Sneak Preview 5 – Reiseinspirationsbuch Schottland

Die Zwillingssöhne von Robert Bruce

Der eindrucksvolle Turm des Klosters Restenneth verleiht der bescheidenen Einfachheit des Bauwerks aus dem 12. Jahrhundert Größe. Die Ruine ist eine der ältesten Kirchen in Schottland und liegt abseits der großen touristischen Besucherziele. Dabei hat sie historisch durchaus Bedeutung.

© Ewan Roy MacGregor Abenteuer Highlands Reiseführer Angus

Restenneths Geschichte ist lang und reicht weit zurück, bis ins 8. Jahrhundert, als der König der Pikten Nechtan mac Derile war. Der hatte die Krone von seinem Bruder übernommen aber seine Regierungszeit war wenig erfolgreich.  Er verlor schnell an Macht und Status an seine Gegner in Northumbria. Der religiöser Einfluss Northumbrias auf dieses Gebiet, das heute als Angus bekannt ist, war beträchtlich. Nechtan sandte einen Brief an den Abt Ceolfrith von Monkwearmouth in Durham und bat um Maurer, die im römischen Stil bauen können. Die Kirche von Restenneth wurde dem Heiligen Petrus geweiht. So wie viele andere Kirchen in Angus. Viele glauben, dass die Fundamente des Turms piktisches Mauerwerk sind. Auf dem Gelände wurden keine piktischen Symbolsteine ​​gefunden.

Aus der schlichten Kirche wurde ein Kloster. König Malcom IV gab sie im Jahr 1153 den Augustinern von Jedburgh Abbey. Das kleine Kloster wuchs und gewann an Ansehen und Vermögen.  In den ersten Jahren der Unabhängigkeitskriege (14. Jahrhundert) wurde das Kloster weitgehend zerstört. Der siegreiche Robert der Bruce zerstörte im Guerillakrieg um die schottische Unabhängigkeit die nahe gelegene Burg von Forfar und wahrscheinlich auch das Kloster, um sie nicht in die Hände der Feinde fallen zu lassen. Nun gewährte er Geld für den Wiederaufbau. Eine Art Sühne?

© Ewan Roy MacGregor Abenteuer Highlands Reiseführer Angus

Eine gewisse Bedeutung muss dieser Ort für den berühmtesten aller schottischen Könige gehabt haben, hier begrub er seinen Sohn und Erben, auf den er so lange gewartet hatte. Als er endlich geboren wurde war der König um die 50 Jahre alt und nach all den Jahren des Versteckens und des Kampfes sehr müde.

Dieser schlichte, stille Ort ist die Grabstätte eines Prinzen, ein möglicher Monarch von Schottland, ein lange herbeigesehnter Sohn von Robert Bruce. Sein Name war John.

John war das zweite Kind seiner zweiten Frau Elisabeth de Burgh, geboren im Oktober 1327, gestorben wenig später. Der Rest der Familie von Robert Bruce ist in Dunfermline Abbey begraben. Aber nicht John. Warum?

Einige Historiker glauben, dass John der ältere von zwei Zwillingssöhnen war, die dem König geboren wurden. Der jüngere Zwilling David überlebte und folgte seinem Vater auf den Thron. Er war der einzige männliche Erbe, König Robert I hatte mehrere uneheliche Söhne, von seinen beiden Frauen aber hatte er nur Töchter.

Der Sohn, dem es bestimmt war König zu werden, starb früh und wurde hier beigesetzt. Nichts erinnert mehr an das Grab des Prinzen. Das Kloster liegt in Ruinen.

Liebe Leser,

wie manche von euch schon wissen schreibe ich gerade an einem weiteren Buch und natürlich spielt Schottland wieder die Hauptrolle. Ich habe über die Jahre in Schottland so viele Geschichten und spannende Hintergründe zusammengetragen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu einem Buch zusammenzufügen.

Und nun hätte ich von euch gern so viel wie möglich Feedback zu allem was euch gefällt oder nicht: Schreibstil, Themenauswahl, Inhalt, Struktur, Bilder usw. 

Die Fotos liefert der Mann zu, es wird also ein schottisch-deutsches Gesamtwerk und macht schon deshalb sehr große Freude. 

In den nächsten sechs Wochen werde ich immer sonntags Teile des ersten Kapitels hier vorveröffentlichen und hoffe sehr, dass von euch viele Rückmeldungen kommen. Seid kritisch!  Bringt euch ein! Danke. 

Nellie

nächsten Sonntag: Spezialitäten aus Angus

 

Sneak Preview 4 – Reiseinspirationsbuch Schottland

Arbroath und der schottische Löwe

Eine königliche Bestattung ist ein seltenes und besonderes Ereignis in der Geschichte einer Nation, ein politischer Einschnitt, nach dem ein neues Kapitel Geschichte geschrieben werden muss. Dies gilt zweifellos für die meisten Könige, nicht nur für die schottischen. Königsgräber scheinen daher von besonderer Bedeutung zu sein, weil sie so viel mehr als nur das Ende eines Lebens symbolisieren. In Schottland gibt es außerhalb der Insel Iona wenig Königsgräber. Eines findet  man unweit der windgepeitschten Ostüste,  in Arbroath.

NOrdsee Osteküste Schottalnd Strand Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Angus

Wilhelm I, genannt der Löwe, starb am 4. Dezember 1214 in Stirling. Seine Leiche wurde in der Abtei von Arbroath zur ewigen Ruhe gelegt, die massive Grabplatte wirkt in der riesigen, Gras bewachsenen Kirchenruine klein und wenig unscheinbar.

© Ewan Roy MacGregor Abenteuer Highlands Angus

William I war 1174 in England eingedrungen, doch die Invasion endete katastrophal für Schottland, der König wurde gefangen genommen. Nun fiel der englische König Henry II seinerseits in Schottland ein. Dieser Feldzug war erfolgreich, William musste sich fortan unter dem englischen „Joch“ beugen, die schottischen Burgen wurden mit englischen Truppen besetzt, die Bevölkerung stark besteuert. Erst als William der Löwe dem neuen englischen König Richard Löwenherz eine große Summe für dessen Kreuzzug bezahlte, wurden die Burgen schließlich zurückgegeben.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Angus

William gründete eine Abtei in Arbroath, in der er vierzehn Jahre später zur Ruhe gebettet wurde. Die Abtei widmete er seinem Freund, Thomas Becket, dem ermordeten Erzbischof von Canterbury. Der war von Attentätern im Auftrag des englischen Königs Henry II ermordet worden. In dieser Abtei wurde nicht nur der König begraben, hier wurde auch über hundert Jahre später die Unabhängigkeit Schottlands ausgerufen. Die Declaration of Arbroath ist eine der ältesten Unabhängigkeitserklärungen der Welt.

