Redebedarf

Der Mann spricht gerne, klassisch von Angesicht zu Angesicht, per WhatsApp oder Facebook, per Twitter, alles seins. Zu der Kategorie des schottischen Schweigers darf man ihn also keinesfalls zählen.

An meinen Redebedarf kommt er natürlich nicht heran aber das ist ja auch nicht weiter überraschend, Frau und Journalistin!

Im Gegensatz zu mir redet er auch gerne mit ihm wildfremden Menschen, manchmal fast schon überfallartig. Ein scheues englisches Touristenpaar, das nichts ahnend auf einem stillen Spaziergang von einem langhaarigen Einheimischen gestellt und herzlich begrüßt wird, ist keine Seltenheit. Sie murmeln meist oder schauen betreten zu Seite. So ein fröhliches Guten Morgen, wie geht es Ihnen? Was für ein großartiger Tag heute, oder? Ist dann doch etwas zuviel für das touristische Distanzbedürfnis der Urlauber aus dem Süden des Vereinigten Königreichs. Sie starren meist verkrampft aufs Wasser oder ringen sich ein etwas unrundes Nicken ab. Manchmal, wenn er besonders gut drauf ist, dann erschreckt er die Passanten gar mit einer Begrüßung auf Gälisch.

Ich lauere immer noch auf einen Gälisch sprechenden Touristen, der ihn mit einer Antwort aus dem Konzept bringt. Bislang ist noch keiner aufgetaucht.

Wie dem auch sei, der Mann ist kommunikativ, das ist ein urschottischer Wesenszug. Man spricht miteinander, auch (oder vielleicht ganz besonders) mit Fremden.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfEs gibt aber Gegenüber, mit denen spricht der Schotte sehr ungerne. Der Stimme beim MacDonald’s Drive Through in Deutschland zum Beispiel. Er kann kein Deutsch aber das braucht man da ja nicht in dem Restaurant mit schottischen Namen, dessen Gerichte fast ausschließlich alle englische Bezeichnungen tragen aber wenn er einen toast mit cheese und bacon zum Frühstück (nicht, dass er das wollte aber für mich) oder ein Bacon Big Mac für sich, dann hört man die Fragezeichen förmlich aus dem Lautsprecher der Bestellsäule schweben. Man hat ihn nicht verstanden. Zu viel Akzent im Englischen.

Jemand, mit der der Mann auch nicht gerne spricht, ist Alexa. Ich spreche gerne mit Alexa und nutze sie auch häufig. Und man kann sie ja auch auf Englisch einstellen. Gar kein Problem.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfDer Mann versucht es:

Alexa, play Deep Purple.

Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden.

Deep Purple!

Folgende Artikel habe ich für sie gefunden sagt sie und präsentiert einen lila Umhang bei Amazon.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfAlexa versteht kein schottisches Englisch. Man kann sie einstellen auf Amerikanisches Englisch, auf südafrikanisches Englisch, auf was weiß ich nicht für ein Englisch aber nicht auf schottisches Englisch. Ist genau so wie in meiner Lieblingscomedy mit den Schotten im Aufzug.

Warum sprichst du denn nicht mit Alexa frage ich heimtückisch. Wohl wissend, warum.

Er schaut mir tief in die Augen.

Un dann habe ich zwei Frauen, die gleichzeitig reden? Das ist mir zuviel.

Treffer. Versenkt.

wie Charlie Chaplin den Mann über den Tisch zog

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie der Mann gerne mit allen möglichen Leuten redet, auch mit wildfremden Menschen. Da ist der Schotte gar nicht scheu. Selbiges gilt im Übrigen auch für wildfremde Menschen, die mit ihm reden wollen. Er ist immer bereit und offen für ein Gespräch. Das funktioniert in den Highlands ganz gut aber hier in Deutschland erlebt nun der Highlander seine Abenteuer.

Wir machen einen Ausflug. Ich bin zwar nach der Knie-OP immer noch gehandicapt aber mit einer Kühltasche voller Eispacks und der sicheren Gewissheit von Beinfreiheit im geräumigen Mietwagen wagen wir uns raus aus dem Haus. Wir fahren an den Bodensee.

Der Mann fährt. Ich lege das Bein hoch und gebe Navigationsanweisungen. Das tut die Frauenstimme im Navi auch, sogar auf Englisch, aber die ignoriert er.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinDie Sonne scheint den Winter weg, es fühlt sich großartig an, mal aus dem Haus zu kommen und als das Blau des Sees zum ersten Mal vor uns auftaucht, überkommt uns ein echtes Urlaubsgefühl. Ich möchte das Gesicht in die Sonne halten, Eis essen und an der Promenade bummeln. Nur leider ist es nichts mit bummeln, das kann das Knie noch nicht. Aber zum Gesicht in die Sonne halten und lecker am See zu Mittag essen (natürlich zu Touristenpreisen) reicht es. Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinDer Ober ist schlecht gelaunt, weil wir die ersten Gäste sind und uns ganz weit weg von seinem warmen Ruheplätzchen hinsetzen. Wir wollen ganz nah am Wasser sein, er will seine Ruhe haben. Der Mann ißt Lachs, so wie er es in Schottland auch tut. Ich esse Salat, so wie ich es in Schottland nie tue, weil drei Blätter Eisberg mit einer halben Tomate, einer Scheibe Gurke mit Schale und einem Plastiktütchen Mayonnaise für mich nicht als Salat zählt. Für den Mann zählt alles als Salat, was grün ist und muss sofort an den äußersten Rand des Tellers gelegt werden, damit man auch ja nicht Gefahr läuft, es aus Versehen zu essen.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinNach dem Essen besteigt der Mann den Aussichtsturm an der Mole. Ich lege das Knie hoch und genieße die Sonne. Als wir dann gemeinsam wieder Richtung Auto gehen (er geht, ich hinke) kommt uns ein Mann mit Hut, weiß geschminktem Gesicht und Charlie Chaplin Kostüm entgegen. Er biegt dies schlangenartigen Luftballons zu Herzen und hält Ausschau nach Touristen.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinBevor ich den Mann aus der Gefahrenzone ziehen kann, hat ihn Mister Chaplin schon erwischt. Der Mann lächelt die seltsame Gestalt freundlich an, in der Erwartung, von ihm angesprochen zu werden. Mister Chaplin reicht ihm statt dessen einen laminierten Zettel auf dem steht, dass er nicht sprechen kann und man ihm bitte Luftballons abkaufen sol. Der Mann lächelt freundlich, weil er ja nicht versteht, was auf dem Zettel steht, den ihm der Chaplin gereicht hat. Und so ersteht der Mann unfreiwillig zwei Luftballonherzen für frisch Verliebte und ich bezahle zwei Euro, weil der Mann kein Kleingeld hat.

