ein Kaffeewärmer und ein gefährliches Frühstück

Es fing eigentlich alles ganz lustig an, mit einer moldawischen Hochzeit, bei der ich und zwei Arbeitskolleginnen ganz zufällig reinplatzten als wir in einem georgischen Restaurant zu Abend essen wollten. Eine Viertelstunde später hatten wir das Brautpaar geherzt, mit dem Trauzeugen Sergeji diverse Schnäpse auf die Gesundheit der frisch Vermählten getrunken und mit der Brautjungfer den Brautstrauß gefangen.

Das mit den Schnäpsen hätte ich mal besser gelassen (kommt der Satz eigentlich irgendjemandem bekannt vor???), noch in der Nacht bekam ich starke Magenschmerzen. Dank meiner Kollegin hatte ich Medikamente und konnte die 19 stündige Reise zurück nach Schottland fast beschwerdefrei angehen.

Ich war der festen Überzeugung, die Ruhe und gute Luft in den Highlands würden meinen Magen endgültig wieder beruhigen.

Harviestoun BeerVielleicht war es nicht die weiseste allen Entscheidungen, mich zwei Tage später mit einem alten Kumpel, den ich Jahre nicht gesehen hatte, auf ein paar Bier in Glasgow zu treffen und nach dem vierten Pint auch noch eine fettige Portion Pommes daraufzulegen. Kaum im Hotel spielte mein Magen richtig verrückt, bitter und twisted, genau so fühlte ich mich.

Irgendwas war da im Busch also setzte ich mich selbst auf Schonkost und aß ausschließlich Porridge zum Frühstück. Wo besser als im Land des Haferbreis? Der Mann hat ja einen schottischen Magen, der braucht keine Haferflocken.

cooked breakfast

Und dann mache ich den fatalsten Fehler von allen. Am dritten Schonkost-Tag gönne ich mir ein paar Walnüsse im Porridge….

Aaaaaarrrrrrrrgggggglllllllll!!!!

Nach einer Stunde setzen irrsinnige Schmerzen ein und nach 90 Minuten halte ich es nicht mehr aus.

„Bring mich ins Krankenhaus!“

Der Mann packt mich ins Auto und bringt mich zur nächsten Insel und dem nächsten Krankenhaus, dem Mackinnon Memorial auf der Isle of Skye. Da liege ich nun, in der Notaufnahme, in meinem Leben noch nie in einer Notaufnahme gewesen. Und jetzt also in den Highlands.

Ich werde untersucht, die Schmerzen sind unerträglich.

„Wir geben Ihnen Morphium gegen die Schmerzen und behalten sie die Nacht über zur Beobachtung da.“

Das Morphium wirkt schnell, ich entspanne und sehen nun auch das Lustige an der Situation. In diesem Fall steht das Lustige an der Decke über meiner Behandlungspritsche.

„Nschmal nnhh Foddo“, nuschle ich den Mann an.

Er übersetzt korrekt: Mach mal ein Foto, bitte.

Traue nie einem Mann, der einen Teewärmer nicht aufsetzt, wenn man ihn damit allein lässt, sagt Billy Connolly, den ich ohnehin für den witzigsten Mann auf diesem Planeten halte.

Ich  stelle mir den Mann mit einem gehäkelten Teewärmer (bei uns eigentlich ein Kaffeewärmer)auf den langen Haaren vor und kichere still vor mich hin.

Morphiumseelig grinse ich den besorgt blickenden Mann an. Der will wissen, ob ich was von zu Hause (eine knappe Stunde Fahrt also zwei hin und zurück) brauche. Ja, ich brauche was zum waschen, was zum anziehen und mein Tablet samt Kabel.

Dann schlafe ich und als ich wieder aufwache ist der Mann da, hat Kabel, Tablet und Adapter dabei, ein frisches T-shirt, ein Nachtshirt…

„Zahnbürste?“ frage ich?

„Brauchst du die?“

„Nachtcreme?“ frage ich weiter.

Äh…

Während der Mann zum Supermarkt geht und die Sachen zum waschen einkauft, schlafe ich wieder selig. Mir geht es gut, kein Hunger, nur schrecklichen Durst habe ich, obwohl sie mir über den Tropf literweise (oder heißt das hier pintweise?) Salzlösung einflößen. Unfassbar wie viel Lösung so in einen Menschen passt.

„Ich habe die Lösung für alle Probleme!“ kichere ich.

Trinken darf ich so gut wie nichts und auch essen nicht. nil by mouthMan hat mir das berühmte Schild ans Bett gelegt – nil by mouth. Ich darf Null zu mir nehmen. Zero. Morphium sei dank ist mir das ganz egal.

Ich schicke den Mann nach Hause, der irgendwie ganz unglücklich aussieht und versuche wieder zu schlafen. Dann bringen sie eine Frau ungefähr in meinem Alter in mein Zimmer, Engländerin, die hier lebt. Sie hat einen Herzschrittmacher, zu hohen Blutdruck und ich weiß nicht was noch alles aber sie will unbedingt morgen wieder schwimmen. Im Meer. Das ist hier eiskalt. Sie schwimmt das ganze Jahr sagt sie. Es gibt nicht Besseres.

Mir fällt viel besseres ein aber ich behalte es für mich und fühle mich ganz klein mit meinem lächerlichen Magenproblem.

