Entweder sie oder ich!

Ich weiß wie diese Überschrift klingt. So als wäre ich nach drei Monaten Deutschland wieder in die Highlands zurückgekehrt, um den Mann an der Seite einer anderen Frau vorzufinden. Der Schein der Überschrift trügt. Der Mann geht nicht fremd, der Mann lernt Deutsch.

Ich frage mich, was die Sprachexperten von duolingo denn so als typisches Gespräch für den Spracherwerb empfinden? Was ist falsch mit Die Kinder sind im Haus oder Wie geht es ihnen?

Egal, wichtig ist, dass der Mann den online Kurs macht und das sogar jeden Tag, man verliert nämlich Punkte, wenn man einen Tag auslässt. Das spornt den Wettbewerbssinn an und der Mann wird  sprachlich auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen vorbereitet. In meinem Gälischkurs lerne ich Klassiker wie Die Ente ist auf dem Tisch, was selbst in den schottischen Highlands seltener vorkommt als die Konfrontation wegen einer anderen Frau.

„Entweder sie oder ich!“, sagt der Mann im Brustton der Überzeugung und mit einem leicht schottischen Akzent. Der Satz fällt ihm leichter als jene, die ein deutsches „r“ beinhalten. Das „r“ im Deutschen nicht zu sprechen fällt ihm nämlich genauso schwer wie mir, es im Schottischen kräftig zu rollen.

Das Geheimnis von Duolingo: die App nutzt echte Sätze, die sie aus dem Internet bezieht. Der Mann scheint jedenfalls jede Menge Spaß mit dem kostenlosen Angebot zu haben und lernt täglich. Selbst an dem Abend, als er mich vom Flughafen abgeholt hat.

über den Wolken

„Macht es dir was aus, wenn ich noch ein bisschen Deutsch lerne?“ hat er gefragt. Natürlich nicht. Ich musste ja ohnehin noch auspacken und unsere Einkäufe verräumen.

Aber vielleicht liegt Duolingo gar nicht so falsch mit dem, was sie dem Schotten beibringen.

Nur falls es irgendwann einmal so weit kommen sollte, dass der Mann mich sehr gut versteht, wenn ich mit der Empörung einer nicht beachteten Frau rufe:

„Entweder Duolingo oder ich!“

 

 

 

Buchende Baroninnen

Wie kürzlich berichtet habe ich mir spontan eine ungeplante Auszeit gegönnt und einen Flug nach Schottland gebucht. Zwei Woche Highlands und das noch vor Weihnachten. Glücksgefühle pur!

Scottish Highlands in winter

Weil ich dieses Mal British Airways fliege, lade ich also eine weitere App aufs Smartphone und sortiere sie neben denen von Ryanair und Lufthansa ein und weil ich gerade dabei bin, will ich auch meine Buchung vervollständigen mit Anschrift, Passnummer und so weiter.

Schon nach dem ersten Menüpunkt kann ich nicht mehr weiter machen vor Lachen. Ich muss meinen Titel angeben. Bei Lufthansa ist das überschaubar, bei Ryanair (das sind Iren) auch. Nicht aber, wenn man mit British Airways fliegt.

Hier hat man die Wahl zwischen 14 Titeln, wobei Mr und Mrs für Herr und Frau und das MS für ich-möchte-nicht-angeben-ob-ich-verheiratet-bin-oder-nicht noch die einfachsten sind.

Dann wird es skurril: Captain, Rabbis, Baronness, Viscountess, Lady oder vielleicht Dame? Das ist als würde man durch einen Adels Almanach scrollen und fühlt sich dann schon fast ein wenig beschämt beim simplen MS anzuhalten.

Eilean Donan Castle

Wie viele Baroninnen sind denn so im Schnitt auf einem BA Flug an Bord frage ich mich. Und buchen die auch ihre Sitze mit mehr Beinfreiheit? Wieviel Freifrauen und was weiß ich noch, ich kann nicht mal alle Titel ordnungsgemäß ins Deutsche überzetzen. Was möglicherweise auch daran liegt, dass ich keine Gala lese aber das nur nebenbei.

Bei Loganair, das ist die schottische Fluglinie, gab es keine Adelstitel auszuwählen. Das fällt nur der offiziellen Fluglinie des Vereinigten Königreichs mit Sitz in London ein. Und während ich noch die langweiligen Daten wie Adresse und Passnummer eingebe, fühle ich mich fast schon fürstlich, wie ich so auf der edlen App unterwegs bin.

