Krimi beim Hafenmeister

Erinnert ihr euch noch wie es war vor der Corona Krise? Als man sich Abends erzählen konnte, welche Menschen man den Tag über getroffen hat? Hier kommt eine Geschichte aus dem Januar. Vielleicht war es auch Anfang Februar. Egal. Jedenfalls war derMann war beim Hafenmeister gewesen.

Hafen Schottland

Das klingt zunächst nicht sonderlich aufregend aber das täuscht. Es passieren nämlich immer wieder sehr aufregende Dinge in den Highlands, aufregende und gruslige Dinge.

Das Ambiente ist allerdings weniger gruslig, eher männergemütlich. Von großen Katastrophen bis zu kleinen Alltäglichkeiten es wird alles diskutiert beim Hafenmeister. Man bringt entweder Kaffee Pulver oder Teebeutel mit und natürlich Kekse, keiner schnorrt sich hier durch, aber alle setzen sich im Hinterzimmer des Hafenmeisters zum Austausch zusammen. Das, was Frauen eher im Café machen, mit mehr Ambiente aber nicht unbedingt mit mehr Wissen.  Erstaunlich, was für Geschichten die Runde beim Hafenmeister machen.

Kaffetasse Schottland

Aufsehen erregend war das Verschwinden eines Mannes (so wird erzählt) nach einer Beerdigung, in reichlich angesäuseltem Zustand versucht haben soll, wieder nach Hause zu kommen. Ein Stück weit hat man ihn wohl mitgenommen, dann bleibt sein weiterer Weg unklar. Er wurde von auf Felsen im Meer gefunden. Allerdings eine gute halbe Stunde entfernt von dem Ort, an dem ihn seine Mitfahrgelegenheit abgesetzt hatte. Klingt nicht nur wie ein Krimi, es ist einer. Die Geschichte ist wahr.

Winer Meer Schottland

Derart tragische Geschichten hört man zuerst beim Hafenmeister, der weiß schließlich, was die Rettungsboote machen. Natürlich gibt es nicht jeden Tag solche Geschichten zu erzählen. Meist ist es das Wetter, über das geredet wird, aber das hat auf See natürlich auch eine ganz andere Bedeutung als an Land. Stürme können Leben kosten. Das Gespräch wird mal auf Gälisch mal auf Schottisch geführt, entspannt und informiert. Die Männer sitzen beisammen und wärmen sich die Füße, die im Winter in ihren Gummistiefeln schnell kalt werden. Es wird in die Teetassen gebrummt und gelacht. Und gelegentlich greift eine von harter Arbeit gezeichnete Hand in die Kekspackung.

Möwe

Draußen schlägt Regen an die Fenster die Boote schaukeln im Wind. Drinnen tropfen regennassen Schutzjacken kleine Pfützen auf den Boden. Der Mann leert seine Kaffeetasse und verabschiedet sich. Das IT Problem des Hafenmeisters hat er schnell gelöst. Den Rest wird er mir am Abend auf Skype erzählen.

Clackmannanshire

Clackmannanshire war früher eine der traditionellen schottischen Grafschaften und die kleinste von allen, ganz abseits der üblichen Touristenattraktionen. Rund 50000 Einwohner teilen sich heute die 160 Quadratkilometer. Kleine Dörfchen und milde Landschaften, das sind die sogenannten Hillfoots südlich der Ochil Berge. Insgesamt sechs dieser idyllischen Dörfer schmiegen sich an die Berge, fünf davon gehören zu Clackmananshire, klein aber fein und ganz zu Unrecht unbeachtet.

Das alte Clackmannanshire hat wahrhaft schöne und historische Friedhöfe, die über den speziell angelegten Kirkyard Trail zu Fuß zu erreichen sind. Es gibt sieben Friedhöfe (kirk ist das schottische Wort für Kirche, ein kirkyard ist der Friedhof an einer parish church, einer Gemeindekirche) unter den Hillfoots, die offiziell zum Wanderweg gehören, einer davon ist privat, Muckhart ist vielleicht der interessanteste, denn wie überall in Schottland erzählen auch hier die uralte Steine Geschichten der Vergangenheit.

Der Friedhof gehört zu zwei Siedlungen, dem Weiler Yetts o ‚Muckhart und Pool of Muckart, wo die Pfarrkirche steht. Das georgianische Gebäude enthält verschiedene Steine früherer Gebäude, sie sind von außen gut zu erkennen. Die erste Kirche in Muckhart geht auf das 13. Jahrhundert zurück.

