Herbstlächeln

Ich liebe den Herbst, wenn alles langsamer und stiller wird, die Farben aus den Grüntönen ins gelb-rot-braune Herbstbunt und wechseln und die Schneekappen der Berge einen Hauch von Winter verbreiten.

Zwei Wochen Auszeit habe ich mir genommen, um den Herbst in den Highlands zu genießen und es hat sich so sehr gelohnt. Die Wälder haben mich mit einem letzten Farbspektakel empfangen und die Sonne wärmte mit letzten guten Stunden bevor die kalten, weißen Wintertage Einzug halten.

Plockton

Fast drei Monate war ich weg gewesen von Schottland, nun habe ich wieder Kraft getankt und innere Freude in dem wunderbaren Land des Lichts und der Weite. Waren die Tage trüb und regnerisch, dann habe ich in meiner kleinen Schreibhüte gesessen mit dem Öfchen an und weiter an meinem nächsten Buch geschrieben, den Fischreiher beobachtet, wie er stundenlang aufs Wasser starrte und die kleinen Köpfe der Seehunde in den Wellen gesucht.

Invergarry

An den sonnigen Tagen sind der Mann und ich raus in die Natur, in die Wälder, der Farben wegen. Eine unserer Wanderungen ging über 9 Kilometer, naja, wahrscheinlich waren es eher 12, weil ich zwei Mal die falsche Abzweigung genommen habe. Aber es hat sich gelohnt, als wir endlich am Gipfel angekommen waren. Ein wunderbarer Blick zur Insel Skye und den Torridon Mountains waren die Belohnung, sobald wir beide wieder Luft zum normal atmen hatten. Ganz schön steil der letzte Anstieg.

Aber dann schwelgten wir in einem wunderbaren 360° Panorama und schossen Fotos. Und nur so als kleiner Beweis, dass Männer und Frauen am gleichen Ort sein können und die gleichen Dinge tun und doch nicht das Gleich sehen die Bilder, die ich geschossen habe..

..und hier eines, das der Mann geschossen hat.

Und mit diesem Blick fürs Wesentliche wünsche ich euch noch einen fröhlichen Sonntag.

 

Möge die Macht mit uns sein

Wie fahren schon seit geraumer Zeit durch das Nichts. Rechts und links erheben sich kahle, grüne Hügel, der Himmel ist weitgehend grau und auf der Straße treffen wir außer gelegentlich ein paar Schafen keinen Menschen und schon gar kein Auto. Wir sind im ländlichen Raum der schottischen Borders unterwegs. Wir wollen für das neue Buch recherchieren und der Mann will fotografieren. Außerdem kann ich ihn da noch auf ein paar Friedhöfe mitnehmen, die ich schon lange mal sehen wollte.

„Ziemlich einsam hier“, sagt der Mann. „Fast wie auf dem Mond.“

Ich nicke. „Hab dir doch gesagt, dass es abgelegen ist. Deshalb habe ich auch ein Inn gebucht und kein normales B&B. Wir bekommen sonst nirgendwo ein Abendessen.“

Ettrick Water

Den Tisch habe ich auf 19 Uhr reserviert und Google Maps sagt mir, dass wir gegen 18:30 Uhr ankommen.

Tushielaw Inn

Das Tushilaw Inn ist sehr hübsch, außen in traditionellem schwarz-weiß gehalten und innen genau so eingerichtet, wie man sich ein altmodisches Inn vorstellt. Es ist perfekt und liegt idyllisch am Ufer des Ettrick Water in einem grünen Tal. Der Ort besteht aus insgesamt drei Häusern. Das sollte ein ruhiger Abend werden, denke ich.

Die Sonne scheint und die ersten Gäste sitzen an den Gartentischen im Biergarten.

Ja! Es gibt einen Garten, zwar direkt an der Straße aber da kein Auto kommt, macht das überhaupt nichts. Wir können im Freien essen, meint der Chef. Ein Mann jenseits der Sechzig mit grauem Wuschelkopf und einem Star Wars T-shirt.

Draußen essen? Galaktisch! Ich kann mein Glück nicht fassen. Da ist sonst nie das Wetter dazu, weil es entweder regnet oder einen die Mücken auffressen. Und da sind wir nun und genießen die Abendsonne.

Der Chef bringt der Frau am Tisch neben uns seine Sonnenbrille. Ich fühle mich Lichtjahre entfernt von dem Planeten, auf dem Schottland sonst zu finden ist.

Das Abendessen ist klassische Hausmannskost, die Chefin kocht selbst und wir loben sie gebührend, als sie kommt um sich zu erkundigen, ob alles recht war.

