William Soutar – der Gesang des Todes

Sein Leben war kurz und er starb lange. Sein Schicksal trug er mit Würde und Kraft. William Soutar starb 13 lange Jahre in seinem Bett im Haus seiner Eltern. Er empfing Besucher, schrieb Gedichte und ertrug alles mit Hilfe seiner kreativen Produktivität, wohl wissend, dass er nie wieder gesund werden würde. Wie konnte er diesen ständigen Tod vor Augen ertragen? Wie konnte er nicht in völlige Verzweiflung verfallen?

grave of William Soutar Westhill Cemetery, Perth

Der junge Soutar war Student an der Perth Academy, er war gerade 18 Jahre alt geworden, ein starker, beliebter Kommilitone, der Gedichte schrieb und sich verliebte. Er hatte alles, was ein normaler 18-jähriger hat. Später schreibt er über diese Zeit, er habe diesen Zustand der Lebensfülle nie wieder erreicht, außer in kurzen Momenten. Das schreibt er 1937, da war er bereits ans Bett gefesselt.

Der junge William Soutar war voller LebenHerbstblüten, ein junger Englisch-Student, ein leidenschaftlicher Schwimmer und ein Dichter mit einer tiefen Liebe zur schottischen Sprache. Doch dann kam der Krieg. Er ging zur Marine und wie für viele junge Männer voller Kraft und Zukunft, war dies der Moment, der ihr Leben beendete oder es für immer veränderte.

Kriegsgräber Perth

Während seiner Zeit bei der Marine erlitt er eine Lebensmittelvergiftung, die nicht erkannt oder behandelt wurde. Eine folgenschwere Unterlassung, die schließlich zu seinem Tod führen sollte. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs musste sich Soutar seinem schwersten Kampf stellen.

Im Oktober 1923 wurde Soutar zum ersten Mal geröntgt. HerbstlaubProfessor John Frasers Diagnose nach eingehender Untersuchung: Spondylitis (Entzündung der Wirbelsäule), zu spät erkannt, um geheilt zu werden. Als Soutar klar wurde, dass die Krankheit nicht nur sein Leben begleiten sondern es sogar beenden würde, soll er einen Moment inne gehalten haben. Dies war der Moment der Erkenntnis: Nun kann ich Dichter werden. Und das tat er. Er wurde einer der besten seines Landes.

Poesie und innere Stärke sind untrennbar mit der Betrachtung des Lebens von William Soutar verbunden. Aus seinem langen Kampf gegen Tod und Verzweiflung entsprangen Gedichte, die wohl kein unbeschwertes Leben geschaffen hätte. Der Tod besiegte ihn am Ende, den Kampf mit der Verzweiflung gewann er. Er schrieb noch am Tag seines Todes.

William Soutar war Teil der schottischen Renaissance, die das traditionelle Scots als Sprache wieder zu Leben und zur Anerkennung verhalf. Im Gegensatz zu vielen Dichtern der MacDiarmid Schule schrieb Soutar in reinem Perthshire Scots.

Er starb am 15. Oktober 1943 an Tuberkulose.

Nae Day Sae Dark

Nae day sae dark; nae wüd sae bare;

Nae grund sae stour wi‘ stane;

But licht comes through; a sang is there;

A glint o‘ grass is green.

 

Wha hasna thol’d his thorter’d hours

And kent, whan they were by,

The tenderness o‘ life that fleurs

Rock-fast in misery?

 

Kein Tag so dunkel

Kein Tag so dunkel, kein Wald so kahl;

Kein Boden so staubig vom Stein.

Aber Licht durchdringt und Lieder singt

und das Gras schimmert grün.

 

Wer hat nicht durchlitten die anderen Stunden

und wusste wann sie vorbei,

die Zartheit des Lebens das blüht

auf Felsen im elendem Grau?