Hier liegt eine sehr bemerkenswerten Frau begraben: Isabella Christie von Cowden, Ella genannt. Sie wurde 1861 geboren und starb 1949. Sie liegt im Familiengrab hinter der Kirche. Ella war zweifellos eine der eigenständigsten Frauen ihrer Zeit. Sie heiratete nie, statt dessen bereiste sie die Welt und besuchte die ungewöhnlichsten Orte: Usbekistan, Russland, Amerika, Indien, Tibet, Borneo und den Fernen Osten. Ihre Familie war reich, sie konnte es sich leisten. Aber es braucht mehr als nur Geld um solche Reisen zu unternehmen, es braucht eine gewisse Neugier, Mut und Zuversicht. Ganz besonders, weil sie eine Frau war. Gleichberechtigung war zu ihrer Zeit eher ein Ziel als eine Tatsache.

Ella schien ein sehr unabhängiger Geist gewesen zu sein. Sie lernte den Dalai Lama kennen, tafelte mit dem Maharadscha beim Bankett und schuf in den Zeiten, in denen sie nicht reiste, einen beeindruckenden japanischen Garten ganz in der Nähe von Muckhardt, inspiriert von dem, was sie während ihrer ausgedehnten Reisen und vor allem in Japan im Jahr 1907 gesehen hatte.

Der erste und wichtigste Gärtner von Ella Christie war Shinzaburo Matsuo. Er war nach Cowden gekommen, nachdem er bei einem Erdbeben seine Familie verloren hatte. Er starb 1937 fern der Heimat. Matsuo trug wesentlich zur Wahrhaftigkeit und Authentizität des japanischen Gartens bei.

Muckhart ist ein idealer Start zum Kirkyard Trail, weitere Punkte sind Upper und Lower Tillicoultry, Dollar, Muckhart, Logie und Alva sowie die private Begräbnisstätte des Harviestoun Castle, das Tait Mausoleum, ein Ort um den sich Spukgeschichten ranken. Der tote Mister Tait soll sich an der Straße zwischen Dollar und Menstrie schon öfter als Tramper versucht haben.

Schottischer Spitzen-Sommelier

Ich bin in einer Weingegend aufgewachsen, in der sehr gute weiße und akzeptable Rotweine angebaut werden.

Frankreich ist nah und damit noch mehr qualitativ hochwertiger Wein.

Wir sind hier, wie der alte Werbespruch so wahr sagt, von der Sonne verwöhnt.  Und natürlich vom Wein.

 

Der Mann ist in Glasgow aufgewachsen. Per se eher kein Weinanbaugebiet, zu seiner Zeit galt die Liebfrauenmilch als edles Getränk und Buckfast, der ultrasüße Likeurwein, als akzeptable Alternative zur Abendbelustigung.

Wir kommen also von einem recht unterschiedlichen Hintergrund und das zeigt sich ganz eindeutig, wenn es ums Wein kaufen geht. Wenn ich in Schottland Wein einkaufe, dann durchforste ich das Angebot nach italienischem Pinot Grigio oder französischem Roten was nicht ganz so leicht ist, denn das Standardangebot in den Regalen kommt aus Chile, Australien oder Neuseeland. Während ich also mit einem Ländersystem arbeite, pflegt der Mann ganz andere Standards, er differenziert nach Alkoholgehalt.

I had to lower my standards. sagt er mir letzte Woche auf Skype. Er war einkaufen und wie das so ist in Zeiten von Corona, hat nicht nur für sich sondern beim Großeinkauf auch für andere mit eingekauft. Man hatte ihn gebeten, eine Flasche Rosé mitzubringen. Eine Flasche? Meine innere Frage während ich ihm zuhöre wie er erklärt, dass es im Aldi in Inverness nur 12,5%igen Rosé gab. Ich kaufe eigentlich nie nur eine Flasche. Noch schaue ich auf die Etikett-Rückseite. Ich genieße Rosé an sonnigen Frühsommerabenden mit Eis auf der Terrasse. Mein Eis hat dabei 100% Frostgehalt. Dem schottische Weinkenner aber fehlen 0,5% zum Weinglück.

Du bist mir ein Sommelier! sage ich und lache.

Sommelier? fragt er und lacht noch mehr.

In Glasgow we call them winies.

Der Sohn im Verließ von Girnigoe

In der Sinclair Bay, nur einen Spaziergang entfernt von Wick, stehen die Ruinen zweier Türme. Der eine ist Sinclair Castle, der andere ist Girnigoe Castle. In den Verließ des letzteren trug sich eine grausame Story zu. Hier kommt die Geschichte, die fantastischen Fotos stammen alle von Britta Dicken. Danke!

romantische Ruine

Was heute als romantische Ruine über dem Meer thront, war im 15. Jahrhundert ein Neubau und Instrument der absoluten Machtausübung. Hier herrschte der Earl of Sinclair. Mitte des 16. Jahrhunderts war George Sinclair Earl of Caithness. Sein ältester Sohn und Erbe war John Sinclair und den schickte der Earl eines Tages nach Süden, um Dornoch zu vernichten, die Folgen einer Fehde, die der Earl mit einem Vernichtungsschlag zu beenden gedachte.

