Der Kopf im Koffer

Gorgeous“, sagt der Mann zu mir mit diesem für Glasgow so typischen Overstatement der weiblichen Vorzüge seiner Partnerin, „ich habe dein Weihnachtsgeschenk und ich möchte es dir jetzt schon geben. Es ist Ende November und noch ein ganzer Monat bis Weihnachten, was bei mir zwei Fragen gleichzeitig aufwirft:

  1. Warum hat der Mann schon mein Weihnachtsgeschenk gekauft?
  2. Warum kann er es nicht selbst mitbringen, wenn er mich an Weihnachten besuchen kommt? Dieses Jahr ist das Jahr Weihnachten mit der deutschen Familie.

„Es wäre mir lieber du nimmst das durch den Zoll, bei mir könnte es Probleme geben.“ meint er als Erklärung.“

Werden langhaarige Männer mit Bart strenger kontrolliert als Frauen frage ich mich kurz? Ich vermute allerdings schon. Aber was nur will er nicht durch den Zoll bringen?

Skull

Einen Totenkopf. Fantastisch! So einen habe ich schon immer gewollt für die Bibliothek. So als Sinnbild für die Sterblichkeit. Und weil ich Hamlet liebe, zum großen Monolog gehört einfach ein Schädel. Alas, poor Yorrick!

Totenschädel im Koffer

 

Aber nun sehe ich auch das Problem am Flughafen … ich habe einen Kopf im Koffer und auch wenn es sich um eine Theaterrequisite handelt, sieht sie doch täuschend echt aus.

Am nächsten Morgen beim Einchecken am Flughafen von Inverness wispere ich leise der Schalterdame entgegen: „Ich hab‘ da was Ungewöhnliches im Koffer, nur wegen ihres Scanners, es ist ein….

„Dann bitte zum Sondergepäck da drüben.“ sagt sie bestimmt, ohne auch nur im Ansatz wissen zu wollen, um was es sich handelt.

Totenschädel verpacktAlso rüber zum Sondergepäck, wo sonst nur die mit Skiern oder Kinderwägen anstehen. Nun also ich mit meinem Totenschädel. Ein Schotte Mitte vierzig liegt müde in seinem Stuhl, es ist kurz nach 5 Uhr am Morgen und wir sind alle noch nicht wach. Neben ihm sitzt eine aufrechte, aufgeweckte junge Kollegin, die mit offensichtlichem Eifer dabei ist, ihren Job zu lernen.

„Ich habe da etwas Ungewöhnliches in meinem Koffer.“ sage ich mit leiser Aufregung in der Stimme. Der Mann bleibt auf seinem Stuhl liegen und winkt nur lässig ab.

„Alles schon gesehen!“ sagt er. Seine Kollegin dagegen hat die Wichtigkeit dieser Aussage erkannt und sitzt nun noch aufrechter als eben schon.

„Aber ich hab‘ einen Schädel“ sage ich mit Vorwurf in der Stimme. Ich habe alle 12 Staffeln von Bones – die Knochenjägerin gesehen, ich weiß genau, wie echt mein Schädel aussieht.

Totenkopf

„Alles schon gesehen!“ winkt er wieder ab, rollt aber nun mit dem Bürostuhl vor seinen Monitor und prüft das Gepäckstück, das ich aufs Laufband gelegt habe. Die junge Kollegin prüft leidenschaftlich mit. Wahrscheinlich hat sie noch nicht alles gesehen.

Er nickt und ich frage, ob ich auch mal sehen darf. Er nickt wieder und dreht den Monitor. Mann kann jede Einzelheit erkennen von dem Kopf, den ich im Koffer transportiere. Wäre ich die schottische Flughafenpolizei, ich würde mich wegen Mordes verhaften.

Ich bekomme statt dessen meinen Quittungszettel und kein Mensch fragt mich mehr nach meinem Kofferinhalt. Auch nicht in Heathrow, wo ich meinen zweiten Flug antrete. Ganz so, als ob ständig irgendein Deutscher mit einem Schädel im Gepäck aus Schottland zurückkommt.