Solange auch nur hundert von uns übrig sind,

werden wir uns niemals und unter keinen Umständen in das Joch englischer Herrschaft zwingen lassen.

Wir kämpfen nicht für Ruhm,  Reichtum oder Ehre sondern für die Freiheit, die kein ehrenhafter Mann aufgibt. Er gibt für sie sein Leben.

Deklaration von Arbroath, 1320

 

Diese Erklärung ist ein wichtiger (wenn nicht der wichtigste) Teil der schottischen Geschichte. Einundfünfzig schottische Adlige unterzeichneten sie am 6. April 1320 und gaben ihre Stimme für die Unabhängigkeit Schottlands. Das Dokument wurde an Papst Johannes XXII nach Avignon geschickt. Später folgte der Friedensvertrag zwischen Schottland und England. Die Deklaration von Arbroath war ein Meilenstein auf dem Weg zur eigenständigen Nation unter König Robert I.

Das Wappen König Williams I ist bis heute Teil der Flagge Schottlands, der rote Löwe auf gelbem Grund, der sogenannte Lion Rampant, den sich viele gerne auf ihr Auto kleben aber von dem die wenigsten wissen, was er wirklich bedeutet.

Liebe Leser,

wie manche von euch schon wissen schreibe ich gerade an einem weiteren Buch und natürlich spielt Schottland wieder die Hauptrolle. Ich habe über die Jahre in Schottland so viele Geschichten und spannende Hintergründe zusammengetragen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu einem Buch zusammenzufügen. 

Was ihr nun gelesen habt, ist ein Teil des ersten von rund 40 Kapiteln und nun ich hätte gerne von euch gern so viel wie möglich Feedback zu allem was euch gefällt oder nicht: Schreibstil, Themenauswahl, Inhalt, Struktur, Bilder usw. 

Die Fotos liefert der Mann zu, es wird also ein schottisch-deutsches Gesamtwerk und macht schon deshalb sehr große Freude. 

Im Juni werde ich immer sonntags Teile des ersten Kapitels hier vorveröffentlichen und hoffe sehr, dass von euch viele Rückmeldungen kommen. Seid kritisch!  Bringt euch ein! Danke. 

Nellie

nächsten Sonntag: Die Zwillingssöhne von Robert Bruce

Sneak Preview 2 – Reiseinspirationsbuch Schottland

Die Untote von Edzell

Edzell (sprich: edschell ) ist ein malerisches kleines Städtchen aber Aussehen kann täuschen. Zum einen ist Edzell überhaupt nicht wirklich Edzell, das ging im Laufe der Jahrhunderte irgendwie verloren. Diese Siedlung hieß ursprünglich Slateford und bekam den Namen Edzell, nachdem das gleichnamige Dorf in der Nachbarschaft von seinen Bewohnern aufgegeben worden war. Das verlassene Dorf lag da, wo heute der Friedhof liegt und der birgt ein dunkles Geheimnis: hier ist das Grab einer Untoten.

Das Mausoleum der Familie Lindsay ist der einzige noch übrig gebliebene Teil der 1818 zerstörten Kirche. Um dieses Grabgewölbe und um die Lindsay-Familie rankt sich eine  Überlieferung, noch faszinierender und merkwürdiger als die des verlorenen Dorfes.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Angus

Die Lindsays waren eine wohlhabende Familie, die im nahe gelegenen Schloss Edzell lebte. Der Earl of Crawford aber verlor Anfang des 18. Jahrhunderts sein Vermögen. Die Geschichten, die sich um diese Familie ranken sind zahlreich und fesselnd zugleich, manche sind romantisch, andere beängstigend, diese ist beides. Sie spielt zu einer Zeit, als viktorianische Gruselromane populär waren und Werke wie Dracula, Frankenstein oder die Geheimnisse von Udolpho geradezu verschlungen wurden. Die Leser waren fasziniert von  Vampiren, Geistern und dem Leben nach dem Tod. Die Untoten waren mehr als nur eine weit hergeholte Angst, sie schienen Realität und die lag in Edzell näher, als manch einem lieb war.

Und hier ist die Geschichte (fairerweise muss gesagt werden, sie wird von mehreren Orten und mehreren toten Frauen erzählt): Es war einmal eine junge und höchstwahrscheinlich schöne Frau, deren Namen nicht bekannt ist. Sie war eine Lindsay, reich und tief betrauert als sie starb. Sie brachten ihre Leiche zur Familiengruft, Gold und Schmuck funkelten im Sarg. Dieser Überfluss war natürlich verlockend für jene in Edzell, die mit Reichtum nicht so gesegnet waren, wie die Lindsays. Der Küster sah wohl die Chance seines Lebens. Endlich nicht mehr arm sein! Mit dem Geld, das er für den Schmuck bekommen würde, könnte er anderswo ein wunderbares Leben führen.

Es wurde Nacht über dem Friedhof von Edzell, ein kalter Wind wehte über die Gräber. Ein dunkler Schatten schlich hinüber zur Familiengruft. Der Küster war zurück. Ein Käuzchen schrie in den Bäumen, der Nebel lag schwer über dem Boden. Leise trat der Küster an die schwere Tür der Gruft und schloss sie auf. Das Mondlicht wies ihm den Weg, Licht hätte ihn verraten. Da lag sie, die Leiche der toten Lindsay, das Gold schimmerte still in der Kälte der Gruft. Der Küster zündete eine Kerze an und nahm sich alles, doch die zwei großen Ringe an den Fingern der toten Frau bekam er einfach nicht ab. Er zögerte aber nicht lange. Ein scharfes Messer blitzte im Mondlicht als der Küster sich aufmachte die Finger der toten Frau abzuschneiden, um an die Ringe zu kommen.

Und im blassen Licht einer einzigen Kerze tropfte Blut zu Boden, und ein schwacher Schrei ertönte im Begräbnisgewölbe. Die Tote lebte. Der Küster war aus Angst vor dem, was er gerade gesehen hatte, selbst dem Tode nahe. Er ließ das Messer fallen und fiel in Ohnmacht. Und während er auf dem staubigen Boden der Gruft lag, erhob sich der blutende Leichnam und warf sein Leichentuch ab. Dann half die Auferstandene dem völlig verängstigten Küster auf und führte ihn hinaus aus der Gruft auf den Friedhof.