Der geschäftstüchtige Charlie Chaplin zieht zufrieden weiter auf der Suche nach weiteren Touristen, die er überrumpeln kann und ich erkläre dem Mann, was es mit dem deutschen Ausdruck „über den Tisch ziehen“ auf sich hat.

Ich habe dem Mann hoch und heilig versprechen müssen, das Foto zum Chaplin-Debakel nicht zu veröffentlichen. Aber die Versuchung ist groß. Wie er da steht! Mit einem beschämtem Lächeln und sanfter Verwirrtheit darüber, wie er zu diesen beiden Luftballonherzen gekommen ist, mit treuem Hundeblick und strahlt er die Verlassenheit eines vergessenen Buben im Kinderparadies aus, was in klarem Gegensatz zu dem leicht angerauten Bart und den langen Haaren steht.

Das ist mindestens genauso komisch, wie Charlie Chaplin in seinen besten Zeiten.

 

 

Der Mann, die Nachtigall

Die heutige Geschichte beginnt an einem heißen Sommertag des Jahres 2018 im sonnigen Schwarzwald, an dem eine den Lesern dieses Blogs bekannte Autorin den Rasen ihres Garten mähte und dabei von der Mauer fiel. Was zunächst keine weiteren Folgen außer einem zerrissenen Blaumann und einem grün-blauen und für Röcke wochenlang untauglichen Bein zu haben schien, stellte sich ein halbes Jahr später als Meniskusriss heraus, der eine OP erforderte.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

Erste Lernerfahrung: mähe nie auf der Mauer, es sei denn du weißt, wie man oben bleibt.

Nun also OP beim anerkannten Spezialisten und danach… ja danach Physiotherapie, Arzttermine, Auto fahren, einkaufen.. alles Dinge die mit nur einem fitten Bein hoch oben im Schwarzwald alles andere als leicht zu bewerkstelligen sind, wenn man allein lebt.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

Zweite Lernerfahrung: Mit einem Schotten ist man nie allein.

Der Mann kündigte sich an. Retter in der Not. Wie romantisch. Allerdings nicht auf einem weißen Pferd und glänzender Rüstung sondern mit dem Auto bis Edinburgh, mit dem Flieger bis Frankfurt, mit dem Leihwagen bis in den Schwarzwald. Tagestortour. Für 10 Tage. Meine „Lieblingskrankenschwester“, meine ganz persönliche Florence Nightingale!

Ich war mir allerdings nicht ganz sicher, ob der Mann meine Gedanken genauso romantisch finden würde wie ich. Schließlich war Schwester Nightingale Engländerin. Meine Romantisiererei könnte zu politischen Verwicklungen führen. Ich beschloss also, eine in der Geschichte verbriefte und herausragende schottische Krankenschwester zu wählen, mit der ich ihn vergleichen konnte. So viel political correctness musste sein. Aber ich kannte keine berühmte schottische Krankenschwester. Also Recherche. Kann man ja, als Journalistin.

Dritte Lernerfahrung: die schottischen Krankenschwestern haben viel mehr Ruhm verdient.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

 

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann NachtigallWas für außergewöhnliche, großartige und beeindruckende Frauen habe ich entdeckt! Auf der Liste “Die 10 herausragenden Krankenschwestern des Ersten Weltkriegs” (ja, so eine Liste gibt es), fand ich meine Lieblingsschwester: Mairi Chisholm (sprich Mahri Tschissom), eine motorradverrückte Frau aus Nairn mit einer Leidenschaft für Geschwindigkeit und Haarnadelkurven, sie schraubte, fuhr Rennen, sie war eine echte Bikerin und diente im Ersten Weltkrieg zunächst als „Dispatch Rider“  dann ging sie nach Belgien. Dort fand sie eine ebenfalls motorradverrückte Krankenschwester namens Elsie Knocker.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann NachtigallGemeinsam transportierten sie verwundete Soldaten zu einem Feldlazarett (als Motorradfahrerinnen wussten sie schließlich, wie man schnell aus brenzligen Situationen kam) oder transportierten die verstümmelten Leichen ab. Frustriert von der unfassbaren Zahl der Soldaten, die dennoch ihr Leben verloren, eröffneten sie in einem verlassenen Keller ein eigenes Kamikaze-Lazarett, nur knapp 100 Meter von den Schützengräben entfernt. Sie glaubten, so mehr Leben retten zu können, weil sie die Verletzten so schneller versorgen konnten. Diese mutigen Bikerinnen retteten das Leben tausender Soldaten.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Mann Nachtigall

Vierte Lernerfahrung: mein Meniskus ist Jammern auf hohem Niveau.

Kurz vor Mitternacht klopft der Mann an der Tür. Ich lege mein Bein wieder hoch, wir trinken Wein und essen Käse. Wie dankbar müssen all die Verwundeten in Belgien gewesen sein für ihre schottische Krankenschwester. Wie viel besser geht es uns doch gut hundert Jahre später. Und wie viel weniger dramatisch ist die Lage. Und doch bin ich unglaublich dankbar für meine schottische „Krankenschwester“, die zwar nicht motorradverrückt ist, aber für die motorradverrückte Meniskusverletzte den ganzen Weg aus den Highlands kam. Da verzeihe ich auch die fehlende Uniform!