Wie eine schottische Familie die Seefahrt sicher machte

Die Leuchttürme der Stevensons

Stevenson Leuchtturm Esha Ness

Schottlands Küstenlinie ist ein Labyrinth von Felsen, zählt man die etwa 800 Inseln dazu, dann ist sie 17700 Kilometer lang. Eine Herausforderung für die Schiffahrt, die mit modernster Technik den Gefahren der Natur entgeht. In der Vergangenheit hat die See viele Leben gekostet.

Es ging nicht nur um Menschenleben, es ging auch ums Geschäft. Rund 20% der verschifften Waren holte sich die See. Für die Reedereien war das ein großer finanzieller Verlust. Sie forderten Besserung und die Regierung setzte das Northern Lighthouse Board  (NLB) 1786 ein, Leuchttürme sollten gebaut werden aber wer sollte das übernehmen?

Leuchtturm Waternish Isle of SkyeDer Job ging an einen Blechner, der in Edinburgh Straßenlaternen herstellte. Sein Name war Thomas Smith. Seine Leuchtturmtechnik war angelehnt an die der Straßenlaternen, der erste Leuchtturm entstand auf dem Dach der alten Burg in Fraserburgh, weiter im Norden entwickelte er seine Technik weiter. Smith wurde zu einem herausragenden Ingenieur und Entwickler.

Noch heute stehen seine Leuchttürme inmitten der wilden See, meist weiß ragen sie über Felsklippen auf, widerstehen windumtost dem Wasser, das über die Felsen hereinbricht. Start Point Light auf Sanday , eine der Orkney Inseln, ist einer der letzten Leuchttürme von Smith. Er war der erste schottische Leuchtturm mit einem beweglichen Licht. Der Turm wurde 1806 erbaut, sein Design unterscheidet ihn von den meisten anderen: diesen Turm schmücken schwarz-weiße Längsstreifen.  Es ist der östlichste Leuchtturm von Orkney und kann bei Ebbe zu Fuß erreicht werden.

Smiths Stief- und Schwiegersohn Robert Stevenson war der erste der Stevenson Leuchtturm Dynastie, die Thomas Smith begründet hatte. Vom Lehrling entwickelte sich Robert Stevenson schnell zum Geschäftspartner, er baute stolze 13 Leuchttürme. In Inchkeith am Firth of Forth entwickelten er und folgende Stevenson Generationen ihre Technik weiter.

Robert baute (zunächst noch unter der Leitung des erfahrenen Ingenieurs John Rennie) einen Leuchtturm auf die Klippen, mitten in den Nordseewellen von Bell Rock vor der Küste bei Arbroath. The Bell steht sicher seit 200 Jahren. Sogar William Turner malte dieses technische Wunder bei dessen Bau keine Seele ums Leben kam. Erstaunlich bei diesen Bedingungen.

Wie schwer der Bau dieser Leuchttürme oft war kann man nur ermessen, wenn man jemals einen der Stevenson Leuchttürme besucht hat. Auf Felsklippen und Inseln, erreichbar nur per Boot oder über schmale Pfade, Materialtransport per Pferd, Arbeit in schwindelnder Höhe bei Wind und Kälte. Undenkbar heute.

Der Beruf eines Leuchtturmwärters war ein angesehener in Schottland. Manche taten Dienst für einen Monat und hatten dann einen Monat frei, andere für jeweils zwei. Kein einfaches Arrangement für Frauen und Kinder. Oft blieb der Beruf in der Familie über viele Generationen.

Blick aufs Meer

Die Ingenieure hielten sich auch in der Familie Stevenson, nicht zuletzt deshalb, weil  Vater Robert Stevenson seine Söhne dazu drängte, dass sie bei ihm lernten und mit ihm auf die jährlichen Inspektionen der Leuchttürme reisten. Fünf Generationen Stevensons bauten Leuchttürme in Schottland.

Alan Stevenson schuf den wohl berühmtesten, Skerryvore (An Sgeir Mhor),  eine kleine Schäre vor der Insel Tiree. Ein beeindruckendes Bauwerk. 4300 Tonnen Granit musste auf die Felsen gebracht werden, durch Stürme, gefährliche Felsen, die Abgelegenheit.