Der Küster war völlig verängstig und unfähig, irgendetwas zu tun. Sie bat ihn, sie ins Schloss zurückzubringen. Er schüttelte den Kopf. Sie versprach ihm eine Belohnung, wenn er sie zurück ins Schloss brächte. Er zitterte aber bewegte sich nicht von der Stelle. Sie versicherte ihm ihrer Vergebung und Dankbarkeit, aber er wollte nichts hören. Er wollte nur weg, ein für alle Mal weg von diesem Ort und der Leiche, die er zum Leben erweckt hatte, weg von dem Bild, das sich in seinen Kopf eingebrannt hatte wie sein Messer in die blasse weiße Hand schnitt, die zu bluten begann.

Sie gab auf und machte sich allein auf den Weg zum Schloss, lebendig, aber kalt und allein, ohne Licht und Hilfe. Der Küster aber verließ Schottland noch in derselben Nacht, in seinen Taschen der wertvolle Schmuck, der ihm helfen würde, ein neues Leben im Ausland zu beginnen. Sie hatte ihn angefleht, ihn zu behalten. Sie schuldete dem Dieb ihr Leben.

Seltsamerweise war dies nicht der einzige Fall einer vorzeitigen Bestattung in der Lindsay-Familie. Sir William Lindsay von Covington, wurde unter ähnlichen Umständen für tot erklärt. Nur den aufmerksamen Augen seiner jungen Urenkelin war es zu verdanken, dass er nicht lebendig in der Familiengruft endete, sie hatte „seinen Bart wackeln sehen“.

Liebe Leser,

wie manche von euch schon wissen schreibe ich gerade an einem weiteren Buch und natürlich spielt Schottland wieder die Hauptrolle. Ich habe über die Jahre in Schottland so viele Geschichten und spannende Hintergründe zusammengetragen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu einem Buch zusammenzufügen. 

Was ihr nun gelesen habt, ist ein Teil des ersten von rund 40 Kapiteln und nun ich hätte gerne von euch gern so viel wie möglich Feedback zu allem was euch gefällt oder nicht: Schreibstil, Themenauswahl, Inhalt, Struktur, Bilder usw. 

Die Fotos liefert der Mann zu, es wird also ein schottisch-deutsches Gesamtwerk und macht schon deshalb sehr große Freude. 

Im Juni werde ich immer sonntags Teile des ersten Kapitels hier vorveröffentlichen und hoffe sehr, dass von euch viele Rückmeldungen kommen. Seid kritisch!  Bringt euch ein! Danke. 

Nellie

nächsten Sonntag: Die Bildersteine der Pikten

In Arbeit: Reiseinspirationsbuch Schottland

Liebe Leser,

wie manche von euch schon wissen schreibe ich gerade an einem weiteren Buch und natürlich spielt Schottland wieder die Hauptrolle. Ich habe über die Jahre in Schottland so viele Geschichten und spannende Hintergründe zusammengetragen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu einem Buch zusammenzufügen.

Und nun hätte ich von euch gern so viel wie möglich Feedback zu allem was euch gefällt oder nicht: Schreibstil, Themenauswahl, Inhalt, Struktur, Bilder usw. 

Die Fotos liefert der Mann zu, es wird also ein schottisch-deutsches Gesamtwerk und macht schon deshalb sehr große Freude. 

In den nächsten sechs Wochen werde ich immer sonntags Teile des ersten Kapitels hier vorveröffentlichen und hoffe sehr, dass von euch viele Rückmeldungen kommen. Seid kritisch!  Bringt euch ein! Danke. 

Nellie

 ©derMann Reiseinspirationsbuch Schottland

Klappentext und Buchrücken

Das Reiseinspirationsbuch Schottland ist ein Reiseführer zum Schmökern und Genießen. Er führt an unbekannte Orte und erzählt Geschichten, weit weg von den klassischen Reiseführern aber viel näher dran am wahren schottischen Leben, Orte, die es möglich machen ein Land so zu erleben, wie es wirklich ist. Mit dem Reiseinspirationsbuch kann man Schottland bei einem Besuch ganz anders erfahren oder sich einfach zu Hause auf dem Sofa hinträumen.

Mit dem Reiseinspirationsbuch Schottland eintauchen in die aufregende Geschichte des Landes, in wunderbarer Natur schwelgen und fast vergessene Orte entdecken, wo die Geschichte Schottlands wahrhaft lebt, abseits der Touristenströme in Edinburgh, Loch Ness oder Glencoe und dennoch mitten im Herzen Schottlands.

Die 35 Kapitel entsprechen den alten und klangvollen Grafschaften und Sheriffdoms, die traditionellen Regionen statt der modernen Verwaltungsbezirke, weil die für die Schotten noch immer das Maß der geographischen Dinge sind und weil schottische Geschichte für die Autorin eine ganz große Rolle spielt, sie hat schottische Geschichte und schottische Literatur an der University of Glasgow studiert,

Geschichte, Geschichten und Geheimnisse – oft sind die drei nicht exakt voneinander zu trennen; Schauriges, Schönes, Wahres, Lustiges und oft auch Grausames.  Das macht dieses Land so wunderbar und einzigartig.

Die Bilder zu den Texten von Nellie Merthe Erkenbach stammen von  Ewan Roy MacGregor. Er fotografiert seine Heimat Schottland seit vielen Jahrzehnten, Momente und Orte, deren Schönheit einem ein ums andere Mal den Atem nimmt. Nach einer erfolgreichen Karriere als Musiker in Glasgow lebt er nun in den schottischen Highlands, die ihn immer wieder aufs Neue inspirieren.

Der Feenhügel in Inverness, ein Salpetermord auf Shetland, Wölfe gestern und heute, der unvermeidliche Bonnie Prince Charlie, die geheime Bucht des Schriftstellers Gavin Maxwell, ein Hotelgeist, ein mordender Dichter und natürlich auch Whisky, Schafe und Tartan. Nur eben ganz anders.

Machen sie es sich in ihrem Lieblingslesesessel gemütlich und kommen sie mit auf die Reise in die Seele Schottlands.

Redebedarf

Der Mann spricht gerne, klassisch von Angesicht zu Angesicht, per WhatsApp oder Facebook, per Twitter, alles seins. Zu der Kategorie des schottischen Schweigers darf man ihn also keinesfalls zählen.