Vielleicht bin ich ja nicht die Einzige mit einer Bibliothek…..

Skull and light

 

 

 

 

 

 

 

Neues und Altes

Was ist es mit Neujahrsmorgen, dass sie so anders scheinen als die ersten Stunden an anderen Tagen? Warum scheint ein neues Jahr vielversprechender als ein neuer Tag?

Meine Neujahrsmorgen in den schottischen Highlands sind still und meist grau und windig. Viel Versprechen scheinen sie nicht zu halten von den Dingen, die da noch kommen werden. Das Meer und der Himmel sehen aus wie immer. Für die Natur spielt der Kalender keine Rolle, Wechsel ist stetig und unaufhaltsam. Gestern, im alten Jahr schien die Sonne.

Wahrscheinlich ist es ein Phänomen des zunehmenden Alters, dass der Blick auf die nahe Zukunft keine uneingeschränkt frohe Erwartungshaltung eröffnet. Es wird viel passieren im neuen Jahr. Der Brexit wird das Vereinigte Königreich verändern.

Im Fernsehen sind auch hier alle gut gelaunt, bis Mitternacht gab es seichte Fernsehshows, danach viel Musik, am Neujahrsmorgen alte Filme wie der Zauberer von Oz.

Der ein oder andere hat gute Vorsätze für dieses neue Jahr und Jahrzehnt. Für Schottland wird sich viel entscheiden, weil man in England zu neuen Ufern aufbrechen will. Der nächste Neujahrsmorgen könnte sich in diesem Land ganz anders anfühlen.

Frohes neues Jahr euch allen!

Pirat und Held John Paul Jones

Einer der berühmtesten Piratenund Seefahrer, den Schottland je hervorgebracht hat, ist Paul Jones, Sohn eines Gärtners aus Kircudbright. Geboren wurde er am 6. Julie 1747 auf dem Herrensitz von Lord Selkirk, in Arbigland. Der Sohn trug (wie es in Schottland auch heute noch häufig üblich ist) denselben Namen wie sein Vater: John Paul. Seine Mutter war Jean MacDuff.

frozen bramblesDer Vater war ein echtes Unikum.

Einmal, als sein Herr durch den Garten ging, entdeckte der in den beiden baugleichen Sommerhäusern je einen jungen Burschen im Fenster. Er ging zu  Gärtner, um sich zu erkundigen, was es damit auf sich hatte.

„Der Junge hat Obst im Garten gestohlen.“ sagte der alte John Paul. „Da haben ich ihn eingesperrt.“

„Aber es sind zwei Jungen.“ berichtigte Lord Selkirk mit einer gewissen Logik.

„Meinen Sohn habe ich nur aus Gründen der Symmetrie ins andere Haus gesperrt.“ erwiderte der Gärtner.

Es war eben dieser Sohn, der ein ganz außergewöhnliches Leben haben würde.

Isle of Skye view from Carr Brae one autumn evening

Nicht lange nach der Symmetrie-Episode wurde das Arbeitsverhältnis mit John Paul Senior  beendet und die Familie zog um. Weil der alte John Paul ohnehin eher als Seefahrer denn als Gärtner taugte, ging er auch zur See. Mit 12 Jahren trat auch der junge John Paul in Whithaven sein Leben auf See an, zunächst als Lehrling, dann als Steuermann auf Sklavenschiffen, bereits mit 21 Jahren wurde er Kapitän. Er sah bald, wie viel lukrativer plündern war und wurde Pirat, nannte sich um von John Paul in Paul Jones. Er kannte die schottische Küste wie seine Westentasche, was ihm natürlich auf See sehr zugute kam. Bei einem Angriff auf seine Stadt Whitehaven war er zunächst Teil der Plünderer, warnte aber dann die schlafenden Bewohner vor der Gefahr und rettete so ihr Leben.