David Stevenson baute auf den Klippen Muckle Flugga, hier ist das nördlichste Ende der nördlichsten von Shetland. Seine Söhne setzten das Familienunternehmen fort.

Shetland

Thomas musste seinen Traum als Schriftsteller zu arbeiten aufgeben und wurde ebenfalls Ingenieur. Sein Sohn Robert Louis Stevenson aber machte sich schließlich einen (großen) Namen als Schriftsteller und weigerte sich in das Familienunternehmen einzutreten. Sein Werk strahlt inzwischen heller als das seiner Familie. Der Roman „Die Schatzinsel“ machte ihn weltberühmt.

Heute sind die Stevenson Leuchttürme unbemannt und werden von Edinburgh aus gesteuert. Steinerne Lebensretter aber sind sie noch immer, in jeder Nacht und bei jedem Nebel, der über der Küste aufzieht fällt der Blick der Seeleute hinüber zum Licht der Stevensons.

 

 

Schottland und der Nikolaus

Es gibt nicht viele Dinge, die mir an Deutschland besser gefallen, als an Schottland. Wirklich nicht viele. Aber gerade jetzt, wo in den Geschäften in Deutschland die Lebkuchen verkauft werden – Adventsgebäck und Nikolaus. Die gibt es in Schottland in dem Sinne einfach nicht. Klar, inzwischen kann man auch Marzipanstollen überall in den Geschäften kaufen, sogar in den Highlands. Aber am 6. Dezember passiert in Schottland ganz einfach NICHTS. Keine Rute, kein Obst, kein Mandelkern, kein Knecht Ruprecht und vor allem: kein Nikolaus.

Aber wenn man genau hinschaut, dann gibt es ihn doch, in Peebles nämlich. So haben wir das im Sommer auf unserem Kurztrip in Schottlands Süden festgestellt.

©AbenteuerHighlands Peebles Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Die Cross Kirk spielte in der Vergangenheit eine wichtige Rolle für die Menschen in Peebles. Davon ist nicht mehr viel übrig, die Kirche ist nicht mehr als ein steinernes Skelett. Die Ruine weist auf eine massive und Burg ähnliche Konstruktion hin, die an Krieg als an Gebet erinnert. Hier war einst ein Kloster, eines von vielen, das im Mittelalter florierte und nach der Reformation aufgegeben wurde. Es sind nicht mehr als ein paar Mauern übrig, aber die Geschichte dieses Ortes ist spannender, als es diese kahlen grauen Mauern vermuten lassen.

©AbenteuerHighlands Peebles und der Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Im 13. Jahrhundert wurde fast überall in Europa das Kreuz und die Reliquien des hl. Nikolaus von Myrna (in der heutigen Türkei) als Heiligtümer verehrt. Diese historische Person gilt als der geschichtliche Ursprung der Nikolaustradition, wie sie in Deutschland und anderen Ländern gepflegt wird.

Es ist nicht bekannt, wie die Reliquien des Hl. Nikolaus nach Peebles gelangten, doch sollen sie hier in Gegenwart von König Alexander III entdeckt worden sein. Sobald die Reliquien gefunden worden waren, geschahen in Peebles einige Wunder, die den König veranlassten, 1296 vor Ort ein Kloster zu gründen.

©AbenteuerHighlands Peebles und der Nikolaus Nellie Merthe Erkenbach

Die Cross Kirk war ein einfaches Gebäude ohne Trennung zwischen Kirchenschiff und Chor, die Kammern des Priors befanden sich am nördlichen Ende der Kirche, was eher ungewöhnlich war, da der Prior normalerweise die sonnigeren und damit wärmeren Bereiche im Süden nutzte. 1474 wurde Peebles ein unabhängiges Kloster und bekam einen Glockenturm. Die Reformation von 1560 beendete die Existenz der Cross Kirk als Kloster. Die Kirche wurde später als Pfarrkirche genutzt und 1548 von den Engländern niedergebrannt.