An meinen Redebedarf kommt er natürlich nicht heran aber das ist ja auch nicht weiter überraschend, Frau und Journalistin!

Im Gegensatz zu mir redet er auch gerne mit ihm wildfremden Menschen, manchmal fast schon überfallartig. Ein scheues englisches Touristenpaar, das nichts ahnend auf einem stillen Spaziergang von einem langhaarigen Einheimischen gestellt und herzlich begrüßt wird, ist keine Seltenheit. Sie murmeln meist oder schauen betreten zu Seite. So ein fröhliches Guten Morgen, wie geht es Ihnen? Was für ein großartiger Tag heute, oder? Ist dann doch etwas zuviel für das touristische Distanzbedürfnis der Urlauber aus dem Süden des Vereinigten Königreichs. Sie starren meist verkrampft aufs Wasser oder ringen sich ein etwas unrundes Nicken ab. Manchmal, wenn er besonders gut drauf ist, dann erschreckt er die Passanten gar mit einer Begrüßung auf Gälisch.

Ich lauere immer noch auf einen Gälisch sprechenden Touristen, der ihn mit einer Antwort aus dem Konzept bringt. Bislang ist noch keiner aufgetaucht.

Wie dem auch sei, der Mann ist kommunikativ, das ist ein urschottischer Wesenszug. Man spricht miteinander, auch (oder vielleicht ganz besonders) mit Fremden.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfEs gibt aber Gegenüber, mit denen spricht der Schotte sehr ungerne. Der Stimme beim MacDonald’s Drive Through in Deutschland zum Beispiel. Er kann kein Deutsch aber das braucht man da ja nicht in dem Restaurant mit schottischen Namen, dessen Gerichte fast ausschließlich alle englische Bezeichnungen tragen aber wenn er einen toast mit cheese und bacon zum Frühstück (nicht, dass er das wollte aber für mich) oder ein Bacon Big Mac für sich, dann hört man die Fragezeichen förmlich aus dem Lautsprecher der Bestellsäule schweben. Man hat ihn nicht verstanden. Zu viel Akzent im Englischen.

Jemand, mit der der Mann auch nicht gerne spricht, ist Alexa. Ich spreche gerne mit Alexa und nutze sie auch häufig. Und man kann sie ja auch auf Englisch einstellen. Gar kein Problem.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfDer Mann versucht es:

Alexa, play Deep Purple.

Tut mir leid, das habe ich nicht verstanden.

Deep Purple!

Folgende Artikel habe ich für sie gefunden sagt sie und präsentiert einen lila Umhang bei Amazon.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands RedebedarfAlexa versteht kein schottisches Englisch. Man kann sie einstellen auf Amerikanisches Englisch, auf südafrikanisches Englisch, auf was weiß ich nicht für ein Englisch aber nicht auf schottisches Englisch. Ist genau so wie in meiner Lieblingscomedy mit den Schotten im Aufzug.

Warum sprichst du denn nicht mit Alexa frage ich heimtückisch. Wohl wissend, warum.

Er schaut mir tief in die Augen.

Un dann habe ich zwei Frauen, die gleichzeitig reden? Das ist mir zuviel.

Treffer. Versenkt.

Ich will nen Steinkreis!!!

Für diesen Zeitraum sind leider keine Verbindungen vorhanden.

Ich werd noch irre!

Ich sitze am Computer und will ein Busticket buchen und wünsche mir gerade nichts sehnsüchtiger als einen schottischen Steinkreis. Egal ob richtig rund, egal wie viel Steine, es kann auch gerne einer fehlen. Mir egal, nur magisch sollte er sein. Wie bei Outlander. Einfach nur so per Steinberührung zack ins Hochlandleben oder auch aus Schottland wieder zurück ins Deutschland von 2019.

Steinkreis Abenteuer Highlands

I wish ….

So aber muss ich online Reisen buchen und sie dann auch noch machen und das ist mitunter echt eine Qual. Seit sieben Jahren nun führe ich ein schottisches Doppelleben und reise mindestens zwei Mal im Jahr zum Mann in die Highlands. In den Anfangsjahren habe ich das noch mit dem Auto gemacht. Knapp 1700 Kilometer einfache Strecke, wenn man die Calais-Dover Fähre nimmt. Man könnte auch eine der Nachtfähren nach Hull oder Newcastle nehmen aber die sind deutlich teurer und vor allem so unflexibel, weil immer nur eine fährt und man mit viel Vorlauf planen muss. Dann wartet man in der Schlange und könnte eigentlich noch gut ein paar hundert Kilometer weiter fahren. Oder man hat schnarchende Kabinennachbarn oder Steinkreis Abenteuer Highlandsnervende Alarmanlagen unter Deck, die einen von schlafen abhalten. Das habe ich nur gemacht, wenn ich mit einem der Motorräder nach Schottland gefahren bin. Da spürt man schließlich jede Meile deutlich mehr als im Auto, vor allem, wenn man so reiseuntaugliche Chopper fährt wie ich.

Steinkreis Abenteuer Highlands Ich will einen STEINKREIS!!!

Warum fliegst du denn nicht? werde ich oft gefragt. Ich fliege ja aber leichter macht es das Leben nicht. Und ich habe wirklich schon alles versucht.

Stuttgart – Aberdeen und dann weiter mit dem Zug nach Inverness. Von dort muss mich der Mann holen. Das sind knapp zwei Stunden Fahrt einfach für ihn. Und wie komme ich nach Stuttgart?Steinkreis Abenteuer Highlands Langzeitparken (nein, ich wollte die Parkgarage nicht kaufen), öffentliche Verkehrsmittel (nach Stuttgart??? zum Flughafen???) , Flughafenzubringer (wir holen sie um 2 Uhr morgens ab und nehmen unterwegs noch drei Leute mit), alles wenig lustig.

Steinkreis wäre viel lustiger! Wusch – und da.

Steinkreis Abenteuer Highlands

Karlsruhe/Baden – Edinburgh ist billiger, weil Ryanair aber auch entsprechend nerviger. Mietwagen ab Edinburgh fällt flach, weil ich den auch in Inverness abgeben müsste, das ist der nächste drop-off point. Und sie verlangen eine one-way charge von schlappen 80 Pfund zusätzlich zu Benzin und den Mietkosten. Also Zug aber da muss man auch erst mit der Tram rein nach Edinburgh und dann nochmal einmal umsteigen nach Inverness. Stille Stunden am einsamen Bahnsteig, die keiner braucht.

Einmal Steinkreis bitte! Da muss man nicht umsteigen.