Überhaupt war Pirat Paul wohl der Netteste seiner Spezies. Nach den Ereignissen von Whitehaven machte sich die Besatzung des Schiffs auf nach Arbigland. Den Herrensitz von Lord Selkirk konnte man über das Wasser erreichen. Man ankerte und enterte, doch Lord Selkirk war nicht anwesend. Nur Lady Selkirk, die natürlich in dem Piraten vor ihr nicht den Gärtnerssohn erkannte. Eigentlich hatte die Crew Lord Selkirk entführen und Lösegeld fordern wollen., Was nun? Pirat Paul hielt die anderen davon ab, Schlimmeres zu tun und bat (!) Lady Selkirk um das teure Geschirr, das man gut verkaufen konnte. Die Lady, in vollen Bewusstsein, dass alles noch viel schlimmer sein könnte, ließ alles einpacken und steckte obendrein noch ihre silberne Teekanne, die sie noch warm vom Frühstückstisch nahm, an dem sie gesessen hatte, bevor die Piraten auftauchten.

Man zog von dannen. Bevor er das Haus verließ versprach Paul Jones ihrer Ladyschaft, dass sie eines Tages alles zurück bekommen würde. Es dauerte ein paar Jahre aber im Frühjahr 1783 war es soweit. Ein Paket traf ein mit dem Geschirr und der Teekanne, die Teeblätter vom Frühstück der Lady Selkirk waren noch immer darin. Die Teegeschichte erzählte  vom Charakter des „Piraten“, der in den nächsten Jahren zu einem amerikanischen See-Helden werden würde.

wake sea water ship

John Paul Jones kämpfte im Unabhängigkeitskrieg für Amerika gegen das Vereinte Königreich. Sein Schiff war zunächste die Bonhomme Richard, mit der er (zu der Zeit in französischem Dienst) auf die Serapis traf. Die fügte ihm in heimischen Gewässern einen solchen Schaden zu, dass er zu sinken begann. Gönnerhaft bot ihm der Kapitän der Serapis an, zu kapitulieren worauf Paul Jones antwortete: „Sir, ich habe noch nicht einmal angefangen zu kämpfen.“

John Paul Jones kommandierte das erste sinkende Schiff der Geschichte, das eine Seeschlacht für sich entscheiden  konnte. Für die Amerikaner war er ein Held der See und ein Unabhängigkeitskämpfer, der ganze acht Schiffe sank und mindestens ebenso viele plünderte.

Sein bewegtes Leben zog ihn weiter in andere Länder, er kämpfte für Russland gegen die Türken, lebte in Holland und in Frankreich wo er Ende des 18.Jahrhunderts auch starb. Über hundert Jahre später überführten die Vereinigten Staaten von Amerika die Überreste des schottischen Piraten in die USA, wo er in einem Bronzesarg in der US Navy Akademie liegt, von amerikanischen Marinesoldaten als einer ihrer Idole seit über einhundert Jahren bewacht.

 

Quellen: 

Biografie John Paul Jones auf Britannica.com

History of Paul Jones the pirate auf History.Navy.mil

 

Frohe Weihnachten und ein gesundes und glückliches 2020

Liebe Leser,

ich möchte mich nicht in die Feiertage verabschieden ohne euch allen ein herzliches Dankeschön zu sagen: Ihr seid toll und euer Feedback ist die beste Motivation, die man haben kann, um zu schreiben!

Gras vereist

 

Habt ein wunderbares Weihnachtsfest und entspannte Feiertage, lasst es krachen an Hogmanay und behaltet Schottland im Herzen. Genau so, wie es Robert Burns geschrieben hat in dem traditionelle Lied Auld Lang Syne (Der alten Zeiten wegen), das alle Schotten zur Jahresende anstimmen, der alten Zeiten wegen.

Should auld acquaintance be forgot,
and never brought to mind?
Should auld acquaintance be forgot,
and auld lang syne?

For auld lang syne, my jo
For auld lang syne
We’ll tak’ a cup o’ kindness yet
For auld lang syne

Loch Long

Ich wünsche euch allen viel Gesundheit und dass die Sehnsucht nach Schottland nicht unerfüllt bleibt. Passt auf euch auf und denkt daran, hinter jedem Schatten scheint die Sonne!