Eine Ärztin taucht auf, groß, schlank, blond. Sie spricht mich auf Deutsch an. Ich frage mich, ob das an den Drogen liegt. Liegt aber daran, dass sie Holländerin ist.

Der Arzt am nächsten Morgen ist Südafrikaner. Ganz schön international hier.

Die Schwestern sind wunderbar und auch wenn sie mich in der Nacht immer wieder wecken (Infusion wechseln, Temperatur und Blutdruck messen usw.).

Wäre ich gesetzlich versichert, dann wäre das alles kostenlos hier für mich. Aber ich bin privat versichert, also gibt das eine Rechnung.

Am nächsten Morgen werde ich entlassen, ich muss zwei Monate Medikamente nehmen und zu Hause einen Spezialisten aufsuchen. Die Medikamente in der Apotheke sind kostenlos. Wäre ich nicht so schwach, ich würde ein Loblied auf den NHS (National Health Service) Scotland  singen.

Jetzt halte ich Schonkost und komme gut damit klar. Kein Öl, keine fette Wurst oder Käse, kein Alkohol, kein Kaffee.

Ist alles gut zu ertragen, ich liebe Porridge, Grießbrei und baked potatoes. Und wenn es mich doch nervt, dass ich gerade keinen Kaffee trinken kann, dann erinnere ich mich an meinen Traum vom Krankenhaus.

Da schwimmt der Mann weil ich ihn alleine gelassen habe mit einem rot-weiß gestrickten Teewärmer auf dem Kopf durch die Meerenge bei Kyle of Lochalsh und Billy Connolly steht am Pier und begleitet ihn auf der Gitarre.

Man sollte mir wirklich kein Morphium geben!

 

 

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Dear Reader,

it is a truth universally acknowledged

…dass manche Dinge länger dauern als man möchte aber nun ist es endlich so weit. Das Taschenbuch ist veröffentlicht und ab sofort beim Amazon verfügbar.

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Taschenbuch: 241 Seiten

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Abenteuer Highlands- mein etwas anderes Leben im schottischen Hochland ist ab sofort als eBook bei Amazon und Kindle erhältlich!

Für Schottlandliebhaberinnen, Hobbyaussteigerinnen und alle Frauen, die sich den Sinn für die kleinen Alltagsabenteuer bewahrt haben.

Kann man zwei gänzlich unterschiedliche Leben leben? Eines in der großen, weiten, atemberaubenden Wildnis und eines inmitten des Medientrubels in Deutschland und überall auf der Welt? Eines voller Hektik und Termindruck als Fernsehjournalistin und eines zurückgezogen und einsam, gemeinsam mit „dem Mann“ im schottischen Hochland?

Ich kann. Und ich genieße beides in vollen Zügen.

Rio, Moskau, Paris – ein schnelles Hochglanzleben. Klingt wie eine Haarspraywerbung, ist aber spannend und abwechslungsreich. Immer am Puls der Zeit. Unabhängig. Aufregend. Bis mich das Schicksal in eine gänzlich andere Welt katapultierte, weit in den Norden, ans Meer, genau dahin, wo das schottische Hochland am einsamsten ist. Hier sind die Menschen noch einen kleinen Tick anders. Und das Leben Lichtjahre entfernt von dem, was man kennt. Dann werden Dinge, die bis eben noch selbstverständlich schienen, auf einmal ganz und gar abwegig und die abwegigsten Dinge ganz und gar selbstverständlich – das tägliche Leben ein einziges Abenteuer.

Von Schafen, Schotten und anderen Heimsuchungen, mein etwas anderes Hochlandleben, mein Abenteuer Highlands.

 

…. und es wird ein Buch

Liebe Follower,

ja ich weiß, es ist schon ein Weilchen her, dass ich über mein Abenteuer in den Highlands geschrieben habe. Ich lebe es immer noch, keine Sorge. Ich war nur ziemlich damit beschäftigt, meine Erlebnisse für einen namhaften Verlag in Deutschland in Buchform zu bringen. Das Werk sollte eigentlich Anfang 2018 veröffentlicht werden. Doch der Verlag hat die Reihe zwischenzeitlich eingestellt und den Vertrag aufgelöst.

Da saß ich nun mit einem fertigen Manuskript und der Aufwandsentschädigung, mit einem Buch aber ohne Verlag. Und dabei hat der Mann mir doch die großartige Schreibhütte mit dem wunderbarsten Blick der Welt gebaut.

Ich war enttäuscht aber wenn ich etwas in meinem zweiten Leben in Schottland gelernt habe dann das: es gibt zur Not immer einen anderen Weg.

Deshalb habe ich entschieden, das Buch im Selbstverlag bei Amazon zu veröffentlichen. Gerade bin ich wieder in den Highlands und arbeite daran. Nein ich kämpfe darum, denn die Winterstürme sorgen für Stromausfall, die Feiertage für das Ausbleiben des Ölllasters (ein paar Tropfen sind noch im Tank für die Heizung) und die Forstarbeiter haben bei den Fällarbeiten das Breitbandkabel zerstört (kein Internet).

Ich denke an William Wallace und will mir Mel Gibson gleich blaue Farbe ins Gesicht schmieren, um Breitschwert schwingend gegen alle Widrigkeiten der Welt anzureiten.