Heiligenverehrung ist im weitestgehend protestantischen Schottland unüblich und wohl der Hauptgrund, warum sich die Nikolaustradition in Ländern wie Deutschland oder auch Italien ausbreitete aber in Schottland nie wirklich Fuß fasste.

Wie gut, dass ich in der Adventszeit fast immer in Deutschland und bei der Arbeit bin. Ich habe Nikolaus und dem Mann schicke ich dann einfach Carepakete in die Highlands. Mit Schokolade kann er ja durchaus was anfangen, mit Knecht Ruprecht eher weniger.

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Herbstlächeln

Ich liebe den Herbst, wenn alles langsamer und stiller wird, die Farben aus den Grüntönen ins gelb-rot-braune Herbstbunt und wechseln und die Schneekappen der Berge einen Hauch von Winter verbreiten.

Zwei Wochen Auszeit habe ich mir genommen, um den Herbst in den Highlands zu genießen und es hat sich so sehr gelohnt. Die Wälder haben mich mit einem letzten Farbspektakel empfangen und die Sonne wärmte mit letzten guten Stunden bevor die kalten, weißen Wintertage Einzug halten.

Plockton

Fast drei Monate war ich weg gewesen von Schottland, nun habe ich wieder Kraft getankt und innere Freude in dem wunderbaren Land des Lichts und der Weite. Waren die Tage trüb und regnerisch, dann habe ich in meiner kleinen Schreibhüte gesessen mit dem Öfchen an und weiter an meinem nächsten Buch geschrieben, den Fischreiher beobachtet, wie er stundenlang aufs Wasser starrte und die kleinen Köpfe der Seehunde in den Wellen gesucht.

Invergarry

An den sonnigen Tagen sind der Mann und ich raus in die Natur, in die Wälder, der Farben wegen. Eine unserer Wanderungen ging über 9 Kilometer, naja, wahrscheinlich waren es eher 12, weil ich zwei Mal die falsche Abzweigung genommen habe. Aber es hat sich gelohnt, als wir endlich am Gipfel angekommen waren. Ein wunderbarer Blick zur Insel Skye und den Torridon Mountains waren die Belohnung, sobald wir beide wieder Luft zum normal atmen hatten. Ganz schön steil der letzte Anstieg.

Aber dann schwelgten wir in einem wunderbaren 360° Panorama und schossen Fotos. Und nur so als kleiner Beweis, dass Männer und Frauen am gleichen Ort sein können und die gleichen Dinge tun und doch nicht das Gleich sehen die Bilder, die ich geschossen habe..

..und hier eines, das der Mann geschossen hat.

Und mit diesem Blick fürs Wesentliche wünsche ich euch noch einen fröhlichen Sonntag.

 

Das Lied vom Abendrot

Rubha Ardnish Isle of Skye

Die Kommentare hier auf dem Blog und anderen Blogs, denen ich folge, haben mich dazu inspiriert, etwas mehr über schottische Literatur zu schreiben. Ich möchte dabei den Blick nicht auf aktuelle Autoren wie Lin Anderson oder Louise Welsh lenken sondern mehr in die Vergangenheit eintauchen. Ich hoffe auch die Klassiker stoßen bei Euch auf Interesse. Schließlich beschreiben sie auf ganz eigene Weise das Land, das wir alle lieben.

Lewis Grassic Gibbon: Sunset Song

book cover Sunset Song

Die Mearns südlich von Aberdeen, sind auch bekannt als Kincardineshire: Sanfte braune Hügel, Weideland und Ackerbau, einer der wenigen fruchtbaren Landstriche in denen die schottische Erde ihren Bewohnern reichlich Nahrung schenkt. Die Küste ist felsig, die Hügel durften nach Wachstum.  Beständigkeit und das tiefe, wurzelgleiche Ruhen der Menschen in der Landschaft bestimmen die Region im Osten Schottlands.