Nellie

 

 

William Soutar – der Gesang des Todes

Sein Leben war kurz und er starb lange. Sein Schicksal trug er mit Würde und Kraft. William Soutar starb 13 lange Jahre in seinem Bett im Haus seiner Eltern. Er empfing Besucher, schrieb Gedichte und ertrug alles mit Hilfe seiner kreativen Produktivität, wohl wissend, dass er nie wieder gesund werden würde. Wie konnte er diesen ständigen Tod vor Augen ertragen? Wie konnte er nicht in völlige Verzweiflung verfallen?

grave of William Soutar Westhill Cemetery, Perth

Der junge Soutar war Student an der Perth Academy, er war gerade 18 Jahre alt geworden, ein starker, beliebter Kommilitone, der Gedichte schrieb und sich verliebte. Er hatte alles, was ein normaler 18-jähriger hat. Später schreibt er über diese Zeit, er habe diesen Zustand der Lebensfülle nie wieder erreicht, außer in kurzen Momenten. Das schreibt er 1937, da war er bereits ans Bett gefesselt.

Der junge William Soutar war voller LebenHerbstblüten, ein junger Englisch-Student, ein leidenschaftlicher Schwimmer und ein Dichter mit einer tiefen Liebe zur schottischen Sprache. Doch dann kam der Krieg. Er ging zur Marine und wie für viele junge Männer voller Kraft und Zukunft, war dies der Moment, der ihr Leben beendete oder es für immer veränderte.

Kriegsgräber Perth

Während seiner Zeit bei der Marine erlitt er eine Lebensmittelvergiftung, die nicht erkannt oder behandelt wurde. Eine folgenschwere Unterlassung, die schließlich zu seinem Tod führen sollte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs musste sich Soutar seinem schwersten Kampf stellen.

Im Oktober 1923 wurde Soutar zum ersten Mal geröntgt. HerbstlaubProfessor John Frasers Diagnose nach eingehender Untersuchung: Spondylitis (Entzündung der Wirbelsäule), zu spät erkannt, um geheilt zu werden. Als Soutar klar wurde, dass die Krankheit nicht nur sein Leben begleiten sondern es sogar beenden würde, soll er einen Moment inne gehalten haben. Dies war der Moment der Erkenntnis: Nun kann ich Dichter werden. Und das tat er. Er wurde einer der besten seines Landes.

Poesie und innere Stärke sind untrennbar mit der Betrachtung des Lebens von William Soutar verbunden. Aus seinem langen Kampf gegen Tod und Verzweiflung entsprangen Gedichte, die wohl kein unbeschwertes Leben geschaffen hätte. Der Tod besiegte ihn am Ende, den Kampf mit der Verzweiflung gewann er. Er schrieb noch am Tag seines Todes.

William Soutar war Teil der schottischen Renaissance, die das traditionelle Scots als Sprache wieder zu Leben und zur Anerkennung verhalf. Im Gegensatz zu vielen Dichtern der MacDiarmid Schule schrieb Soutar in reinem Perthshire Scots.

Er starb am 15. Oktober 1943 an Tuberkulose.

Nae Day Sae Dark

Nae day sae dark; nae wüd sae bare;

Nae grund sae stour wi‘ stane;

But licht comes through; a sang is there;

A glint o‘ grass is green.

 

Wha hasna thol’d his thorter’d hours

And kent, whan they were by,

The tenderness o‘ life that fleurs

Rock-fast in misery?

 

Kein Tag so dunkel

Kein Tag so dunkel, kein Wald so kahl;

Kein Boden so staubig vom Stein.

Aber Licht durchdringt und Lieder singt

und das Gras schimmert grün.

 

Wer hat nicht durchlitten die anderen Stunden

und wusste wann sie vorbei,

die Zartheit des Lebens das blüht

auf Felsen im elendem Grau?

Wie eine schottische Familie die Seefahrt sicher machte

Die Leuchttürme der Stevensons

Stevenson Leuchtturm Esha Ness

Schottlands Küstenlinie ist ein Labyrinth von Felsen, zählt man die etwa 800 Inseln dazu, dann ist sie 17700 Kilometer lang. Eine Herausforderung für die Schiffahrt, die mit modernster Technik den Gefahren der Natur entgeht. In der Vergangenheit hat die See viele Leben gekostet.

