Mord am Hochzeitstag

Ich finde bei meinen Recherchen zu Schottland immer wieder Gruseliges und Grausames, der Mord in Appin ist wie ich finde dennoch ein ganz besonderer. Überhaupt scheint Appin eine ganz besondere Anziehungskraft für Mörder zu haben. Hier also nun ein wahrer Krimi aus dem 15. Jahrhundert. 

Castle Stalker

Dies ist die Geschichte der Ermordung von John Stewart, Lord of Lorn an seinem Hochzeitstag und die der Ermordung seines Mörders Alan MacDougall und es ist gleichzeitig die Geschichte der dramatischen Geburt der Stewarts of Appin.

Appin

Die Anfänge des Clans Stewart von Appin waren bestimmt von Lust, vielleicht sogar von Liebe. Es war das Jahr 1445 und Sir John Stewart war auf dem Weg nach Hause zu seiner Burg Dunstaffnage, als er auf eine junge Frau traf, in die er sich sofort verliebte. Sir John war ein verheirateter Mann, was ihn keineswegs davon abhielt, mit dieser Frau einen Sohn zu zeugen. Sie war eine Tochter des MacLaren von Ardvech, deren Name nirgendwo überliefert wurde. Ein Schicksal, das sie mit vielen Frauen teilte, die Geschichte ist voller namenloser Frauen, auch die schottische.

Diese Geliebte wollte Sir John schließlich fünf Jahre nach dem Tod seiner rechtmäßigen Frau heiraten. Seine Frau hatte ihm drei Töchter geboren aber keinen männlichen Erben. Er war gezwungen, die Linie mit einem Erben zu sichern und mit der Geliebten hatte er bereits einen Sohn und möglichen Erben. Er musste also nur die Mutter heiraten und den Sohn anerkennen. Die Vermutung liebt nahe, dass die geplante Ehe wenig mit Liebe zu tun hatte.

Die Hochzeit der beiden fand am 20. Dezember 1463 statt, die Zeremonie fiel kürzer aus als erwartet denn Männer drangen plötzlich in die Kirche ein, die Waffen wurden gezogen. Sir John wurde von einem Dolch tödlich verwundet. Sie zerrten den sterbende Bräutigam aus der Kirche, die Zeremonie war beendet. Doch noch bevor Sir John den letzten Atemzug tat, streifte ihm der geistesgegenwärtige Priester den Ring über den Finger und besiegelte so die Ehe der beiden.

Die namenlose Frau war Braut war Witwe an einem Tag, ihr achtzehnjähriger Sohn Dugald der rechtmäßige Erbe des Vermögens eines Vaters, dessen Sohn er offiziell gerade geworden war.

Es war dieser ehemalige Bastard und nun rechtmäßige Erbe von Sir John Stewart, Lord of Lorn, der die Linie der Stewarts of Appin begründete. Der Mörder am Hochzeitstag war Alan MacDougall und er hatte seine Gründe für seine grausame Tat.

Die MacDougalls hatten früher das Castle Stalker besessen, Sir John hatte es ihnen genommen. Jetzt übernahm Dugald seinen Platz ein als Stewart von Appin und plante seine Rache mit Ruhe und kalter Besonnenheit. Fünf Jahre kamen und gingen, die Differenzen mündeten 1468 schließlich in die blutige Schlacht von Stalc, in der viele Hundert fielen als die MacLarens den Stewarts of Appin und Dugald, ihrem Chief halfen, die MacDougalls und deren Verbündete die MacFarlanes, vernichtend zu schlagen. Alan MacDougall, der Mörder von Dugals Vater, wurde ebenfalls getötet.

Dugal regierte Appin für mehr als dreißig Jahre. Was aus seiner Mutter wurde, ist nicht überliefert.

My Heart‘s in the Highlands

Diesen Post schreibe ich nicht nur für mich, ich schreibe ihn vor allem auch für euch da draußen, die ihr mir schon so lange und mit so viel wunderbarem Feedback folgt. Wir alle haben jetzt zu kämpfen mit dem, was das Coronavirus mit unserem Leben macht und wir träumen von Schottland, weil es das Einzige ist, was wir im Moment tun können, träumen.

Isle of Skye

Schottland ist ein Traum. Wie oft habe ich das in der Vergangenheit so leicht gesagt, wenn ich Menschen davon erzählen wollte, wie wunderbar dieses Land ist. Ein Traum!

Jetzt ist es leider nur noch ein Traum für so viele von uns. Wir kommen nicht mehr hin. Ihr hattet Urlaube geplant, Reiserouten ausgearbeitet hin zum Meer, den Bergen und dem unglaublichen Licht. Und nun machen die Reisebeschränkungen, die Flugausfälle und die zu erwartenden Grenzkontrollen auf dem Weg ins Vereinigten Königreich die Einreise nach Schottland so gut wie unmöglich.

Isle of Skye

Auch für mich, denn auf dem Papier bin ich ja auch nichts anderes, als ein Tourist. Dass ich seit fast einem Jahrzehnt ein zweites Leben in den Highlands habe, das ich dort mit einem Schotten teile, hat auf die Einschränkungen keinen Einfluss. Auch ich komme nicht mehr hin. Und ich weiß nicht, für wie lange. Die Sorge um den Mann und die Familie nimmt täglich zu. Was, wenn sich der Mann infiziert? Ich könnte nicht bei ihm sein. Wie selbstverständlich hat man doch das alte Europa vor Corona genommen. Nun mit Brexit und Corona ist so vieles anders. 

Isle of Skye

Wie so viele Menschen in Deutschland (und ja, ich finde viele vernünftige Menschen mit voller Mitgefühl und Menschenverstand, auch das hat mir die Coronakrise gezeigt) habe nun auch ich ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Was, wenn….?

Was, wenn ich nicht….?