Inzwischen ist die Sonne hinter dem Berg verschwunden und es wird schnell deutlich kühler. Wir ziehen nach drinnen um, an der Bar ist die Hölle los. Ein paar Einheimische haben sich eingefunden, dazu ein paar Engländer die entweder hier leben oder hier hingezogen sind. Die Borders sind schließlich Grenzland, nach England kann man fast laufen.

A pro pos laufen. Wir lernen Ivan kennen, der (und das ist nicht zu überhören) aus Neuseeland kommt. KaminfeuerUrsprünglich aber aus Bulgarien. Er ist sehr groß und sehr schlank und er ist zu Fuß unterwegs. Mit einem Stock und einem kleinen Rucksack. Von Land’s End nach John o’ Groates. Von südlichsten Ende Englands zum nördlichsten Punkt des schottischen Festlands. Ein Klassiker unter den Wanderwegen, runde 1400 – 1900 Kilometer je nach Route.  Ivan ist allein unterwegs aber hat sofort festgestellt: seit er in Schottland ist, reden die Leute mit ihm. Das ist ihm in England nicht passiert. Das trifft natürlich nicht auf alle Engländer zu. gerade setzt sich einer an unseren Tisch, er trägt Hosenträger und lebt ein paar Kilometer weiter die Straße runter.

„Kommt doch Morgen bei mir vorbei“, sagt er. Mein Haus ist leicht zu erkennen, ich habe viele Gartenzwerge und Gnome im Garten. Ich stelle mir das ein bisschen wie die Kantine in Star Wars vor. Und mit Ivan habe ich ja auch eine Art Obi-Wan Kenobi am Tisch. Ein OB Van (sprich obi-wan) ist Englisch für Übertragungswagen und Ivan arbeitet in der Filmbranche, gar nicht so weit weg von dem was ich mache beim Fernsehen.

Der Mann unterhält sich mit dem Gnombändiger über Musik, ich mit dem Langstreckenwanderer über Schnitttechniken im Film.

Und als der Chef mit dem Star Wars T-Shirt last orders ruft, da hätten wir alle vier gerne Bar Weinglasgewusst, wie man durch die Zeit reist oder zumindest einen Planeten findet, auch dem die Ausschankzeiten etwas legerer gehandhabt werden. Als ich dann schließlich ins Bett falle, fühlt sich mein Kopf allerdings an, als würde Luke Skywalker damit Kreise drehen und der Mann schnarcht wie ein intergalaktischer Zerstörer.

Möge die Macht mit uns sein, denke ich und schließe die Augen. Möge die Macht mit uns sein!

 

 

 

 

 

In Arbeit: Reiseinspirationsbuch Schottland

Liebe Leser,

wie manche von euch schon wissen schreibe ich gerade an einem weiteren Buch und natürlich spielt Schottland wieder die Hauptrolle. Ich habe über die Jahre in Schottland so viele Geschichten und spannende Hintergründe zusammengetragen, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu einem Buch zusammenzufügen.

Und nun hätte ich von euch gern so viel wie möglich Feedback zu allem was euch gefällt oder nicht: Schreibstil, Themenauswahl, Inhalt, Struktur, Bilder usw. 

Die Fotos liefert der Mann zu, es wird also ein schottisch-deutsches Gesamtwerk und macht schon deshalb sehr große Freude. 

In den nächsten sechs Wochen werde ich immer sonntags Teile des ersten Kapitels hier vorveröffentlichen und hoffe sehr, dass von euch viele Rückmeldungen kommen. Seid kritisch!  Bringt euch ein! Danke. 

Nellie

 ©derMann Reiseinspirationsbuch Schottland

Klappentext und Buchrücken

Das Reiseinspirationsbuch Schottland ist ein Reiseführer zum Schmökern und Genießen. Er führt an unbekannte Orte und erzählt Geschichten, weit weg von den klassischen Reiseführern aber viel näher dran am wahren schottischen Leben, Orte, die es möglich machen ein Land so zu erleben, wie es wirklich ist. Mit dem Reiseinspirationsbuch kann man Schottland bei einem Besuch ganz anders erfahren oder sich einfach zu Hause auf dem Sofa hinträumen.

Mit dem Reiseinspirationsbuch Schottland eintauchen in die aufregende Geschichte des Landes, in wunderbarer Natur schwelgen und fast vergessene Orte entdecken, wo die Geschichte Schottlands wahrhaft lebt, abseits der Touristenströme in Edinburgh, Loch Ness oder Glencoe und dennoch mitten im Herzen Schottlands.