Es ging nicht nur um Menschenleben, es ging auch ums Geschäft. Rund 20% der verschifften Waren holte sich die See. Für die Reedereien war das ein großer finanzieller Verlust. Sie forderten Besserung und die Regierung setzte das Northern Lighthouse Board  (NLB) 1786 ein, Leuchttürme sollten gebaut werden aber wer sollte das übernehmen?

Leuchtturm Waternish Isle of SkyeDer Job ging an einen Blechner, der in Edinburgh Straßenlaternen herstellte. Sein Name war Thomas Smith. Seine Leuchtturmtechnik war angelehnt an die der Straßenlaternen, der erste Leuchtturm entstand auf dem Dach der alten Burg in Fraserburgh, weiter im Norden entwickelte er seine Technik weiter. Smith wurde zu einem herausragenden Ingenieur und Entwickler.

Noch heute stehen seine Leuchttürme inmitten der wilden See, meist weiß ragen sie über Felsklippen auf, widerstehen windumtost dem Wasser, das über die Felsen hereinbricht. Start Point Light auf Sanday , eine der Orkney Inseln, ist einer der letzten Leuchttürme von Smith. Er war der erste schottische Leuchtturm mit einem beweglichen Licht. Der Turm wurde 1806 erbaut, sein Design unterscheidet ihn von den meisten anderen: diesen Turm schmücken schwarz-weiße Längsstreifen.  Es ist der östlichste Leuchtturm von Orkney und kann bei Ebbe zu Fuß erreicht werden.

Smiths Stief- und Schwiegersohn Robert Stevenson war der erste der Stevenson Leuchtturm Dynastie, die Thomas Smith begründet hatte. Vom Lehrling entwickelte sich Robert Stevenson schnell zum Geschäftspartner, er baute stolze 13 Leuchttürme. In Inchkeith am Firth of Forth entwickelten er und folgende Stevenson Generationen ihre Technik weiter.

Robert baute (zunächst noch unter der Leitung des erfahrenen Ingenieurs John Rennie) einen Leuchtturm auf die Klippen, mitten in den Nordseewellen von Bell Rock vor der Küste bei Arbroath. The Bell steht sicher seit 200 Jahren. Sogar William Turner malte dieses technische Wunder bei dessen Bau keine Seele ums Leben kam. Erstaunlich bei diesen Bedingungen.

Wie schwer der Bau dieser Leuchttürme oft war kann man nur ermessen, wenn man jemals einen der Stevenson Leuchttürme besucht hat. Auf Felsklippen und Inseln, erreichbar nur per Boot oder über schmale Pfade, Materialtransport per Pferd, Arbeit in schwindelnder Höhe bei Wind und Kälte. Undenkbar heute.

Der Beruf eines Leuchtturmwärters war ein angesehener in Schottland. Manche taten Dienst für einen Monat und hatten dann einen Monat frei, andere für jeweils zwei. Kein einfaches Arrangement für Frauen und Kinder. Oft blieb der Beruf in der Familie über viele Generationen.

Blick aufs Meer

Die Ingenieure hielten sich auch in der Familie Stevenson, nicht zuletzt deshalb, weil  Vater Robert Stevenson seine Söhne dazu drängte, dass sie bei ihm lernten und mit ihm auf die jährlichen Inspektionen der Leuchttürme reisten. Fünf Generationen Stevensons bauten Leuchttürme in Schottland.

Alan Stevenson schuf den wohl berühmtesten, Skerryvore (An Sgeir Mhor),  eine kleine Schäre vor der Insel Tiree. Ein beeindruckendes Bauwerk. 4300 Tonnen Granit musste auf die Felsen gebracht werden, durch Stürme, gefährliche Felsen, die Abgelegenheit.

David Stevenson baute auf den Klippen Muckle Flugga, hier ist das nördlichste Ende der nördlichsten von Shetland. Seine Söhne setzten das Familienunternehmen fort.