Dabei geht es mir noch gut. Ich lese von einem Vater, der seine sterbende Töchter im Krankenhaus nicht sehen darf, weil das Krankenhaus abgeriegelt wurde und er bei seinem Sohn bleiben muss während seine Frau die Tochter auf dem letzten Weg begleitet. Furchtbar. 

Aber ich lese eben auch, dass es lange gehen kann, bis wir die Krise überwunden haben. Manche reden von zwei Jahren. Zwei Jahre! 

Der Mann ist in der Art und Weise wie er die Pandemie erlebt einige Tage hinter mir zurück, was die Erfahrungen und auch die Einschätzungen der Situation angeht. Bei den Glasgow Rangers wurde im vollen Stadion noch Fußball gespielt, da haben sie bei uns schon die Geisterspiele abgesagt. Deutschland schloss die Schulen Anfang der Woche, Schottland erst am Freitag. Ich kenne, was auf ihn zukommt.

Schottland hat eine starke und kluge Regierungschefin voller Empathie aber das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs genießt eher nicht unser Vertrauen, schon gar nicht, wenn es um Krisenmanagement geht. Und das  Gesundheitssystem NHS ist zwar sehr sozial aber eben auch sehr unterbesetzt. Es wird mit der zu erwartenden hohen Zahl der medizinisch Hilfsbedürftigen nicht klar kommen. Seife, Desinfektionsmittel oder Nudeln sind auch in den Highlands nicht zu kriegen.

Das Land, das so sehr auf den Tourismus angewiesen ist, wird auf absehbare Zeit keine Touristen mehr sehen. Die Auswirkungen werden drastisch sein für viele in der Familie und im Bekanntenkreis. Allerdings gibt es jetzt die ersten Corona-Touristen, die sich in ihren Wohnwägen in den Highlands selbst isolieren. Wie lange gedenken die ohne ordnungsgemäße Toilettenleerung da auszuhalten? Wer kümmert sich um sie, wenn sie infiziert sind? Die medizinische Versorgung in den Highlands ist nicht auf große Zahlen ausgelegt. Diese Touristen helfen niemand. Allein in Glen Coe waren es gestern bereits mehr als zwei Dutzend. 

Ich hatte es kommen sehen und saß am Sonntag auf gepackten Koffern. Noch waren die Grenzen offen, noch flogen die Fluglinien einigermaßen nach Plan. Viel war weggebrochen, von dem, was ich normalerweise arbeite. Wäre es nicht besser schnell nach Schottland zu verschwinden anstatt im Sommer?

Ich fragte meinen Chef aber er antwortete erst, als ich den Flieger am Montag schon nicht mehr erreichen konnte. Der Chef bat mich zu bleiben, Journalisten werden gebraucht und viele Kollegen werden ausfallen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen. Das habe ich verstanden und bin geblieben. Aber nun kann ich nicht mehr weg. Wer weiß, für wie lange.

Immer wieder geht mir die Zeile aus dem Lied bzw. Gedicht von Robert Burns im Kopf herum. Er hat es 1789 geschrieben, vor weit über zweihundert Jahren.

Gedicht Robert Burns

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz ist nicht hier.

Mein Herz ist in den Highlands, wo auch immer ich bin.

Eures auch? 

 

 

Der König und die Witwe – Craigencallie

Ich habe im Sommer von dem einzigartigen Kinoerlebnis mit Angus MacFadyen geschrieben. Nun bin ich bei meinen Recherchen zum neuen Buch auf genau die Geschichte gestoßen, die der Film erzählt. 

Die Geschichte von der Witwe von Craigencallie ist eine dieser wunderbaren schottischen Erzählungen bei der man nicht mehr genau sagen kann, wie viel Wahrheit in ihr steckt und wie viel erfunden wurde. Für die Echtheit in Teilen gibt es Nachweise aber keine zuverlässigen historischen Quellen für die ganze Geschichte. Wie dem auch sei, die Episode ist schön und nicht sehr bekannt. Vielleicht einer der Gründe, der den schottischen Schauspieler und Produzenten Angus MacFadyen dazu bewogen hat, diese Geschichte als Basis für seinen Film über Robert the Bruce zu wählen.

MacFadyen hatte bereits 1995 im Blockbuster Braveheart den schottischen König Robert the Bruce gespielt. Sein Film behandelt nun einen sehr kleinen Zeitraum im Leben des Königs über den wenig bekannt ist, weil er nicht dokumentiert wurde. Im Film zieht sich der König verletzt und körperlich wie mental am Ende in die Wälder der Highlands zurück, wo er auf eine Witwe und ihre drei Söhne trifft.

Die Geschichte der Witwe von Craigencallie, ist aber nicht wie im Film in den Highlands zu Hause, sondern in den Lowlands, in Craigencallie (Gälisch Craig na Cailin, der Hügel der jungen Frau) in Kircudbright.

Galloway Mountains

Im Film waren die drei Söhne der Witwe nicht von drei verschiedenen Vätern wie in der Sage. Die junge Witwe nahm den Kriegerkönig bei sich auf und bot ihm die Hilfe ihre Söhne an, denn auch sie wollte wie der Bruce die schottische Unabhängigkeit von England, und war bereit, mit allen Mitteln dafür zu kämpfen.

In MacFadyens Film, der auf dem Edinburgh Film Festival 2019 Premiere hatte, muss der König nicht nur seinen Körper gesunden sondern auch seinen Kampfgeist wiederfinden. Er nutzt die Zeit bei der Witwe und ihren Söhnen, um zu gesunden an Körper und Geist und um die die Kraft zurück zu erlangen, sein Land gänzlich zu erobern und gegen die Feinde im Süden abzusichern.

Bruce wird zu diesem Zeitpunkt auf allen Ebenen angegriffen, nicht nur aus dem Süden, auch in Schottland selbst hat er Feinde, einflussreiche und gnadenlose Männer, die ihr Eigentum dem englischen König verdanken oder sich aus anderen Gründen gegen ein vereinigtes schottisches Königreich stellten.