Buchen Baroninnen BA und checken auf der App ein? Ich stelle mir die Queen vor, wie sie mit weißen langen Handschuhen versucht auf ihrem iphone den Sitzplatz zu ändern. Aber wahrscheinlich macht das ohnehin der Butler.

Wer hätte gedacht, dass eine App solche Bilder in meinem Kopf erzeugen kann.

„We are quite amused.“ denke ich mit royaler Gelassenheit. Wir sind in der Tat sehr amüsiert.

 

 

Ich hab es nicht mehr ausgehalten!

Es ging nicht mehr! Es war einfach unmöglich. Und dann sah ich auch noch diesen Flug und da war mir klar: Dies ist ein Zeichen.

Ich muss wieder nach Schottland!

Abenteuer Highlands

Geplant waren eigentlich gute vier Monate in Deutschland: arbeiten, Geld verdienen, Familie und Freunde sehen. Zwei Monate habe ich gearbeitet wie eine Wahnsinnige und habe nun wieder wahnsinnig Lust auf Schottland bekommen.

Zwei Wochen konnte ich im Dienstplan finden, in denen mich meine Chefs nicht allzu sehr vermissen würden und dann saß ich vergangenen Sonntag im Büro vor dem Computer und starrte den Flug an: Deutschland über London nach Inverness. Zumindest der Hinflug zu menschlichen Zeiten und der Preis: 203 € mit Gepäck für Hin- und Rückflug. Zu gut, um das nicht zu sofort zu buchen.

Turbine Flug

Flüge nach Schottland sind so eine Wissenschaft für sich. Sie ändern sich ja ständig und auch die Anbieter und Zeiten. Lufthansa, Ryanair, EasyJet, Glasgow, Edinburgh, Aberdeen, alles schon im Programm gehabt. Und die An- und Abreise muss man bei den Flughäfen ja auch mitkalkulieren, wenn man in die Einsamkeit der Highlands will.

Mein Finger schwebte über der Tastatur, der Kollege am anderen Schreibtisch hatte die Kopfhörer auf und war beschäftigt. Ich war ganz allein mit der aufregenden Entscheidung spontan im November nach Schottland zu fliegen.

Flug

Klick, bestätigen, Daten eingeben, fertig, zwei Wochen Highlands im November waren plötzlich Realität. Ich hätte am liebsten ein kleines Tänzchen veranstaltet, aber das hätte den Kollegen dann doch zu sehr verwirrt. Also habe ich einfach beseelt (und wahrscheinlich leicht dümmlich) vor mich hingelächelt. Es ist mir ganz egal ob es dauerregnet oder stürmt im November in den Highlands. In Schottland brauche ich keinen Sonnenschein, um glücklich zu sein.

Nieselregen Schottland

Der Mann wird überrascht sein, denn mit mir rechnet er nicht. Abgesprochen war, dass ich erst nach Weihnachten wieder in Schottland bin. Und nun der November. Am liebsten würde ich ihn überraschen. Ich überlege.

Was, wenn ich einen Post auf dem Blog schreibe, dass ich komme. Der Mann liest ja meinen Blog über Google Translate. Ich stelle mir sein Gesicht vor, wenn er liest. Wahrscheinlich wird er halblaut murmeln: She’s mad! Sie ist wahnsinnig! Und dann wird er sich freuen wie Bolle. Und dann wird er überlegen, was er alles aufräumen und putzen muss.

Das hatte ich mir alles so schön vorgestellt. Doch keine Stunde nach der Buchung habe ich ihm die Bestätigungsmail von British Airways weitergeleitet. Und was schreibt er? You’re mad! But superbly so. Ja, ich bin wunder bar verrückt. Und ungeduldig. Die Enthüllung konnte nicht über den Blog kommen, sie musste gleich per Mail geschehen. Überraschungen sind was für geduldige Menschen.

Ich hab es nicht mal eine Stunde ausgehalten.

I’m coming home!

 

 

Sehnsuchtsland Schottland

Ich habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Schottland. Draußen ist es trüb und grau und irgendwie scheint mir Tristesse in Schottland nicht nur angemessener, sondern sie fühlt sich auch viel besser an, richtig irgendwie, was natürlich in Wahrheit eine sehr romantische Sichtweise ist aber schauen wir Deutsche denn nicht (fast) alle mit Romantik im Sinn nach Schottland? Und das nicht erst seit Outlander!