Ich hab kein Pferd!

Aber hoffentlich bald ein Buch…..

 

Konsonanten-Bezwingerin

Es gibt Sprachen, bei denen die Aussprache der Vokale (aeiou) eine Kunst ist, andere Sprachen werfen andere Probleme auf. In Schottland sind es in beiden Sprachen, dem Schottischen Englisch (Scots) und dem Schottischen Gälisch, die Konsonanten.

IUniversity of Glasgowmmer wenn ich glaube, eine neue Situation erfolgreich gemeistert zu haben, wartet eine neue Herausforderung um die Ecke – in mein Leben in Schottland hören die Überraschungen nie auf.

 

Wahrscheinlich geht es den meisten so, dazu muss man nicht in den Highlands leben.

Glasgow UniversityAls ich in den 90ern zum Studieren nach Schottland kam, sprach ich ein durchaus passables Englisch, ich hatte ein Jahr in England gelebt und mein Grundstudium der Englischen Philologie abgeschlossen – ich war ein Profi.

Dachte ich.

Dann kam ich nach Glasgow und verzweifelte am schottischen „r“, das ein wenig klingt wie eine Kettensäge im Leerlauf: rrrrrrrrrrrrrhhhhhhhhh

Aber das „r“ war nicht mein einziges Problem.

Die Glasgower Eigenart ganze Sätze wie ein Wort auszusprechen („Hausitgon?“= „How is it going?“ = „Wie geht’s“) und so gut wie jeden Konsonanten gänzlich zu ignorieren und wenn es irgendwie geht zu verschlucken stellte mich ein ums andere Mal vor Probleme, ganz besonders die t’s schienen für Glaswegians einfach nicht zu existieren. Glasgow ist eine Sprach-Welt minus die meisten Konsonanten aber mit vielen „r“s.

Inzwischen beherrsche ich die hohe Kunst des RollendenR-Verstehens und auch die des Konsonantenratens, der Mann ist aus Glasgow, mein Ohr ist trainiert alles zu hören, was er zu verschlucken gedenkt, in der Regel sind es ¾ des Satzes.

Doch anstatt tagein tagaus mit seligem Lächeln über so viel Sprachkompetenz aufs Meer zu schauen und zufrieden zu sein, hab ich eine neue Herausforderung gesucht: eine weitere Sprache. Und jetzt hab ich, was mir so oft gefehlt hat: Konsonanten, unfassbar viele Konsonanten, ein Konsonanten-Overkill.

Ich lerne Gälisch.

Sabhal Mòr Ostaig in the far background

Das College hat mich schon immer fasziniert, es liegt direkt an der Südküste der Isle of Skye, das Panorama ist atemberaubend. Sabhal Mòr Ostaig schien mir schon immer einer der wunderbarste Ort der Welt zu sein, um zu studieren, klar, weiß und lichtumflutet an einem Tag, geheimnisumwittert und nebelverhangen am nächsten. Großes Naturschauspiel 365 Tage im Jahr.

Armadale towards Morvern

IMG_0672Ich bin schon oft an Sabhal Mòr Ostaig vorbeigefahren, nun bin ich zum ersten Mal auf dem Campus: Gälisch 1, der Kurs für Anfänger, 5 Tage lang von Morgens bis Nachmittags, Abends Konzerte, Pubquiz, Cèilidh (sprich: käili).

 

IMG_0674Die alte schottische Sprache ist inzwischen wieder sehr lebendig hier in den Highlands also will ich sie lernen. Doch das stellt sich als recht schwierig heraus, denn Gälisch ist eine Sprache, in der zunächst Mal nichts so ausgesprochen wird, wie man denkt und wenn man sie liest, kommt es einem vor als hätte ein wahnsinniger Linguist in einem Anflug von Buchstabenwahn mit Konsonanten um sich geworfen als hinge sein Leben davon ab. Die meisten Redewendungen haben viel mehr unausgesprochene Buchstaben als ausgesprochene.

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So spricht sich ein Donald im Kurs auf Gälisch Domhnall geschrieben ganz simpel Dol, man hätte also einfach den „mhnal“ – Teil rauslassen können. Um das Ganze dann noch etwas mehr zu komplizieren gibt, es im Gälischen eine direkte Anredeform (Vokativ), dann schreibt sich Donald a Dhomhnaill die Ausspache klingt ungefähr wie „ach’oil“ mit Halskratzen. Ich habe gleich am ersten Tag beschlossen Donald, so wenig wie möglich anzusprechen.

Unser großartiger Lehrer Ciaran weckt auch in uns seine Liebe zur Sprache und wenn man sich erst mal reingehört hat, wird alles leichter, es gibt nämlich Regeln und eine sehr logische Grammatik. Vielleicht einer der Gründe, warum es inzwischen auch viele Deutsche nach Sabhal Mòr Ostaig zieht.

IMG_0651Auf jeden Fall gibt es jeden Menge deutsch klingende Wörter, nicht alle aber sind, was sie zu sein versprechen.

Das Mittagessen ist im kleinen Café Ostaig fast immer „Brot agus aran agus im“. Also Suppe mit Brot und Butter wobei Brot Suppe und nicht Brot ist. Aran ist Brot.

Ganz schön verwirrend für eine Deutsche aber an Tag drei kann ich es fehlerfrei auf Gälisch bestellen. Stolz!