 

Knie, Post und Erbsen

Liebe Nellie,

Ich hörte von unserem Freund John die Post, dass Du Dein Knie verletzt hast. Es tut mir sehr leid und ich wünsche Dir eine rasche Genesung…..

 

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Knie Post ErbsenWas für eine Email-Überraschung am Morgen. Die guten Wünsche kamen von einem der anderen Deutschen oben in den Highlands, der ein paar Meilen entfernt wohnt und die Mailadresse aus meinem Buch entnommen hatte. Und natürlich hatte John wieder dafür gesorgt, dass die richtigen Menschen Bescheid wussten. Gehört hatte John die Post meine Knie-Geschichte vom Mann und nun bekam ich, wieder zurück im Schwarzwald und rund 1800 km von den Highlands entfernt Post. Wer so einen Postboten hat, der braucht eigentlich weder Facebook noch Instagram.

Ich bin mir sicher mein Knie und das Für und Wider einer Operation wurden am Loch ausführlichst diskutiert. Und das ohne mich!!!

Ich frage mich wie es wäre, wenn ich nun Voll- und nicht nur Teilzeitschottin wäre. Ich hätte Anspruch auf eine kostenlose OP und Nachsorge aber ich müsste lange darauf warten. Und ich könnte mir auch nicht aussuchen, in welcher Klinik ich mich operieren lassen möchte. Das Nationale Gesundheitssystem (NHS) ist eine großartige Sache aber wenn ich ehrlich bin ziehe ich es vor, in Deutschland Privatpatientin zu sein.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Knie Post Erbsen

Nun sitze ich also im Schwarzwald, kühle das Knie mit einer Gelmanschette und warte auf meinen OP-Termin. Statt zu arbeiten verbringe ich meine Zeit zu Hause und denke mich nach Schottland. Jetzt blühen die Krokusse und die Osterglocken an der Straße, mit Glück gibt es ein paar Sonnentage, der Winter lässt nicht so schnell los, wie in Deutschland. Fast ist mir, als könne ich die salzige Meerluft riechen.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Knie Post Erbsen

Der Mann hat den Krümel (das Enkelkind) getroffen, er saß bei seiner Mutter im Auto. Statt einer Begrüßung warf der Krümel ihm ein aufgeregtes: „Nellie’s Knie tut weh!“  entgegen. Der Kleine weiß wie das ist, wenn einem das Knie weh tut, in seinem Alter fällt man ständig drauf. Dann bekommt man Erbsen und alles ist wieder gut. Tiefgefroren, wegen der Kühlung. Statt Gelmanschetten.

Put peas on it. ist ein gängiger Ausdruck. Mach Erbsen drauf. Was so Einiges darüber aussagt über die Gemüsevielfalt in schottischen Gefriertruhen aber das nur so nebenbei, wie waren ja beim Knie und dem entsetzten Krümel.

Statt mit weisem großväterlichem Gleichmut dem Zweijährigen Trost zu spenden, sitzt dem Mann mal wieder der schottische Schalk im Nacken.

„Klar!“ Sagt er und fügt mit ernstem Blick hinzu: „Ich hab ihr dagegen getreten.“

Hilflos vor so viel großväterlicher Grausamkeit senkt der Krümel beschämt den Blick. Highland Humor versteht er noch nicht. Er ist erst zwei und mag mich.

“Haha, Ich mach nur Spaß!” ruft er Mann und bringt damit die traurigen Kinderaugen wieder zum Lachen. Und mich am Abend, als er mir auf Skype davon erzählt.

Ich überlege, ob ich die Gelmanschette beiseite lege und Erbsen kaufe. Tiefgefroren.  Einfach mal so. Aus Heimweh!

 

 

 

Wunder der Technik

Danke Herr Zennström!

Habe ich mich eigentlich schon einmal bei Ihnen bedankt?

Vielen herzlichen Dank Niklas Zennström!

Was wäre ich ohne Sie. Ohne sie wäre mein Zweitleben im schottischen Hochland nicht möglich. Ohne sie wäre eine Fernbeziehung über gut tausend Meilen und viele Jahre nicht möglich. Ohne Sie wäre mein Abenteuer Highlands schon längst zu Ende. Ohne sie wäre der Mann nur noch eine Erinnerung.

Tusen tack. Tausend Dank an Sie, den Erfinder von Skype.

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung SkypeDer Mann und ich skypen regelmäßig jeden Abend für eine Stunde und nur in Ausnahmefällen einmal zu einer anderen Uhrzeit oder gar nicht. Eine Stunde reden von Angesicht zu Angesicht, über den Tag und alle möglichen Belanglosigkeiten. Das ist mehr Redezeit als in manchen Beziehungen und nur so funktioniert das Fernverhältnis über die Monate der Abwesenheit. Nur mit Emails oder wie früher noch mit Briefen würde das nie und nimmer funktionieren. Skype macht’s möglich. Für uns und für Millionen andere.

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung SkypeMan sieht es in Hotels häufig schon beim Frühstück, dass Menschen mit ihren Lieben (lautstark) skypen. Mag ich total, vor allem, wenn ich noch nicht richtig wach bin. Ich bin immer versucht, den mir wildfremden skypenden Geschäftsreisenden einen leidenschaftlichen Kuss aufzudrücken und „Schatz komm zurück ins Bett!“ zu sagen, während sie mit Frau und Kindern skypen. Man sollte mich am frühen Morgen einfach nicht ärgern.

Der Mann und ich sind stille Skyper, wir sprechen von zu Hause oder aus dem Auto oder dem Hotelzimmer.