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Es ist nicht die Rosamunde Pilcher Romantik, die mich (und viele andere nach Schottland zieht, keine wiedergefundenen Millionärskinder, keine einsamen Erben eines prachtvollen Schlosses. Aber es sind die Werte, wie sie in Outlander transportiert werden: Freiheit, Kraft, Ursprünglichkeit, Wildheit. Ein Land, im dem das Herz lauter schlägt.

Ich bin bei weitem nicht die einzige Deutsche, die es seit vielen Jahren unwiderstehlich nach Schottland zieht. Nun inzwischen habe ich dort ein richtiges Leben und viele Menschen, die mir fehlen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Die Sehnsucht nach Schottland aber hatte ich schon seit ich das erste Mal einen Blick in dieses wunderbare Lande geworfen habe. Ich war 15 und mit meiner Cousine per Interrail unterwegs. Damals hatte Schottland uns beide tief und irgendwo im Inneren berührt. Es muss die Seele gewesen sein, denn dieses Gefühl hat uns nie wieder losgelassen. Was für ein Glück hatte ich, dass ich nun nicht mehr nur eine Besucherin bin.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Wie viele Menschen sitzen außer mir noch am Computer und träumen sich über Fotos und Posts auf Social Media nach Norden, verschlingen Bücher (Hab ich schon erwähnt, dass ich ein Buch über Schottland geschrieben habe?) nehmen TV Dokumentationen auf oder schauen sich Drohnenflüge über die Highlands auf YouTube an. Doch die Sehnsucht stillt all das nicht. Im Gegenteil, es lässt sie noch viel stärker werden.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Deutschland hat nur noch sehr wenig Wildes, Großes, Überwältigendes, nicht mal mehr im Schwarzwald, wo es selbst im Naturpark Nordschwarzwald, dem größten in Deutschland, diese atemberaubende Abgeschiedenheit nicht gibt. Zugegeben, im Sommer gibt es sie auch in Schottland nicht mehr aber sobald es Herbst wird, so wie jetzt, dann ist mein Sehnsuchtsland wieder still, einsam und verlockend und dann fällt es mir schwer nicht sofort den nächsten Flieger zu buchen und wieder zurück zu fliegen.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Von einigen von euch weiß ich, wie sehr es euch in dieser Beziehung genauso geht. Und die anderen? Was macht ihr mit euer Sehnsucht nach dem Land des Windes und der Weite, wo der Klang des Dudelsacks durch einsame Täler hinauf auf mythische Berge zieht und die Luft nach Salz und Torf schmeckt, wo die Menschen Fremden freundlich begegnen und wo alles, selbst der kleine Stein, eine faszinierende Geschichte hat?

Wie lebt ihr mit eurer Sehnsucht nach Schottland?

 

 

 

Fremde

SchreibhütteEs ist Sommer, wenn auch nicht unbedingt erkennbar an der Temperatur aber immer erkennbar am „Füllgrad“ der Highlands. Im Juli ist es voll, überall, in den Hotels, den B&Bs, auf den Straße, voll, voll, voll. Ich bleibe soweit es geht zu Hause und bewege mich allenfalls vom Haus zur Schreibhütte und zurück. Mit dem operierten Knie ist joggen und wandern ohnehin noch nicht drin. Die Bewegung fehlt mir aber nicht der Trubel, der derzeit da draußen herrscht. Es ist als wäre die ganze Welt in Schottland.

Heute aber fühlte ich mich wagemutig und habe den Mann auf eine Dienstreise begleitet. Das klingt irgendwie hochtrabender wenn man es schreibt. Sagen wir, ich habe den Mann auf eine Dienstfahrt begleitet: nach Kinlochewe, Plockton und Kyle of Lochalsh, drei zentrale Anlaufstellen für Touristen an der Westküste der Highlands. Wenn man lange genug wartet, dann schafft man auch ein Foto ohne Verkehr.

Der Verkehr ist nervenaufreibend, ständig bremst irgendwo einer unvermittelt, weil er ein Fotomotiv zu erkennen glaubt oder er macht ganz bewusst langsam, weil er schließlich im Urlaub ist.

Der Mann ist leicht genervt, kein Wunder, der macht das Montags bis Freitags mit. Und er weiß, es dauert noch ein paar Monate, bis es wieder stiller wird. Ich wäre noch viel genervter an seiner Stelle.