In dieser sehr unsicheren politischen Situation im eigenen Land und der körperlichen Schwächung nach den zahllosen Kämpfen, bietet ihm die Witwe von Craigencallie Zuflucht und Schutz. Ihre Söhne sind sein Heer, mit ihrer Hilfe wird ihm nach seinem Abschied von Craigencallie der Sieg gelingen.

Galoway Mountains

Im Film und auch in der Sage bleibt die Beziehung zwischen König und der jungen Witwe rein platonisch. Sie hat drei Söhne von drei Vätern, der eine heißt McKie, einer Murdoch und der jüngste McLurg, letzterer soll ein besonders guter Bogenschütze gewesen sein, der sogar einen zwei Raben, die in den Felsen saßen, mit einem einzigen Schuss töten konnte.

Die McLurgs waren einst eine einflussreiche Familie in der Region Kircudbright und bekamen von König Robert Bruce weitreichende Ländereien zugesprochen, für ihre Dienste im Krieg gegen England. Das ist überliefert.

Eine Schlacht hat ebenfalls in der Nähe von Craigencallie stattgefunden, die Schlacht von Raploch Moss in der Nähe von Loch Clatteringshaws. Hier sollen die drei Söhne im Laufe der Auseinandersetzung Schafe den Hügel hinunter getrieben haben, so dass es den Anschein hatte, als würden dem König mehr Männer zu Hilfe eilen. Der Trick funktionierte, die Engländer traten die Flucht an.

Galloway Mountains

Das kleine Farmhaus Craigencallie gibt es bis heute, natürlich ist es nicht mehr das Original aus dem 14. Jahrhundert.  Es ist Privatbesitz aber es bleibt ein Ort der Geschichte und der Geschichten, von Witwen, Söhnen und einem König, der einer der ganz Großen seines Landes werden würde.

Corona macht mich fertig!

Irgendwie kommt man an dem Thema dieser Tage ja nicht vorbei. Ausgerechnet jetzt kämpfe ich mit einer sehr hartnäckigen Erkältung. Ja, einer normalen Erkältung, ohne Fieber, ohne Atemnot. Das muss man in diesen Tagen ja laut dazu sagen.

Nun bin ich also zu Hause, versuche mich zu schonen und gesund zu ernähren. Ich habe Zeit, die Zeitung ausführlich zu lesen, Social Media durchzukämmen und die Talkshows im TV zu verfolgen. Ich bin in Sachen Corona up to date. Ich habe mir sogar bei Amazon Gesichtsmasken und Desinfektionsspray bestellt. Zu horrenden Preisen in Übrigen.

Atemmaske und Desinfektionsspray

Und der in schottischen Schulen durch hustende Schülerhorden gestählte Mann, schickt mir lustige gifs und Fotos zum Thema Coronavirus. Wie kann man den Unterschied zwischen Schotten und Deutschen besser verstehen als in unserem Umgang mit der Pandemie – er sammelt Witze, ich kaufe Desinfektionsmittel.

Desinfektionsmittel horten

Lustig eigentlich, wenn da nicht dieses ungute Gefühl im Magen wäre. Als ob der Brexit unsere Fernbeziehungssituation nicht schon unsicher genug gemacht hätte.

Was ist, wenn es im Sommer ein Reiseverbot gibt, wenn ich wieder zurück in die Highlands möchte?

Was, wenn ich nicht mehr aus Schottland zurück nach Deutschland kann am Ende des Sommers?

Ok, mit letzterem könnte ich leben. Sorry Chef, ich hab alles gegeben aber ich schaffe es nicht.“ Ja, damit könnte ich zumindest eine Zeit definitiv leben. Sorry Chef! Aber der andere Fall? In Deutschland bleiben zu müssen, weil ich nicht nach Schottland reisen darf. Das wäre furchtbar.

Tragfläche Flugzeug

So oft habe ich die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern passiert, ohne nachzudenken. Und nun? Nun ist Corona passiert und zwingt mich dazu. Es sind echte Grenzen und die kann man schließen. Ich und mein Partner leben nicht im selben Land und das kann im Falle einer Pandemie ein echtes Problem werden. Ein Schatz, ich habe alles gegeben aber ich schaffe es nicht würde ich nur sehr schwer über die Lippen bringen.

Heute Morgen hat er mir ein Foto von einem Chinesen mittleren Alters geschickt, der sich eine Damenbinde anstelle einer Gesichtsmaske an die Nase geklebt hat. Hat der Mann wohl auf Twitter oder Facebook gefunden.

Ich glaube, ich muss wieder weniger deutsch werden und die schottische Seite der Dinge sehen lernen.

Weg mit den Desinfektionsmitteln – her mit den Damenbinden!

Mütter und Söhne

Wenn man die kleine A938 Richtung Osten fährt, dann kommt man ganz im Süden von Inverness-shire irgendwann einmal nach Duthil. Man könnte es aber auch einfach völlig verpassen, denn mehr als ein paar Häuser sind es nicht, was man aber ganz und gar nicht verpassen sollte, das sind die beiden Seafield Mausoleen. Auch wenn sie verschlossen und nicht zugänglich sind. Sie sind beeindruckend, etwas gruselig und irgendwie genau so, wie sich das leidenschaftliche Leser der Shelleys oder Edgar Allan Poe immer vorgestellt haben: grau, gotisch und gruselig.

Wer waren diese Seafields, die hier bestattet wurden und warum bauten sie gleich zwei fast identischen Mausoleen nebeneinander?

Die Lairds of Grant waren die Chiefs des Clan Grant, es gelang ihnen, das Earldom of Seafield und die ausgedehnten Gebiete der Ogilvies, Earls of Findlater und Seafield zu erobern. Das Wappen der Ogilvie Grants und Earls of Seafield befindet sich auf dem Mausoleum, das am nächsten an der Kirche von Duthil liegt, nicht jedoch auf dem zweiten.