Die 35 Kapitel entsprechen den alten und klangvollen Grafschaften und Sheriffdoms, die traditionellen Regionen statt der modernen Verwaltungsbezirke, weil die für die Schotten noch immer das Maß der geographischen Dinge sind und weil schottische Geschichte für die Autorin eine ganz große Rolle spielt, sie hat schottische Geschichte und schottische Literatur an der University of Glasgow studiert,

Geschichte, Geschichten und Geheimnisse – oft sind die drei nicht exakt voneinander zu trennen; Schauriges, Schönes, Wahres, Lustiges und oft auch Grausames.  Das macht dieses Land so wunderbar und einzigartig.

Die Bilder zu den Texten von Nellie Merthe Erkenbach stammen von  Ewan Roy MacGregor. Er fotografiert seine Heimat Schottland seit vielen Jahrzehnten, Momente und Orte, deren Schönheit einem ein ums andere Mal den Atem nimmt. Nach einer erfolgreichen Karriere als Musiker in Glasgow lebt er nun in den schottischen Highlands, die ihn immer wieder aufs Neue inspirieren.

Der Feenhügel in Inverness, ein Salpetermord auf Shetland, Wölfe gestern und heute, der unvermeidliche Bonnie Prince Charlie, die geheime Bucht des Schriftstellers Gavin Maxwell, ein Hotelgeist, ein mordender Dichter und natürlich auch Whisky, Schafe und Tartan. Nur eben ganz anders.

Machen sie es sich in ihrem Lieblingslesesessel gemütlich und kommen sie mit auf die Reise in die Seele Schottlands.

Krötenwanderung

heatherTagelang habe ich in meiner kleinen Schreibhütte gesessen und vor mich hingeschrieben, immer mit einem Auge auf das Meer und die Berge, falls von irgendwoher plötzlich ein Anflug von Sonne auftauchen sollte, der länger als fünf Minuten hält.

Leider vergeblich.

Aber mir war so sehr nach ein wenig frischem Wind um die Nase und Bewegung in der Natur.

Obwohl ich nun schon den siebten Sommer hier bin gibt noch immer Neues zu entdecken in der Gegend.

Ich hatte mir eine Wanderung ausgekuckt, 14 km an der Südwestspitze der Isle of Skye. – Coille Dalavil. Aber dazu brauchte ich Sonne und wenigstens stundenweise Trockenheit. Bislang leider Fehlanzeige. Bis Mittwoch.

Die kleine Fähre in Glenelg wurde wie so oft begleitet von mehreren Seehunden. Von Kylerhea ging es aus dem Regen hinaus in den sonnigen Süden der Insel Skye.

Kurz hinter Sabhal Mòr Ostaig beginnt der Weg nach Dalavil und dem gleichnamigen Wald.

sheepDalavil war einst eine kleine Siedlung auf dem Land der MacDonald’s of Skye. Auch hier hatten die Crofter ihr Land aufgeben und Platz für Schafe machen müssen. Nur noch wenige Ruinen sind übrig, der Rest ist ein landwirtschaftliches Projekt für biologische Vielfalt und Artenschutz.

Vier Stunden war ich unterwegs, der einzige Mensch zwischen hier und dem Himmel. Ein grandioses Gefühl und vor allem Mitten in der Touristenzeit auf der Isle of Skye ein sehr seltenes.

Um mich zu unterhalten habe ich unterwegs die Kröten gezählt, die nach dem vielen Regen der letzten Zeit den Wanderweg bevölkerten. Einer jeden rief ich ihre Nummer zu, egal ob groß oder klein. Es waren 27 (möglicherweise war auch der ein oder andere Frosch dabei) und damit ist Collie Dalavil nun für mich der Pfad der 27 Kröten oder wie ich es mir in meinem Anfängergälisch zurechtgestümpert habe: ceum fichead a seachd losgannan-dubh. 

Frosch Coille Dalavil

mehr Infos gibt es hier:

Wanderführer Coille Dalavil

„The 20,000 acre estate in our stewardship includes crofting land, a farm, and commercial and natural woodlands. Scottish Natural Heritage has designated four areas on the Estate as Sites of Special Scientific Interest (SSSIs). Our Sites are Àird Thuirinis and Bagh Tharsgabhaig, for their significant geological formations, and Coille Dalavil and Coille Thogabhaig for their ancient woodlands.“ Armadale Castle and Gardens

Prof. T.C. Smout History of the Native Woodlands of Scotland 1500-1920. Edinburgh University Press, 2004 

fast wie die A8

Cluanie walk 2015 (18)Straße ist nicht gleich Straße, manche sind der Inbegriff für Romantik, andere stehen für Stress und die allerwenigsten bieten sich für eine Wanderung an, was in den Highlands natürlich eine ganz andere Sache ist.