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung SkypeManchmal bringe ich etwas Abwechslung in unser Leben und verändere den Hintergrund. Dann setzte ich mich in den Lesesessel oder an den Schreibtisch im Arbeitszimmer oder vor den Kaminofen im Wohnzimmer. Aber meist sitze ich am Esstisch. Oder eben in irgendeinem Hotelzimmer in Russland, Frankreich oder Dortmund. Je nachdem, wohin mich die Arbeit gerade verschlägt. Aber ich denke immer an den Hintergrund, bin eben auch ein Nerd und beim Fernsehen, da macht man sich über so etwas wie den Hintergrund bei einem Interview Gedanken.

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung SkypeDer Mann ist nicht beim Fernsehen und deshalb was seinen Hintergrund angeht deutlich entspannter. Er hat eine Reihe Gitarren an der Wand aber meist ist es so dunkel in seinem Zimmer, dass man außer seinem Gesicht in vagem Dunkel nicht viel sieht. Der Mann ist wie Herr Zennström vom Fach, er versteht also auch die technischen Komponenten von Skype und warum es meist langsam ist. Sein Internet ist allgemein langsam da oben in der Einsamkeit. Ich verstehe vor allem, dass es wichtig ist für uns und unser Leben und die Monate, die wir uns nur auf dem Laptop sehen.

Manche Menschen finden sich übers Internet, der Mann und ich kannten uns schon. Aber wir halten uns übers Internet und leben in einer Beziehung, wie sie vor 20 Jahren noch nicht möglich gewesen wäre. Spannend eigentlich, dass es gerade die technologische Entwicklung ist, die das Leben in einer Fernbeziehung auch in der Einsamkeit der schottischen Highlands möglich macht. Einer Gegend, die so wenig technologisch anmutet, wie man es sich nur vorstellen kann.

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung Skype

 

So gut das auch funktioniert, die gemeinsame Zeit braucht es natürlich schon und die kann keine Technologie ersetzen. Aber wer weiß, vielleicht sieht auch das in 20 Jahren ganz anders aus. Vielleicht schickt man dann einfach seinen Avatar zum gemeinsamen Alltag ins andere Land. Keine Ahnung. ob ich mich damit anfreunden könnte. Kann es echt sein? The real thing?

Mögen Avatare Fleischkäse?

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung Skype

 

 

Ich will nen Steinkreis!!!

Für diesen Zeitraum sind leider keine Verbindungen vorhanden.

Ich werd noch irre!

Ich sitze am Computer und will ein Busticket buchen und wünsche mir gerade nichts sehnsüchtiger als einen schottischen Steinkreis. Egal ob richtig rund, egal wie viel Steine, es kann auch gerne einer fehlen. Mir egal, nur magisch sollte er sein. Wie bei Outlander. Einfach nur so per Steinberührung zack ins Hochlandleben oder auch aus Schottland wieder zurück ins Deutschland von 2019.

Steinkreis Abenteuer Highlands

I wish ….

So aber muss ich online Reisen buchen und sie dann auch noch machen und das ist mitunter echt eine Qual. Seit sieben Jahren nun führe ich ein schottisches Doppelleben und reise mindestens zwei Mal im Jahr zum Mann in die Highlands. In den Anfangsjahren habe ich das noch mit dem Auto gemacht. Knapp 1700 Kilometer einfache Strecke, wenn man die Calais-Dover Fähre nimmt. Man könnte auch eine der Nachtfähren nach Hull oder Newcastle nehmen aber die sind deutlich teurer und vor allem so unflexibel, weil immer nur eine fährt und man mit viel Vorlauf planen muss. Dann wartet man in der Schlange und könnte eigentlich noch gut ein paar hundert Kilometer weiter fahren. Oder man hat schnarchende Kabinennachbarn oder Steinkreis Abenteuer Highlandsnervende Alarmanlagen unter Deck, die einen von schlafen abhalten. Das habe ich nur gemacht, wenn ich mit einem der Motorräder nach Schottland gefahren bin. Da spürt man schließlich jede Meile deutlich mehr als im Auto, vor allem, wenn man so reiseuntaugliche Chopper fährt wie ich.

Steinkreis Abenteuer Highlands Ich will einen STEINKREIS!!!

Warum fliegst du denn nicht? werde ich oft gefragt. Ich fliege ja aber leichter macht es das Leben nicht. Und ich habe wirklich schon alles versucht.

Stuttgart – Aberdeen und dann weiter mit dem Zug nach Inverness. Von dort muss mich der Mann holen. Das sind knapp zwei Stunden Fahrt einfach für ihn. Und wie komme ich nach Stuttgart?Steinkreis Abenteuer Highlands Langzeitparken (nein, ich wollte die Parkgarage nicht kaufen), öffentliche Verkehrsmittel (nach Stuttgart??? zum Flughafen???) , Flughafenzubringer (wir holen sie um 2 Uhr morgens ab und nehmen unterwegs noch drei Leute mit), alles wenig lustig.

Steinkreis wäre viel lustiger! Wusch – und da.

Steinkreis Abenteuer Highlands

Karlsruhe/Baden – Edinburgh ist billiger, weil Ryanair aber auch entsprechend nerviger. Mietwagen ab Edinburgh fällt flach, weil ich den auch in Inverness abgeben müsste, das ist der nächste drop-off point. Und sie verlangen eine one-way charge von schlappen 80 Pfund zusätzlich zu Benzin und den Mietkosten. Also Zug aber da muss man auch erst mit der Tram rein nach Edinburgh und dann nochmal einmal umsteigen nach Inverness. Stille Stunden am einsamen Bahnsteig, die keiner braucht.

Einmal Steinkreis bitte! Da muss man nicht umsteigen.

Steinkreis Abenteuer HighlandsFrankfurt/Main – Glasgow ist einfach, wenn ich dort den Überlandbus in die Highlands erwische aber da fährt eben nur einer am Tag und ist nicht langfristig buchbar aber dafür fährt er fast bis vor die Haustür. Nur nach Frankfurt muss man eben auch kommen. Mit dem Zug dreimal umsteigen und das Auto steht dann für viele Wochen am Bahnhof rum.