Glaube und Grausamkeit

Er schickte seinen Sohn und mit ihm seinen Verbündeten, den Mackay of Strathnaver. Als die beiden aber in Dornoch ankamen, hatte der Earl zuhause die vier Geiseln ermorden lassen, die die Bürger in gutem Glauben als Pfand nach Sinclair Bay geschickt hatten. In was für eine Situation hatte er da seinen Sohn und dessen Begleiter gebracht! Das wohl sehend weigerten sich der Sohn des Earls und der Mackay, Dornoch zu vernichten. Mit der Befehlsverweigerung war dem Sohn natürlich die Heimkehr verbaut und er folgte dem Mackay of Strathnaver in dessen Heimat. Dort blieb er einige Jahre, was unter anderem auch an der Tochter des Mackay lag, die er zur Frau nahm und mit der er Kinder zeugte.

Familie ohne Frieden

Nichts hätte seinen Vater mehr gegen ihn aufbringen können, als das. Der Erbe zeugte einen Erben im Exil und er? Er hätte weitere Erben zeugen sollen, er fühlte noch genug Kraft in sich, für den weiteren Fortbestand der Linie zu sorgen. Er war der Mann in der Familie, aber er war inzwischen Witwer. Er wäre derjenige gewesen, der heiratet. Nicht sein Sohn. So spukte es ihm wohl im Kopf herum. Der männliche Dominanztrieb war in seiner Gesellschaft Mitte des 16. Jahrhunderts außerordentlich stark ausgeprägt. Die Familie des Sohns war ein Angriff auf seine Macht und seine Männlichkeit.

vermeintliche Vergebung

Sinclair schickte eine Nachricht an seinen Sohn und an den Mackay, sprach von Vergebung und Wiedergutmachung und von dem Wunsch, die Familie wieder zu vereinen. Und so machten sich John und sein Schwiegervater auf zum Castle Sinclair. Als sie dort ankamen, fiel dem Mackay die ungewöhnlich zahlreichen Wachen auf, die in der Burg waren. Er war schon auf der Zugbrücke, ergriff in letzter Sekunde die Flucht und rettete sich. Für John kam die Erkenntnis zu spät. Er war bereits in der väterlichen Burg. Dort nahm man ihn fest und warf ihn in den Kerker von Girnigoe.

Dort lag er nun, elend in der Burg, die er einst erben sollte, vernachlässigt in dem kalten, feuchten Gemäuer. Ein Gefangener seines Vaters. Viele Jahre brachte er so in Girnigoe zu. Und mit jedem Tag schwand die Hoffnung immer mehr, eines Tages wieder Sonnenlicht auf der Haut zu spüren.

vereitelter Fluchtversuch

Sein Wärter hatte Mitleid mit ihm und wollte ihm helfen zu fliehen. Er bezahlte dafür mit seinem Leben, sein Kopf wurde abgeschlagen und auf einen Pfahl auf der Burgmauer aufgespießt. Ob John ihn von seinem Verließ sehen konnte? Den Fluchtversuch hatte Johns Bruder William aufgedeckt und bestraft, denn der Earl war auf Reisen. William war der jüngere aber mit dem Tod des Gefangenen würde er nach seines Vaters Tod alles erben, den Titel, die Macht und den Reichtum. Eines Tages wagte sich William in Johns Zelle, um ihn zu töten und bezahlte selbst mit dem Leben dafür. Sein Bruder, der trotz der langen Gefangenschaft noch immer ein sehr kräftiger Mann war, hatte ihm in einem verzweifelten Kampf den Brustkorb zerquetscht.

elendes Ende

Als der Vater zurückkam, ernannte er zwei Männer zum Wärter seines Erben, zwei grausame, sadistische Männer, die beiden Sinclairs Ingram und James, denen der Earl mit aller Wahrscheinlichkeit klar gemacht hatte, dass er auf das Leben seines Sohnes nicht viel Wert legte. Also ließen die Sinclairs den Erben ihres Chiefs hungern. Tagelang bekam John nichts zu essen. Bis sie ihm dann gepökeltes Fleisch servierten, das der ausgehungerte junge Mann hinunterschlang. Das Salz tat seine Wirkung doch die beiden Sinclairs verweigertem ihrem Gefangenen jegliches Wasser und so starb John Sinclair einen qualvollen Tod im Kerker von Girnigoe Castle. Er verdurstete. Am 15. März 1556 war er tot und wurde bald darauf auf dem alten Friedhof von Wick begraben.