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Unsere Klasse ist schottisch international und großartig, unser Lehrer ein Geschenk und nach einer Woche Spaß und Grammatik ist die Klasse Gälisch 1 so weit, wir haben unseren Auftritt beim großen Cèilidh: wir singen das Lied von Mòrag und ihrer Hochzeit. Singen gehört im Gälischen zu allem, was man tut. Also singe ich auch. Ich singe sonst nur im Auto.

Jetzt singe ich vor allen anderen Studenten stolz wie Oskar, dabei hasse ich es eigentlich, auf die Bühne zu gehen, meinen letzten Auftritt hatte ich glaube ich als Sonnenschein in der zweiten Schulklasse,  eine stumme Rolle, ich musste nur scheinen.

Auf Gälisch singe ich Si Mòrag und überlebe das anschließende Tanzen (dank Domhnall), denn es geht ziemlich wild zu, da wird im Kreis gewirbelt und wild gedreht bis es blaue Flecken gibt, aaaaauuuuaaaaa

Kommt vielleicht von den vielen unausgesprochenen Konsonanten. Irgendwann müssen sie wohl einfach mal raus….. mmmmkkkkrrrrrssssscccccchhhhhhhppppfffffffff

 

 

 

 

Einmal war ich untreu

Diese Sache mit meinen zwei ganz unterschiedlichen Leben in Deutschland und Schottland klappt prima. Vor allem, weil ich die beiden so gut es geht voneinander trenne.

Doch gelegentlich werde ich mir untreu. Das geht wohl den meisten von uns so.

Und was mach ich? Ich geh‘ zum Fußball und arbeite. Ganz wie in Deutschland und doch ganz, ganz anders.

Natürlich!

Nur selten verschlägt es deshalb einen deutschen Spieler nach Schottland, wenn dann ist es eher umgekehrt. In diesem Falle aber war ein ehemaliger Spieler des SC Freiburg in Dingwall gelandet. Einer Kleinstadt westlich von Inverness, der Club dort heiß Ross County und weil sie einen Hirsch im Wappen haben, nennt man sie auch die Staggies.

Ross CountyUnd da spielte er nun, der Wolf, wie sie ihn nannten, Steffen Wohlfarth, in Friedrichshafen am Bodensee geboren ein Häfler, der in Freiburg gespielt hatte, wo sein Bruder Dominik als Torwarttrainer arbeitet. Ein Stück fürs Radio wollte ich produzieren und machte mich ans Werk…

Weil ich in Dingwall den Pressesprecher nicht kenne, rufe ich die Geschäftsstelle an. Die Nummer hab ich aus dem Internet. Es meldet sich der Sportdirektor, der Chef persönlich. Der macht die Pressearbeit, auch in der ersten Liga, was ungefähr so ist, als würde ich Klaus Allofs anrufen, wenn ich eine Akkreditierung fürs Stadion und einen Gesprächstermin mit Kevin de Bruyne brauche. Aber alles kein Problem in Dingwall. Ich soll mich einfach am Spielereingang melden.

Mach ich.

Ross County stadiumDer Mann und ich fahren also nach Dingwall. Schon weit vor dem Stadion herrscht Verkehrschaos. Ich habe natürlich keinen Parkschein für den Presseparkplatz. Es gibt nämlich gar keinen Presseparkplatz. Dem ersten Ordner sage ich, ich bin von der Presse. Der nickt nur kurz und winkt mich auf den Spielerparkplatz. Dabei sehe ich nicht wirklich aus, wie ein Sportjournalist und ich habe keinen Ausweis dabei. Das sollte man mal bei Bayern München versuchen!

Am Spielereingang treffen wir auf einen wuchtigen Glatzkopf mit Anzug und blütenweißem Hemd. Er hat so ein Telefonkabel im Ohr und sieht aus, als ob er keinen Spaß versteht. Der schottische Meister Proper reicht mir einen Umschlag, noch bevor ich den Mund aufmache. Fremde Journalisten fallen hier wohl gleich auf. In dem Umschlag ist meine Akkreditierung und  ein Zettel zum ausfüllen.

Mach ich, sobald ich im Presseraum bin, denke ich. Nur gibt es eben auch keinen Presseraum, weil hier alles so eng ist, bekommt man in der Pause sein Essen gebracht erklärt mir ein schottischer Kollege. Einfach ausfüllen und bei Sinclair abgeben.

DSC_0004Sinclair?

Der große Glatzkopf am Eingang!

Aha,

Pressetribüne Ross CountyBovrilBovril, Tee oder Kaffee sagt der Zettel und Wurstpastete oder Pie. Ich bestelle Kaffee und Pie, ich mag keine Rinderbrühe (Bovril) trinken. Der Mann mag Rinderbrühe trinken, er sagt, man kann nicht Fußball schauen ohne. Ich kann aber irgendwie und das mache ich dann auch auf meinen wenigen Zentimetern Klappstuhl eingezwängt zwischen zwei Radiokollegen. Und weil man hier, wenn man einmal sitzt nicht mehr raus kommt, bekommt man Mitte der zweiten Hälfte ein leckeres Törtchen auf dem Tablett gereicht. Von Sinclair höchstpersönlich. Ich sage artig danke und frage, wo nach dem Spiel die Mixed Zone für die Interviews ist.