Das Symbol des Clan Grant ist die lange und uralte schottische Kiefer, einige ragen hoch hinter den Mausoleen empor. Die Kirche steht hier seit dem 17. Jahrhundert, aber die erste Kirche in Duthil stammt aus dem Jahr 1400. Das Clan Grant Center bietet Informationen und Hilfe hauptsächlich für Clanmitglieder aus der ganzen Welt, viele Grants aus Amerika oder Kanada suchen in Schottland nach ihren Ursprüngen. Das Clan Grant Center ist eine der Anlaufstellen für Namenstouristen aus Übersee.

Die Geschichte der Seafield Mausoleen ist tragisch, in ihrem Zentrum stehen Mütter und ihre Söhne, es geht um Trauer und individuellen Verlust, über das Weiterleben und den Versuch, damit fertig zu werden.

Die Grants bauten im 19. Jahrhundert das erste Mausoleum, das mit dem Familienwappen. Mary Ann Dunn, die Frau des 6. Earl of Seafield, starb 1840 im Alter von 45 Jahren. Sie sollte die erste sein, die im neuen Familienmausoleum beigesetzt wird. Sie hatte geheiratet, als sie erst 16 Jahre alt war, und dem Earl sechs Söhne und eine Tochter geboren. Der erste Sohn war in sehr jungen Jahren gestorben, der zweite, wurde dann Erbe und trug damit den Titel Master of Grant. Sein Name war Francis William, er war Kirchenältester und Abgeordneter im Parlament in Inverness.

Als seine Mutter starb, machte er sich auf den Weg nach Cullen House. Francis William war in London gewesen und kehrte nun gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder John Charles nach Hause zurück. Er fühlte sich nicht gut und ging ins Bett. Francis William Grant wurde am nächsten Tag tot in seinem Bett aufgefunden. Er war nur 25 Jahre alt geworden.

Der Sohn stand bei der Beerdigung nicht am Grab seiner Mutter, er wurde mit seiner Mutter beigesetzt, in dem Mausoleum, das die Familie frisch gebaut hatte. Nicht ein Tod wurde von der Familie betrauert, sondern zwei. Der Schmerz der Angehörigen muss immens gewesen sein.

Die Beerdigung war groß und machte einen ebenso großen Eindruck, nicht nur regional. Die Zeitungen berichteten über die Tragödie, die Arbeit in der Gegend ruhte, die Kirchenglocken läuteten und der Trauerzug war fast eine Meile lang. Der Kutsche mit der Leiche von Lady Grant war schwarz dekoriert, die ihres Sohnes ganz weiß. Es war Frühling 1840 und das Mausoleum war neu und leer. Jetzt nahm es gleich zwei Leichen auf einmal auf. Es sollten noch mehr kommen.

Der trauernde Vater und Ehemann heiratete drei Jahre nach der doppelten Beerdigung erneut, bekam aber keine Kinder mehr. Seine zweite Frau ging nach seinem Tod zwei weitere Ehen ein. Und John Charles trat die Nachfolge seines Vaters als 7. Earl of Seafield an.

Die Frau von John Charles beschloss ein paar Jahre darauf, die letzte Seafield zu sein, die in dem Mausoleum ruhen würde. Es war Herbst 1911 und Caroline Stuart, die Witwe des Earls führte die Geschäfte. Sie hatte dieses Recht von ihrem Sohn, dem 8. Earl of Seafield, geerbt, der vor ihr gestorben war. Er war der einzige Sohn des Paares gewesen.

Die Frau und die Mutter des Earls war die Letzte, die sich im Familienmausoleum bestatten ließ. Für die kommenden Generationen ließ sie ein neues bauen, das aber genauso aussah, wie das, in dem sie bestattet werden wollte. Mit ihr würde eine Linie zu Ende gehen.

Die Beerdigung der Witwe von Seafield war ein düsteres Ereignis, der Geistliche hielt die Ansprache im Mausoleum selbst, die Menschen standen im Friedhof und hörten zu. Dann trat Duncan MacDonald aus dem Schatten der Bäume. Er war der Dudelsackspieler der Mackintoshs und er verabschiedete Lady Caroline Stuart mit all den Ehren, die einer Gutsherrin ihrer Klasse zustand. Er spielte The Lament for the Only Son, die Klage um den einzigen Sohn.

Dann wurden die Türen des Mausoleums für immer verschlossen.

 

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mörderische Dänen und die Kirche auf den Klippen

Es war zu Beginn der letzten Jahrtausendwende, die Dänen machten noch immer die schottischen Küsten unsicher und die Clanchiefs hatten alle Hände voll zu tun, die Eindringlinge abzuwehren. Im Jahr 1004 fielen die Dänen in Banffshire ein und wurden von den Einheimischen mit aller Härte empfangen.

Es gab nicht viele Stellen an der Küste, wo mehrere Boote problemlos anlegen konnten, hier war eine und die Einwohner hatten die Eindringlinge erwartete. Sie hatten sich mit allem bewaffnet, was ihr bescheidenes Leben hergab. Selbst die Frauen füllten ihre Strümpfe mit Steinen und schleuderten diese auf die heranstürmenden Männer, die eigentlich weiter nach Caithness wollten aber Wasser und etwas zu essen brauchten. Sie hatten nicht die Absicht, freundlich darum zu bitten. Es waren weit über 500 hungrige und wilde Männer, die da auf Gamrie und seine Einwohner zustürmten.

Die Schlacht der Bleedy Pits von Gamrie war eine Schlacht, die viel mit schlachten zu tun hatte. Das Schlachtfeld oben auf dem Moor soll vom Blut der Dänen so durchtränkt gewesen sein, dass sich in den Senken blutige Seen bildeten. Wie viele es genau waren ist nicht überliefert aber die Zahl der Toten muss groß gewesen sein. Man hatte die Leichen zur Massenbestattung in die Senken geworfen. Aber es war noch nicht vorbei.