Cluanie walk 2015 (20)Wir haben den bei weitem nassesten Juli, an den sich die Leute hier am Loch erinnern können. Es regnet, regnet, regnet. Und wenn es nicht regnet, dann stürmt es. Ist dann mal ein Tag dabei, an dem es weder regnet (zumindest nicht den ganzen Tag) noch stürmt, dann heißt es nix wie raus und Natur genießen, was ich gestern auch prompt gemacht habe.

Nach so viel Regen sind die Wanderwege natürlich die reinsten Schlammbäder, ich entscheide mich also für eine der Straßen von General Wade, denn selbst das Wandern auf einer Militärstraße hat in Schottland seinen Reiz.

Cluanie walk 2015 (37)

Vom Cluanie Inn geht es an grünen Hängen hinauf und nach der Überquerung einer Hochebene wieder hinunter zum Loch Loyne. Vier Stunden auf geteerter Straße aber gänzlich ohne Verkehr, was daran liegt, dass im weiteren Verlauf eine Brücke fehlt und die Straße somit nichts mehr verbindet.

Cluanie walk 2015 (21)Vor knapp 300 Jahren hat sie was verbunden, wie viele andere ihrer Art wurde sie Mitte des 18. Jahrhunderts gebaut. Mit ihnen wollte das Militär die aufständischen Schotten wieder unter Kontrolle bringen. Die Straßen verbanden die diversen Baracken und Forts der Engländer, von denen aus die Highlands kontrolliert wurden, Kontrolle und Unterdrückung nach dem Aufstand von 1715. Insgesamt über 400 Kilometer Straße samt 40 Brücken in 12 Jahren.

Warum kommt mir der Ausbau der A8 und der A5 auf drei Spuren länger vor???

Die Arbeitertrupps bestanden aus 100 Soldaten und einer Handvoll Vorgesetzter sowie einem Trommler, was dann irgendwie nicht nach Spaß klingt.

Cluanie walk 2015 (9)Cluanie walk 2015 (12)Heute ist von der einstigen Bedrohung nichts mehr zu spüren, ich sitze am einsamen Straßenrand zwischen Orchideen, lausche dem Glucksen der Moortümpel und schaue dem Wollgras im Wind zu. Hier kommt nur sehr selten jemand vorbei, die meisten halten sich an die ausgewiesenen Wanderrouten für echte Wanderer und lassen die Straße links liegen. Da wandern sie dann allerdings im Pulk um diese Jahreszeit.

Cluanie walk 2015 (23)Gewollt hat er es sicher nicht aber General Wade hat Idylle geschaffen. Eine ganz ohne Verkehr und Wanderwahn.

Nur einmal durchbricht der ohrenbetäubende Lärm eines Militärjets der RAF (in diesem Fall die Royal Air Force) die windige Stille. Fast so als hätten sie einen losgeschickt zu prüfen, wer sich auf der Straße so rum treibt.

Ich atme die frische Luft der Highlands und denke an Deutschland und die A8, die unter Adolf Hitler gebaut wurde, noch eine Militärstraße, nur eine ohne Orchideen, Wollgras und Moorhühner. Und ohne jegliche Versuchung einmal einen Tag in aller Ruhe an ihr entlang zu wandern.

Cluanie walk 2015 (34)

 

Fußgänger brauchen nicht anrufen

Drumbuie coastal walk (12)Nach Tagen des Sturms, den Stromausfällen und des Schneetreibens ist nun kalter, klarer Winter in den Highlands. Die tief stehende Sonne brennt die letzten Farben der Natur aus. Das Wiesenbraun hebt sich von den weißen Gipfeln ab wie alte Tage von neuen Kalendern.

Nur das Wasser wehrt sich. Kann Meer so blau sein?

Zeit zum wandern.

Drumbuie coastal walk (26)

Ich denke und plane und bleibe ungefähr auf Meereshöhe. Zum einen, weil ich noch nie Eisklettern war, zum anderen weil jeden Tag Meldungen von Rettungsaktionen in den Bergen durch die Nachrichten geistern. Gespickt mit Warnungen vor Lawinen und weiteren unangenehmen Wintererscheinungen.