Im Spielertunnel sagt er, aber nur für die BBC. Ihr macht eure Interviews hier auf der Tribüne.

Aber wie soll ich denn da an den Trainer ran kommen? frage ich verständnislos.

Wieso? fragt Sinclair seinerseits verständnislos. Der Trainer kommt doch zu euch.

Und das tut Derek Adams dann auch eine Viertelstunde nach Abpfiff. Undenkbar bei uns.

Die Möwen kreischen über dem leeren Stadion, die 3200 Fans sind schnell verschwunden.

Steffen WohlfarthSpäter kommt dann auch noch Steffen Wohlfarth zum Interview und erzählt sehr sympathisch und offen von seinem Leben im Hochland und dem Abenteuer des täglichen Lebens hier. In seiner Wohnung in Inverness muss er 50 Pence Stücke in eine Maschine werfen, damit er Heizung hat. Im Stadion lieben sie ihn, weil er gegen Celtic Glasgow das Siegtor (3:2) gemacht hat. Wegen seines Namens nennen sie ihn den Wolf und brechen in ohrenbetäubendes Wolfsgeheul aus, wenn der wuchtige Mittelstürmer den Platz betritt.

Steffen WohlafrthDas war 2013, inzwischen spielt er wieder in Deutschland und ist Kapitän beim FV Ravensburg. Dort habe ich ihn ein Jahr später in meinem deutschen Leben getroffen. Ich machte fürs Fernsehen eine Story über den Gegner. Als wir uns sahen, haben wir uns erst mal ganz spontan und ganz herzlich umarmt.

Das gibt es in Deutschland im Stadion eigentlich nie, dass sich Spieler und Journalist „in die Arme fallen“.

Dazu müssen schon zwei „Highlander“ aufeinander treffen.

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Horden mit Hammer

Clearance Villages Walk (33)Man sollte in den Highlands immer mit allem rechnen aber mit Hammer-Horden in der Einsamkeit???

Um all den verständnislosen Lesern beim kryptischen Eingangssatz hilfreich zur Seite zu springen: ich war wandern auf der Isle of Skye. Natürlich wieder ein Abenteuer.

Es war ein trüber Tag, der Trockenheit versprach, was diesen Sommer nun schon ein Grund ist, sich in die Natur zu stürzen. Wärme wird allgemein überbewertet. Ich hatte die Sommerstrickmütze dabei.

Clearance Villages Walk (64)Die Tour führt über 17 Kilometer vorbei an einem ehemaligen Marmor-Steinbruch samt Transportbahnlinie zu zwei verlassenen Dörfern. Es kommt mir fast so vor, als könnte ich noch die Schläge der Hämmer hören, mit denen der edle Marmor ausgelöst wurde. Vielleicht von drüben, dem heutigen Marmorsteinbruch.

Kaum habe ich auf dem schmalen Pfad die Gruppe schwatzender Französinnen samt ihrer schweigenden Ehemänner überholt habe, kann ich endlich in die grandiose Kulisse eintauchen und über die traurige Geschichte all jener nachdenken, die einmal das Privileg hatten, hier zu leben.

Clearance Villages Walk (4)

Clearance Villages Walk (42)Bauern, die 1852 brutal aus Boreraig und Suisnish vertrieben wurden. Grundbesitzer Lord MacDonald ließ ihre Häuser niederbrennen, er brauchte das Land, damit die Schafe ungestört grasen konnten, im 19. Jahrhundert eine sprudelnde Geldquelle. An den armen Bauern ließ sich dagegen nichts verdienen und damit war klar, wessen zuhause der schöne Landstrich im Südwesten der Insel künftig nicht sein würde.

Clearance Villages Walk (24)In Boreraig standen einst 12 Steinhäuser und 15 Stallgebäude, heute nichts als Ruinen im wilden Grün.  Ich setze mich auf eine alte Steinmauer, vielleicht die Wohnzimmerwand einer jungen Familie, vielleicht die Stallmauer eines angesehenen Altbauern und schaue den Schafen zu, die wie weiße Eroberer ihren Dschungel abgrasen.

Clearance Villages Walk (31)Aus der Ferne klingen wieder Schläge zu mir herüber. Als ob jemand gegen Steinwände hämmert. Ich kann aber nicht erkennen, wo und wer. Die Geister der vertriebenen oder die Geister der Vertreiber?

Clearance Villages Walk (39)

Inzwischen haben mich die Franzosen wieder eingeholt. Die Madames schwatzen immer noch. Ihre Männer schweigen und prüfen die Route auf der Karte um dann ihre redseligen Gefährtinnen aus meiner Hörweite zu geleiten.

Die Hammerschläge haben aufgehört und auch ich wandere weiter.

Die beiden Dörfer verbindet ein schmaler felsiger Pfad, der die Klippen entlang führt. Ein paar Meter unterhalb von mir steht ein zerzaust aussehender junger Mann und schwingt einen Hammer. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn. Dann sieht er mir halbwirr in die Augen, dreht sich um und verschwindet zwischen den großen Felsbrocken.

Ein Hammermörder? Versteckt er sich, um besser attackieren zu können? Drüben ist noch jemand…hat der auch einen Hammer?

Clearance Villages Walk (46)Unheimlich, vor allem hier in der Einsamkeit.