Shetland

Thomas musste seinen Traum als Schriftsteller zu arbeiten aufgeben und wurde ebenfalls Ingenieur. Sein Sohn Robert Louis Stevenson aber machte sich schließlich einen (großen) Namen als Schriftsteller und weigerte sich in das Familienunternehmen einzutreten. Sein Werk strahlt inzwischen heller als das seiner Familie. Der Roman „Die Schatzinsel“ machte ihn weltberühmt.

Heute sind die Stevenson Leuchttürme unbemannt und werden von Edinburgh aus gesteuert. Steinerne Lebensretter aber sind sie noch immer, in jeder Nacht und bei jedem Nebel, der über der Küste aufzieht fällt der Blick der Seeleute hinüber zum Licht der Stevensons.

 

 

Schottland und der Nikolaus

Es gibt nicht viele Dinge, die mir an Deutschland besser gefallen, als an Schottland. Wirklich nicht viele. Aber gerade jetzt, wo in den Geschäften in Deutschland die Lebkuchen verkauft werden – Adventsgebäck und Nikolaus. Die gibt es in Schottland in dem Sinne einfach nicht. Klar, inzwischen kann man auch Marzipanstollen überall in den Geschäften kaufen, sogar in den Highlands. Aber am 6. Dezember passiert in Schottland ganz einfach NICHTS. Keine Rute, kein Obst, kein Mandelkern, kein Knecht Ruprecht und vor allem: kein Nikolaus.

Aber wenn man genau hinschaut, dann gibt es ihn doch, in Peebles nämlich. So haben wir das im Sommer auf unserem Kurztrip in Schottlands Süden festgestellt.

©AbenteuerHighlands Peebles Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Die Cross Kirk spielte in der Vergangenheit eine wichtige Rolle für die Menschen in Peebles. Davon ist nicht mehr viel übrig, die Kirche ist nicht mehr als ein steinernes Skelett. Die Ruine weist auf eine massive und Burg ähnliche Konstruktion hin, die an Krieg als an Gebet erinnert. Hier war einst ein Kloster, eines von vielen, das im Mittelalter florierte und nach der Reformation aufgegeben wurde. Es sind nicht mehr als ein paar Mauern übrig, aber die Geschichte dieses Ortes ist spannender, als es diese kahlen grauen Mauern vermuten lassen.

©AbenteuerHighlands Peebles und der Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Im 13. Jahrhundert wurde fast überall in Europa das Kreuz und die Reliquien des hl. Nikolaus von Myrna (in der heutigen Türkei) als Heiligtümer verehrt. Diese historische Person gilt als der geschichtliche Ursprung der Nikolaustradition, wie sie in Deutschland und anderen Ländern gepflegt wird.

Es ist nicht bekannt, wie die Reliquien des Hl. Nikolaus nach Peebles gelangten, doch sollen sie hier in Gegenwart von König Alexander III entdeckt worden sein. Sobald die Reliquien gefunden worden waren, geschahen in Peebles einige Wunder, die den König veranlassten, 1296 vor Ort ein Kloster zu gründen.

©AbenteuerHighlands Peebles und der Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Die Cross Kirk war ein einfaches Gebäude ohne Trennung zwischen Kirchenschiff und Chor, die Kammern des Priors befanden sich am nördlichen Ende der Kirche, was eher ungewöhnlich war, da der Prior normalerweise die sonnigeren und damit wärmeren Bereiche im Süden nutzte. 1474 wurde Peebles ein unabhängiges Kloster und bekam einen Glockenturm. Die Reformation von 1560 beendete die Existenz der Cross Kirk als Kloster. Die Kirche wurde später als Pfarrkirche genutzt und 1548 von den Engländern niedergebrannt.

Heiligenverehrung ist im weitestgehend protestantischen Schottland unüblich und wohl der Hauptgrund, warum sich die Nikolaustradition in Ländern wie Deutschland oder auch Italien ausbreitete aber in Schottland nie wirklich Fuß fasste.

Wie gut, dass ich in der Adventszeit fast immer in Deutschland und bei der Arbeit bin. Ich habe Nikolaus und dem Mann schicke ich dann einfach Carepakete in die Highlands. Mit Schokolade kann er ja durchaus was anfangen, mit Knecht Ruprecht eher weniger.