Sein Vater starb sieben Jahre nach der Ermordung seines Sohnes. Das Erbe trat der Enkel an. Jener Sohn, den John gezeugt hatte, als er noch glücklich und sicher weit weg von seinem Vater beim Mackay of Strathnaver und dessen Tochter lebte.

 

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Schottlandsehnsucht – Foto Challenge

Abenteuer Highlands Wunder der Technik Fernbeziehung Skype Coulin Estate, Torridon ©nme

Sehnsucht nach Schottland?

Ich habe sie, ihr habt sie und weil ich so wunderbare Leser mit inspirierenden Ideen habe, starten wir jetzt gemeinsam eine Aktion gehen den Daheimbleib-Frust. Jeder darf mitmachen.

Ein paar von euch mussten ihre Schottland-Urlaube verschieben, andere haben sie ganz abgesagt, wieder andere hoffen noch und auch ich weiß nicht, wann und für wie lange ich wieder zurück in meine zweite Heimat kann.

Das Corona Virus hat für so viele Menschen wirklich grausame Folgen und natürlich ist die Sehnsucht nach Schottland ein kleines Übel im Vergleich zum Verlust von Existenzen und Menschenleben. Uns bleibt die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Um die Zeit der Ungewissheit und der Ferne zu überbrücken, kramt nun der ein oder andere seine Schottland Fotos aus. Und hier kommt Andys Idee: Lasst sie uns hier teilen. Eine Foto-Challenge auf Abenteuer Highlands. Hurrah!!!

Hier ist der Plan:

Schickt mir 5 eurer Lieblingsfotos aus Schottland auf die Adresse ErkenbachNellieMerthe@gmail.com als .jpg in einer Göße, die das Versenden per Mail erlaubt. Ja, ihr könnt auch mehrfach 5 schicken.

Ich stelle sie hier aus und wir können alle gemeinsam in Schottlandsehnsucht schwelgen. Wenn ihr noch eine kleine Geschichte zu den Bildern habt – umso besser. Es kommt also auch auf die Kombination an.

Die Fünferkollektion mit den meisten Likes bekommt einen Preis: schottisches Siegerminz, eine handsignierte Kopie meines nächsten Buchs Schottland für stille Stunden, das im Sommer erscheint und natürlich ein special feature auf Abenteuer Highlands. Macht das Lust?

Die Foto-Challenge ist hiermit eröffnet.

Fotos könnt ihr bis  zum 30.06.2020 einsenden. Jeder kann mitmachen, sofern er mindestens 18 Jahre alt ist. Ihr müsst die Rechte an den Fotos besitzen. Ich brauche euren Namen und den Ort, den das Foto zeigt. Am besten branded ihr sie.  Dann poste ich die Bilder als Beitrag auf dem Blog.

Ich freu mich auf eure Bilder. Legt los!

Nellie

 

 

Ardchattans Mordopfer

Ardchattan ist ein altes Kloster, das vor fast 800 Jahren von Duncan Mac Dougall, Lord of Lorn, gegründet wurde. An den Ufern von Glen Etive war es jahrhundertelang das Zentrum des kirchlichen Lebens dieser Gegend, bis Cromwells Truppen es 1654 niederbrannten. Das angrenzende Haus und der schöne Garten befinden sich in Privatbesitz. Im kleinen Friedhof wurde das wohl berühmteste Mordopfer der schottischen Geschichte beigesetzt: Colin Campbell von Glenure, the red fox, das vermeintliche Opfer des Appin Mörders James of the Glen.

Ein Opfer, dem oft  wegen der tragischen Ungerechtigkeit der Hinrichtung des mutmaßlichen Mörders, zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Doch nur weil das Gerichtsverfahren zu seinem Mord kein gerechtes war, darf man den Preis, den er bezahlt hat, nicht ignorieren.

Sein Tod war tragisch für seine Familie, sein Mord ein politisches Schaufenster und sein Begräbnis ein sehr öffentlicher Ruf der Campbells nach Gerechtigkeit. Der Mord nahm außergewöhnliche Dimensionen an, der Trauerzug war beeindruckend. Nach der Säkularisaton ging das Kloster in den Besitz der Campbells über. Hier wurde der Rotfuchs beigesetzt.

Die Leiche des Mordopfers  wurde im Barcaldine House (heute ein Hotel, aber damals im Besitz von Colin Campbells Halbbruder Duncan Campbell) auf dem Weg zu seiner Beerdigung im Ardchattan Priory aufgebahrt.  Die Beerdigung musste verschoben werden, damit alle Verwandten genügend Zeit hatten, um anzureisen. Angeblich spukt sein Geist noch immer in dem Hotel. Zumindest ist er mehrfach gesehen worden.