Clearance Villages Walk (47)Ich erreiche das nächste verlassene Dorf, kurz nachdem ich die Franzosen wieder überholt habe. Die Frauen reden immer noch. Sie beherrschen die Kunst der Sätze ohne Punkt und Komma wie einst nur Dieter Thomas Heck. Ihre Männer haben das schweigende Nichtzuhören wohl über viele Jahre hinweg perfektioniert.

Eine halbe Stunde später höre ich wieder Hammerschläge.

Ist das hier das internationale Treffen der Hammermörder oder was? Jetzt sehe ich junge Frauen an einer Felswand hoch über mir. Hämmern die?

Clearance Villages Walk (11)

Dann taucht vor mir noch eine junge Frau mit einem riesigen Hammer auf.

Ich spreche sie an doch sie antwortet nicht.

Ich versuche es nochmal.

Sie nimmt ihre Ohrstöpsel raus und sieht mich freundlich an.

Entschuldigung aber warum läuft denn hier jeder mit einem Riesen Hammer rum, frage ich mit respektvollen Blick auf das mörderische Teil.

Oh sagt sie, wir sind Geologie Studenten. Wir sind auf Exkursion.

Aha, also kein Mördermeeting im schottischen Hochland sondern Wissenserweiterung mit dem Werkzeug der Steinexperten. Daher die Horden mit Hammer.

Dann schließen die Französinnen wieder zu mir auf.

Sie reden noch immer.

Hätte ich einen Hammer, ich schwänge ihn wild über meinem Kopf und vertriebe sie so gnadenlos wie einst Lord MacDonald seine Bauern.

Auld Alliance hin oder her! Ich wollt ich wär noch Student!

Clearance Villages Walk (8)

 

 

 

Raus aufs Meer!

 

Der Mann hat ein Boot gekauft.

Das Boot (7)

Das Boot (3)Das hat er mir nicht erzählt in all den vielen Skype Gesprächen, die wir hatten, während ich in Deutschland war. Stunden über Stunden reden und das verschweigen. Jetzt bin ich wieder zurück in den schottischen Highlands und das erste was ich bei meiner Ankunft sehe ist ein kleines Boot auf einem Anhänger in der Auffahrt zum Haus.

Wie können Männer ein solches Ereignis denn nur geheim halten?

Das Boot (5)Ich überlege natürlich sofort einen Namen, sehe aufregende Fahrten zu einsamen Inseln vor meinem geistigen Auge und überlege, ob wir noch Champagner für eine Taufe haben. Wie viel idyllische Bootszenen hab ich schon gesehen, seit ich ein zweites Leben in Schottland habe. Ein Traum!

Conchra Loch Long 2

Das Boot (2)Auf den zweiten Blick und mit etwas weniger Abstand betrachtet sieht das Boot dann doch eher wie ein etwas ältliches „Bootle“ aus und ich frage mich, wie viel Platz noch für ein Picknickkorb bleibt, wenn ich und der Mann in See stechen…..

Das Boot (4)Der Mann erklärt mir jedenfalls all die Extras, die er mit dem Boot und für ganz wenig Geld dazu bekommen hat: Anker, Hänger (Er besitzt kein Auto mit Anhängerkupplung aber vielleicht ist das ja  nicht so wichtig.) und Seile (Ich habe keine Ahnung, wie man diese Seemannsknoten macht, die man doch bestimmt braucht auf See). Und natürlich zwei Rettungswesten, die sich automatisch aufblasen, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen.

Das Boot (6)

Dann erklärt mir der Mann, das man als erstes die Nummer der Küstenwache ins Handy programmieren soll, falls was schief geht. Dann kann man nur hoffen, das sollte was schief gehen, es in den wenigen Gegenden passiert, wo man auch Handy Empfang hat.

Ich sehe der ersten Ausfahrt mit gemischten Gefühlen entgegen und frage, wann die denn stattfinden soll.

Das Boot (1)„Ach“, sagt der Mann „wir müssen erst noch einen Außenbordmotor besorgen.“ Der war nämlich nicht mit dabei. Einen Motor zu kaufen, scheint aber ein größeres Projekt zu sein: Fahrt nach Inverness, Auswahl, Testlauf, Auswahl, Öl und Benzin wieder aus Motor lassen, dann nach Tagen verschicken….

Ich verstehe langsam. Das Boot ist ein Projekt und gehört in den Garten wie in manchen Ecken Deutschlands die Gartenzwerge. Alle haben ein Boot im Garten oder mit Glück auch vor dem Haus im Meer, fahren sieht man allerdings die wenigsten.

Applecross (35)

Und dann brauchen wir noch einen Anlegeplatz und wir müssen…..

Ich wäre ja mit der Champagnertaufe schon zufrieden, wir haben aber nur noch eine Flasche im Haus. Das reicht nicht für taufen und trinken.

Ich beschließe noch welchen zu kaufen, sollte das Bootprojekt irgendwann mal in die Motorkaufphase übergehen.

In der Zwischenzeit bleibe ich an Land und schau mir das Wasser aus der Ferne an. Erst am Wochenende haben wir Pilotwale gesehen, ein wunderbares Erlebnis. Aber ob ich die (nur mit einer sich automatisch aufblasenden Rettungsweste „bewaffnet“) neben unserem kleinen ungetauften Boot ohne Namen auftauchen sehen möchte, ist eine andere Frage.

pilot whales (11)

Wie gut, dass Projekte in den Highlands immer länger dauern, als man denkt!