Steinkreis Abenteuer Highlands

Selbst Zeitreisen ist einfacher!!!

Ich schau einfach noch ein bisschen Outlander und pass genau auf wie es geht – per Steinkreis in die Highlands. Oder eben die altmodische Star Trek Variante mit dem Beamer über das Raumschiff Enterprise. Der Ingenieur war nicht umsonst Schotte…

Beam me up, Scotty! Beam mich hoch, Scotty!

Es gibt keinen intelligenten Steikreis hier unten!

 

Sprachgenies und Schlafhelfer

Wie heißt das nochmal?

Abenteuer Highlands Sprachgenies und SchlaffhelferManchmal fallen mir Wörter auf Deutsch nicht mehr ein, vor allem, wenn ich frisch aus den Highlands wieder zurück im Schwarzwald bin. Komisch irgendwie, ich bin schon ziemlich zweisprachig aber trotz aller Bilingualität verliert man manchmal Teile der Sprache, selbst wenn es die Muttersprache ist, aus den Augen. Das gibt sich aber meist schnell wieder.

Ähnlich geht es mir auch bei meinem alljährlichen Sommerkurs Gälisch. Da spukt dann plötzlich neben Englisch und Deutsch noch eine dritte Sprache im Kopf rum. Wenn es denn bei drei bleibt.

Was heißt nochmal Fleisch auf Gälisch? Carne? Ne, das war Italienisch.

Ja, plötzlich fallen mir italienische, französische oder spanische Wörter ein statt des gälischen Ausdrucks. Als hätte mein Hirn auf einmal die falschen Kleber auf die Sprachschubladen gemacht.

Wahrscheinlich hat ein Hirn jenseits der Vierzig viel zu viele Schubladen. Wie schön zu sehen wie es funktionieren kann, wenn ein Kopf noch viel Freiraum hat.

Abenteuer Highlands Sprachgenie und Schlafhelfer Der Mann hat zwei Enkelkinder und damit ich irgendwie auch. Obwohl ich die Bezeichnung Oma vehement ablehne. Für die Kinder habe ich keinen Rollennamen, nur einen Vornamen. Ich bin eine Nellie und die Nellie. So einfach. Und Nellie redet Deutsch. Bei der großen fällt das nicht weiter ins Gewicht, sie lebt weiter weg, ich sehe sie selten. Den Kleinen aber sehen wir oft, seine Eltern leben auch in den Highlands.

Der Krümel lernt gerade sprechen und das in gleich drei Sprachen. Völlig selbstverständlich verabschiedet sich der zweijährige von sämtlichen Menschen in seinem Umkreis mit einem akzentfreien deutschen Tschüß und verwirrt damit einen Großteil der Zuhörerschaft. Der Mann hat ihm wichtige deutsche Wörter wie Lederhose beigebracht, bei Quatsch macht ihm die Aussprache noch zu schaffen aber bis fünf kann er zählen.

Generell rede ich nur Deutsch mit ihm, das wird unsere Sprache, Englisch rede ich, wenn andere dabei sind und wird alle werfen gelegentlich einen Gälischen Satz ein (wer auch immer gerade einen korrekten bilden kann), weil der Kleine ja in die gälischsprachige Kinderkrippe geht. Und so wächst er lässig mit drei Sprachen gleichzeitig auf. Ich hab auch ein paar gälische Kinderbücher gekauft aber stolpere regelmäßig über Vokabeln und Aussprache. Das Hirn eines Zweijährigen ist meinem um Lichtjahre voraus.

Noch spricht der Kleine nicht viel Deutsch aber er scheint alles zu verstehen. Sagt man ihm auf Deutsch Zeit fürs Bett kommt ein ebenso überzeugtes wie klares NO!

Abenteuer Highlands Sprachgenie und Schlafhelfer

An einem dieser NO Abende hab ich mich mit ihm ins Bett gekuschelt und Janoschs Ich mach dich wieder gesund, sagte der Bär gelesen. Auch wenn er dafür noch zu jung ist, es war das einzige deutsche Kinderbuch im Haus. Das hatte mir meine Schwester geschickt, als ich ins Krankenhaus musste.

Abenteuer Highlands Sprachgenie und Schlafhelfer Also las ich vom Tiger, dem Bär und der Ente, die ganze lange Geschichte. Der Krümel betrachtete die Bilder und der Mann schloss die Augen. Ich las das ganze Buch. Der Krümel hatte gebannt zugehört, ich glaube nicht nur wegen der Geschichte. Er hat wie ein Schwamm all die Deutschen Wörter und Töne in sich aufgesogen und in seinem Kopf irgendwo abgespeichert. Einfach so. Dann wanderte der Daumen in dem Mund, er war müde. Der Mann schlief bereits, wachte aber wieder auf, als ich mit lesen fertig war.

„Das haben wir doch super gemacht,“ sagt der Mann.

„Wieso wir? Was hast du denn gemacht?“ frage ich ein wenig ketzerisch und vom vielen reden mit einem leichten Kratzen auf den Stimmbändern.

„Na, ich hab so getan als würde ich schlafen, damit der Kleine auch müde wird.“ sagt der Mann mit leichter Entrüstung in der Stimme über meinen Mangel an Anerkennung.

Das nächste deutsche Wort, das ich dem Krümel beibringen werde, ist Männer und wie man es mit einem großen Ausrufezeichen ausspricht.

Männer!

 

 

Chips und das Leben

Ausflüge mit dem Mann sind immer ein kleines bis mittleres Abenteuer, kein Wunder, schließlich ist Schottland immer für eine Überraschung gut. Selbst so ganz unscheinbarer Schatz-ich-muss-für-eine-Schulung-nach-Inverness Trip kann lustiger werden, als es zunächst klingt. Inverness? Da denkt man sich ja nichts außer prima, der Mann ist für vier Stunden beschäftigt und ich kann das „Großstadtleben“ (Inverness hat weniger Einwohner als Baden-Baden ist aber dennoch die Hauptstadt der Highlands) genießen.