Drumbuie coastal walk (3)Weil ich lieber nicht in den Nachrichten auftauchen möchte (als Journalistin weiß ich ziemlich  genau warum), mache ich also eine Wanderung ohne Berge, da braucht man schon das ganze Survival Equipment nicht mitnehmen.

Außerdem: Das Schöne an den Highlands und der Westküste Schottlands ist: großartiges Panorama gibt es hier auch auf Meereshöhe, ganz „safe“ und ohne Überraschungen.

Ohne Überraschungen? Von wegen!

Hier gibt es immer Überraschungen.

Drumbuie coastal walk (23)

Ich wandere also so vor mich hin, es hat -4° und kein Wind stört das Wohlempfinden. Die Gier nach Sonne ist schier überwältigend und jeder Schritt ist Freude an der Natur. Vor mir das Meer und die großen und kleinen Inseln im Westen.

Duirnish train station Totale

Duirnish train station (13)Und dann plötzlich, inmitten des Nichts aus trockenem Farn und entlaubten Bäumen ein Bahnhof.

Ein Schild, ein Gleis ein Bahnübergang und ein Telefon.

Aha.

Duirnish train station (6)

Wofür ist das Telefon?

Duirnish train station (1)Ein Geräusch kündigt mir eine mögliche Antwort an. Das Postauto. Ich versuche zu erspähen, ob das unser John ist. Ist es aber nicht. Das ist Alastair, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, der aber ganz genau weiß, wo ich wohne. Natürlich! Ich bin 45 Auto-Minuten von zu Hause entfernt.

 

Ich frage nach dem Telefon.

Duirnish train station (7)Duirnish train station (9)Damit ruft man in Inverness an, erklärt mir der Postler, der sich auskennt. Das muß man machen, bevor man die Gleise mit einem Auto oder mit Tieren überquert. Fußgänger können so rüber, sollen aber genau schauen, ob nicht ein Zug kommt.

Es kommt keiner. Kein Zug, keine Menschen. Auch nicht auf dem „Bahnsteig“. Ich würde so gerne dieses Telefon ausprobieren.

Ich schaue akribisch und überquere sicher, ohne telefoniert zu haben, so zu Fuß und ohne Tiere ist das Leben dann doch nicht so spannend. Ich überlege…..

Wo nehme ich Tiere zum überqueren her???

Drumbuie coastal walk (9)

Drumbuie coastal walk (53)

Jetzt ist mir klar, warum man in den Highlands nie ohne Seil wandern gehen sollte. Bisher dachte ich immer, das braucht man nur in den Bergen.

Jetzt aber weiß ich, wenn man mal telefonieren will (und deshalb Tiere dabei haben muß), dann wäre ein Seil auch bei Wanderungen in der Ebene ganz praktisch.

 

Hier geht es übrigens zur Wanderung:  http://www.walkhighlands.co.uk/kintail/Duirinish.shtml

 

 

 

 

Wanderung zur Wikinger Werft

Die gute Nachricht zuerst: wir haben tatsächlich gesehen, was wir erwandern wollten. Das war ja nicht immer so (https://abenteuerhighlands.wordpress.com/2013/07/25/wandern-2/). Und wir mussten uns auch nicht durch Schlammbäder oder Waldwüsten quälen (https://abenteuerhighlands.wordpress.com/2014/06/02/und-zweitens-als-man-denkt/). Das Klettern am Klippenabgrund vergesse ich mal genauso schnell wieder wie den ersten Schritt.

Herrliches Herbstwetter hatte uns auf die Isle of  Skye gelockt:. Der Mann hatte eine Route ausfindig gemacht, an deren Ende eine uralte Wikinger Werft zu sehen sein sollte. So richtig konnte ich mir unter einer Wikinger Werft nichts vorstellen. So eine Art Anlegestelle aus Holz hatte ich vermutet.

Rund 15 Kilometer begannen mit einem falschen Schritt . Für eine von uns….

Rubh' an Dunain (1)

Den weiteren Verlauf der Wanderung konnte ich einigermaßen fehlerfrei gestalten.

Rubh' an Dunain (11)Entlang der blauen See und den herbstbraunen Hängen zog sich der Pfad Richtung Westen. Nach gut zwei Stunden tauchte eine verlassene Siedlung auf. Schon zuvor waren wir auf lange Steinmauern gestoßen, die wie graue Ketten die Hügel entlangzogen. long forgotten viewDie Ruine eines außergewöhnlich hohen Hauses zeugte vom Reichtum der Siedlung, die wohl Ende des 19. Jahrhunderts verlassen wurde. Heute ist die Landspitze nichts als Wildnis und Einsamkeit. Als die Macaskills noch hier gelebt haben, muß es ein blühendes Dorf, voller Menschen, Schafe, Hochlandrinder und natürlich Fisch gewesen sein.