 

 

vom Glück, Haare zu waschen

Gerade habe ich die Haare gewaschen. Was für ein Glücksgefühl! Ich möchte meine Schampoo-Flasche herzen, meine Spülung fest an mich drücken. Ich könnte föhnen, bis der Arzt kommt.

Endlich wieder Strom!

Daußen vor dem Fenster treibt der Schnee in Sturmböen über das Grau des Lochs, von der Bergen ist nichts mehr zu sehen.

20150109_18123224 Stunden ging hier gar nichts mehr. Kein Licht, keine Heizung, kein warmes Wasser, kein Telefon, kein Fernseher, kein Internet. Und wir waren nicht die Einzigen. 88.000 Haushalte waren ohne Strom. Ganz Schottland mehr oder weniger.

In dem kleinen Radio war nur noch ein Sender übrig, der Nachrichten empfangen konnte. Rund um die Uhr Berichterstattung über das Geiseldrama in Frankreich. Nur am Ende der Nachrichten wurden die gesperrten Brücken verlesen und die Liste der Schulen, die geschlossen hatten. Kein Wort darüber, wann wieder mit Strom zu rechnen sei. Statt dessen Live-Schalten zu Korrespondenten in Paris. Hat die BBC in London nicht mitbekommen, dass in Schottland Ausnahmezustand herrscht???

rot heisst kein Strom

rot heisst kein Strom

 

20150109_18041520150109_180724Der Mann hat den großen Campingkocher ausgepackt und ich hab Chicken Balti mit Basmatireis gekocht. Kein Naan-Brot weil kein Ofen. Bei Kerzenschein kochen ist gar nicht so einfach aber der Badische Grauburgunder hat geholfen.

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Am Abend sass der Mann verloren auf der Couch, ohne Facebook, Twitter oder Youtube. Ich hab mit Taschenlampe einen Krimi gelesen und kam mir vor wie mit 12 unter der Bettdecke. Der Mann dagegen kam sich vor wie im falschen Film.

Sie hatten den Sturm ja angekündigt, sie hatten gewarnt, man solle das Haus sichern, lose Teile befestigen, nicht Auto fahren, all die Dinge, die man beachten sollte, wenn der Strom ausfällt.

Ich weiß jetzt, warum hier alle immer über die BBC schimpfen. Weil sie uns, wenn es darum geht, wie man sich auf einen Sturm vorbereitet, die wahrhaft wichtigen Dingen nicht sagt: Brot backen, Videos aufs Tablet runter laden und so lange es warmes Wasser gibt unbedingt HAARE WASCHEN!!!

Man möchte meinen so was wissen die, bei der BBC.

 

Erwähne nie den Hinterreifen!

Heute war Putzfrauentag und ich habe mal wieder viel gelernt über das Leben in den Highlands.

Der Plan war simpel und wie ich dachte gut: Mann und Hausgäste verlassen am Vormittag gemeinsam das Haus, Putzfrau kommt am Mittag und putzt damit ich endlich mit dem Schreiben anfangen kann, statt das Haus wieder auf Vordermann zu bringen.

Aber wie so oft in den Highlands gehen meine Pläne nicht auf, nicht mal die simplen.

Winter in den Highlands

Statt zur Mittagszeit taucht die Putzfrau bereits am Morgen auf, das Haus ist voller unkoordinierter Menschen in Aufbruchstimmung. Taschen überall, alle müssen nochmal aufs Klo, das Chaos ist perfekt.

Ich mache ihr erst mal einen Tee, unterhalte mich, und versuche sie an dem Trubel vorbei in eines das „Mann-Zimmer“ (das hat er bereits freigegeben, weil er voll auf damit beschäftigt ist das Gepäck von drei Erwachsenen und einem Baby in einen Kleinwagen zu stopfen) zu lotsen, damit sie schon mal anfangen kann. Mit wenig Erfolg.

Also wedelt sie ein wenig durch die Räume während überall gepackt und gewurschtelt und hin und her gerannt wird.

Ich habe noch keinen Satz geschrieben.

Mann und Gäste sind dann irgendwann einmal im Auto und fahren ab. Ich winke Ihnen hinterher, traurig, dass sie weg sind aber auch ein wenig erleichtert, dass ich nun endlich Ruhe zum Schreiben hab, während die Putzfrau putzt.

Ich werfe einen Blick auf ihr Auto bevor ich aus der nassen Kälte wieder zurück ins Haus gehe.

Der linke Hinterreifen ist total platt. Wie um alles in der Welt ist sie nur damit her gekommen??

Und dann begehe ich den Fehler des Tages – ich weise sie auf den platten Hinterreifen hin.

Von nun an ist an putzen nicht mehr zu denken. Sie entdeckt den Mechaniker in sich. Selbst ist die Frau und so. Hab ich früher oft gemacht und so.

Sie besieht sich den Schaden und beginnt in ihrem Auto nach einem Schlüssel für die Radmuttern zu suchen. Es sieht aus, als wäre es leichter die berühmte Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Erstaunlich, was man so alles in einem Auto durch die Gegend fahren kann.