Lanschaft mit Heuballen

Der Schriftsteller Lewis Grassic Gibbon lebte eine tiefe Liebe zu diesem Land seiner Geburt. Sein richtiger Name war James Leslie Mitchell, er war der Sohn eines Bauern in Arbuthnot. Dieses Stück Schottland trug er im Herzen und er trug es in die Herzen der Schotten. Seine Trilogie A Scots Quair zählt zu den zentralen Werken der schottische Literaturgeschichte und nimmt im 20. Jahrhundert eine ganz besondere Stellung ein. Ohne zu romantisieren und mit einem tiefgehenden Verständnis für seine weibliche Hauptfigur Chris Guthrie schildert Gibbons das harte Leben in den Mearns zu Beginn des 20. Jahrhunderts: eine Zeit der Kriege, der harten Arbeit und der Verluste aber er erzählt auch von Liebe, von der zu den Menschen, die man findet und verliert und von der Liebe zum Land, das immer währt und nie vergeht. Althergebrachte Werte trotz aller Sozialkritik, die in seinem Werk steckt.

“The land was forever, it moved and changed below you, but was forever.”

Lewis Grassic Gibbon: Sunset Song. Canongate Classics 12, Edinburgh, 1932

Das Land war für immer, es bewegte sich im steten Wandel unter deinen Füßen und blieb dennoch ewig gleich.

Gibbon nimmt seine Leser durch das Jahr. Mit dem Pflügen lernt Chris die Liebe zum Land und das Verständnis von Beziehungen, die Furchen werden gezogen als die Mutter Selbstmord begeht, der Vater einen Schlag hat und die Familie auseinander bricht. Als die Saat auf die Äcker kommt, heiratet sie Ewan, ihr Vater stirbt. Die Ernte zeigt die Folgen des Ersten Weltkriegs auf die kleine Gemeinschaft. Chris verliert ihren Mann und ihren Freund Rob im Krieg. Nun, vor dem Winter, steht sie vor einem völlig neuen Lebensabschnitt und der neuen Liebe zu Reverend Colquhoun. Dieses neuen Leben beschreibt das zweite Buch der Trilogie.

Gibbon starb jung, er wurde nur 35 Jahre alt aber sein Lied vom Abendrot wird die Zeit überdauern, was vor allem an seiner starken Heldin liegt, die man mitnimmt aus den Mearns und die beim Leser bleibt, sie und die kraftvolle Einfachheit ihres Lebens in den tiefbraunen Hügeln der Mearns.

 

Entweder sie oder ich!

Ich weiß wie diese Überschrift klingt. So als wäre ich nach drei Monaten Deutschland wieder in die Highlands zurückgekehrt, um den Mann an der Seite einer anderen Frau vorzufinden. Der Schein der Überschrift trügt. Der Mann geht nicht fremd, der Mann lernt Deutsch.

Ich frage mich, was die Sprachexperten von duolingo denn so als typisches Gespräch für den Spracherwerb empfinden? Was ist falsch mit Die Kinder sind im Haus oder Wie geht es ihnen?

Egal, wichtig ist, dass der Mann den online Kurs macht und das sogar jeden Tag, man verliert nämlich Punkte, wenn man einen Tag auslässt. Das spornt den Wettbewerbssinn an und der Mann wird  sprachlich auf die unterschiedlichsten Lebenssituationen vorbereitet. In meinem Gälischkurs lerne ich Klassiker wie Die Ente ist auf dem Tisch, was selbst in den schottischen Highlands seltener vorkommt als die Konfrontation wegen einer anderen Frau.

„Entweder sie oder ich!“, sagt der Mann im Brustton der Überzeugung und mit einem leicht schottischen Akzent. Der Satz fällt ihm leichter als jene, die ein deutsches „r“ beinhalten. Das „r“ im Deutschen nicht zu sprechen fällt ihm nämlich genauso schwer wie mir, es im Schottischen kräftig zu rollen.

Das Geheimnis von Duolingo: die App nutzt echte Sätze, die sie aus dem Internet bezieht. Der Mann scheint jedenfalls jede Menge Spaß mit dem kostenlosen Angebot zu haben und lernt täglich. Selbst an dem Abend, als er mich vom Flughafen abgeholt hat.