Diese für die Schotten so siegreiche Schlacht war der Grund, warum heute eine Kirche in Gamrie steht, denn der Clanchef, der Than von Buchan, hatte geschworen, an der Stelle wo die Dänen ihr Lager aufgeschlagen hatten eine Kirche zu bauen und sie dem Heiligen Johannes zu weihen, wenn der Herr ihm den Sieg über einen zweiten Angriff gewähren würde.

Die Dänen hatten sich auf den Klippen so gut verschanzt, dass es schier unmöglich schien, sie zu bezwingen. Nach Monaten der Belagerung gewährte der Herr (so glaubte der Than) ihm den Sieg und nun blickt die Kirchenruine grau und mahnend hinaus aufs Meer über die rostbraunen Klippen als wolle sie noch immer einfallenden Dänen entgegenstehen. Die heutige Kirche ist natürlich späteren Datums, der erste Bau stammt aus dem 12 Jahrhundert, die heutige Ruine geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Der Name Gamrie ist Gälisch (Ghaemerie) und bedeutet die laufende Schlacht. Heute heißt der Ort Gardenstown.

Allein drei große dänische Herrscher waren unter den Toten auf dem Moor. Ihre abgetrennten Schädel wurden in die Kirchenfassade gemauert so heißt es, um dort ganze 800 Jahre mit grausigem Grinsen an die Schlacht zu erinnern, in der sie ihren Tod erblickten. Davon ist nichts mehr zu sehen, doch der Standort der Kirche ist einzigartig, der Blick atemberaubend.

Der Weg dorthin ein kleines Abenteuer auf der steilen Single Track Road. Am Ende geht es nur noch zu Fuß. St John’s war über viele Jahre die Gemeindekirche und was das an einem Sonntag bedeutet hat für die gläubigen Familien, im Anzug und dem besten Kleid den langen Weg von Gamrie oder Macduff bis zur Kirche auf den Klippen, das ist heute nur schwer vorstellbar.

Banff-tastisch

Mit quietschenden Schuhen verließ der adrette Ober den Raum. Ich sah mich um im Speisesaal des County Hotel. Das konnte ich ganz ungeniert tun, ich war der einzige Gast. Ein beeindruckendes Gebäude, elegant auf zwei Ebenen, gebaut für den Provost (Bürgermeister) George Robinson im Jahre 1770. Später gehörte es wohl einer reichen Bürgerin, die mit Leinen viel Geld gemacht hatte und ich bin mir sicher, dass sie den Blick aus dem ersten Stock genauso genossen hat wie ich.

Das Ambiente nobel und ein bisschen in die Jahre gekommen, Dekor schottisch mit einem französischen Touch, das muss am Chef liegen, der Franzose ist und auch kocht. Das war für mich der Grund, mich für ein Abendessen im Hotel zu entscheiden.  Den meisten Besuchern von Banff geht das wohl anders, der unglaublich großen Zahl von Fast Food Läden aller Nationen nach zu urteilen.

Nun saß ich also alleine beim Abendessen, vermisste den Mann ein wenig, hatte aber prinzipiell kein Problem damit. Ich hatte ja einen Ober, der mich unterhielt. Der quietschte gerade wieder herein.

„Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?“ fragt er.

„Ich nehme ein Glas Rosé von dem Hauswein als Aperitif.“

Er schaut leicht verwirrt in die Karte und dann zu mir. „Was für ein Glas wollen sie?“

Ich überlege, derweil geht er zur Anrichte und bringt mir zwei leere Gläser.  „So eins, oder so eins?“ fragt er und hält je eins in der Hand.

Ich deute auf das kleinere der beiden und er quietscht mit seinen wohl neuen Schuhen und beiden Gläsern aus dem Speisesaal, kommt aber kurz darauf mit dem gefüllten kleineren Glas wieder zurück und stellt es vor mich hin. Es ist eiskalt und der Rosé sehr trocken, genau, wie man es von einem Franzosen in der Küche erwarten würde. Trés bien!

Der Ober kämpft jetzt mit drei Karten, dem Weihnachtsmenu, das noch Gültigkeit hat, der eigentlichen Karte und der Weinkarte und versucht mir alles aufgeschlagen gleichzeitig zu reichen. Wir jonglieren das gemeinsam irgendwie hin. Ich bestelle ein großes Glas Merlot und ein Rindersteak. Die Karte ist ein sehr guter französisch-schottischer Mix und es fällt mir sehr schwer, mich zu entscheiden.

„Wollen Sie eine Vorspeise?“ fragt der Ober und zappelt dabei unruhig.

„Nein.“ danke sage ich und knabbere an den Chips aus dem kleinen Schälchen, das es zum Aperitif gab.

„Wollen sie vielleicht noch mehr Chips?“ fragt er dann, fast schon erfreut. Das edle französische Ambiente ist eher nicht seins und er macht den Job noch nicht lange aber er ist mit vollem Engagement dabei.

Ich verneine mit einem strahlenden Lächeln und beantworte die nächste Frage, wie ich denn das Steak will, mit medium, aber schottisches medium, nicht französisches. Das ist mir zu blutig und bei einem französischen Koch…

Nun ist aber der Ober ganz verwirrt, trägt die Order aber wohl ganz genauso in der Küche vor, denn das Steak kommt perfekt so wie ich den Garpunkt gerne mag und es ist darüber hinaus unfassbar lecker. Die Röstzwiebeln leicht und knusprig, das Ratatouille würzig, die Pommes aus frischen Kartoffeln, die Pilze ein Genuß. Ich esse beglückt vor mich hin, da quietscht der Ober auf schnellen Schuhen wieder herein.