Natürlich begleite ich ihn. Dumm nur, dass er bereits um 8 Uhr dort sein muss. Wir fahren also um 6 Uhr los und schweigen in der frühmorgendlichen Findungsphase zu geistigem Bewusstsein gemeinsam so vor uns hin.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Es ist mitten im Winter und deshalb noch ziemlich dunkel, als der Mann mich kurz vor 8 in der Nähe der Fußgängerbrücke (auch shouglie bridge  genannt) zur Innenstadt aus dem Auto lässt und weiterfährt. Ich habe den Rucksack mit der Fotoausrüstung dabei und mache mich über die Wackelbrücke auf zur Old High Church, wo sie den nach der Schlacht von Culloden (1746) gefangen genommenen Schotten in der Kirche den Prozess machten und sie direkt im Anschluss auf dem Friedhof erschossen. Sehr, sehr traurig und mindestens ebenso gruselig, es ist nämlich noch immer nicht hell und ich schlendere durch den blauen Morgendunst zwischen den die Gräber und denke an vergangene Schlachten, die Schotten und England.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das Leben

Jede Menge Geschichte und ich hab‘ noch nicht mal gefrühstückt. Also auf zu Costa’s da gibt es leckeren Kaffee und Toasties, mir ist nach was Warmem, was mit Käse. Comfort food nennt man das hier, Essen fürs wohlige Gefühl in Magen und Seele. Da ist definitiv was dran.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNach einem riesigen Latte Macchiato und einem Käsetoast mit Tomaten ist mir sehr wohlig und ich genieße es Zeit zu haben. Draußen vor der Tür dudelt Dudelsackmusik (kommt da das Wort dudeln her ???) aus den alten Lautsprechern vor dem Touriladen, der mit allerlei Krimskrams, Flaggen, Hochlandkühen als Plüschtier oder Kühlschrankmagnet, Tassen und Nessies in jeglicher Form Schottlandambiente verbreitet.

Die Einheimischen hasten vor dem Fenster vorbei zur Arbeit. Eine sehr magere Frau Anfang sechzig sitzt mit einer dünnen Lederjacke und einer Zigarette draußen im Nieselregen. Sie sieht nicht sonderlich wohlig aus. Aber sie hatte ja auch keinen Käsetoast.

Der Nieselregen scheint nicht mehr aufhören zu wollen, also beschließe ich mich drinnen zu vergnügen. Das Eastgate Center ist das Einkaufszentrum gleich um die Ecke: Schuhläden, Klamotten, Bücher, alles, was frau so braucht. Und einen Schuhmann, der hier witzigerweise nicht Mister Minit heißt. Wieso auch, in Schottland hat man mehr Zeit als nur eine schnöde Minute, auch für den Gummiabsatz, der bis eben noch auf meinen Nietenboots klebte. Billige Schuhe wirklich aber ich mag sie und hätte den Absatz gerne wieder drauf, das nasse Grass auf dem Friedhof muss wohl den Kleber gelöst haben.

„Haben sie Zeit?“ fragt der Schuhmann.

„Selbstverständlich!“ sage ich mit einem Ausrufezeichen. Ich bin ja in Schottland.

Er klebt den Absatz wieder auf und nagelt das Gummi zur Sicherheit zusätzlich. Auf beiden Schuhen. Friedhofssicher sozusagen. Ich sitze auf dem Hocker und baumle mit den Beinen. Mütter zerren ihre quengelnden Kinder vorbei, eine Gruppe jugendlicher Schulschwänzer schert sich nicht um die Sicherheitskameras und fährt Skateboard auf den Gängen. Ich hege Sympathie für diese altmodische Form der Insubordination.

Meine Schuhe sind fertig. Beide Absätze gemacht.

„Zwei Pfund.“ sagt der Schuhmann.

Ich weiß nicht, ob man in Deutschland beim Schuhmann irgendwas für zwei Euro bekommt. Ein Loch im Gürtel vielleicht.

Frisch beschwingt mit neuem Absatz gehe ich ins Schuhgeschäft (ja, diese Schuhe brauche ich), zu H&M (diese Pullover brauche ich nicht wirklich es ist sale und soo bilig) und stöbere im Waterstones’s nach neuem Lesestoff und prüfe, ob sie vielleicht eines meiner Bücher im Regal haben. Leider nicht. Vielleicht sollte ich danach fragen? Ich traue mich aber nicht. Werbung in eigener Angelegenheit zu machen ist mir peinlich.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Chips und das LebenNoch eineinhalb Stunden, bis der Mann mit seiner Schulung fertig ist. Also gehe ich nochmal auf den Friedhof, um noch ein paar Bilder bei Tag zu machen. Es ist noch immer trübe und regnerisch aber die Sonne ist zumindest aufgegangen. Hat außer mir schon mal jemand versucht, mit einer Schuhtüte, einer großen H&M Tüte und einer Tüte Bücher auf einem Friedhof zu fotografieren?

Nein? Kann es nicht empfehlen!

Der Mann hat nun die Schulung hinter sich gebracht. Wollen wir noch eine Kleinigkeit essen, bevor wir wieder zurückfahren? Jetzt wo wir in der Zivilisation sind. Vielleicht im nächsten Pub?