Colin Campbell wurde am 26. Mai 1752 beigesetzt, wo seine Vorfahren seit dem 15. Jahrhundert beigesetzt wurden. Der Ort hat einen ganz eigenen Zauber, eine Stille und Ernsthaftigkeit, die einen Besuch lohnt.

Seinen vermeintlichen Mörder hat man hingerichtet, der wahre aber entkam.

James of the Glen

Die Geschichte von James Stuart  erzählt von Macht, Politik, Betrug und Ungerechtigkeit. Sie ist so grausam wie wahr und einige Aspekte werden wohl  nie ans Licht kommen. Viele glauben, dass der Appin-Mord einer der größten, wenn nicht der größte Justizfehler in der Geschichte Schottlands war. Das Gesetz machte James of the Glen zu einem Mörder, die Legende machte ihn zum Opfer. Seine Knochen ruhen auf dem alten Friedhof von Keil in Appin. Er starb in Ballachulish am Ufer des Loch Leven am 8. November 1752.

 

Auf dem kleinen Hügel über dem Pier der ehemaligen Fähre (heute verbindet eine Brücke die beiden Ufer) wurde ein Galgen errichtet. Der 50-jährige James Stewart, auch bekannt als Seaumas a ‚Ghlinne, James of the Glen, wurde hier hingerichtet. Er wurde wegen Mordes gehängt, den er höchstwahrscheinlich nie begangen hat. Der mutmaßliche Mörder wurde nicht nicht gerichtet wer wurde ermordet. Auf dem Hügel, auf dem der Galgen stand, ist eine Gedenkstädte aber man muss danach suchen, um sie oberhalb der Brücke zu finden. Parken ist schwierig.

James of the Glen war ein ruhiger und beliebter Mann, er war gebildet, konnte in beiden schottischen Sprachen lesen und schreiben. Er war mit seiner Cousine Margaret verheiratet, die beiden hatten drei Kinder und lebten auf einer Farm in Glen Duror, ein paar Meilen südlich von Ballachulish. Er hatte auf dem Feld von Culloden gekämpft und den Kampf überlebt, um schließlich zu Hause getötet zu werden.

James of the Glen war ein Stewart of Appin und damit natürlich auch ein Anhänger von Charles Edward Stuart. Die Campbells waren Anhänger des englischen Königs und taten sich besonders damit hervor, so viele Stewarts wie möglich von ihrem Land zu vertreiben.  James of the Glen und Colin Campbell, den sie „den roten Fuchs“ nannten, hatten sich in einer Kneipe wegen dieser Vertreibungen geprügelt. Dafür gab es jede Menge Zeugen.

Colin Campbell hatte Räumungsbefehle bei sich, als man ihn am 14. Mai 1752, wenige Tage nach der Kneipenschlägerei, auf dem Weg nach Duror erschossen fand. Ein Mann mit einer Muskete war im Wald verschwunden hatten Augenzeugen behauptet. Wer war dieser Mann? Und wo war er?

Alan Breck, der Pflegesohn von James Stewart, war der offensichtlichste Verdächtige, und sein Pflegevater wurde beschuldigt, an dem Mord beteiligt gewesen zu sein. Breck floh nach Frankreich,  James Stewart wurde  gefangen genommen. Einen Rechtsbeistand gestand man ich erst 36 Stunden vor dem Prozess zu. Richter war der Duke of Argyll, Chef des Clans Campbell. Elf der fünfzehn Geschworenen waren ebenfalls Campbells. Von einer unabhängigen Einschätzung war dieses Gericht weit entfernt. Justitia war nicht blind und James Stewart hatte keine Chance. Er hat sich nie wirklich verteidigt, wahrscheinlich nicht, weil er schuldig war, sondern weil er keinen seiner Verwandten gefährden wollte.

Sie hängten ihn auf, legten ihm dann Eisenketten um seinen Körper und ließen ihn drei Jahre am Galgen hängen. Als der Leichnam abfiel, sammelte seine Frau Margaret ein, was von ihm übrig war und beerdigte die Knochen in der Ruine der Kirche von Keil. Eine kleine Gedenktafel erinnert  daran.

Der ermordete Colin Campbell wurde im Kloster Ardchattan beigesetzt. Dessen Geschichte folgt am nächsten Sonntag.

Die blutige Flagge der Stewarts of Appin

In Lochaline auf der Morvernhalbinsel auf einem Friedhof namens Kiel oder Cille Cholumchille stehen die Überreste der Kirche des Heiligen Columba, die den Sound of Mull überblickt. Sie stammt aus dem Mittelalter, uralte Steine, Zeugen einer bewegten Geschichte.