Rubh' an Dunain (20)

Das kleine Loch na h-Airde ist ein Süßwassersee und damit hervorragend zur Fischzucht geeignet. Das Loch liegt unterhalb der verlassenen Siedlung.

Loch na h'Airde

Wikinger hatten genau hier, in der Verbindung von Loch und Meer einen kleinen Kanal ausgehoben und befriedet. Hier wurde Schiffe gewartet und aus den unruhigen Gewässern in Sicherheit gebracht, wenn nötig. Was für ein lebhaftes Treiben muß hier geherrscht haben vor rund siebenhundert Jahren.

Wir stehen vor der Wikinger Werft.

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Seit dem 8. Jahrhundert waren die Wikinger an Schottlands Küsten eingefallen; raubend, brandschatzend und vergewaltigend. Aber sie ließen sich auch nieder und siedelten. So wie hier am Rubh‘ an Dunain, einer Landzunge im westlichen Teil der Insel Skye. Bis ins 15. Jahrhundert dauerte der Einfluß der Wikinger in Schottland, der sich vor allem auf die Inseln erstreckte: auf Orkney, Shetland, die Hebriden und weiter südlich auch die Isle of  Man. Auf Skye zeugen noch heute zahllose Ortsnamen von der intensiven Kolonialisierung der Nordmänner. Und eben die Werft.

Rubh' an Dunain (50)

Unterwasserarchäoloen haben bei der Wikinger Werft Schiffsreste aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Es soll sich um ein 6 Meter langes Ruderboot gehandelt haben.

Wir haben leider nur einen toten kleinen Schweinswal gefunden.

porpoise

Für mehr Informationen zur Wikinger Werft:

http://canmore.rcahms.gov.uk/en/site/11028/details/skye+rubh+an+dunain+viking+canal/

 

…. und zweitens als man denkt.

Meine Zeit in Schottland geht schon wieder zu Ende und es stehen noch so viele Dinge auf der Liste, die ich eigentlich tun wollte. Manches hab ich geschafft, eine Wanderung beispielsweise, eine, die ich schon immer mal machen wollte. Ich habe gerade ein Bergsteigerbuch gelesen.

Ich fühle mich vom Mount Everest, dem Kangchengzönga und dem Matterhorn inspiriert und beschließe, mich an die 15 Kilometer Glenelg-Ardintoul-Totaig zu machen. Ich habe immerhin einen Berg auf meiner Route und den Smythschen Geist (27 Bücher und noch mehr Gipfel) in mir.

Auch mein Berg ruft!

Ich fühle mich schon ganz elegisch.

“On a hill it is possible to sense the unity and continuity of life, a rhythm that sends men and worlds on their way (..) He who finds beauty on a hill finds also an answer to a thousand questions. “             

Frank S. Smythe: A Mountain Vision; Hodder and Stoughton, 1941, P.6

Großartig, denke ich. Die Einheit des Seins, der Mensch, die Welten und die Schönheit der Berge und die Antwort auf tausend Fragen noch dazu.

Ich greife zum Telefon und bestelle den Bus.

Wenn der hier halten soll, dann muß man eine Anfrage stellen. Halt vor der Haustür gibt es nur auf Anfrage. Ich frage an (mindestens 21 Stunden im voraus) und der Bus hält. Ich bin der einzige Fahrgast, abgesehen von der älteren Dame mit den Einkaufstüten aber die schläft. Nach 20 Minuten und 3 Pfund 10 bin ich am Ausgangspunkt meiner Wanderung.

Am Anfang des WegsIch kann es kaum erwarten, den „Rhythmus zu spüren, der Mensch und Welten auf den Weg schickt.“

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (13)Sanft schlängelt sich der Pfad durchs Ufergrün, blau stahlt die See und die Möwen schreien über den Felsen des Sound of Sleat.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (15)Ich erreiche den Strand von Ardintoul nach etwa einer Stunde. In der salzigen Meerluft schmeckt mein Schinken mit Ei Sandwich noch viel beser. Ich lege mich ins Gras und fühle die Schönheit der Berge vor mir. Ich atme den Geist großer Bergstieger!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (19)Noch bin ich auf Meereshöhe, fühle mich aber schon als hätte ich keine Fragen mehr, als wär ich Reinhold Messner und Louis Trenker in einer Person. Ich und der Berg!