Steinkreis Abenteuer HighlandsFrankfurt/Main – Glasgow ist einfach, wenn ich dort den Überlandbus in die Highlands erwische aber da fährt eben nur einer am Tag und ist nicht langfristig buchbar aber dafür fährt er fast bis vor die Haustür. Nur nach Frankfurt muss man eben auch kommen. Mit dem Zug dreimal umsteigen und das Auto steht dann für viele Wochen am Bahnhof rum.

Steinkreis Abenteuer Highlands

Selbst Zeitreisen ist einfacher!!!

Ich schau einfach noch ein bisschen Outlander und pass genau auf wie es geht – per Steinkreis in die Highlands. Oder eben die altmodische Star Trek Variante mit dem Beamer über das Raumschiff Enterprise. Der Ingenieur war nicht umsonst Schotte…

Beam me up, Scotty! Beam mich hoch, Scotty!

Es gibt keinen intelligenten Steikreis hier unten!

 

Caféshopping – ein Winterausflug nach Gairloch

Es war in diesem Januar einfach kein Ausflugswetter in den Highlands. Entweder es war trüb und regnerisch oder stürmisch oder wir hatten Eis. Heute aber sollte es ein schöner Tag werden und nach Minustemperaturen über Nacht am Morgen schnell aufwärmen. Das war der Tag.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug Gairloch

Der Mann musste beruflich nach Gairloch. Schon letzte Woche eigentlich. Es war der erste Tag mit richtigen Schneefällen in diesem Jahr und die Straßen sahen alles andere als sicher aus aber wir wollte es dennoch wagen. Wir, weil ich in Gairloch den Friedhof fotografieren wollte und er, weil er dort arbeiten musste.

Nach  Minuten in einem Mitsubishi Outlander (geländegängiges Farmerauto) mit Vierradantrieb (cool) aber Sommerreifen (uncool aber Dienstwagen und deshalb eben nicht änderbar) beschlossen wir, wieder aufzugeben und umzukehren, am ersten Berg schwammen wir bereits bedenklich auf der geschlossenen Schneedecke. Der Winterdienst war weit und breit nicht in Sicht. Wie sich später herausstellen sollte – der eine von insgesamt zwei Schneepflügen in der Gegend hing im Graben, der andere kam mit räumen und streuen nicht hinterher.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug Gairloch

Heute also der zweite Versuch und dieses Mal hat der Mann Vorsorge getroffen. Fast schon Deutsch irgendwie. Er hat mit den Jungs vom Strassenkommando gesprochen und der Chef hat ihm zugesagt, dass unsere Strecke am Morgen geräumt sein würde. Zumindest bis Kinlochewe. Danach ist eine andere Dienststelle zuständig. Ein Wagnis aber wir waren durchaus mutig gestimmt. Und es versprach ein schöner Tag zu werden, sobald die Sonne aufgegangen war. Die Straßen waren ok, teilweise schneebedeckt aber überall war gestreut worden, es löste sich mit zunehmendem Verkehr  auf.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug Gairloch

Der Mann ließ mich am Friedhof etwa eine Meile außerhalb von Gairloch aussteigen und ich war erst mal beschäftigt. Ein fantastisches Licht und dunkle Schneewolken über der See gaben der ganzen Szenerie etwas Magisches.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug Gairloch

Nach einer Weile setzte dann aber mehr Schneefall ein (war im Wetterbericht überhaupt nicht angekündigt) und ich machte mich mit kalten Füßen auf in Richtung Ortszentrum, irgendwo würde ein Café auf haben. Und ich hatte recht. Das GALE community centre, ein von den Einwohnern in und um Gairloch gebautes und betriebenes Café mit allem, was man so braucht und noch viel mehr.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug GairlochHier kann man Unterkünfte buchen, wunderbare Mitbringsel kaufen, die Strickwaren der Frauen aus Gairloch studieren, die Werke der Künstlerinnen und Künstler hier bewundern oder einfach am Kaminfeuer sitzen und einen Café Latte trinken.

Zeit ein wenig mit der jungen Frau plauschen, die hier Dienst hat. Außer mir ist keiner da aber gibt man mir ein Sofa, Internet, Kaffee bis zum abwinken und einen Kaminofen samt Shop dann gibt es nicht mehr viel im Leben, was ich mir sonst noch wünsche. Allerdings wird der Stapel von Dingen, die ich einkaufe neben mir immer größer: Duftkerze, Kalender, Tasse, Tweedkram, Strickmütze.… Alles zu vernünftigen Preisen, nicht billig aber auch keine Touristenpreise. Nicht um diese Jahreszeit.

Ich zücke das iPad und beginne zu schreiben. Auch um mich von übermäßigem Shoppinggenuß abzuhalten. Nach einer Weile des Nachdenkens über einen grobmaschigen graublauen Strickpullover aus recycelter Baumwolle für 50 Pfund (Handwäsche erforderlich) kommen die ersten Einheimischen. Eine Frau in Designergummistiefeln und ebensolcher Winterjacke bringt die Suppe, die hier zu Mittag verkauft wird. Kurzer Plausch mit der Frau hinter der Theke, sie lebt wohl hier aber ist ganz offensichtlich nicht von hier. Ihrem Akzent nach zu urteilen kommt sie aus Südengland. Eine grauhaarige Frau betritt frisch und fröhlich das Gemeindezentrum, in ihrem Schlepptau ein junger Mann mit Down Syndrom. Sie setzten sich an einen Tisch und arbeiten etwas. Hier wird also einfach Zeit verbracht, gerne auch gemeinsam. Wie wunderbar schottisch!

Ich genieße meine kleine Beobachtungsecke am Kamin und bestelle noch einen Kaffee. Draußen wechselt das Wetter von intensiver Sonne vor schwarzblauem Himmel zu graunebligem Dauerschneeregen. Laut Wetterbericht heute erst am Abend Niederschlag. Von wegen!

Die grauhaarige Frau putzt jetzt Fenster. Der junge Mann, vermutlich ihr Sohn, folgt ihr überall hin. Ich werde ihm ein freundliches Lächeln zu aber er schaut scheu zur Seite. Nach einer Weile stelle ich fest, dass er auch mit seiner Mutter nicht spricht. Vielleicht kann er nicht. Ich lächle jedenfalls weiter.