Ich checke mein Auto (Vorsprung durch Technik!) aber der Schlüssel passt natürlich nicht zu ihren Muttern.

Sie sucht im Werkzeuglager des Mannes aber da findet niemand was, nicht einmal der Mann selbst. Sie will im Dienstwagen des Mannes nachsehen, der steht noch in der Einfahrt. Ich suche den Schlüssel und sie versucht den Kofferraum zu öffnen. Ohne Ergebnis. Die nächste halbe Stunde verbringt sie damit, die Bedienungsanleitung des Dienstwagens zu lesen um herauszufinden, wie man an den Kofferraum und damit an den Schlüssel für die Radmuttern kommt.

Ich habe noch immer keinen Satz geschrieben.

unterwegs gen Süden

Ich rufe den Mann an, der sich gerade mit Sommerreifen durch Schneewehen nach Süden kämpft und frage um Rat. Er hat auch keinen passenden Radmutternschlüssel. Er sagt, er hat diverse Schraubenschlüssel aber die will sie nicht. Derweil ist alles was hier rumsteht WD40 und ein bischen Werkzeug statt Putzeimer und Glasreiniger.

Öl, Hammer und sonst was

Sie will in den nächsten Ort laufen, um nach einem Radmutternschlüssel zu fragen. Ich kalkuliere eine halbe Stunde Weg hin, eine halbe zurück…. ich biete an sie zu fahren.

Also Schuhe an, dem Chaos im Haus den Rücken gekehrt und raus ins Auto.

Im Dorf angekommen will sie beim Förster vorbei schauen. Rauch schlängelt aus dem Försterhauskamin in einen trüben Mittagshimmel. Es ist der 2. Januar und in Schottland immer noch Feiertag, da erholt man sich von Silvester. Manche schlafen deshalb sehr lange.

Sie geht ins Haus und ruft. Keine Antwort, kein Förster. Wir gehen wieder nach draußen. Im Garten stehen mehrere Autowracks, keine Räder, nur wenige Scheiben, mit Müll voll. Sie durchsucht die Wracks mit geübtem Blick (macht sie das öfter?) aber findet nichts.

Vielleicht im Schuppen? Der quillt über vor Dingen, die ich nicht zuordnen kann, Holz, Plastik, Metall. Das ist die potenzierte Werkzeugecke des Mannes. Ein Schuppen voller „Kruscht“. Irgendwie erinnert mich der Schuppen an The Day after.

Aber auch hier kein Radmutternschlüssel weit und breit. Auch nicht unter den anderen Eisenteilen, die rund um das Haus vor sich hinrosten. Zwei Männer kommen mit einer Leiter vorbei (wo waren die denn?) und erklären, dass der Förster unterwegs ist.

Die Männer mit der Leiter haben auch keinen dieser Schlüssel, den die Putzfrau will. Der ältere bietet einen Schraubenschlüsselsatz an aber sie will nicht. Sie sagt sie braucht Hebelwirkung.

Ich glaub ich brauch‘ Baldrian.

Wir fahren zum Ponyhof-Mann. Stroh ragt aus dem Kofferraum seines uralten Jeeps vor der Haustür. Drinnen sitzt er mit wasserdichten Outdoorhosen im Ledersessel vor dem Fernseher, drei Hunde verteilen aufgeregt ihre Haare auf dem dunkelblauen Blümchenteppich. Drei Frauen sitzen unaufgeregt vor dem elektrischen Kamin. Alle schauen Gameshow, die Hunde schauen mich an.

Die Putzfrau ist in ihrem Element. Ja, die Mutter ist okay, Nein, dem Bruder geht es wieder gut. Ja, der Schwester auch. Und der Hund….

Ohhmmm.

Der Mann mit dem Ponyhof hat so ein Radmutternkreuz wie es die Putzfrau will aber im Stall. Er steigt in seinen Jeep und fährt los. Ich fahre nicht hinterher, denn mit dem A3 hätte ich auf dem „Weg“ so meine Probleme mit dem Unterboden. Er kommt wieder mit dem Kreuz-Ding und die Putzfrau und ich fahren wieder nach Hause.

Ich habe immer noch keine Zeile geschrieben.

Die Putzfrau schraubt jetzt draußen vor der Tür vor sich hin. Ich sauge derweil die Zimmer durch. Sie kommt wieder rein, weil sie nicht richtig sehen kann. Sie findet ihre Brille nicht.

Meine Lesebrille (ich habe Astigmatismus bis an den Rand der Blindheit, es ist also völlig unmöglich für jemand anderen, etwas damit zu sehen) nimmt sie dennoch mit nach draußen zum Radwechsel. Die Brille ist bei weitem mehr wert als das Auto und ich frage mich mit leisem Zweifel, ob ihr das klar ist, während sie draußen damit rum hantiert.

Ich sollte jetzt wirklich langsam anfangen etwas zu schreiben. Ich lenke mich ab und spüle das Geschirr.

Nach vier Stunden ist es dann endlich so weit. Es wird geputzt im Haus (und zwar nicht von mir) und das Auto hat das Ersatzrad aufgezogen. Endlich greift der Plan.

Ich gehe in die Küche und mache der Putzfrau und mir etwas zu essen.

Nacher setzte ich mich an den Schreibtisch und schreibe. Genug Stoff für eine Geschichte hab ich ja jetzt.