Der Heilige Columba aus Iona gründete in der Gegend ein Kloster. Lochaline ist heute eine verschlafene Ansammlung von Häusern, im Mittelalter war dies eine betriebsame Gegend, die geschützten Hänge des Landes erlaubten Landwirtschaft, die Fischerei war einträglich. Im Old Session House  steht eine Sammlung wunderschön er Grabsteine ​​aus dem 8. Jahrhundert, ältere aus dem 13. und später. Zeit, Gedanken und Vorstellungskraft flossen in diese kunstvollen Werke ein. Die Steinmetze  der Umgebung waren zu ihrer Zeit bekannte Handwerker. Ihre Muster sind außerordentlich natürlich.

An diesem uralten Ort endet die bewegende Geschichte eines jungen Mannes. 1746 rettete der erst 18-jährige Donald Livingstone (Domnhull Molach) das Banner des Regiments der Stewart of Appin in der Schlacht von Culloden und lebte, um seine Geschichte zu erzählen, obwohl er mehrere Male angeschossen wurde.

Die Livingstones waren nicht die traditionellen Fahnenträger für die Stewarts of Appin. Diese Ehre gehörte Carmichaels und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Die Livingstones waren Leibwächter der Stewarts of Appin, alle drei Clans waren Jacobites, sie kämpften auf Seiten Schottlands gegen die Engländer.

Auf dem folgenschweren Schlachtfeld von Culloden, auf dem so viele Jakobiten bei dem Gemetzel im Moor ihr Leben ließen, wurden acht der Carmichael-Fahnenträger, die alle den Vornamen Donald trugen (in Schottland ist es heute noch üblich, dass die männlichen Familienmitglieder über Generationen hinweg denselben Namen tragen), entweder getötet oder schwer verwundet. Es blieb keiner übrig, um das Banner zu tragen, das mitten im Blut der sterbenden Männer auf dem Boden lag.

Von den 5400 Anhängern von Prinz Charles Edward Stuart, die in Culloden kämpften, starben mehr als die Hälfte, wurden verletzt oder inhaftiert. Der junge Soldat Donald Livingstone hatte die Tapferkeit der Jugend, er war mutig und forsch,  fühlte sich wahrscheinlich unbesiegbar. Er nahm das blutige Banner auf und wúrde so der neunte, der es trug in dieser Schlacht. Er nahm es ab und wickelte es um seinen Körper. Die Schlacht war verloren aber er wollte wenigstens das Banner retten.

Das Appin-Banner zeigt ein gelbes Andreaskreuz auf hellblauer Seide, es befindet sich im Militärmuseum im Edinburgh Castle und hängt neben dem Banner des englischen Truppenregiments (King’s Own Royal), das vom Appin-Regiment angegriffen wurde. Dunkle Flecken zeugen vom Blut seiner Fahnenträger, Einschusslöchern belegen die Gefahr, der die Fahnenträger ausgesetzt waren.

Der junge Mann wurde fast sofort von einer Kugel getroffen, doch es gelang ihm, ein herumirrendes Pferd zu ergreifen, einen Dragoner zu töten und einem zweiten zu entkommen. Unter normalen Umständen wäre auch er in Culloden gestorben aber das Banner der Stewarts of Appin, das um seinen jugendlichen Körper gewickelt war, muss ihn beschützt haben, so heißt es. Es gelang ihm, nach Argyll zurückzukehren. Die Engländer aber verfolgten ihn. Und nicht nur ihn. Das Land musste von Aufständischen gesäubert werden und sie machten sich an die Arbeit.

Am 10. März 1746 strömen Soldaten von einem der bekanntesten englischen Kriegsschiffe, der HMS  Terror, an Land. Was folgte war eine Orgie der Zerstörung, an einem einzigen Tag brannten rund vierhundert  Häuser und Scheunen, das Vieh, das nicht mit verbrannt war, wurde erschossen.

Donald Livingstone, der Mann, der die Stewart-Farben rettete, lebte weitere 70 Jahre bis zum hohen Alter von 88 Jahren. Er wurde ion Lochaline beigesetzt.  Er hatte sechs Söhne und zwei Töchter. Bei seinem Tod wurden verschiedene Schusswunden (der Legende nach waren es bis zu 9) an seinem Körper entdeckt. Donald Livingstones Geschichte wurde zur Legende und das Überleben des Banners ein Hoffnungsschimmer in den dunklen Tagen der Niederlage und der englischen Vergeltung.