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Herbstlächeln

Ich liebe den Herbst, wenn alles langsamer und stiller wird, die Farben aus den Grüntönen ins gelb-rot-braune Herbstbunt und wechseln und die Schneekappen der Berge einen Hauch von Winter verbreiten.

Zwei Wochen Auszeit habe ich mir genommen, um den Herbst in den Highlands zu genießen und es hat sich so sehr gelohnt. Die Wälder haben mich mit einem letzten Farbspektakel empfangen und die Sonne wärmte mit letzten guten Stunden bevor die kalten, weißen Wintertage Einzug halten.

Plockton

Fast drei Monate war ich weg gewesen von Schottland, nun habe ich wieder Kraft getankt und innere Freude in dem wunderbaren Land des Lichts und der Weite. Waren die Tage trüb und regnerisch, dann habe ich in meiner kleinen Schreibhüte gesessen mit dem Öfchen an und weiter an meinem nächsten Buch geschrieben, den Fischreiher beobachtet, wie er stundenlang aufs Wasser starrte und die kleinen Köpfe der Seehunde in den Wellen gesucht.

Invergarry

An den sonnigen Tagen sind der Mann und ich raus in die Natur, in die Wälder, der Farben wegen. Eine unserer Wanderungen ging über 9 Kilometer, naja, wahrscheinlich waren es eher 12, weil ich zwei Mal die falsche Abzweigung genommen habe. Aber es hat sich gelohnt, als wir endlich am Gipfel angekommen waren. Ein wunderbarer Blick zur Insel Skye und den Torridon Mountains waren die Belohnung, sobald wir beide wieder Luft zum normal atmen hatten. Ganz schön steil der letzte Anstieg.

Aber dann schwelgten wir in einem wunderbaren 360° Panorama und schossen Fotos. Und nur so als kleiner Beweis, dass Männer und Frauen am gleichen Ort sein können und die gleichen Dinge tun und doch nicht das Gleich sehen die Bilder, die ich geschossen habe..

..und hier eines, das der Mann geschossen hat.

Und mit diesem Blick fürs Wesentliche wünsche ich euch noch einen fröhlichen Sonntag.

 

Das Lied vom Abendrot

Rubha Ardnish Isle of Skye

Die Kommentare hier auf dem Blog und anderen Blogs, denen ich folge, haben mich dazu inspiriert, etwas mehr über schottische Literatur zu schreiben. Ich möchte dabei den Blick nicht auf aktuelle Autoren wie Lin Anderson oder Louise Welsh lenken sondern mehr in die Vergangenheit eintauchen. Ich hoffe auch die Klassiker stoßen bei Euch auf Interesse. Schließlich beschreiben sie auf ganz eigene Weise das Land, das wir alle lieben.

Lewis Grassic Gibbon: Sunset Song

book cover Sunset Song

Die Mearns südlich von Aberdeen, sind auch bekannt als Kincardineshire: Sanfte braune Hügel, Weideland und Ackerbau, einer der wenigen fruchtbaren Landstriche in denen die schottische Erde ihren Bewohnern reichlich Nahrung schenkt. Die Küste ist felsig, die Hügel durften nach Wachstum.  Beständigkeit und das tiefe, wurzelgleiche Ruhen der Menschen in der Landschaft bestimmen die Region im Osten Schottlands.

Lanschaft mit Heuballen

Der Schriftsteller Lewis Grassic Gibbon lebte eine tiefe Liebe zu diesem Land seiner Geburt. Sein richtiger Name war James Leslie Mitchell, er war der Sohn eines Bauern in Arbuthnot. Dieses Stück Schottland trug er im Herzen und er trug es in die Herzen der Schotten. Seine Trilogie A Scots Quair zählt zu den zentralen Werken der schottische Literaturgeschichte und nimmt im 20. Jahrhundert eine ganz besondere Stellung ein. Ohne zu romantisieren und mit einem tiefgehenden Verständnis für seine weibliche Hauptfigur Chris Guthrie schildert Gibbons das harte Leben in den Mearns zu Beginn des 20. Jahrhunderts: eine Zeit der Kriege, der harten Arbeit und der Verluste aber er erzählt auch von Liebe, von der zu den Menschen, die man findet und verliert und von der Liebe zum Land, das immer währt und nie vergeht. Althergebrachte Werte trotz aller Sozialkritik, die in seinem Werk steckt.