„Ich habe ihr Steakmesser vergessen.“ ruft er mir aus ein quer durch den Saal entgegen, ganz besorgt, wegen seines Versäumnisses. Der Chef hat in der Küche wohl nachgefragt, ob er auch daran gedacht hat. Nun steht dem jungen Mann schon der Schweiß auf der Stirn.

„Sagen sie den Chef es schmeckt wunderbar.“ sage ich ihm. „Das muss ganz schön schwer sein, das großartige Essen zu servieren und nichts davon essen zu dürfen.“ sage ich. Er sieht irgendwie hungrig aus.

„Ich darf nur servieren.“ sagt er mit Trauer in der Stimme, „nicht essen. Aber der Duft….!“ Diesen letzten Satz lässt er wie den Rauch einer guten Zigarre durch den Raum schweben.

Ich bin mir nicht sicher, ob er für den Job wirklich gemacht ist, aber wahrscheinlich gibt es in Banff nicht wahnsinnig viel Jobs zur Auswahl. Zum Nachtisch serviert er mir Vanilleeis mit Toffee und ich frage, ob sie Espresso haben. Dann wäre mein Glück wahrlich perfekt.

Er kommt wieder aus der Küche zurück, offensichtlich kann er keine meiner Fragen selbst beantworten, weil sehr wahrscheinlich nicht viele Gäste diese Fragen stellen in Banff. In Frankreich wohl aber das weiß der Ober ja nicht. Er schaut mahnend auf die Uhr, sagt aber nicht wie spät es ist.

„Sie können auch entkoffeinierten Kaffee haben.“

Es ist also spät. Ich versuche mein Lächeln zu verstecken. „Das schaffe ich schon, ist ja erst acht Uhr.“Dann genieße ich und nehme eine Flasche des hervorragenden französischen Weißweins mit aufs Zimmer. Endlich mal kein Chardonnay, den sie in Schottland sonst überall anbieten, warum wird sich mir nie erschließen.

„Mit einem großen Glas.“ sage ich gleich, damit er Bescheid weiß. Er kommt mit einem normalen Weißweinglas zurück, nix mit langem Stil und großem Kelch aber egal. Es kommt auf den Wein an und der ist klasse.

Es war ein ausgesprochen leckeres und auch amüsantes Essen im County Hotel in Banff. Ein Besuch lohnt sich, aus vielerlei Gründen.

Die Reise nach Banff

Ich hatte diese Kurzreise schon länger geplant und nun ging es also los: Recherche für das neue Buch, ein paar Friedhöfe und ein leckeres Abendessen so war der Plan und so ist es meist mit unseren Kurztrips. Nur dieses Mal konnte der Mann leider nicht mitkommen. Wir hatten es mehrfach hin und her geschoben aber keine Luft an den wenigen Wochenenden, an denen ich in den Highlands bin. Also bin ich unter der Woche alleine los. Das Ziel: Banff und Banffshire.

Das alte Banffshire treibt einen Keil zwischen Inverness-shire und Elginshire im Westen und Aberdeenshire im Osten, bis tief hinein in die Cairngorms. Die Region umfasste damit sowohl flaches Küstengebiet im Norden als auch hohe Berge an der südlichsten Spitze. Dazwischen breiten sich im Wechsel dunkelbraune die Farmerde und flachsfarbene Getreidefelder aus. Die Küste Banffshires, mal flach mal steil, war trotz ihrer bescheidenen Länge im frühen 20. Jahrhundert eine der wichtigsten für die schottische Schifffahrt.

Ich habe ein paar Punkte auf Google Maps gesetzt und mache mich auf den Weg. Der Winter in diesem Jahr ist seltsam, kein Eis, so gut wie kein Schnee aber dauerhaft Wind und Regen. Auf dem Weg nach Banff aber Sturm mit Böen von bis zu 80 km/h. Eine ganz schön wacklige Angelegenheit. Eine Stunde brauche ich bis zum Laden mit der ersten Costa Kaffeemaschine und frischen Brötchen, hier gibt es sogar Baguette. Aber leider ist die Maschine außer Betrieb und ich muss nochmal eine halbe Stunde bis zum Frühstück draufpacken. Dann bin ich schon hinter Inverness und das Banff Abenteuer kann beginnen.

Ich stoppe an den Seafield Mausoleen in Duthill, schlage mich durch den Sturm und das Hinterland und zwischendurch kommt sogar mal die Sonne raus. Die Bilder muss man aber vom Auto aus machen, weil der Sturm so stark ist, dass man nicht geradestehen kann. In Banff angekommen mache ich eine kleine Tour durch das sehr hübsche Städtchen und natürlich an den Hafen, wunderschön in der Abendstimmung. Es ist zwar erst gegen 15:30 Uhr aber im Januar wird es ja schnell dunkel.

Das Auto habe ich am Hotel abgestellt und weil ich ja nun nicht mehr fahren muss, beschließe ich, mir einen kleinen pre-dinner Drink zu gönnen. Wo also ist in Banff das Pub? Ich wandere durch die Straßen, bewundere das Marktkreuz, den schmalen Turm, das Gerichtsgebäude und alles, was es sonst noch an edlen Gebäuden aus vergangenen Jahrhunderten zu bewundern gilt.

Und die Einheimischen, die ihre letzten Besorgungen mit den Hausschuhen erledigen.

Ein Pub finde ich lange Zeit nicht, doch dann steht es vor mir, das Ship Inn. Drinnen ist es genauso, wie man sich ein Pub der Fischer vorstellt, etwas heruntergekommen, sehr klein und in Anbetracht der Tatsache, dass es Januar ist und damit so gut wie kein Fischer unterwegs auch ziemlich leer. Dafür brennt ein kleines Kaminfeuer. An einem Tisch sitzen zwei Frauen, die beide aufstehen, als ich hereinkomme.

