nur der offiziellen Fluglinie des Vereinigten Königreichs mit Sitz in London ein. Und während ich noch die langweiligen Daten wie Adresse und Passnummer eingebe, fühle ich mich fast schon fürstlich, wie ich so auf der edlen App unterwegs bin.

Buchen Baroninnen BA und checken auf der App ein? Ich stelle mir die Queen vor, wie sie mit weißen langen Handschuhen versucht auf ihrem iphone den Sitzplatz zu ändern. Aber wahrscheinlich macht das ohnehin der Butler.

Wer hätte gedacht, dass eine App solche Bilder in meinem Kopf erzeugen kann.

„We are quite amused.“ denke ich mit royaler Gelassenheit. Wir sind in der Tat sehr amüsiert.