Die Kaffeemenge zwingt mich bald auf die Toilette, mit richtigen kleinen Handtüchern zum luxuriösen Händetrocknen. Dieses Gemeindezentrum hat Stil und es ist bei weitem nicht das einzige in den Highlands. Auf der Halbinsel Sleat aus der Insel Skye gibt es auch ein wunderbares, An Crùbh, sehr stylisch und cool, zweimal die Woche mit frisch gebackenen Brot aus Mallaig, das kommt mit der Fähre. Gerade in Orten, in denen sonst nicht viel ist, sind solche Eigeninitiativen besonders wertvoll.

Die Bedienung kommt und legt mehr Holzbriketts auf. Ich habe so langsam Saunagefühle, heute Morgen hatte ich noch Eiszehen. Also reden wir über das Wetter, das ist immer ein guter Anfang. Sie erzählt, dass sie drei Kinder hat, eins im Kindergarten, eins in der Grundschule und eins in der weiterführenden Schule. Der Mann ist nach Inverness gegangen. Nun ist sie alleinerziehend und arbeitet in der GALE Regionalinitiative. Zu Hause sagt sie, ist es nicht so warm. Die Häuser sind oft feucht und nur schwer zu heizen. Wie bei uns ist auch hier das Meer der große Feuchtigkeitsspender.

Der Mann schreibt, dass er so schnell nicht wegkommt und voraussichtlich noch eine ganze Weile zu tun hat. Ich lächle beglückt und überlege, ob ich nicht doch noch einen Strickschal und eine Teekanne brauche. Oder ein Bild? www.lisafenton.co.ukIch glaube schon….

Draußen zieht sich der Schnee zum Horizont zurück, schwere Wolkenschwaden drücken dunkel auf silberne Meer. Die Sonne gibt ein kurzes Gastspiel.

Ich durchforste das kleine Bücherregal neben dem Kaminofen. Man kann auch einfach hier hinsetzen und lesen. Wunderbar. Natürlich bin ich mit meinem Kindle eigentlich bestens versorgt aber wer kann schon einem unbekannten Bücherregal widerstehen? Ich jedenfalls nicht! Nach genauerem, Nachforschen stelle ich fest es ist ein Frauenromantik Regal und deshalb nicht so ganz meins. Danielle Steele und ich werden wohl keine Freundinnen mehr. Da schreibe ich lieber weiter diesen Blogpost während ich auf den Mann warte.

Drüben bastelt der junge Mann was, in der Küche wird Gemüse geschnitten. Es ist einfach hier ein Gefühl von Gemeinschaft zu entwickeln, auch wenn man fremd ist. Nun sind zwei ältere Damen eingetroffen, ganz offensichtlich von hier. Sie bestellen Suppe und setzen sich an den Tisch nebenan. Sie unterhalten sich über Bitcoins. Wahrscheinlich stricken sie auch.

Ich überlege auf Tee umzusteigen. Meine Magengeschichte im Sommer hängt mir immer noch ein wenig nach. Im Büro im hinteren Teil sind mehrere Frauen zu hören. Die arbeiten im Hintergrund. Wahrscheinlich irgendwas Verwaltungstechnisches. Ich sitze nun schon über zwei Stunden auf meinen Sofa und beobachte das Leben während ich zeitgleich darüber schreibe. Spannend.

Abenteuer Highlands Caféshipping Winterausflug Gairloch

Gegen zwei Uhr kommt Hunger auf. Suppe des Tages: Tomate und Süßkartoffel mit selbst gebackenem Brot. Wunderbar. Inzwischen hat die Sonne beschlossen, sich doch noch einmal heraus zu wagen und scheint mir von hinten so warm durch die Scheibe in den Rücken, dass ich den Strickpullover ausziehen muss.

Nach der Suppe überlege ich Nachtisch. Die süßen Teile sind mit Herkunftsbezeichnung versehen. Die Flapjacks sind von Marie, Lisa hat Millionair’s Shortbread und Mandelschnitten gebacken, Annie zeichnet für den Karottenkuchen verantwortlich. Ich sehe sie bildlich vor mir aber ich mag mich auch täuschen.

Dann geht die Tür auf und der Mann ist da. Heimfahrt.

Ich nehme den Korb mit meinen Einkäufen und gehe zu Kasse. Der Mann schaut leicht entgeistert aber weitgehend amüsiert, die Rechnung ist nicht gerade klein. Trotzdem werfe ich zwei Pfund für die Nutzung des Internets in das Spendenkässchen. Cafés wie dieses muss man unterstützen. Je mehr es gibt, desto öfter kann ich den Mann auf Dienstreise begleiten. Und das hat sich heute wirklich gelohnt.

 

 

 

 

Extrawurst

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach ExtrawurstIch habe in den letzten Wochen darüber berichtet wie es ist, mit dem Highlander in Europa unterwegs zu sein. Wir haben die Rollen getauscht. Nun bin ich zu Hause und er hat ein Abenteuer nach dem anderen, jetzt geht es ihm ein bisschen wie mir in meinen Anfangsjahren in den Highlands.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach ExtrawurstDer Mann besucht mich regelmäßig. Wir führen seit Jahren eine funktionierende Fernbeziehung, ich verbringe 1 Monat im Winter und 2-3 Monate im Sommer bei ihm und er besucht mich in der Regel für 14 Tage im Schwarzwald.

Sein Job erlaubt ihm nicht viel mehr, Ich kann Monate durcharbeiten und dann auch Monate frei bzw. Wochenende machen.

Auf dem Kontinent sind viele Dinge anders, als er es gewohnt ist. Das meiste findet er wunderbar, allem voran den örtlichen Metzger und die Aufschnitt Theke. In Schottland kennt er abgepackt gekochten Schinken, Chorizo und Corned Beef in der Dose. Im Schwarzwald erlebt er den Wurst Overkill und steht ganz beseelt vor so viel Wurstglück im Metzger, unfähig sich zu entscheiden, ein bisschen wie ein kleines Kind vor dem Adventskalender:

  1. Dezember Lyoner
  2. Dezember Bierwurst
  3. Dezember Mettwurst
  4. Dezember Salami

Nwellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands ExtrawurstSein Highlight aber ist ohne Zweifel eine Scheibe heißer Fleischkäse im Brötchen, das kann er genauso wie Extrawurst auf Deutsch sagen. Sonst hat er es nicht so mit dem Deutsch lernen.

Beim Bäcker geht es ihm ähnlich, so viel verschiedene Brotsorten, gewohnt ist er plain loaf und die viereckigen Scheiben Labberbrot, mit dem man Sandwiches macht. Oder die ähnlich weichen Brötchen. Knusprig und bissfest sind ihm gänzlich fremde Vokabel, wenn es um Brot geht, eine Schwarzwälder Bäckerei treibt ihn an den Rand der Fassungslosigkeit.