„Heute Frauenabend?“ frage ich und die beiden lachen.

„Sieht so aus.“ sagt die Blonde und tritt hinter den Tresen. Sie ist offensichtlich die Barfrau und sieht auch genauso aus, wie man es sich vorstellt, schlank, blond und ein Raucherinnengesicht wie frisch aus Coronation Street.

„Mir wird heute einfach nicht warm.“ sagt die andere, die einen pinkfarbenen Plüschmorgenmantel über ihren normalen Klamotten trägt. Ich schaue sie wohl etwas verwundert an. Das Outfit passt nun nicht gerade in meine Vorstellung vom Pub der Fischer.

Die Blonde hinter meinem Tresen hat meinen Blick wohl bemerkt und fügt mit einem Blick auf den Morgenmantel an: „Sie darf das, sie ist die Chefin.“

Ich nicke und setze mich an den Tresen. Ich bin also allein im Pub der Fischer mit einer Frau im Morgenmantel und einer, die mir das Bier zapft. Die Unterhaltung kreist um Donald Trump australische Buschfeuer und Enkelkinder. Wenig später geht die Tür auf und ein Mann kommt rein. Auch kein Fischer wie sich herausstellt. Das ist nun der Chef. Als letztes trottet ein zutraulicher Collie herein. Der Haushund.

„Muss eine ganz schöne Arbeit sein bei dem Fell, wenn der Hund im Meer war.“ sage ich zum Chef. Schließlich ist das Pub nur einen Steinwurf vom Strand entfernt.

„Oh, der geht nie ins Wasser.“ winkt der Chef des Ship Inn ab. „Wasser mag er nicht.“

Ich schon denke, ich und genieße den Rest der blauen Stunde draußen am Strand. Dann wartet das Abendessen im Hotel auf mich und das ist natürlich ein weiteres Abenteuer Highlands.

nächsten Sonntag: Banff-tastisch!

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Ich hasse den Flughafen in Frankfurt/Main, hasse ihn aus ganzem Herzen. Die Anfahrt ist jedes Mal mit Stau verbunden, das Parken entweder mit einem Vermögen oder einer Shuttle-Odyssee von wer weiß wo in Hessen und Security macht mich mit großer Zuverlässigkeit so aggressiv, ich möchte Amok laufen gegen die Herdenhaltung von Passagieren und dem damit einhergehenden Verlust der Würde und Selbstbestimmung.

Es hat ja noch verhältnismäßig lustig angefangen. Der Mann und ich waren in meinem Auto unterwegs nach Frankfurt, dort haben wir den Check-In beim Shuttle-Unternehmen schnell gefunden und auch die Parkanleitung (mit Code für das Rolltor) problemlos gemeistert. Der Busfahrer, der uns zum Terminal 1 brachte, war gut gelaunt und plauderte wild auf den Mann los. Der kann zwar seit er Duolingo macht sogar etwas Deutsch sprechen aber mit seinem Paradesatz „Ich habe fünf Hunde und elf Katzen“ kommt er nicht weit. Ich erkläre also dem Busfahrer, dass der Mann kein Deutsch spricht.

Flughafen-Shuttle Schild

„Was ist er denn?“ fragt er vom Fahrersitz herüber.

„Schotte.“ sage ich.

„Dann spricht er also Englisch.“ stellt der Busfahrer mit Überzeugung fest.

„Naja,“ sage ich. „So eine Art.“

Worauf der Mitreisende im Bus zu kichern beginnt.

Am Terminal 1 angekommen ist aber Schluss mit lustig. Der Mann muss seinen Koffer einchecken. Wir fliegen Lufthansa und das heißt ab an den Automaten. Ich hasse diese Dinger, weil sie nie funktionieren. Und na klar – er funktioniert nicht. Das gelangweilt rumstehende Servicepersonal der Lufthansa hat im Laufe der Karriere das Ignorieren von hilflosen Fluggästen an einem ihrer Automaten perfektioniert und schlendert beiläufig hin und her. Alle vier!

Gepäcktrolleys am Flughafen Glasgow

„Entschuldigung. Wäre einer von Ihnen mal so freundlich, zu helfen?“ sage ich im Kommandoton. Einer zuckt mit den Schultern und schlurft zum Mann hin. Er murmelt ein paar sinnlose Ratschläge und besteht darauf, dass er den Automaten nicht berühren darf. Das sind die Regeln, meint er mit einem Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch duldet. Ich bin kurz versucht ihm verständlich zu machen, was ich von seinen Regeln halte, ziehe es aber dann doch vor an den Schalter mit dem echten Personal zu gehen, zu dem man nur gelangt, wenn man vorher am Automaten ein paar Nerven gelassen hat.

Nachdem der Koffer endlich weg ist, kommt die Sicherheitskontrolle. Man treibt uns durch endlose Sinnlosschleifen von Absperrband Richtung nächstem Automaten. In Schottland treiben sie so die Schafe zum Desinfizieren. Ich bin völlig Laus frei und schon ziemlich genervt. Natürlich funktioniert auch dieser Automat nicht, mit dem die Bordkarte gescannt wird und ich werde in eine andere Schlange getrieben. Irgendwann sind der Mann und ich dann da, wo das Handgepäck geprüft wird und man alles wieder auspacken muss. Hinter mir drängeln die deutschen Urlauber mit ihren eingetüteten Flüssigkeiten unter 50 ml. Vor mir sortiert sich ein englisches Paar. Der Mann kämpft in der Schlange neben mir. „Ich bin so genervt, ich möchte mich lauthals auf Artikel eins des deutschen Grundgesetzes berufen und Die Würde des Menschen ist unantastbar! schreiend durch die Security Zone brechen,“ murmle ich dem Mann zu.

„Keine gute Idee meint er und schaut nach vorne.“ Mein Blick fällt auf die drei schwer bewaffneten Polizisten, die am anderen Ende des Raumes stehen, mit Gewehr und schusssicheren Westen.