A pro pos stiller.

BankWährend der Mann ein paar Dinge erledigt, suche ich mir eine stille Bank, um zu lesen. Es ist sonnig und warm heute, ausnahmsweise mal. Ganz Europa leidet unter der Hitzewelle und wir haben jeden Abend die Heizung an. Aber heute brennt die Sonne und es ist trotz Wind fast schon zu warm, um in der Sonne zu sitzen. Ich aber genieße es und fühle förmlich, wie ich Vitamin D tanke. Ich halte mein Gesicht in die Sonne. Schottland ist wunderbar!

railway Plockton

Dann, wie aus dem Nichts, ein Dutzend Amerikanerinnen mit Handgepäck. sie kommen von oben und rollen bergab. Lautstark, mit Stimmen wie aus einer amerikanischen Sitcom, unnatürlich schrill und laut. Da geht sie hin, die Idylle und ich frage mich, wo diese US Invasion herkommt.

Zug! Es fällt mit schnell ein. Gerade eben ist der kleine Regionalzug (zwei Waggons) vorbeigerattert. Da sind sie wohl ausgestiegen.

Plockton„Oh look at the view!“ stellen mindestens sieben von ihnen lautstark und nacheinander fest. Wunderbare Aussicht. Ich krame in meiner Handtasche und suche die Ohrstöpsel.

„Girls, let’s take a picture.“ Die Mädels zücken ihre Handys und versuchen sich sinnvoll aufzustellen. Ich stelle fest, dass ich die Ohrstöpsel vergessen habe.

Weitere giecksende Begeisterungsstürme, die Damen aus Übersee sind resistent gegenüber meinen Ignorierungsversuchen.

Irgendwann trollen sie sich bergab mit ihren Handgepäckkoffern.

Stille. Wunderbare Stille. Nur der Wind, die Bäume und ich….

Ein deutsches Auto hält neben mir. Ein Kennzeichen aus Rheinland-Pfalz. Eine Frau in den Sechzigern steigt aus und kommt herüber.

„What a lovely view.“ sagt sie.

„Ja. Wunderbar.“ Sage ich, damit sie weiß, dass ich auch Deutsche bin. Ich habe ja kein Kennzeichen, das mich verrät.

Sie geht wieder zurück zum Auto. Habe ich sie erschreckt? Nein, sie hat ihren Mann geholt.

„Stört es sie, wenn wir ihnen Gesellschaft leisten?“ fragt sie, diesmal auf Deutsch.

„Nein, natürlich nicht.“ Sage ich und wir genießen gemeinsam. Sie trinken ihren Kaffe, essen ihre Blätterteigtaschen und wir plaudern, über die beste Route, den Verkehr, ihren Urlaub und Camping. Und irgendwie ist es richtig nett (und nein, das meine ich nicht blöd sondern genauso wie ich es schreibe), mal wieder Deutsch zu reden.

Nach einer Viertelstunde verabschieden sie sich, es gibt ja noch so viel zu sehen.

Ich sitze noch ein wenig und genieße die Stille. Man wird ein wenig zum Eigenbrötler, wenn man nur in seiner Schreibhütte sitzt und vor sich hinschreibt, denke ich. Manchmal muss man einfach raus und mit Fremden reden. Ganz besonders dann, wenn man das Glück hat, in diesem wunderbaren Land nicht fremd zu sein.

Reisen bildet

Dies ist die Geschichte einer mal wieder lustigen Reise nach Schottland, darin enthalten: ein Flug mit seltsamen Ansagen, drei Busfahrer mit eigenem Kopf und eine putzender Hippie. Das musste ganz einfach wieder ein Abenteuer Highlands werden. Es musste einfach.

Das gesamte Sicherheitspersonal des Flughafens krümmte sich vor Lachen. Gerade war eine Handvoll Schotten durchgegangen, schwer gezeichnet von einer durchfeierten Nacht aber natürlich nicht zu müde, die ernsthaften Deutschen zum Lachen zu bringen. Sie unterhielten sich in dem rauen, aber herzlichen Glasgower Dialekt, den ich schon immer sehr sympathisch fand.