Der Wanderführer rät in Ardintoul links halten, dann geht es in den Aufstieg. Ich finde die Weggabelung und halte mich links. Nach einer Weile erreiche ich das letzte Haus im Weiler. Ein alter Mann sieht mir entgegen. Er will mir bestimmt auf Gälisch einen guten Weg wünschen. Weit gefehlt, er ist Engländer und sagt mir, daß ich auf dem falschen Weg bin. Ich kann es mir nicht erklären. Seine Frau kommt dazu und beide beschreiben mir den richtigen Weg. Sie sagt es geht links am Wald entlang, Er sagt rechts. Beide sind sich einig, daß ich am besten die Abkürzung über den Hügel hinter dem Haus nehme. Ein wenig cross country und ich sei wieder auf dem richtigen Pfad. Ich folge dem Rat und mache mich auf ins Gelände.

Hinweis: Ein wenig cross country gibt es nicht in den Highlands!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (10)Ich stolpere durch einen Bach, greife in Brennesseln und kratze mich an einem Dornenbusch, völlig erschöpft erreiche ich schließlich etwas, das ein Pfad sein könnte. Könnte aber auch einfach nur ein Schafweg sein. Oder Einbildung. Ich gehe ihn eine Weile und entdecke schließlich ein Schild. Ich bin auf dem richtigen Weg.

Hinweis: Ein Weg ist immer relativ in den schottischen Highlands!

Binsen, Steine, Schotter, Äste – der Weg lässt Raum für Interpretationsfreiheit: Kann ein Weg sein, kann aber auch nicht. Unsicher interpretiere ich mich bergauf. Da fällt es mir wieder ein, daß ich eine Wanderbeschreiburg meiner Strecke gelesen habe, in der ein freundlicher älterer Mann einem zu früh abgebogenen Wanderer eine komplett falsche Wegbeschreibung gegeben hatte und den Wanderer damit bis an den Rand der Erschöpfung trieb……

Hinweis: Wegweiser sind Vertrauenssache in den schottischen Highlands!

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (24)Was einstmals Wald war, ist nun hässliche, abgeforstete Baumwüste. Kahlschlag gibt es überall und mit dem Wiederaufforsten haben sie es nicht so hier. Ich komme mir vor wie Mad Max auf Bergtour und denke mir: „Schlimmer kann es nicht kommen.“

Hinweis: Es kann immer schlimmer kommen in den schottischen Highlands!

Dem Freitod nahe, erklimme ich nach einer weiteren Stunde den vorläufigen Gipfel, nun beginnt der Restwald, den sie wohl wegen der schwere Zugäglichkeit nicht abgeholzt haben. Dicht gepflanzt hält er Wind und Sonne vom Boden ab. Das Ergebnis lässt sich leicht an meinen Schuhen ablesen.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (29)Ich denke über Moorleichen und Sinklöcher nach und frage mich, wie man das hier einen Weg nennen kann.

Hinweis: Schlammbäder sind kostenlos in den Highlands!

Ich rutsche den Hang entlang und denke mir: „Schlimmer kann es nicht kommen.“

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (26)Der weiche Boden hat den zu dicht gepflanzten Bäumen wenig Halt zu bieten. Kaum habe ich es aus dem schlimmsten Schlamm geschafft, muß ich über massige Baumstämme klettern, von denen keiner weiß, ob sie nicht noch weiter abrutschen, wenn ich drüber zu steigen versuche. Ich überlebe auch das und schaffe es endlich aus dem Wald auf eine weitere Kahlschlagfläche.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (31)Der Blick ist atenmberaubend. Die Sonne scheint und der Wind ist nicht mehr als ein leichter Hauch von Sommer. Ich setzte mich aud das weiche, moosige Gras, höre den Kuckuck und schaue aufs Meer. Ich bin ganz oben, eins mit mir, der Welt und ….. beginne wie eine Wahnsinnige um mich zu schlagen, mich um die eigene Achse zu drehen, zu fuchteln und dann schleunigst die Flucht zu ergreifen. Die Mückenplage!

Hinweis: Midges wird man nur mit Wind, Regen oder Flucht los in den schottischen Highlands.

Glenelg-Ardintoul-Totaig walk (35)Irgendwann bin ich von meinem Berg wieder unten. Ob der Nagar Parbat auch solche Gefahren birgt? Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

Ich bin nach über fünf Stunden wieder bei uns an der Straße angekommen. Ich wandere an den Fereienhäusern entlang. Der Schlamm reicht mir bis an die Hüften. Vom Bergsteigen hab ich erst mal genug und bin froh, wenn ich mein „Basislager“ erreiche. Ich sehen aus wie der Ötzi und ich fühle mich auch so. Ich will ein heißes Bad und ein Glas Wein.