Die blutige Flagge war das Wahrzeichen eines ebenso stolzen wie verzweifelten schottischen Kampfes um Unabhängigkeit und nicht nur deshalb für die Stewarts of Appin und alle, die der jakobitischen Sache folgten, von höchster Wichtigkeit.

 

Mord am Hochzeitstag

Ich finde bei meinen Recherchen zu Schottland immer wieder Gruseliges und Grausames, der Mord in Appin ist wie ich finde dennoch ein ganz besonderer. Überhaupt scheint Appin eine ganz besondere Anziehungskraft für Mörder zu haben. Hier also nun ein wahrer Krimi aus dem 15. Jahrhundert. 

Castle Stalker

Dies ist die Geschichte der Ermordung von John Stewart, Lord of Lorn an seinem Hochzeitstag und die der Ermordung seines Mörders Alan MacDougall und es ist gleichzeitig die Geschichte der dramatischen Geburt der Stewarts of Appin.

Appin

Die Anfänge des Clans Stewart von Appin waren bestimmt von Lust, vielleicht sogar von Liebe. Es war das Jahr 1445 und Sir John Stewart war auf dem Weg nach Hause zu seiner Burg Dunstaffnage, als er auf eine junge Frau traf, in die er sich sofort verliebte. Sir John war ein verheirateter Mann, was ihn keineswegs davon abhielt, mit dieser Frau einen Sohn zu zeugen. Sie war eine Tochter des MacLaren von Ardvech, deren Name nirgendwo überliefert wurde. Ein Schicksal, das sie mit vielen Frauen teilte, die Geschichte ist voller namenloser Frauen, auch die schottische.

Diese Geliebte wollte Sir John schließlich fünf Jahre nach dem Tod seiner rechtmäßigen Frau heiraten. Seine Frau hatte ihm drei Töchter geboren aber keinen männlichen Erben. Er war gezwungen, die Linie mit einem Erben zu sichern und mit der Geliebten hatte er bereits einen Sohn und möglichen Erben. Er musste also nur die Mutter heiraten und den Sohn anerkennen. Die Vermutung liebt nahe, dass die geplante Ehe wenig mit Liebe zu tun hatte.

Die Hochzeit der beiden fand am 20. Dezember 1463 statt, die Zeremonie fiel kürzer aus als erwartet denn Männer drangen plötzlich in die Kirche ein, die Waffen wurden gezogen. Sir John wurde von einem Dolch tödlich verwundet. Sie zerrten den sterbende Bräutigam aus der Kirche, die Zeremonie war beendet. Doch noch bevor Sir John den letzten Atemzug tat, streifte ihm der geistesgegenwärtige Priester den Ring über den Finger und besiegelte so die Ehe der beiden.

Die namenlose Frau war Braut war Witwe an einem Tag, ihr achtzehnjähriger Sohn Dugald der rechtmäßige Erbe des Vermögens eines Vaters, dessen Sohn er offiziell gerade geworden war.

Es war dieser ehemalige Bastard und nun rechtmäßige Erbe von Sir John Stewart, Lord of Lorn, der die Linie der Stewarts of Appin begründete. Der Mörder am Hochzeitstag war Alan MacDougall und er hatte seine Gründe für seine grausame Tat.

Die MacDougalls hatten früher das Castle Stalker besessen, Sir John hatte es ihnen genommen. Jetzt übernahm Dugald seinen Platz ein als Stewart von Appin und plante seine Rache mit Ruhe und kalter Besonnenheit. Fünf Jahre kamen und gingen, die Differenzen mündeten 1468 schließlich in die blutige Schlacht von Stalc, in der viele Hundert fielen als die MacLarens den Stewarts of Appin und Dugald, ihrem Chief halfen, die MacDougalls und deren Verbündete die MacFarlanes, vernichtend zu schlagen. Alan MacDougall, der Mörder von Dugals Vater, wurde ebenfalls getötet.

Dugal regierte Appin für mehr als dreißig Jahre. Was aus seiner Mutter wurde, ist nicht überliefert.

My Heart‘s in the Highlands

Diesen Post schreibe ich nicht nur für mich, ich schreibe ihn vor allem auch für euch da draußen, die ihr mir schon so lange und mit so viel wunderbarem Feedback folgt. Wir alle haben jetzt zu kämpfen mit dem, was das Coronavirus mit unserem Leben macht und wir träumen von Schottland, weil es das Einzige ist, was wir im Moment tun können, träumen.

Isle of Skye

Schottland ist ein Traum. Wie oft habe ich das in der Vergangenheit so leicht gesagt, wenn ich Menschen davon erzählen wollte, wie wunderbar dieses Land ist. Ein Traum!