Abenteuer Highlands Reisen bildetDas geht ja schon prima los, ich bin noch nicht raus aus Deutschland und fühle mich schon so gut wie zurück in Schottland. Es haben wohl einige in Deutschland Urlaub gemacht, denn die Reisenden mit kurzen Hosen und T-Shirt (es hat 11°) sind keine Deutschen. Die gibt es natürlich auch, neben mir sitzt ein Paar Mitte zwanzig, sie wälzt eine Reiseführer und studiert Sehenswürdigkeiten in Newcastle.

„Macht ihr eine Rundreise?“ frage ich.

Sie murmelt etwas Undefinierbares und dreht sich weg. Bloss nichts reden! Komisch eigentlich, die meisten deutschen Urlauber lieben Schottland, weil man dort auf sie zugeht und mit Fremden spricht aber zu Hause in Deutschland mögen es die wenigsten.

”Wir waren schon oft da.“ Sagt sie fast drohend. Sie ist Expertin und will von mir nichts hören.

Ich lächle still und freue mich auf Schottland.

Aus dem Lautsprecher dringt die die Ankündigung zum Boarding für den Flug nach Edinburgh. Die Mitarbeiterin der Fluggesellschaft sagt Edinburry. Wahrscheinlich hat sie sich gemerkt, dass man die schottische Hauptstadt nicht so ausspricht, wie man sie schreibt. Ich kichere, der Mann der reisenden Auster lacht mir verstohlen zu. Die Auster lächelt nicht. Sie ist auch Expertin für Edinboro.

Abenteuer Highlands Reisen bildet

Der Flug ist flugs vorbei, bevor ich mich versehe sitze ich in dem Bus, der vom Flughafen in Edinburgh (Vorsicht, die Aussprache kann unter Umständen variieren) nach Glasgow führt. Die Nummer ist AIR für Flughafen (Airport). Damit das nicht zu einfach ist, heißen die anderen Linien  AIR 100, AIR 200, AIR 300 usw. Das verwirrt nun den ein oder anderen Besucher, der mit so viel AIR nichts anzufangen weiß. Da zaudern sie nun in den Bus, zögerlich fragend die Augen auf den Busfahrer gerichtet um sich mit mehr oder weniger hilflosem Kreisen des Handys nach dem Ort, zu dem sie wollen, zu erkundigen. Immer natürlich in der Hoffnung es sei ein Ort auf der Route des Busses, den sie gerade tapfer fragend betreten haben.

Die erste, eine Norwegerin, will nach Millngawie wie sie sagt. Der Busfahrer ist aus Glasgow und hat deshalb keine Hemmungen sie darauf hinzuweisen, dass es Millgai heißt. Man kommt nicht gleich drauf, schließlich wird es Milngavie geschrieben. In der kleinen Stadt am Rande von Glasgow beginnt der wohl berühmteste Wanderweg Schottlands, der West Highland Way.

Der nächste Fremde will mit mitfahren, hat aber nur große Geldscheine, die er aus dem Automaten im Flughafenterminal gezogen hat.

Abenteuer Highlands Reisen bildet„Ha‘ ye go‘ a cerd?“ rügt der Busfahrer, der aussieht wie Robbie Coltrane,  in der vermeintlichen Frage mit bestimmtem Ton. Der potentielle Fahrgast braucht eine Weile bis er begreift, dass man ihn nach einen kontaktlosen Kreditkarte gefragt hat. Kontaktlos hat er nicht. Also schickt ihn der Busfahrer zum Geldwechsel ins Flughafenparkhaus gegenüber. Der Mann trottet los und der Busfahrer fährt los. In einer halben Stunde kommt der nächste Bus. Reisende mit großen Scheinen müssen draußen bleiben.

In Glasgow muss ich umsteigen und habe zwei Stunden Zeit, bis der Überlandbus abfährt. Zeit genug, um mir Lunch in einem Restaurant zu gönnen. Draußen um die Ecke findet sich eine französischen Brasserie, die zu einem Hotel gehört.

Abenteuer Highlands Reisen bildetPourquoi non? Warum nicht. Ein französisches Restaurant ist mir in Glasgow auch noch nicht untergekommen. Ich bestelle ein Glas Weißwein und den Haussalat mit Erdbeervinaigrette. Ich bin spät dran mit meinem Lunch und außer mir sitzen nur ein paar verstreute Geschäftsmänner in Anzug und Krawatte in dem Restaurant, das ein wenig edler daher kommt, als man es von der Lage am Busbahnhof vermuten würde. Ich sitze am Fenster und blicke nach draußen. Glasgower gehen in Fußballtrikots zum Einkaufen, stehen blondiert und rauchend vor den Geschäften und laden ihre gehbehinderten Großmütter samt Rollator in verbeulte Autos. C’est la vie, denke ich.