über den Wolken

„Macht es dir was aus, wenn ich noch ein bisschen Deutsch lerne?“ hat er gefragt. Natürlich nicht. Ich musste ja ohnehin noch auspacken und unsere Einkäufe verräumen.

Aber vielleicht liegt Duolingo gar nicht so falsch mit dem, was sie dem Schotten beibringen.

Nur falls es irgendwann einmal so weit kommen sollte, dass der Mann mich sehr gut versteht, wenn ich mit der Empörung einer nicht beachteten Frau rufe:

„Entweder Duolingo oder ich!“

 

 

 

Buchende Baroninnen

Wie kürzlich berichtet habe ich mir spontan eine ungeplante Auszeit gegönnt und einen Flug nach Schottland gebucht. Zwei Woche Highlands und das noch vor Weihnachten. Glücksgefühle pur!

Scottish Highlands in winter

Weil ich dieses Mal British Airways fliege, lade ich also eine weitere App aufs Smartphone und sortiere sie neben denen von Ryanair und Lufthansa ein und weil ich gerade dabei bin, will ich auch meine Buchung vervollständigen mit Anschrift, Passnummer und so weiter.

Schon nach dem ersten Menüpunkt kann ich nicht mehr weiter machen vor Lachen. Ich muss meinen Titel angeben. Bei Lufthansa ist das überschaubar, bei Ryanair (das sind Iren) auch. Nicht aber, wenn man mit British Airways fliegt.

Hier hat man die Wahl zwischen 14 Titeln, wobei Mr und Mrs für Herr und Frau und das MS für ich-möchte-nicht-angeben-ob-ich-verheiratet-bin-oder-nicht noch die einfachsten sind.

Dann wird es skurril: Captain, Rabbis, Baronness, Viscountess, Lady oder vielleicht Dame? Das ist als würde man durch einen Adels Almanach scrollen und fühlt sich dann schon fast ein wenig beschämt beim simplen MS anzuhalten.

Eilean Donan Castle

Wie viele Baroninnen sind denn so im Schnitt auf einem BA Flug an Bord frage ich mich. Und buchen die auch ihre Sitze mit mehr Beinfreiheit? Wieviel Freifrauen und was weiß ich noch, ich kann nicht mal alle Titel ordnungsgemäß ins Deutsche überzetzen. Was möglicherweise auch daran liegt, dass ich keine Gala lese aber das nur nebenbei.

Bei Loganair, das ist die schottische Fluglinie, gab es keine Adelstitel auszuwählen. Das fällt nur der offiziellen Fluglinie des Vereinigten Königreichs mit Sitz in London ein. Und während ich noch die langweiligen Daten wie Adresse und Passnummer eingebe, fühle ich mich fast schon fürstlich, wie ich so auf der edlen App unterwegs bin.

Buchen Baroninnen BA und checken auf der App ein? Ich stelle mir die Queen vor, wie sie mit weißen langen Handschuhen versucht auf ihrem iphone den Sitzplatz zu ändern. Aber wahrscheinlich macht das ohnehin der Butler.

Wer hätte gedacht, dass eine App solche Bilder in meinem Kopf erzeugen kann.

„We are quite amused.“ denke ich mit royaler Gelassenheit. Wir sind in der Tat sehr amüsiert.

 

 

Ich bin ein Huhn

Ich bin ein Huhn – auf Deutsch eine (auch von mir) durchaus gebräuchliche Redewendung. In der Regel ist sie synonym für „Ich bin doof.“ Doof auf eine nette Weise aber eben trottelig oder schusselig.

Nun, der Mann nennt mich gelegentlich auch Huhn, aber damit meint er keineswegs trottelig oder doof. Im Gegenteil, der Mann ist ja aus Glasgow und da ist „Huhn“ eine liebevolle Bezeichnung für eine Frau, meist eine ältere Frau und es ist auch nicht wirklich Huhn, es ist Henne.

All right, hen?

Ist die Frage wie es mir geht.