Und den Kuchen gibt es nicht in Plastik verpackt aus der Kühltheke, sondern ganz und rund und in voller frischer Pracht beim Konditor.

Deshalb ist der Schwarzwald seine Kirsche auf der Torte. Und der Fleischkäseweck sein erklärtes Lieblingsfrühstück.

Abenteuer Highlands Nellie Merthe Erkenbach Extrawurst

Wir sind auf einem Ausflug in Hohenlohische, genießen Sonne, Burgen und idyllische Städtchen. Und natürlich Abendessen, landestypisch.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands ExtrawurstWas ihm schwer fällt zu verstehen, ist das deutsche Bedürfnis zu allem seinen Salat dazu zu reichen. Vom Salatblatt im Lyonerweck bis hin zum Beilagensalat fürs Brauerschnitztel. Warum das gute Schnitzel mit so viel seltsamem Zeug belasten, wenn man es auch einfach pur oder mit Pommes essen kann? Ich erkläre ihm, dass ein SchniPoSa ohne Salat nur ein SchniPo wäre und damit mindestens ein Drittel seines Charmes einbüßt. Sieht der Schotte offensichtlich anders, während er den Beilagensalat auf meine Tischseite schiebt. Wahrscheinlich aus Angst, er könnte ansteckend sein. Nur die Ecke mit dem Kartoffelsalat ist angegessen, der Rest ist unberührt.

„Du solltest wirklich mehr Saat essen.“ sage ich.

„Ok.“ sagt der Mann ergeben und schaut grinsend in mein nun verwundertes Gesicht.

„Dann essen wir Morgen Wurstsalat.“

Nellie Merthe Erkenabch Abenteuer Highlands Extrawurst

 

 

fortune – 1. Vermögen und 2. Glück

Wir sind nur 2.8 Kilometer vom Haus meiner Schwester entfernt und es fühlt sich an wie mindestens drei Galaxien. Seit über einer Viertelstunde suchen wir einen Parkplatz und haben bisher noch nicht mal eine Ahnung von Parkplatz entdeckt; alles Anwohner-mit-Ausweis-Plätze oder limitiert auf maximal zwei Stunden. Der Mann und ich sind in Genf, quälen uns durch den Feierabendverkehr und tun das, was alle anderen auch tun: einen Parkplatz suchen.

Ich denke an die Highlands und dass man dort tatsächlich über eine halbe Stunde lang Auto fährt, bevor man an eine Ampel kommt. Hier zuckelt das Auto von Ampel zu Ampel.

Meine Schwester textet wann wir da sind, sie will den Champagner aufmachen.

Ich will auch dass sie den Champagner aufmacht aber ohne Parkplatz wird da erst mal nichts draus. Nach einer halben Stunde erfolglosen Wendens und Suchens geben wir auf und fahren in das große Parkhaus direkt am Seeufer. Die Stunde kostet wahrscheinlich schon ein Vermögen, an den Tagessatz versuche ich erst gar nicht zu denken.

©theman

Dann müssen wir uns koordinieren, es sind ca. 15 Gehminuten bis zur Schwester und dem Champagner – da will man nichts was man braucht im Auto vergessen. Endlich zerren der Mann und ich unsere Gepäckstücke durch Genf. Nach den ersten Metern bricht eine meiner Kofferrollen. Der billige Koffer aus Schottland. Den zerre ich dann wie einen Schlitten mit bockigem Kleinkind hinter mir her, genervt.

Der Schotte dagegen ist entspannt. Ich glaube er ist nie in Eile, höchstens wenn es mal brennt. Wir Deutschen (und ganz offensichtlich auch die Schweizer um uns herum) haben es alle eilig. Und so schlendert der Highlander mit funktionierenden Kofferrollen und schottischer Gelassenheit durch die helvetische Hektik und ignoriert das germanische Grummeln, das einen Koffer vor ihm herzerrt.

Die Schwestern und der Champagner heitern meine Laune beträchtlich auf.

Seit unserem ersten gemeinsamen Besuch in Genf hat der Mann eine Leidenschaft für Rösti. Generell mag er (typisch schottisch) Kartoffeln in jeglicher Form, wenn man dann noch Schinken und Ei drüber gibt, ist sein Glück perfekt. Also machen wir Mädels den Mann mit Rösti glücklich, wir essen einen Salat und genießen unser Glück (auf Englisch fortune). Dann kommt die Rechnung und das bisschen Salat, Kartoffel und Ei kostet so viel wie drei Gänge mit Wein in Turin. Ein kleines Vermögen (auf Englisch fortune).

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands mit dem Schotten in GenfFür den Mann ist rein sprachlich Geld und Glück also dasselbe. Ich, aus dem Lander der Dichter und Denker und examinierte Literaturwissenschaftlerin, kann selbstverständlich den schnöden Mammon nicht mit Glück gleichsetzen. Ich habe ja Ideale! Und hatte Goethe im Examen….

Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche zu verehren.

Während ich also über Glück ohne Vermögen philosophiere sticht der Mann auf dem letzten Flecken Rösti den Eidotter auf und erforscht sein Teller-Glück.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands mit dem Schotten in GenfAuf der Heimfahrt werde ich trotz Tempomat (110 km/h) auf der schweizer Autobahn, kurz vor den Grenzübergang Basel in einem Abschnitt geblitzt, in dem man nur 100 km/h fahren darf. Ich bin also 10 km/h zu schnell gewesen. Das kostet 60 Schweizer Franken oder 53 Euro 57. Für zehn Stundenkilometer!

Bei einem derartigen Vermögen (fortune) kann von Glück (fortune) keine Rede sein!

Der Mann schweigt still und denkt an Schottland. Da müssen Blitzer mit einem Schild angekündigt werden, groß und deutlich, damit man es auch ja rechtzeitig bemerkt. Die schottischen Behörden müssen also auf ganz viel Glück hoffen, wenn sie jemals mit Geschwindigkeitsübertretungen ein Vermögen machen wollen. Aber wahrscheinlich wollen sie das gar nicht, die vom Glück begünstigten (fortunate) Schotten.

 

Arrivederci Italia

©theman Turin Abenteuer HighlandsDie drei Tage in Turin sind in Hochgeschwindigkeit an uns vorbeigeflogen, das hat man nun von all den dolce vita. Die Tage des Nichtstuns vergehen schneller als die mit Arbeit.