Mein Salat kommt und der Ober sagt bon appétit. Ich bin so verwirrt, dass ich vergesse merci zu sagen. Auf Französisch bin ich in Glasgow auch noch nicht angesprochen worden. Schon gar nicht von einem Einheimischen.

Abenteuer Highlands Reisen bildet

 

Der Salat ist lecker aber mehr die schottische Interpretation eines Salats: wenig Grün und viel Speck und Hühnchenfleisch. Und natürlich gibt es auch kein Weißbrot dazu. Ich sage trotzdem excellente als der Teller abgeräumt wird, weil es schließlich auch sehr gut war. Nun schaut der Ober verwirrt drein. Man hat ihnen gesagt, was sie zu sagen haben, wenn sie das Essen servieren. Eine französischen Antwort hatte niemand auf der Kommunikationsschablone.

Zurück am Busbahnhof warte ich auf meine Überlandbus. Auf der anderen Seite der halboffenen Wartehalle sitzt eine Frau mit langen grauen Haaren und einer großen Sonnenbrille. Sie trägt eine bunte, fließende Hippiebluse, grüne Pyjamahosen mit einen wirren weißen Muster, braune Socken mit weißen Kringeln und Sandalen, dazu einen überdimensionalen grünen Parka mit Fellbesatz und mehrere bunte Taschen. Auf den ersten Blick sieht sie aus, wie eine Frau ohne festen Wohnsitz. Auf den zweiten stellt sich heraus: es ist die Frau, die früher gelegentlich bei uns geputzt hat.

„Nellie?“

„Ceiteag!“

Was für eine Überraschung. Und was für eine lustige Abwechslung für die 5 Stunden Busfahrt, die uns bevorstehen. Sie kommt gerade von einem Musikfestival, mit der Seniorenkarte (sie ist inzwischen in Rente und sehr grauhaarig aber ich glaube gerade mal Ende Fünfzig) kann sie kostenlos Bus fahren. Und da sitzen wir nun und reden. Ich höre meist zu. Sie hat eine Art viele Geschichten anzufangen aber in der Mitte nicht mehr genau zu wissen, wo sie denn hin wollte, also nimmt sie Umwege, die aber meist auch nicht zum Erfolg führen. Die Gesprächsanteile sind daher etwas ungleich verteilt aber das macht mir überhaupt nichts aus. Ich höre gerne von dem Sohn von Cameron, der in der Nachbarschaft den Rasen mäht obwohl er blind ist. Während ich mich frage, wie denn ein Blinder Rasen mähen kann, ist sie schon bei der nächsten Geschichte, diverse verwirrende Campingabenteuer später macht der Bus kurz halt.

„Vier Minuten Aufenthalt!“ ruft der Busfahrer nach hinten. „Wer tapfer ist, kann hier auf die öffentliche Toilette gehen, die anderen können rauchen.“

„Wasser!“ denke ich. Ich kann meine Wasserflasche aus dem Handgepäck nehmen, das ich nicht mit in den Bus nehmen durfte. Das ist im Gepäckraum verstaut.

Ich steige aus und spreche den Busfahrer an. Der ist schlank und klein, das genaue Gegenteil des ersten Busfahrers in Edinburgh.

“Kann ich bitte kurz an meinen Koffer?“

„Nein!“

Ich schaue ihn verdutzt an und er öffnet nur die Tür des Gepäckfachs. Alles voll bis obenhin und ich bin als eine der Ersten in Glasgow eingestiegen, mein Koffer ist also ganz hinten.

Er lacht.

Ich lache auch und steige wieder ein, die Nachos leise verfluchend, die ich unterwegs gegessen habe. Meine Reisebegleiterin bietet mir Wasser an, dass sie auf der Toilette in Glasgow in ihre Trinkflasche gefüllt hat.

„Nein danke, ich bin gar nicht durstig!“

Nach drei Stunden Fahrt macht der Bus erneut eine Pause, der Busfahrer wechselt und der dritte Busfahrer meines Tages geht hinters Steuer. Er ist lang und dünn und sieht sehr seriös aus, wie ein Bankkaufmann oder ein Verwaltungsangestellter beim Ordnungsamt.