Ein Glasgower meint das absolut liebevoll und die Henne steht der lassie (oder lass) um nichts nach. Dieser Begriff bezeichnet eine junge Frau oder ein Mädchen und wurde von amerikanischer Serienproduzenten als Name für den Lieblingscollie mancher Kindheit übernommen.

For God’s sake, lassie, what did you do?

Ist die Frage, wenn ich beim Rasen mähen von der Mauer falle und Bilder meines verschrammten Beins schicke.

Wenn der Mann sich erschreckt, wird die Frau ad hoc jünger. Aber ich kann ja nicht ständig von der Mauer fallen, um die jüngere Anrede zu rechtfertigen. Außerdem bin ich mit der Anrede hen eigentlich ganz zufrieden.

Mit Ausnahme der Momente, in denen er sie auch für sehr alte Frauen benutzt. Wie vor einiger Zeit in der Borders, als zwei wildfremde ältere Damen mühselig aus einem Friedhof wackelten und über die Straße wollten. Der Mann ließ die Autoscheibe runter und rief der Führenden ein fröhliches:

 

All right hen? On you go!

Die beiden tippelten glücklich über die Straße und ich kicherte auf dem Beifahrersitz des geduldig die Überquerung abwartenden Autos.

OK ihr Hühner, lauft los?

Irgendwie würde das in Deutschland nicht mit einem derart strahlenden Lächeln quittiert werden.

 

Ich hab es nicht mehr ausgehalten!

Es ging nicht mehr! Es war einfach unmöglich. Und dann sah ich auch noch diesen Flug und da war mir klar: Dies ist ein Zeichen.

Ich muss wieder nach Schottland!

Abenteuer Highlands

Geplant waren eigentlich gute vier Monate in Deutschland: arbeiten, Geld verdienen, Familie und Freunde sehen. Zwei Monate habe ich gearbeitet wie eine Wahnsinnige und habe nun wieder wahnsinnig Lust auf Schottland bekommen.

Zwei Wochen konnte ich im Dienstplan finden, in denen mich meine Chefs nicht allzu sehr vermissen würden und dann saß ich vergangenen Sonntag im Büro vor dem Computer und starrte den Flug an: Deutschland über London nach Inverness. Zumindest der Hinflug zu menschlichen Zeiten und der Preis: 203 € mit Gepäck für Hin- und Rückflug. Zu gut, um das nicht zu sofort zu buchen.

Turbine Flug

Flüge nach Schottland sind so eine Wissenschaft für sich. Sie ändern sich ja ständig und auch die Anbieter und Zeiten. Lufthansa, Ryanair, EasyJet, Glasgow, Edinburgh, Aberdeen, alles schon im Programm gehabt. Und die An- und Abreise muss man bei den Flughäfen ja auch mitkalkulieren, wenn man in die Einsamkeit der Highlands will.

Mein Finger schwebte über der Tastatur, der Kollege am anderen Schreibtisch hatte die Kopfhörer auf und war beschäftigt. Ich war ganz allein mit der aufregenden Entscheidung spontan im November nach Schottland zu fliegen.

Flug

Klick, bestätigen, Daten eingeben, fertig, zwei Wochen Highlands im November waren plötzlich Realität. Ich hätte am liebsten ein kleines Tänzchen veranstaltet, aber das hätte den Kollegen dann doch zu sehr verwirrt. Also habe ich einfach beseelt (und wahrscheinlich leicht dümmlich) vor mich hingelächelt. Es ist mir ganz egal ob es dauerregnet oder stürmt im November in den Highlands. In Schottland brauche ich keinen Sonnenschein, um glücklich zu sein.

Nieselregen Schottland

Der Mann wird überrascht sein, denn mit mir rechnet er nicht. Abgesprochen war, dass ich erst nach Weihnachten wieder in Schottland bin. Und nun der November. Am liebsten würde ich ihn überraschen. Ich überlege.

Was, wenn ich einen Post auf dem Blog schreibe, dass ich komme. Der Mann liest ja meinen Blog über Google Translate. Ich stelle mir sein Gesicht vor, wenn er liest. Wahrscheinlich wird er halblaut murmeln: She’s mad! Sie ist wahnsinnig! Und dann wird er sich freuen wie Bolle. Und dann wird er überlegen, was er alles aufräumen und putzen muss.