„Ich wäre wohl nicht erfolgreich aber einen Aufstand könnte ich schon machen,“ sage ich. Schließlich bin ich Journalistin.

„Das ist bei uns nicht unbedingt ein Nachweis der Integrität,“ meint der Mann mit leichtem Sarkasmus im Unterton. Er ist kein Freund der BBC.

Ich schreite durch den Bodyscanner, stelle meine Füße brav in die vorgeschriebenen Fußspuren und halte meine Arme genauso, wie sie es wollen und sammle die Einzelteile meines Gepäcks wieder ein. Da tritt die Engländerin auf mich zu, die vorhin in der Schlange vor mir war.

„I‘m sorry. I just wanted to say thank you for what you do.“

Ich schaue sie verständnislos an. Wofür bedankt sie sich bei mir? Was tue ich denn?

„Ich meine es ernst,“ sagt sie und nickt. „Danke, dass sie in diesen dunklen Zeiten Journalistin sind.“

Frankfurt Flughafen

Sie meinte natürlich die schwierige politische Situation rund um den unsäglichen Brexit und weniger die Behandlung, die einem an großen Flughäfen wie Frankfurt zu Teil wird. Ich sah der Frau nach, wie sie mit ihrem Mann im Gewühl der Menschen auf dem Weg nach irgendwo verschwand.

Sie hatte mir soeben meine Würde wiedergegeben.

PS: Der Mann weist mich gerade darauf hin, dass er sagen kann „Ich habe elf Katzen und fünf Hunde“ und nicht „Ich habe fünf Hunde und elf Katzen“. Ordnung muss sein. 😂

 

Der Kopf im Koffer

Gorgeous“, sagt der Mann zu mir mit diesem für Glasgow so typischen Overstatement der weiblichen Vorzüge seiner Partnerin, „ich habe dein Weihnachtsgeschenk und ich möchte es dir jetzt schon geben. Es ist Ende November und noch ein ganzer Monat bis Weihnachten, was bei mir zwei Fragen gleichzeitig aufwirft:

  1. Warum hat der Mann schon mein Weihnachtsgeschenk gekauft?
  2. Warum kann er es nicht selbst mitbringen, wenn er mich an Weihnachten besuchen kommt? Dieses Jahr ist das Jahr Weihnachten mit der deutschen Familie.

„Es wäre mir lieber du nimmst das durch den Zoll, bei mir könnte es Probleme geben.“ meint er als Erklärung.“

Werden langhaarige Männer mit Bart strenger kontrolliert als Frauen frage ich mich kurz? Ich vermute allerdings schon. Aber was nur will er nicht durch den Zoll bringen?

Skull

Einen Totenkopf. Fantastisch! So einen habe ich schon immer gewollt für die Bibliothek. So als Sinnbild für die Sterblichkeit. Und weil ich Hamlet liebe, zum großen Monolog gehört einfach ein Schädel. Alas, poor Yorrick!

Totenschädel im Koffer

 

Aber nun sehe ich auch das Problem am Flughafen … ich habe einen Kopf im Koffer und auch wenn es sich um eine Theaterrequisite handelt, sieht sie doch täuschend echt aus.

Am nächsten Morgen beim Einchecken am Flughafen von Inverness wispere ich leise der Schalterdame entgegen: „Ich hab‘ da was Ungewöhnliches im Koffer, nur wegen ihres Scanners, es ist ein….

„Dann bitte zum Sondergepäck da drüben.“ sagt sie bestimmt, ohne auch nur im Ansatz wissen zu wollen, um was es sich handelt.

Totenschädel verpacktAlso rüber zum Sondergepäck, wo sonst nur die mit Skiern oder Kinderwägen anstehen. Nun also ich mit meinem Totenschädel. Ein Schotte Mitte vierzig liegt müde in seinem Stuhl, es ist kurz nach 5 Uhr am Morgen und wir sind alle noch nicht wach. Neben ihm sitzt eine aufrechte, aufgeweckte junge Kollegin, die mit offensichtlichem Eifer dabei ist, ihren Job zu lernen.

„Ich habe da etwas Ungewöhnliches in meinem Koffer.“ sage ich mit leiser Aufregung in der Stimme. Der Mann bleibt auf seinem Stuhl liegen und winkt nur lässig ab.

„Alles schon gesehen!“ sagt er. Seine Kollegin dagegen hat die Wichtigkeit dieser Aussage erkannt und sitzt nun noch aufrechter als eben schon.

„Aber ich hab‘ einen Schädel“ sage ich mit Vorwurf in der Stimme. Ich habe alle 12 Staffeln von Bones – die Knochenjägerin gesehen, ich weiß genau, wie echt mein Schädel aussieht.

Totenkopf

„Alles schon gesehen!“ winkt er wieder ab, rollt aber nun mit dem Bürostuhl vor seinen Monitor und prüft das Gepäckstück, das ich aufs Laufband gelegt habe. Die junge Kollegin prüft leidenschaftlich mit. Wahrscheinlich hat sie noch nicht alles gesehen.

Er nickt und ich frage, ob ich auch mal sehen darf. Er nickt wieder und dreht den Monitor. Mann kann jede Einzelheit erkennen von dem Kopf, den ich im Koffer transportiere. Wäre ich die schottische Flughafenpolizei, ich würde mich wegen Mordes verhaften.

Ich bekomme statt dessen meinen Quittungszettel und kein Mensch fragt mich mehr nach meinem Kofferinhalt. Auch nicht in Heathrow, wo ich meinen zweiten Flug antrete. Ganz so, als ob ständig irgendein Deutscher mit einem Schädel im Gepäck aus Schottland zurückkommt.

Vielleicht bin ich ja nicht die Einzige mit einer Bibliothek…..

Skull and light