Abenteuer Highlands Reisen bildet

Sicher und schweigend bringt er mich durch die großartige schottische Landschaft zu meiner Endhaltestelle. Ich verabschiede mich von meiner wortgewaltigen Reisebegleiterin mit einer Umarmung und dem Versprechen, dem Mann ihre Grüße auszurichten. Sie war ja mal glühender Fan in den Tagen, als der Mann noch in einer Band spielte. Sie fährt noch eine Haltestelle weiter und kann es ihm deshalb nicht direkt sagen.

Der steht lässig am Auto gelehnt und lächelt herüber. Auf die Umarmung und den Kuss werde ich warten, bis ich im Auto bin, Schotten scheuen öffentliche Gefühlsbekundungen. Der stille Busfahrer hat den Gepäckraum geöffnet und fischt meinen Koffer von hinter vor.

„Danke und gute Fahrt noch,“ sage ich.

Aus dem Dunkel der Ladefläche blickt er mit direkt ins Gesicht und sagt mit einem leicht verzweifelten Blick Richtung Ceiteag: „Eigentlich hatte ich gehofft, die steigt auch hier aus.“

Mit einem Seufzer steigt er wieder zurück in seinen Bus. Ich winke Ceiteag zu und steige zum Mann ins Auto. Ich habe jede Menge Geschichten zu erzählen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abschiede

Abschiede sind Teil meines Lebens geworden, seit ich eine zweite Existenz in Schottland habe. In der Regel bin ich zweimal im Jahr für längere Zeit in Schottland und der Mann für kürzere Zeit zwei Mal im Jahr in Deutschland. Ich kann mir meine berufliche Zeit etwas freier einteilen als er und arbeite in der Zeit in Deutschland meist durch. Damit habe ich in Schottland nicht nur Urlaub, sondern auch die Wochenenden, die ich in Deutschland nicht hatte.

view from Balmacara Hill Skye Bridge

Diese Reisen zwischen den Welten sind für uns nach all den Jahren fast schon selbstverständlich geworden. Die häufigen Abschiede lassen mich die Gegenwart mehr schätzen. Ich schätze auch die schönen Dinge viel mehr als ohne Abschiede. Insofern sind Abschiede etwas Gutes. Abschiede von Schottland sind allerdings nie schön und der wehmütige Blick auf Meer ist nun schon ein vertrauter Bestandteil meines Lebens geworden.

Blick aufs Meer

Weil aber das Leben oben im schönen Norden weiter geht, auch wenn ich nicht da bin, kommen über die Jahre noch Abschiede aus der Ferne hinzu.

Unsere Nachbarn Carol und Tam zogen fort zu ihren Kindern, Jane und ihr dementer Mann, dessen Hund mich einst biss, sind beide gestorben. Erst er, dann kurz darauf sie.

Nun sagt mir der Mann, dass John die Post in Rente gegangen ist. Er hat es keinem gesagt aber sich bei seiner letzten Tour verabschiedet. Ich glaube nicht, dass es mich in Deutschland treffen würde, wenn mein Postbote in Rente geht. Er ist ein netter Mensch und alles aber John die Post ist eben nicht nur ein Postbote. Er ist die Seele, die die Menschen am Loch verbindet. Wenn John nicht mehr vorbeikommt, dann wird uns allen etwas fehlen.

Mir wird er ganz besonders fehlen. Er war so stolz, dass er in meine in Buch vorkam und hat es sich prompt vom netten Schwaben im nächsten Dorf übersetzen lassen. Also die Teile, in denen er vorkam. „Da hast du mich ja gut aussehen lassen.“ hat er gesagt. Warum auch nicht, alle mochten ihn. Selbst meine Mutter backt ihm zu Weihnachten immer eine Linzertorte. John wiederum gibt mir immer ein kleines Präsent für sie mit und fragt regelmäßig nach, wie es meinen Eltern geht. John und meine Eltern haben sich im Übrigen nie getroffen. Sie halten trotz dem Kontakt.

Und nun geht er in Rente und genießt das Leben. Und ich sitze im Schwarzwald und schau auf die Frühlingsblüten statt die Wellen und kann nicht einmal auf Wiedersehen sagen. Das ist ein Abschied, den ich sehr ungern verpasse. So ist das, wenn man zwei Leben hat. Manchmal ist man eben nicht da, wo man gerne wäre. So schön es auch ist, wo man ist.