“The land was forever, it moved and changed below you, but was forever.”

Lewis Grassic Gibbon: Sunset Song. Canongate Classics 12, Edinburgh, 1932

Das Land war für immer, es bewegte sich im steten Wandel unter deinen Füßen und blieb dennoch ewig gleich.

Gibbon nimmt seine Leser durch das Jahr. Mit dem Pflügen lernt Chris die Liebe zum Land und das Verständnis von Beziehungen, die Furchen werden gezogen als die Mutter Selbstmord begeht, der Vater einen Schlag hat und die Familie auseinander bricht. Als die Saat auf die Äcker kommt, heiratet sie Ewan, ihr Vater stirbt. Die Ernte zeigt die Folgen des Ersten Weltkriegs auf die kleine Gemeinschaft. Chris verliert ihren Mann und ihren Freund Rob im Krieg. Nun, vor dem Winter, steht sie vor einem völlig neuen Lebensabschnitt und der neuen Liebe zu Reverend Colquhoun. Dieses neuen Leben beschreibt das zweite Buch der Trilogie.

Gibbon starb jung, er wurde nur 35 Jahre alt aber sein Lied vom Abendrot wird die Zeit überdauern, was vor allem an seiner starken Heldin liegt, die man mitnimmt aus den Mearns und die beim Leser bleibt, sie und die kraftvolle Einfachheit ihres Lebens in den tiefbraunen Hügeln der Mearns.

 

Entweder sie oder ich!

Ich weiß wie diese Überschrift klingt. So als wäre ich nach drei Monaten Deutschland wieder in die Highlands zurückgekehrt, um den Mann an der Seite einer anderen Frau vorzufinden. Der Schein der Überschrift trügt. Der Mann geht nicht fremd, der Mann lernt Deutsch.

Ich frage mich, was die Sprachexperten von duolingo denn so als typisches Gespräch für den Spracherwerb empfinden? Was ist falsch mit Die Kinder sind im Haus oder Wie geht es ihnen?

Egal, wichtig ist, dass der Mann den online Kurs macht und das sogar jeden Tag, man verliert nämlich Punkte, wenn man einen Tag auslässt. Das spornt den Wettbewerbssinn an und der Mann wird  sprachlich auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen vorbereitet. In meinem Gälischkurs lerne ich Klassiker wie Die Ente ist auf dem Tisch, was selbst in den schottischen Highlands seltener vorkommt als die Konfrontation wegen einer anderen Frau.

„Entweder sie oder ich!“, sagt der Mann im Brustton der Überzeugung und mit einem leicht schottischen Akzent. Der Satz fällt ihm leichter als jene, die ein deutsches „r“ beinhalten. Das „r“ im Deutschen nicht zu sprechen fällt ihm nämlich genauso schwer wie mir, es im Schottischen kräftig zu rollen.

Das Geheimnis von Duolingo: die App nutzt echte Sätze, die sie aus dem Internet bezieht. Der Mann scheint jedenfalls jede Menge Spaß mit dem kostenlosen Angebot zu haben und lernt täglich. Selbst an dem Abend, als er mich vom Flughafen abgeholt hat.

über den Wolken

„Macht es dir was aus, wenn ich noch ein bisschen Deutsch lerne?“ hat er gefragt. Natürlich nicht. Ich musste ja ohnehin noch auspacken und unsere Einkäufe verräumen.

Aber vielleicht liegt Duolingo gar nicht so falsch mit dem, was sie dem Schotten beibringen.

Nur falls es irgendwann einmal so weit kommen sollte, dass der Mann mich sehr gut versteht, wenn ich mit der Empörung einer nicht beachteten Frau rufe:

„Entweder Duolingo oder ich!“