Hinweis: Wenn der Berg ruft, höre ich nicht mehr hin in den schottischen Highlands.

Gott sei Dank ist der Mann später dran als geplant und noch nicht zu Hause. Die Mädels vom Gälisch Unterricht haben ihn aufgehalten. Als hätten sie geahnt, daß sich die „Bergexpertin“ erst mal vom Schlamm ihres Abenteuers befreien möchte. Ich sehe nämlich nicht aus, als hätte ich „den Rhythmus gespürt, der Mensch und Welten auf den Weg schickt.“

Danke Mädels, auf euer Berggefühl ist Verlaß!!

 

 

wandern

Was macht man in diesem Paradies unberührter Natur? Man geht wandern.

Wandern, wandern, wandern.

Alle tun es. Männer, Frauen, Einheimische, Touristen. Alle.

In die Einsamkeit der gewaltigen Bergwelt eindringen, sie bezwingen, die Stille und die Kraft der Berge in sich aufsaugen. Der Triumph am Gipfel.

Glengarry

Glengarry

Die Cuillins, die Five Sisters, der West Highland Way… man hat die Qual der Wahl.

Jedes Jahr verunglückt eine ziemlich große Zahl Wanderer und Bergsteiger tödlich, sie stürzen von Klippen, werden von Lawinen begraben oder erfrieren mit verstauchtem Knöchel. Oft, weil sie nicht richtig ausgerüstet in die Berge aufbrechen oder sich zu viel zumuten.

Die richtige Ausrüstung. Hah! Da haben wir Deutschen doch ein Händchen für. Wanderkarten, Alpenverein, Westweg, wir können selbstverständlich auch Schottland!

Ich gehe sie Sache also Generalstabsmäßig an: ich recherchiere und packe alles was man braucht in einen Rucksack. Erste Hilfe Päckchen, klar. Notzelt, äh gut. Thermoschlauch, es hat 30 Grad aber seis drum. Kompaß, wo ist nochmal Norden? Ein Messer, ist das zur Verteidigung? Ein Feuerzeug, wo ich nicht mehr rauche und eine Taschenlampe. Und, und, und…

Wanderausrüstung

Wanderausrüstung

Recherche abgeschlossen, Rucksack gepackt. Es kann los gehen. Ich bin sicher.

Ich konsultiere die Karte, dann den Weg und stelle fest, daß die Schotten das mit der Beschilderung nicht so haben. Wer den Pfad nicht sieht oder fühlt, der hat schlechte Karten. Oder seinen Kompaß nicht im Griff. Äh, ja.

Ich (vorbereitet) kenne den Unterschied zwischen einem Graham (winziger Berg), einem Corbett (kleiner Berg) und einem Munro (ganz großer Berg) und meine Wadenmuskeln kennen ihn auch.

Wanderweg

Wanderweg

Ich bin ein Profi-Wanderer!

Die Falls of Glomach sind mein Ziel. Ein spektakulärer Wasserfall, der 113 Meter in die Tiefe stürzt. Eine Wanderung über 17 Kilometer, mit 600m Höhenunterschied. Puh. In der Hitzewelle, nur im ersten Drittel von Bäumen geschützt, dann gnadenlos schattenlos offene Fläche. Ein schweißtreibender Anstieg, der nie zu enden scheint. Hat man endlich den höchsten Punkt erreicht (530 Meter), geht es steil bergab zu dem kleinen Fluß, der sich in einen reißenden Wassserfall verwandelt. Man möchte sich hineinwerfen, trinken bis er leer ist. Tauchen und kühlen. Im Fluß, nicht im Wasserfall natürlich.

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Der ist überraschender Weise nicht zu sehen. Nur wer sich gefährlich nah an den ungesicherten Abgrund traut, kann einen Blick auf den oberen Teil erhaschen. Der eigentliche Wasserfall bleibt dem müden Wanderer völlig verborgen.

Falls of Glomach Bild ist nicht von mir!!!!

Falls of Glomach
Bild ist nicht von mir!!!!

Erschöpft und durstig erreichen wir am frühen Abend wieder unseren Ausgangspunkt. Ohne auch nur eine einzige Untensilie aus meinem Überlebensrucksack gebraucht zu haben. Ich weiß, was da noch reingehört: ein Erfahrungsbericht von der Wanderung.

Denn das nächste Mal wandere ich zu etwas, das ich sehen kann.