Der Mann lässt sich überreden und steuert das Hootananny an, da gibt es Livemusik. Ich glaube der Mann hat da früher selbst gespielt. Gute Idee denke ich, man hört die Musik bis draußen auf die Straße. Der Laden ist voll und wir müssen an der Bar eine Weile warten, bis wir bedient werden. Essen gibt es hier nicht. Die Drei-Mann-Band ist laut, die Stimmung gut, der Gitarrist fängt an mit einer jungen Frau zu tanzen. Dass er aufgehört hat zu spielen ändert nichts am Sound, stelle ich erstaunt fest. Mit kindlicher Freude schwingt der Mann abwechselnd Gitarre und Tanzbein. Ich glaube, der war nur der Playback Künstler und hat sich mit jeder Menge Enthusiasmus in die Band geschlichen. Neben mir murmelt ein Mann Unverständliches in den Kragen seines Hawaiihemds, hinter ihm haben drei weitere Gäste ihre Rollatoren perfekt in Reihe geparkt, vor mir lächelt eine Mittachzigerin beseelt vor sich hin. Sie scheint allerdings nicht viel um sich herum wahr zu nehmen. Ich schaue mich genauer um, während der Mann bestellt.

Zwischen den vielen Menschen jenseits der 70 entdecke ich Begleitpersonal – das Altersheim hat wohl Ausflug. Der Mann hat mich ins Seniorenpub ausgeführt. Das dämmert ihm auch allmählich und er sieht mich etwas hilflos an mit seiner Cola. Ich trinke mein Pint und finde alles sehr lustig. Den Senioren geht es nicht anders. Partylunch.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

Essen holen wir uns auf die Hand bevor wir aus Inverness rausfahren. Der Mann eine Blätterteigtasche mit einer Wurst drin, „frisch“ aus dem Dauerheizfach des kleinen Supermarkts. Bäh! Ich gehen zum Chippie nebenan und bestelle eine kleine Portion Pommes halb roh mit billigem Malzessig und viel Salz. Und während ich auf meine chips warte, denke ich über das Leben nach und die faszinierende Fähigkeit der Schotten, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. Hier sagt man he‘s had his chips wenn jemand sein Lebensende erreicht hat. Das geht auch im Neutrum als it’s had its chips wenn die Waschmaschine irreparabel kaputt ist. Ob Mann oder Maschine, seine Pommes gehabt zu haben heißt es ist vorbei.

Wie schön denke ich, dass die Seniorenresidenzler ihre Pommes noch mit voller Partylaune genießen.

 

Das beste Käseblättchen jenseits des Ärmelkanals

Käseblättchen. Das ist nun ein wirklich sehr deutsches Wort. Käseblättchen. Wissen alle, was gemeint ist, oder? Das örtliche Werbemagazin mit ein zwei Informationen, ein zwei meist schlecht geschriebenen Artikeln und sonst mehr oder minder getarnter Werbung.

Zuhause im Schwarzwald prangt ein Aufkleber auf dem Zeitungsfach meines Briefkastens, damit kein müder Schüler mir den Käse versehentlich einwirft und ich das Teil ungelesen und umgehend wieder ins Altpapier entsorgen muss.

Und natürlich ist in den Highlands mal wieder alles ganz anders.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

 

Ich warte jede Woche auf das Skye and Lochalsh Echo. Sehnsüchtig. Das Blatt ist beste Unterhaltung zum Nulltarif und sehr informativ noch dazu. Man lernt wie man Sträucher korrekt schneidet oder ein gälisches Gedicht übersetzt, eine Whisky Besprechung für die Männer, ein Yoga-Erfahrungsbericht für die Frauen. Umgekehrt geht das noch nicht, das wäre dann doch zu modern.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe ErkenbachSelbst die Werbung ist oft lustig, ich bin mir nur nicht hundertprozentig sicher ob sie auch absichtlich lustig ist. Aber ein Handwerker, der Haushaltsgeräte repariert (vom U-Boot bis zur Waschmaschine) und seine Firma Domestic Forensics nennt, der schaut entweder zu viel Midsomer Murder (Inspektor Barnaby) oder hat ganz einfach Humor.

Und natürlich können auch einsame Herzen inserieren. Ja, ein bisschen wie Bauer sucht Frau aber nur ein bisschen.

Und seit Januar, als ich nach Lektüre des einsame Herzen Feedbacks rittlings auf der Couch lag und vor Lachen schon furchtbare Schmerzen im Zwerchfell hatte, da frage ich mich immer wieder… ist das echt oder ist das erfunden. Und ich kann mich einfach nicht entscheiden, was ich glauben soll.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

Ich frage mich (und fürchte es gleichermaßen): ist die Frau sucht Bauer Geschichte wahr und wenn ja… Vielleicht finden die anderen 19.999 Leser des Blättchens die Geschichte nicht besonders lustig. ICH SCHON!

Diese Frau also hatte also eine Anzeige im Skye und Lochalsh Echo aufgegeben und deshalb ein Blind Date, sie hatte wohl schon lange kein Date mehr gehabt.

Ein wenig nervös macht sie sich hübsch, sogar sexy und wartet auf ihr Dinner Date. Und wartet, und wartet. Der Schotte lässt sie unfassbare 90 Minuten warten, um dann in Gummistiefeln und nach Schaf riechend aufzutauchen. Sie macht ihm auf und lässt ihn herein, er benutzt ihre Toilette, die anschließend nicht nur unfassbar stinkt sondern auch noch verstopft ist. In einem schmutzigen alten Auto fährt er sie nach Portree, unterwegs ungeniert furzend während die Touristen ahnungslos zum Old Man of Stor klettern. Zwei Welten.

In Portree angekommen fragt er sie die schottische Gretchenfrage: Celtic oder Rangers? In Schottland ist das nicht nur die Frage nach den fußballerischen Vorlieben sondern auch die Frage nach der religiösen Zugehörigkeit, die für viele eine sehr große Rolle spielt.

Keins von beiden sagt sie, weil sie Fußball hasst. Er wiederum freut sich und will wissen, ob sie gerne auch mit seinen Freunden etwas trinken würde.