Als wir unser Auto nach drei Nächten wieder aus der Tiefgarage fahren, ist der Kofferraum voll. Wir waren ja shoppen. Nun also einen kleinen Abstecher in die Schweiz, Familienbesuch.

©theman MOnt Blanc Onte Bianco Abenteuer HighlandsIch prüfe vorab, ob man den Monte Bianco denn auch in knapp zweitausend Meter Höhe passieren muss aber stelle erleichtert fest, dass die Passage diesmal weniger schneegefährdet ist, als die Anfahrt über den Großen Sankt Bernhard.

„Tanken!“  sage ich zu dem Mann und navigiere aus der Turiner Innenstadt Richtung autostrada und den Alpen.

„Wir sollten tanken solange wir noch in Italien sind.“ Da war Diesel soweit ich mich erinnere immer deutlich billiger als in der Schweiz. Irgendwie ist in Italien alles deutlich billiger als in der Schweiz.

Der Mann nickt. Tanken bevor es in die Berge geht ist ihm nichts neues, in die Highlands fährt man auch nicht mit leerem Tank.

©theman Abenteuer Highlands

Ich habe den Masterplan und alles gegoogelt. Sighteeing, dann Supermarkt in Aosta: Käse, Grissini, Wein und alles, was noch an essentials ins Auto passt. Dann noch tanken, im Ort, nicht an der Autobahn und rüber in die Schweiz, mit einem kleinen französischen Intermezzo unterwegs. Der Plan ist perfekt und klappt zunächst ohne Probleme, Parkplatz, Ortsbesichtigung, dann weiter zum riesigen Supermarkt gleich neben der Autobahn. Und dann ist da nebenan auch gleich eine Tankstelle, an der der Liter Diesel gute 15 Cent billiger ist als an der Autobahn. Perfekt.

Ich fahre an die Zapfsäule, steige aus, stecke den Stutzen in den Tank und nichts passiert. Nur mit Karte am Automaten. Ich hasse Tankstellen mit Tankautomaten. Irgendwas geht immer schief.

Ich ziehe den Tankstutzen wieder heraus und nicke dem Mann zu wieder einzusteigen. Wir fahren zurück ins Zentrum von Aosta. Da waren mindestens drei Tankstellen unterwegs. Ist ja nicht weit.

Wenn man die richtige Ausfahrt nimmt! Sonst landet man wieder auf der Autobahn Richtung Turin. Aber auch das ist irgendwann korrigiert und wir navigieren in den Ort. Erste Tankstelle – chiuso. Zweite Tankstelle – chiuso. Dritte Tankstelle … In Aosta machen alle Mittagspause.

Also zurück zum großen Supermarkt und der Automatentankstelle.

Ich also mit Auto an der Zapfsäule, Stutzen im Tank, die Aufforderung an den Mann den Kampf mit der Maschine aufzunehmen. Er mag Zahlen und Computer, er ist also wie geschaffen für diese Aufgabe. Der Mann tippt ein wenig hilflos auf den Tasten herum. Er mag Maschinen, kann aber kein Italienisch. Nichts passiert. Dann steckt er einen Zwanziger in den Geldschlitz. Der Automat schluckt ihn, spuckt aber kein Diesel aus. Mehr vorsichtiges tippen auf der Tastatur. Ich stecke den Stutzen wieder zurück und überlege. Die Tankstelle gehört zum Supermarkt und der hatte einen Informationsschalter. Hier an der Tankstelle ist keiner, den man um Hilfe fragen könnte.

Ich navigiere durch das komplizierte Zufahrtssystem wieder hinaus und rüber zum Supermarkt, parke und mache mich auf den Weg zum Informationsschalter. Ich radebreche mich so durch und der nette Italiener erklärt mir, dass neben der Tankstelle eine Gastankstelle sei, da ist jemand und kann uns das Geld wiedergeben.

Ich kurve also wieder durch das kurvige Ausfahrtssystem in das komplizierte Einfahrtssystem der Tanke, finde den Gasteil und das kleine Häuschen. Eine Frau tritt heraus mit 20 € in der Hand. Sie macht mir Vorwürfe auf Italienisch und ich schweige und fahre wieder an den Tankstellenteil mit dem Diesel und dem Automaten. Also nochmal von vorne. Stutzen in den Tank, Mann tippt, Automat schluckt 20 €. Kein Diesel. Der Mann zuckt mit den Schultern. In Schottland wäre schon längst jemand gekommen und hätte geholfen, da glaubt man noch mehr an zwischenmenschliche Begegnungen als in Italien.

Wie eine Irre kreisle ich mich wieder raus aus dem Automatenteil und zurück zu der Signora.

Die zetert mir bereits entgegen. Stupido kann ich verstehen. Ich koche innerlich, während der Mann so tut als sei er unsichtbar. Mit großem Drama fragt Signora ein nicht vorhandenes Publikum wie es denn sein kann, dass sich diese Deutschen so unfassbar dämlich anstellen.

Wir fahren also zum vierten Mal an dieselbe Säule und ich mache nichts mehr. Bleibe einfach sitzen.

„Siehst du,“ sagt der Mann „du darfst den Stutzen erst in den Tank machen, wenn der Automat bereit ist. Nicht zuerst.“

„Ich soll auf einen Automaten warten??“

Ihm wäre das alleine nie passiert, er hat nicht diese germanische Eile Dinge schnell zu erledigen. Der Schotte an sich hat eine andere Lebensgeschwindigkeit.

Ich würde am liebsten genauso ein Drama veranstalten, wie die Signora eben aber ich belasse es beim innerlich kochen. Ich denke an den Film Terminator und Maschinen, die die Herrschaft übernommen haben.

Mein Masterplan für das nächste Mal tanken steht. Autobahnraststätte, egal ob der Liter Diesel 2,90 kostet oder nicht. Hauptsache man muss nicht mit Maschinen kämpfen. Aber letztendlich sind wir in einer Zukunft angekommen, in der die Maschinen die Macht übernommen haben.

Vor meinem geistigen Auge sehen ich den Tankautomat lichterloh brennen wie den Tanklaster in Terminator. Hasta la vista, baby!

Der Mann lächelt unbeeindruckt. Zu Hause in den Highlands ist es unvorstellbar, dass die Maschinen die Macht übernehmen. Das würden die sich gar nicht trauen.

 

demnächst:            fortune               1. Vermögen                                      2. Glück