Das hatte ich mir alles so schön vorgestellt. Doch keine Stunde nach der Buchung habe ich ihm die Bestätigungsmail von British Airways weitergeleitet. Und was schreibt er? You’re mad! But superbly so. Ja, ich bin wunder bar verrückt. Und ungeduldig. Die Enthüllung konnte nicht über den Blog kommen, sie musste gleich per Mail geschehen. Überraschungen sind was für geduldige Menschen.

Ich hab es nicht mal eine Stunde ausgehalten.

I’m coming home!

 

 

Sehnsuchtsland Schottland

Ich habe Sehnsucht, Sehnsucht nach Schottland. Draußen ist es trüb und grau und irgendwie scheint mir Tristesse in Schottland nicht nur angemessener, sondern sie fühlt sich auch viel besser an, richtig irgendwie, was natürlich in Wahrheit eine sehr romantische Sichtweise ist aber schauen wir Deutsche denn nicht (fast) alle mit Romantik im Sinn nach Schottland? Und das nicht erst seit Outlander!

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Es ist nicht die Rosamunde Pilcher Romantik, die mich (und viele andere nach Schottland zieht, keine wiedergefundenen Millionärskinder, keine einsamen Erben eines prachtvollen Schlosses. Aber es sind die Werte, wie sie in Outlander transportiert werden: Freiheit, Kraft, Ursprünglichkeit, Wildheit. Ein Land, im dem das Herz lauter schlägt.

Ich bin bei weitem nicht die einzige Deutsche, die es seit vielen Jahren unwiderstehlich nach Schottland zieht. Nun inzwischen habe ich dort ein richtiges Leben und viele Menschen, die mir fehlen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Die Sehnsucht nach Schottland aber hatte ich schon seit ich das erste Mal einen Blick in dieses wunderbare Lande geworfen habe. Ich war 15 und mit meiner Cousine per Interrail unterwegs. Damals hatte Schottland uns beide tief und irgendwo im Inneren berührt. Es muss die Seele gewesen sein, denn dieses Gefühl hat uns nie wieder losgelassen. Was für ein Glück hatte ich, dass ich nun nicht mehr nur eine Besucherin bin.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Wie viele Menschen sitzen außer mir noch am Computer und träumen sich über Fotos und Posts auf Social Media nach Norden, verschlingen Bücher (Hab ich schon erwähnt, dass ich ein Buch über Schottland geschrieben habe?) nehmen TV Dokumentationen auf oder schauen sich Drohnenflüge über die Highlands auf YouTube an. Doch die Sehnsucht stillt all das nicht. Im Gegenteil, es lässt sie noch viel stärker werden.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Deutschland hat nur noch sehr wenig Wildes, Großes, Überwältigendes, nicht mal mehr im Schwarzwald, wo es selbst im Naturpark Nordschwarzwald, dem größten in Deutschland, diese atemberaubende Abgeschiedenheit nicht gibt. Zugegeben, im Sommer gibt es sie auch in Schottland nicht mehr aber sobald es Herbst wird, so wie jetzt, dann ist mein Sehnsuchtsland wieder still, einsam und verlockend und dann fällt es mir schwer nicht sofort den nächsten Flieger zu buchen und wieder zurück zu fliegen.

©nme Abenteuer Highlands Sehnsuchtsland Schottland

Von einigen von euch weiß ich, wie sehr es euch in dieser Beziehung genauso geht. Und die anderen? Was macht ihr mit euer Sehnsucht nach dem Land des Windes und der Weite, wo der Klang des Dudelsacks durch einsame Täler hinauf auf mythische Berge zieht und die Luft nach Salz und Torf schmeckt, wo die Menschen Fremden freundlich begegnen und wo alles, selbst der kleine Stein, eine faszinierende Geschichte hat?

Wie lebt ihr mit eurer Sehnsucht nach Schottland?