 

wie Charlie Chaplin den Mann über den Tisch zog

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie der Mann gerne mit allen möglichen Leuten redet, auch mit wildfremden Menschen. Da ist der Schotte gar nicht scheu. Selbiges gilt im Übrigen auch für wildfremde Menschen, die mit ihm reden wollen. Er ist immer bereit und offen für ein Gespräch. Das funktioniert in den Highlands ganz gut aber hier in Deutschland erlebt nun der Highlander seine Abenteuer.

Wir machen einen Ausflug. Ich bin zwar nach der Knie-OP immer noch gehandicapt aber mit einer Kühltasche voller Eispacks und der sicheren Gewissheit von Beinfreiheit im geräumigen Mietwagen wagen wir uns raus aus dem Haus. Wir fahren an den Bodensee.

Der Mann fährt. Ich lege das Bein hoch und gebe Navigationsanweisungen. Das tut die Frauenstimme im Navi auch, sogar auf Englisch, aber die ignoriert er.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinDie Sonne scheint den Winter weg, es fühlt sich großartig an, mal aus dem Haus zu kommen und als das Blau des Sees zum ersten Mal vor uns auftaucht, überkommt uns ein echtes Urlaubsgefühl. Ich möchte das Gesicht in die Sonne halten, Eis essen und an der Promenade bummeln. Nur leider ist es nichts mit bummeln, das kann das Knie noch nicht. Aber zum Gesicht in die Sonne halten und lecker am See zu Mittag essen (natürlich zu Touristenpreisen) reicht es. Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinDer Ober ist schlecht gelaunt, weil wir die ersten Gäste sind und uns ganz weit weg von seinem warmen Ruheplätzchen hinsetzen. Wir wollen ganz nah am Wasser sein, er will seine Ruhe haben. Der Mann ißt Lachs, so wie er es in Schottland auch tut. Ich esse Salat, so wie ich es in Schottland nie tue, weil drei Blätter Eisberg mit einer halben Tomate, einer Scheibe Gurke mit Schale und einem Plastiktütchen Mayonnaise für mich nicht als Salat zählt. Für den Mann zählt alles als Salat, was grün ist und muss sofort an den äußersten Rand des Tellers gelegt werden, damit man auch ja nicht Gefahr läuft, es aus Versehen zu essen.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinNach dem Essen besteigt der Mann den Aussichtsturm an der Mole. Ich lege das Knie hoch und genieße die Sonne. Als wir dann gemeinsam wieder Richtung Auto gehen (er geht, ich hinke) kommt uns ein Mann mit Hut, weiß geschminktem Gesicht und Charlie Chaplin Kostüm entgegen. Er biegt dies schlangenartigen Luftballons zu Herzen und hält Ausschau nach Touristen.

Nellie Merthe Erkenbach Abenteuer Highlands Bodensee Charlie ChaplinBevor ich den Mann aus der Gefahrenzone ziehen kann, hat ihn Mister Chaplin schon erwischt. Der Mann lächelt die seltsame Gestalt freundlich an, in der Erwartung, von ihm angesprochen zu werden. Mister Chaplin reicht ihm statt dessen einen laminierten Zettel auf dem steht, dass er nicht sprechen kann und man ihm bitte Luftballons abkaufen sol. Der Mann lächelt freundlich, weil er ja nicht versteht, was auf dem Zettel steht, den ihm der Chaplin gereicht hat. Und so ersteht der Mann unfreiwillig zwei Luftballonherzen für frisch Verliebte und ich bezahle zwei Euro, weil der Mann kein Kleingeld hat.

Der geschäftstüchtige Charlie Chaplin zieht zufrieden weiter auf der Suche nach weiteren Touristen, die er überrumpeln kann und ich erkläre dem Mann, was es mit dem deutschen Ausdruck „über den Tisch ziehen“ auf sich hat.

Ich habe dem Mann hoch und heilig versprechen müssen, das Foto zum Chaplin-Debakel nicht zu veröffentlichen. Aber die Versuchung ist groß. Wie er da steht! Mit einem beschämtem Lächeln und sanfter Verwirrtheit darüber, wie er zu diesen beiden Luftballonherzen gekommen ist, mit treuem Hundeblick und strahlt er die Verlassenheit eines vergessenen Buben im Kinderparadies aus, was in klarem Gegensatz zu dem leicht angerauten Bart und den langen Haaren steht.

Das ist mindestens genauso komisch, wie Charlie Chaplin in seinen besten Zeiten.