Jetzt ist es leider nur noch ein Traum für so viele von uns. Wir kommen nicht mehr hin. Ihr hattet Urlaube geplant, Reiserouten ausgearbeitet hin zum Meer, den Bergen und dem unglaublichen Licht. Und nun machen die Reisebeschränkungen, die Flugausfälle und die zu erwartenden Grenzkontrollen auf dem Weg ins Vereinigten Königreich die Einreise nach Schottland so gut wie unmöglich.

Isle of Skye

Auch für mich, denn auf dem Papier bin ich ja auch nichts anderes, als ein Tourist. Dass ich seit fast einem Jahrzehnt ein zweites Leben in den Highlands habe, das ich dort mit einem Schotten teile, hat auf die Einschränkungen keinen Einfluss. Auch ich komme nicht mehr hin. Und ich weiß nicht, für wie lange. Die Sorge um den Mann und die Familie nimmt täglich zu. Was, wenn sich der Mann infiziert? Ich könnte nicht bei ihm sein. Wie selbstverständlich hat man doch das alte Europa vor Corona genommen. Nun mit Brexit und Corona ist so vieles anders. 

Isle of Skye

Wie so viele Menschen in Deutschland (und ja, ich finde viele vernünftige Menschen mit voller Mitgefühl und Menschenverstand, auch das hat mir die Coronakrise gezeigt) habe nun auch ich ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Was, wenn….?

Was, wenn ich nicht….?

Dabei geht es mir noch gut. Ich lese von einem Vater, der seine sterbende Töchter im Krankenhaus nicht sehen darf, weil das Krankenhaus abgeriegelt wurde und er bei seinem Sohn bleiben muss während seine Frau die Tochter auf dem letzten Weg begleitet. Furchtbar. 

Aber ich lese eben auch, dass es lange gehen kann, bis wir die Krise überwunden haben. Manche reden von zwei Jahren. Zwei Jahre! 

Der Mann ist in der Art und Weise wie er die Pandemie erlebt einige Tage hinter mir zurück, was die Erfahrungen und auch die Einschätzungen der Situation angeht. Bei den Glasgow Rangers wurde im vollen Stadion noch Fußball gespielt, da haben sie bei uns schon die Geisterspiele abgesagt. Deutschland schloss die Schulen Anfang der Woche, Schottland erst am Freitag. Ich kenne, was auf ihn zukommt.

Schottland hat eine starke und kluge Regierungschefin voller Empathie aber das Oberhaupt des Vereinigten Königreichs genießt eher nicht unser Vertrauen, schon gar nicht, wenn es um Krisenmanagement geht. Und das  Gesundheitssystem NHS ist zwar sehr sozial aber eben auch sehr unterbesetzt. Es wird mit der zu erwartenden hohen Zahl der medizinisch Hilfsbedürftigen nicht klar kommen. Seife, Desinfektionsmittel oder Nudeln sind auch in den Highlands nicht zu kriegen.

Das Land, das so sehr auf den Tourismus angewiesen ist, wird auf absehbare Zeit keine Touristen mehr sehen. Die Auswirkungen werden drastisch sein für viele in der Familie und im Bekanntenkreis. Allerdings gibt es jetzt die ersten Corona-Touristen, die sich in ihren Wohnwägen in den Highlands selbst isolieren. Wie lange gedenken die ohne ordnungsgemäße Toilettenleerung da auszuhalten? Wer kümmert sich um sie, wenn sie infiziert sind? Die medizinische Versorgung in den Highlands ist nicht auf große Zahlen ausgelegt. Diese Touristen helfen niemand. Allein in Glen Coe waren es gestern bereits mehr als zwei Dutzend. 

Ich hatte es kommen sehen und saß am Sonntag auf gepackten Koffern. Noch waren die Grenzen offen, noch flogen die Fluglinien einigermaßen nach Plan. Viel war weggebrochen, von dem, was ich normalerweise arbeite. Wäre es nicht besser schnell nach Schottland zu verschwinden anstatt im Sommer?

Ich fragte meinen Chef aber er antwortete erst, als ich den Flieger am Montag schon nicht mehr erreichen konnte. Der Chef bat mich zu bleiben, Journalisten werden gebraucht und viele Kollegen werden ausfallen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssen. Das habe ich verstanden und bin geblieben. Aber nun kann ich nicht mehr weg. Wer weiß, für wie lange.

Immer wieder geht mir die Zeile aus dem Lied bzw. Gedicht von Robert Burns im Kopf herum. Er hat es 1789 geschrieben, vor weit über zweihundert Jahren.

Gedicht Robert Burns

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz ist nicht hier.

Mein Herz ist in den Highlands, wo auch immer ich bin.

Eures auch?