Der beste Moment des Abends – die Stille allein im Bus nach Hause.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach

 

Alles Käse oder das beste Käseblättchen jenseits des Ärmelkanals?

von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang

Es war mal wieder soweit- der lange Einkaufstag stand an. Nach der Bestandsaufnahme in der Küche galt es, den richtigen Tag auszuwählen (nicht zu schön, der wäre mit einkaufen verschwendet) aber auch nicht zu schlecht (das kann in den Bergen unangenehm werden), damit man auch wieder nach Hause kommt mit all den Einkäufen.

Morgengrauen Schottland Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands

Großeinkauf ist Großkampftag aber wer so abgelegen wohnt, der muss eben viel und vor allem durchdacht einkaufen. Ich habe einen Plan, ich habe ein Auto und pünktlich um neun Uhr starte ich die Operation. Die Sonne ist gerade dabei aufzugehen, am Strand schwappen die Wellen über den angespülten Seetang. Die Flut hat gerade eingesetzt. Der Graureiher fliegt empört auf, als ich die Autotür schließe, seinen krächzenden Protest kann ich noch über dem Geräusch des Motors hören. Links fahren sage ich mir, bin ja gerade erst wieder aus Deutschland zurück in Schottland. Müsste ich aber gar nicht. Die Umstellung auf Linksverkehr läuft bei mir unbewusst und zuverlässig. Es wird keine problematische Fahrt werden, wir haben 8°C und von Schnee oder Glätte keine Spur.

Wintergrau Schottland Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands

Das ist auch gut so, denn es kann manchmal bis 11 Uhr dauern, bevor hier mal der Streuwagen vorbei kommt. Wir haben keine Winterreifen auf dem Auto, ist hier nicht üblich. Für jemanden, der aus dem Schwarzwald kommt nicht wirklich verständlich. Zumal unsere Streudienste im Schwarzwald schneller arbeiten als die hier, dazu ist ihr Gebiet einfach zu groß.

Ich fahre also der Sonne entgegen und weiß, ich habe 6 Stunden, dann geht sie wieder unter. Dann wäre ich eigentlich gerne wieder zurück, denn in der Abenddämmerung kommt das Rotwild gerne an die Straße und Vollbremsungen sind mit einem Auto voller Lebensmittel keine gute Idee. Auch ohne Glatteis.

Knappe zwei Stunden später bin ich in Fort William, erste Station: Poundstretcher, ein Billigladen mit allerlei Ramsch aber eben auch große Säcken Erdnüsse und Kartons mit Meisenknödeln und Katzenfutter. Das schleppe ich zuerst ins Auto, die Basis ist gelegt und unser Fenstersimszoo muss nicht hungern. Um diese Jahreszeit haben der Dachs, die Marder, die wilde Katze und die unzähligen Vögel extremen Hunger.

Dieser Trip ist ja nun schon eine jahrelange Gewohnheit für mich, die Vorräte stocke ich immer auf, wenn ich nach Schottland komme, im Sommer wie im Winter. Neben den essentials, den absolut notwendigen Dingen wie Butter, Milch, Mehl, Käse usw. brauche ich ja auch Dinge, die dem Mann nicht ganz so schlüssig sind wie Kosmetiktücher, Backpulver oder Paellagewürz.

Mein nächster Stopp: LIDL. Es gibt seit kurzem zwar auch einen ALDI hier aber beim LIDL weiß ich, wo alles steht, deshalb bleibe ich aus alter Gewohnheit. Kurz vor dem großen Kreisverkehr wird die Straße vierspurig, zwei Fahrbahnen in jede Richtung, getrennt durch einen Zaun. Hier herrscht Schnellstraßenverkehr. Eigentlich, denn auf der Überholspur gegenüber bummelt ein chinesisches Urlauberpaar Arm in Arm mit Fotoapparat und genießt Schottland. Auf der zweispurigen Straße. Ich komme vor Lachen fast nicht um den Kreisverkehr, schaffe es aber bei der Tankstelle rauszufahren und zu tanken. Benzin ist in Fort William manchmal bis zu 10 Cent billiger als zu Hause bei uns.

Weiter mit LIDL für alle Grundnahrungsmittel. Dann habe ich mir eine Pause verdient. Ich hatte noch kein Frühstück und es ist Mittagszeit. Also hole ich mir einen Latte Macchiato bei MacDonalds und genieße das Schokocroissant, das sie im LIDL heute Morgen frisch gebacken haben. Yummie. Lecker.

Schuhgeschäft Schottland Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Derart französisch gestärkt bin ich bereit für den winter sale, den Winterschlussverkauf. Ich lasse den Wagen stehen und mache mich auf in die Fußgängerzone und erstehe in einem der Sportgeschäfte Wanderschuhe für 27 Pfund 99. Wanderschuhe sind schließlich hier die Schuhe, die ich am meisten trage neben Gummistiefeln. Heute allerdings nicht, ich bin ja Shoppingtour, da war ein bisschen stylen schon angesagt.

Viele der älteren Damen sind hier sehr adrett und proper unterwegs, wenn sie einkaufen gehen, Halstüchlein, Haare gemacht, das volle Programm. Ihre Ehemänner tragen Sakko und die Verantwortung. Die Touristen erkennt man an der Funktionskleidung und den Vollkornnudeln, die Landbevölkerung wie die Fischer an den Gummistiefeln.

Ich bin inzwischen in großen Supermarkt angekommen, wo es Fleisch, Gesichtswasser und Milchtöpfe gibt. Bei den Tiefkühlpizzen rempelt mich aus Versehen eine Einheimische an. Sie murmelt eine Entschuldigung und schlurft weiter. Sie trägt die Haare im off-bed-look und eine lange schwarze Daunenjacke, rosa Schlafanzughosen, weiße Socken und lila Crocs. Ich schätze die Haare sind nicht nur Look! Ich lächle sie an, murmle eine Antwort und freue mich. Ich habe bei den LIDL Sonderangeboten einen Flanellschlafanzug für kalte Winternächte mitgenommen. Da hab ich jetzt auch was zum Anziehen, für meine nächste Einkaufstour.

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